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Die Box




13. September 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


Cinemania-Logo 153:
Doku Days



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  Zero Days (Alex Gibney)


Zero Days
(Alex Gibney)

USA 2016, Buch: Alex Gibney, Kamera: Antonio Rossi, Brett Wiley, Schnitt: Andy Grieve, Hannah Vanderlan, Musik: Will Bates, Recherche: Solvej Krause, Charlotte Kaufman, mit Colonel Gary D. Brown, Eric Chien, Richard A. Clarke, General Michael Hayden, Olli Heinonen, Chris Inglis, Vitaly Kamluk, Eugene Kaspersky, Emad Kiyaei, Ralph Langner, Rolf Mowatt-Larssen, 116 Min., Kinostart: 1. September 2016, ab 6. September digital erhältlich.

Ich brauchte etwas Zeit, um in Zero Days hineinzufinden. Zu Beginn des Films scheint fast jede Einstellung, nahezu jedes Bild bearbeitet. Dass Nummernschilder verpixelt sind, geht ja in Ordnung, aber wie hier ganz deutlich an einem Look gebastelt wurde, passt nicht unbedingt zu einem Dokumentarfilm. Auch ein Autobomben-Anschlag auf zwei Wissenschaftler scheint nachinszeniert, diese Art von Doku, die mich sehr an das US-Fernsehen gemahnt (inklusive auf die Werbepausen zugeschnittenen Häppchen und viel Wiederholungen für neu zugeschaltete Zuschauer), ist so gar nicht mein Fall. Aber es ist inszenatorisch gar nicht so schlimm wie anfänglich angenommen.

Die Anfangssequenz ist nicht nur unabdingbar, um schnell auf einen gewissen Kenntnisstand zu kommen, der dann über Interviewpassagen in einer fast akademischen Beweisfindung ausgeweitet wird, die Bildbearbeitung hat auch viel mit Signal and Noise zu tun, also einer Art Rauschen, hinter der man die eigentliche Botschaft erst entdecken muss.

Das Thema des Films, der Computervirus Stuxnet, mit dem die USA und Israel gemeinsam die iranische Atomindustrie außer Kraft setzen wollten, »is still classified«. So richtig direkt möchte niemand darüber sprechen. Der Film versucht die Wahrheit herauszuarbeiten, und das wird ziemlich clever gemacht, man verzeiht sogar diesen allzu amerikanischen Stil, die schnellen Schnitte und »hübschen«, »spannenden« Bilder.

Unter den Interview-Partnern finden sich eine Menge Experten, sogenannte Hacktivists, aber auch ehemalige Oberhäupte von CSI oder CIA. Und »offizielle« Computerexperten wie Eugene Kaspersky und einige seiner Mitarbeiter. Wie ein (gelungener) Artikel im Spiegel erfährt man vom politischen Hintergrund (etwa vom ersten iranischen Atomreaktor, den die USA einst dem Schah schenkte), von der Chronologie der Ereignisse - aber auch mit dem Blick darauf, wie die Öffentlichkeit langsam darauf aufmerksam wurde, dass der Stuxnet-Wurm sich selbstständig über die Computerwelt verbreitete. Wobei er in seiner ganz zielgerichteten Programmierung zwar nirgendwo anders als im Iran Unheil anrichten kann oder wird (was ja an sich aber auch schlimm genug ist), aber für Nachahmer mit noch weniger Skrupeln quasi das (teuer erarbeitet) Grundgerüst liefert. Im Zusammenhang mit einer ähnlichen Malware namens »ExtraBacon« (kein Thema des Films) fasst Regisseur Alex Gibney die Gefahr wie folgt zusammen: »Der IS könnte sich jederzeit eine Kopie von Stuxnet besorgen. Wir haben Hackern weltweit die Blaupause für das Manhattan-Projekt geliefert.«

