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Die Box




7. September 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Nerve (Henry Joost & Ariel Schulman)


Nerve
(Henry Joost & Ariel Schulman)

USA 2016, Buch: Jessica Sharzer, Lit. Vorlage: Jeanne Ryan, Kamera: Michael Simmonds, Schnitt: Madeleine Gavin, Jeff McEvoy, Musik: Rob Simonsen, Kostüme: Melissa Vargas, Production Design: Chris Trujillo, Art Direction: Marc Benacerraf, Set Decoration: Kara Zeigon, Emma Roberts (Vee), Dave Franco (Ian), Emily Meade (Sydney), Miles Heizer (Tommy), Kimiko Glenn (Liv), Marc John Jefferies (Wes), Colson Baker (Ty), Juliette Lewis (Nancy), Brian Marc (J.P.), Ed Squires (Chuck), Samira Wiley (Hacker Kween), Rightor Doyle (Bergdorf Salesman), Kinostart: 8. September 2016

Nerve ist so ein Film, bei dem ich den Trailer sah und mir dachte, das sieht originell aus, das kann man sich mal anschauen. Ich hätte auch darauf getippt, dass es sich um einen Originalstoff handelt, weil die Extrapolation aktueller Trends (zum Beispiel auf Youtube) naheliegend wirkt. Hätte ich gewusst, dass ein Bestseller aus der Young-Adult-Sektion dahintersteckt, hätte mich das eher abgeschreckt. Und obwohl ich mir gern reichlich abgedrehte Buchvorlagen (Bill Bryson, John Green, Tommy Krappweis, Arthur Phillips, Kevin Power, Ron Rash, P.L. Travers, Frank Wedekind) zum Abrunden meiner Kenntnisse über Filme einverleibe, habe ich in diesem Fall keine Lust, den Roman zu lesen - nicht zuletzt, weil ich befürchte, dass einige der Probleme des Films direkt aus dem Buch übernommen wurden.

Aber fangen wir nicht so negativ an. Die erste Hälfte von Nerve ist ziemlich spektakulär und mitreißend. Man lernt Vee (Emma Roberts) kennen, eine junge Erwachsene, die beliebt, aber etwas schüchtern ist. Ihre beste Freundin Sydney (Emily Meade) will ihr helfen, dass sie mit J.P. (Brian Marc) zusammenkommt, für den sie seit Jahren schwärmt. Das klappt eher suboptimal, gibt der Story aber einen gewissen Drive. Man lernt auch von Vees Kunst, die etwas old school wirkt, einem aber Einblicke in ihre Figur verschafft: Sie klebt unzählige Fotos zusammen, um eine Art 360°-Blick entstehen zu lassen.

Nerve (Henry Joost & Ariel Schulman)

Bildmaterial: © 2016 Studiocanal GmbH

Außerdem hören wir von einem neuen Online-Spiel. »It's like Truth or Dare, but without the Truth.« Da schwingen schon deutliche Implikationen mit. Für einen nicht geringen Abobetrag kann man entweder zusehen (Watcher), wie Mutproben absolviert werden - oder sich selbst den Herausforderungen stellen (Player).

Interessant ist hierbei, dass die Werbekampagne des Spiels sich auf den gesamten Inszenierungsstil des Films auswirkt: alles wirkt wie auf Adrenalin: flashy, mit einem die Story voranpeitschenden, größtenteils aus Popsongs bestehenden Soundtrack. Hier geht es auch darum, eine Art Jugendgefühl einzufangen. Ach ja: obwohl fast jeder an diesem Spiel teilzunehmen scheint (zumindest als Watcher), soll es streng geheim sein - die Kids halten es vor den Erwachsenen (im Sinne von »Offiziellen«, »Aufpassern«) geheim. So im Sinne eines jugendlichen Saufgelages oder erster sexueller Experimente, die man den Eltern als Pyjama-Party bei der besten Freundin verkauft. Konsequenz für das Filmmarketing: die Kids denken, auch der Film sei etwas Verwegenes, was die Erwachsenen (Spielverderber!) nicht verstehen und wo man unbedingt teilhaben muss, um zu den coolen Kids zu gehören.

Nerve (Henry Joost & Ariel Schulman)

Bildmaterial: © 2016 Studiocanal GmbH

Während Sydney sofort einsteigt bei diesem Spiel, bestärkt Vees guter Freund Tommy (offensichtlich in sie verschossen) sie darin, sich lieber nicht auf dieses womöglich gefährliche Spiel einzulassen. »Nicht jeder muss ein Player sein!« Und wie das in der Teenager-Rebellionsphase so ist: Wer verantwortungsvoll auftritt, kann schnell aussortiert werden von den coolen Kids und landet bei den Spielverderbern.