Dass das in Zero Days verhandelte Thema relevant und interessant ist, steht also nicht in Frage. Aber aus meiner Sicht muss eine Doku auch eine filmische Leistung liefern. Und das ist definitiv gegeben. Um den Virus und die gesamte Computerwelt für den Zuschauer zu visualisieren (vgl. auch The Visit), hat man einige Bemühungen angestellt. Nicht nur in Sachen Bildbearbeitung (eine anonymisierte Person erinnert an alte Kraftwerk-Videos), auch bei der Illustration einiger Vorgänge. Die 146 Zentrifugen im iranischen Reaktor kann man mit Computeranimation natürlich sehr schnell »greifbar« machen, aber dass sie auch »angreifbar« sind, demonstriert man quasi mit einem Physikexperiment, wie man es dutzendfach in der Schule miterlebt hat. Wo im übertragenen Sinne Luftballons für 5 sec. aufgeblasen werden sollen, sorgt Stuxnet dafür, dass die Maschine nicht aufhört zu pusten. Und der platzende Luftballon ist eine einprägsame Metapher für menschliche Opfer und Zerstörung. Unser »Physiklehrer« Eric Chien betont nach einer längeren Erklärung die Stelle, an der es »frightening« wird.

Wirklich furchterregend ist auch der Umstand, dass Zeugen, Befehlsgeber und Mitschuldige selbst Jahre, nachdem die Sache mit Stuxnet rauskam, immer noch nicht darüber reden dürfen. Was der Verhinderung eines größeren »Unfalls« durch Erstellung bestimmter Regeln im Umgang mit dem Cyberwar definitiv im Weg steht. Es fehlen einfach die internationalen »rules of engagement«. Jemand aus der »Homeland Security« formuliert das einprägsam: »We have met the enemy, and it was us«, was man (wieder mal!) auf die gesamte Menschheit ausweiten kann, die es schon irgendwie schaffen wird, sich in Ermangelung natürlicher Feinde selbst auszuschalten. Im Fall von Stuxnet war etwa die direkte Konsequenz des Einsatzes, dass die Iraner jetzt eine der größten »Cyberarmeen« der Welt haben. Zwei Gegenangriffe auf Banken und Ölplattformen übermittelten deutlich eine Botschaft, die lautete »Stop attacking us!« - und vorerst scheint es so, als sei die Botschaft angekommen. Dass man an dieser Stelle des Films Bilder von Putin und Nordkorea zeigt und nicht von den im Verlauf des Films überführten US-Staatsoberhäupten, geht zwar eine Spur zu sehr in eine gewisse Richtung, die auch die Herkunft des Films betont, aber der Film teilt schon in alle Richtungen aus. Nur ist man auf die politischen Grundeinstellungen des Zielpublikums geeicht.

Ich mag nicht alle stilistischen und inszenatorischen Merkmale von Zero Days. Der Soundtrack hat beispielsweise etwas von The X-Files und ist durchaus gelungen, aber man muss ihn ja nicht wie eine zu schwere Sauce überall hinkippen. Aber abgesehen von solchen Entscheidungen, die ganz im Dienst eines möglichst großen Zuschauerkreises stehen, muss man einfach konstatieren, dass der Film immens clever gemacht ist und ein verteufelt komplexes Thema auch Leuten nahe bringt, die schon vom Menü ihres Handys computertechnisch überfordert sind.

Nicht die beste Doku des Jahres, aber vermutlich die relevanteste und am cleversten konstruierte.


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  Raving Iran (Susanne Regina Meures)


Raving Iran
(Susanne Regina Meures)

Schweiz 2016, Buch: Susanne Regina Meures, Kamera: Gabriel Lobos, Susanne Regina Meures, Schnitt: Rebecca Trösch, Musik: Blade & Beard, Ghazal Shakeri, Roland Widmer, Stefan Willenegger, mit Anoosh & Arash, 84 Min., Kinostart: 29. September 2016

»Zwei DJs gegen das iranische Regime« - so lautet die reißerische Tagline dieser Dokumentation. Anoosh und Arash sind zwei Musiker - genauer gesagt DJs - im Bereich Deep House. Der Film schildert in Interviews und öfters auch mal mit versteckter Kamera (oder dem Handy) aufgenommen die Probleme, im Iran diese Neigung auszuleben.

Sie werden von der Sittenpolizei gejagt, kaum jemand will ihr illegales Album verkaufen, selbst mit dem Druck des Covers will man sich wegen drohender Repressalien und Strafen nicht ohne weiteres einlassen. Andererseits offenbart aber auch ein Behördengang Zum »Ministerium für Kultur und islamische Führung«, wie schwierig es ist, bestimmte notwendige Papiere zu erhalten. Alles »Westliche« ist verboten, ebenso die englische Sprache, auf den Hinweis »Made in Iran« (womöglich lieber in der Landessprache) wird jedoch Wert gelegt.

Die folgende Allegorie passt nicht recht, weil das Thema ernster ist, aber man fühlt sich wie in dem Kaff in Footloose. Mit einem Schuss 1984 oder Cardassia Prime, wenn man immer mal wieder warnende Lautsprecherdurchsagen hört, die Alkohol und illegale Substanzen betreffen oder Frauen darauf hinweisen, »korrekte Kopfbedeckung« zu tragen.

Es kommt sogar zu einer kurzfristigen Verhaftung und man merkt, wie schwierig es für die Filmemacher ist, nicht unschuldige Familienmitglieder oder Freunde in eine mögliche spätere Ermittlung hineinzuziehen. Weshalb viele Gesichter verpixelt sind.

An einer Stelle wird auch mal die Freude gezeigt, die die Musik der beiden verursachen kann, wenn sich eine eingeschworene, streng geheime Gruppe von Fans und Freunden zu einem geheimen Rave (bei Livekonzerten ist normalerweise nur klassisches Klavier oder traditionelle Musik erlaubt) mitten in der Wüste aufmacht. Wie ich aus dem britischen Spielfilm Desert Dancer weiß, muss man selbst da zu jedem Zeitpunkt mit Übergriffen rechnen.

Die Musik von »Blade & Beard« (so der aktuelle Bandname des Duos) besteht dabei gar nicht aus dem dumpf stampfenden typischen Technobeat, sondern klingt für mich eher nach Ambient oder Trance (falls das durch den Fachbegriff »Deep House« bereits deutlich wurde, tut es mir leid, ich bin da kein Fachmann). Es gibt auch etwas Gesang, ähnlich wie bei Arabern und Türken, aber der klingt fast »schüchtern«. Anoosh und Arash wirken nicht unbedingt radikal bei ihren Kompositionen, aber (persönliche Meinung, die der Film zu keinem Zeitpunkt durch besondere Euphorie widerlegt) man hat auch nicht den Eindruck, dass sie außergewöhnlich begabte Musiker sind. Irgendwann sagt mal jemand im Film »Für mich ist das Barbie-Techno, kommerzielle Scheiße!« - mir wurde an der Stelle nicht zweifelsfrei klar, ob sich das konkret auf unsere Protagonisten bezog.

Die Botschaft des Films ist relativ klar, und ich will auch die politische Richtung nicht in Schutz nehmen, aber ich hatte ein wenig das Gefühl, dass es womöglich schlimmere Missstände auf der Welt (und im Iran) gibt als zwei junge Männer in Feierlaune, die ihren Traum von der Musikerkarriere nicht ausleben können. Die Schilderung des »normalen« Lebens im Iran ist sehr interessant, die gefährlichen Dreharbeiten sind es auch - und auch die kleinen Probleme der Hauptfiguren (eine Freundin, die sich vernachlässigt fühlt) geben tolles Doku-Material her.

Aber die Einladung auf eine Schweizer Techno-Veranstaltung, die Streetparade in Zürich, »die größte Techno-Party der Welt«, entwickelt sich zum Fokuspunkt. (Und der entscheidenden Motivation der Filmemacher, den Film überhaupt zu drehen?)

Und obwohl ich mich politisch eher links einordnen würde, kam es hier zu einer gewissen Zweiteilung. Zum einen der Unterdrückung im Iran, durchaus auch mit einer Schilderung der dort »illegalen« Aktionen, die aus unserer Sicht aber gerechtfertigt wirken. Obwohl bei Sätzen wie »die Regierung liebt es, belogen zu werden« schon ein seltsamer Tonfall mitschwingt. Eine ganz andere Problematik ist es dann, wenn im Grunde gezeigt wird, wie man sich in der Schweiz Asyl erschleicht. Eine iranische Anwältin empfiehlt ganz klar, an welcher Stelle man seine Pässe zerstören sollte - und irgendwie kippt da für mich der ganze Film. Und ich bin mir nicht ganz sicher, ob das Absicht ist.

Der absolute Höhepunkt in dieser Hinsicht ist dann aber, wenn Anoosh, der am liebsten weiter nach Berlin oder Ibiza reisen will (letzteres nicht unbedingt ein Brennpunkt des Kampfes um Menschenrechte), nach einigen Tagen Aufenthalt in der Schweiz einige Schwarze auf der Straße sieht und zielsicher konstatiert, das seien »Asylanten, bestimmt mit dem Boot gekommen«. Sorry, aber an der Stelle hat es für mich ausgesetzt.