Zu Beginn ist das Spiel »Nerve« auch noch überschaubar, erinnert eher an die Ice Bucket Challenge: Man isst Hundefutter oder hängt sich per Skateboard an ein Polizeiauto. Typische Mutproben unter Heranwachsenden halt, die aber wie das S-Bahn-Surfen oder das Erklimmen hoher Gebäude schnell auch tödlich enden können - wodurch sie aber eher noch einen größeren Reiz entwickeln. Als Vee mehr aus Trotz zum »Player« wird, soll sie in einem Lokal einen Unbekannten küssen. Dass Ian (Dave Franco) Vees Lieblingsbuch To the Lighthouse (typisches Merkmal von Young-Adult-Romanen: die Protagonisten sind belesen!), macht einen als Betrachter sofort argwöhnisch, ob man nicht Zeuge eines abgekarterten Spiels à la David Fincher ist, aber man ist so schön in der Story drin und lässt es geschehen.

Nerve (Henry Joost & Ariel Schulman)

Bildmaterial: © 2016 Studiocanal GmbH

Ian muss seinerseits (auch ein Player) Vee ein Ständchen mitten im Lokal geben, Tommy ist schnell eifersüchtig (»You know, Charles Manson was a singer!«) und schnell hat die Schwarmintelligenz der auf das Spiel Einfluss nehmenden Watcher @VEE_99 und @_IAN_ zu einem fremdkoordinierten Liebespaar gekürt. Rebel without a Cause oder Wild at Heart für die Generation Facebook.

Wie die aufeinander aufbauenden Mutproben immer gefährlicher werden, wie Sydney Vee plötzlich als Rivalin wahrnimmt und die Freundschaft daran zu zerbrechen droht, wie wir mehr über Ians Teilnahme am Nerve-Finale des vorherigen Jahres erfahren, bei dem es wohl zu einem Todesfall kam - das sind die größtenteils gelungenen Story-Elemente, die diesem Film ein aberwitziges Tempo verleihen. Meine persönliche Lieblingsstelle ist vielleicht das Tattoo, das sich Vee stechen lassen soll, wobei Ian etwas auf eine Serviette kritzelt, was der Tätowierer dann appliziert, ohne dass Vee weiß, was da bis zum Ende ihrer Tage auf ihrer Schulter prangen wird - Ein clever ersonnener Kniff, der durchaus auch dann noch vor Romantik sprüht, wenn man nicht mehr 17 ist.

Und dann bekommt der Film zwei Probleme, die ihm immer mehr zu schaffen machen. Zum einen muss man ja das Tempo immer weiter anziehen. Oder zumindest die Dramatik. Es folgen also eine wahnwitzige Motorradfahrt, bei der der Fahrer nichts sieht, eine im fünften Stock zwischen zwei Fenstern angebrachte Leiter, die man überschreiten muss - und irgendwann sogar Schusswaffen als Teil der Mutproben, wo bei man als Zuschauer mit ein wenig Erfahrung natürlich davon ausgeht, dass man sich ins Bein schießen wird, wenn der Befehl nicht spezifisch formuliert wurde. Gleichzeitig und fast noch störender geht es jetzt aber um die Moral dieses zuvor so schön dieses Thema ignorierenden Films. Dem Publikum (oder zuvor der Leserschaft) muss vor Augen geführt werden, dass dieses Spiel eben nicht mehr »cool« ist, diese Gesellschaft von anonymen Mobbern abzulehnen ist. Und hierbei kommt das zuvor wie ein Uhrwerk funktionierende Drehbuch reichlich ins Stocken. Hier ist kein Sand im Getriebe, hier stecken mehrere starke Äste zwischen den Fahrradspeichen.

Nerve (Henry Joost & Ariel Schulman)

Bildmaterial: © 2016 Studiocanal GmbH

Und was ich in solchen Fällen am meisten hasse: Das Publikum wird nicht nur für dumm verkauft, sondern auch als besonders dämlich eingestuft. Ich kann nicht für Millionen von Teenagern sprechen (die fanden ja auch Twilight supertoll), aber wenn eine der wichtigeren Figuren einfach mal für eine Viertelstunde komplett ignoriert wird und man wie nebenbei die ausführlich erklärten »Spielregeln« einfach mal außer acht lässt, während der Film unübersehbar an Fahrt verliert, dann können die letzten zwanzig Minuten vieles kaputt machen, was zunächst so vielversprechend wirkte. Dass es auf einer anderen Erzählebene auch noch ums Hacken in das System des Spiels geht, das schon zuvor mal ausgerechnet da »offline« ging, als das Drehbuch eine Verschnaufpause brauchte, um bestimmte Details zu erklären, funktioniert ebenfalls überhaupt nicht (und hier nehme ich mal großzügigerweise an, dass das im Buch besser durchdacht war, aber man den Film einfach stromlinienförmiger gestalten wollte - ohne dabei zu merken, dass das Schnellboot so stranden wird ... die Sache mit der wieder gekitteten Freundschaft zwischen Vee und Sydney ist übrigens ähnlich misslungen).

Nerve hat zu Beginn viel Potential (obwohl ich auch Kritikerkollegen kenne, die von Anfang an genervt waren), aber das Ende ist einfach reichlich dumm und ärgerlich. Und ich habe extra nicht gegooglet, ob einem da noch eine mögliche Fortsetzung ins Haus steht, die ich dann definitiv auslassen werde.