Und weil diese Szene so offenkundig im Schnitt des Films landete, lobe ich mir auch diese spät entwickelte Ambiguität, die nur irgendwie seltsam versteckt wirkt. Innerhalb des Image, dass der Film nach außen trägt (vor allem im Marketing), wirkt diese gar nicht mal so leise Kritik wie eine geheime Botschaft, die den eigentlichen Tenor des Films irgendwie in Frage stellt. Und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich das toll finden soll (bzw. will) oder nicht.


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  The Visit - eine außerirdische Begegnung (Michael Madsen)


The Visit - eine außerirdische Begegnung
(Michael Madsen)

Originaltitel: The Visit - an Alien Encounter, Dänemark / Irland / Österreich / Finnland / Norwegen 2015, Buch: Michael Madsen, Kamera: Heikki Färm, Phantom Camera Operators: Stefan Maitz, Eva Mittermüller, Schnitt: Stefan Sundlöf, Nathan Nugent, Sound Design: Peter Albrechtsen, Sound Artist: Øivind Weingaarde, mit Jacques Arnould, Paul Beaver, Dr. Sheryl Bishop, Admiral of the Fleet the Lord Boyce, Dr. Ernst Fasan, Niklas Hedman, Christopher McKay, Dr. Mazlan Othman, John Rummel, Vickie Sheriff, Janos Tiskovsky, Doug Vakoch, Dr. Kurt Waldheim, Chris Welch, 83 Min., Kinostart: 22. September 2016

Michael Madsen ist in diesem Fall nicht der Bösewicht aus diversen Tarantino-Filmen, sondern ein dänischer Konzeptkünstler und Galerieleiter (sowie Dokumentarfilmregisseur), der von sich sagt: »Ich sehe mich selbst als jemanden, der sich in einem ständigen Dialog damit befindet, was Dokumentarfilm ist und was er sein kann.«

In The Visit »dokumentiert« er, was bei einem Besuch Außerirdischer auf der Welt passieren könnte. Dies wird zum einen durch diverse Interviews mit ehemaligen Militärs, SETI-Experten, Astrowissenschaftlern, Politikern, Juristen und einem Theologen herausgearbeitet. Was einen schon mal inspiriert, ein Mischwort aus »Dokumentarfilm« und »Konjunktiv« zu kreieren.

Eine große Rolle im Film spielt aber auch die Inszenierung des Konjunktiv, denn Madsen versucht, Bilder für etwas zu finden, was außer in unscharfen Fotos, Sci-Fi-Filmen und Roswell-Mythen bisher noch gar nicht passiert ist. Dazu benutzt er etwa seine noch ganz überzeugende »Phantom Camera«, die eine außerirdische Perspektive auf die uns vertraute Welt bieten soll. In Zeitlupe (ca. 1/3) sehen wir Passanten, ein Pferd oder Putzfrauen, die im Naturkundemuseum aufwischen.

Auch die Interviews greifen teilweise den Blick der Außerirdischen auf - oder richten sich direkt an imaginierte zukünftige Aliens als Gesprächspartner. (»Our authorities will immediately be informed of your arrival.« [In den Untertiteln werden die außerirdischen Besucher übrigens mehrfach geduzt.]) Die verschiedenen Realitätsebenen des Films verschwimmen auch miteinander, wenn wir beispielsweise einen der Interviewpartner, den Oberst im Ruhestand Paul Beaver (erinnert mich ein wenig an den Pflegevater Willy Tanner, bei dem Gordon Shumway alias ALF einst als Untermieter landete), in seiner gewagten Mischung aus hellblauem Anzughemd und knallgelbem Schlips und Hosenträgern ebenfalls in Zeitlupe herumrennt - implizit wohl, weil er dringend Meldung machen muss.

Bisher klingt das alles etwas erheiternd, aber es kommt noch dicker. Denn Chris Welch, ein Professor der International Space University in Strassburg, hat sich freiwillig gemeldet, um stellvertretend für die Menschheit als erster das außerirdische Raumschiff zu betreten. Da wir aber keinen Schimmer haben, wie das aussieht (und auch Michael Madsen ist sich dieses Problems bewusst), tapert Chris in seinem hübschen Raumanzug zunächst durch totale Dunkelheit und textet dazu, wie wenig wir darüber wissen, was uns erwarten könnte. Man dokumentiert also quasi das Nichtwissen.

Weil das auf Dauer reichlich unbefriedigend ist, spaziert unser Astronaut Chris dann (Kubrick lässt grüßen!) durch einige österreichische Museen, die sich großzügig für Dreharbeiten zur Verfügung stellten. Ich glaube, der Grund dafür wurde auch im Film geliefert, aber da war ich schon in sphärische Höhen abgedriftet und wollte auch nicht mehr darüber nachdenken, warum außerirdische Bibliotheken offenbar genauso aussehen wie irdische.

Die stärksten Kopfschmerzen bereitete mir wohl der französische Theologe Jacques Arnould, der gleich über Kolumbus und das Konzept der Seele abging, aber das sind persönliche Vorbehalte.

Leider gehen die interessanten Fragen, die der Film stellt, in dem Mumbojumbo, der eher unausgegoren wirkt, etwas unter. Das in den Informationen über die Menschheit, die man einst mit der Voyager ins All schoss, keinerlei Erwähnung der diversen Kriege auf der Erde gemacht wird, zeugt etwa von einer inhärenten Verlogenheit der Menschheit, die mich persönlich an die Profile auf Dating-Sites erinnert. Irgendwie müssen wir wohl davon ausgehen, dass die Aliens es ähnlich machen werden.

Mit sehr begrenzten Mitteln (manchmal ist es schon erheiternd, wenn man die sechs Mannschaftswagen sieht, die das österreichische Militär zur Verfügung stellte) wird auch der militärische Aspekt des »first contact« bebildert, was einen durchaus nachdenklich stimmt. Auch die »Phantom Camera« liefert Bilder von Panik, wobei die Menschheit in Zeitlupe natürlich dreifach angreifbarer wirkt.

Manchmal geht der Film mit solchen Fragen sogar mit einer gewissen Art von Humor um. Zumindest empfand ich es so, als erklärt wurde, dass wegen möglicherweise komplett anders gestalteter Biochemie zunächst eine Seperation zwischen uns und den Aliens eingehalten werden müsse. Da denkt man sofort an Spielbergs E.T. und ahnt, dass dem das entschuldigende »Nothing personal!« (Original-Filmzitat) ein schwacher Trost wäre, wenn er befürchtet, recht bald seziert zu werden. Der intelligenteste Satz des Films stammt von einem Professor: "Man would rather destroy everything than give up the illusion of control."

Das Dumme an The Visit ist aber, dass der allgemeine Eindruck des Films etwa so ist, als nehme man ein paar Doku-Konzepte, wissenschaftliche Vermutungen und Low-Budget-Versionen von SF-Filmen - und rührt sie mit einem Mixer zu einem seltsamen Brei, der keine der möglichen Erwartungen an den Film wirklich zufrieden stellt.


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  Von Trauben und Menschen (Paul Lacoste)


Von Trauben und Menschen
(Paul Lacoste)

Originaltitel: Vendanges, Frankreich 2014, Kamera: Yvan Quéhec, Schnitt: Anthony Brinig, Musik: Olivier Cussac, mit Jean-Francois Alcarez, Benjamin Amiel, Nicole Artuso, Jocelyn Bousquet, Aurélie Brocourt, Jean-Marie Calatayud, Jean-Marie Carascal, David Contardo, Héléna Contardo, Ilham El Kamouri, Youssef El Kamouri, Gérard Lejeune, Louise Lépine, Marine Leys, Florence Niort, Michel Pépin, Michel Prieur, Lionel Remy-Birioukoff, Kétura Roux, Fanny Sandres, Bernard Plageoles, Myriam Plageoles, Jérôme Galoup, Florent Plageoles, Ahmed Khadouri, 77 Min., Kinostart: 1. September 2016

Bei manchen Filmen ist das Spannendste daran, wie sie einen deutschen Verleih bekommen haben. Okay, Vendanges hat beim Dok-Festival Leipzig den Preis für die beste Doku zum Thema Arbeit, den Healthy Workplaces Film Award, bekommen. Aber das war 2014, abgesehen von der Flüchtlingsbewegung ist der Film in keiner Weise aktueller oder interessanter geworden.

Der Film ist sehr unspektakulär und zeigt einfach den Alltag einiger im Weinbau beschäftigten Saisonarbeiter, die mit ihrem Lohn kaum über die Runden kommen, aber dennoch ein gesundes Betriebsklima, eine bemerkenswerte Solidarität zeigen. Die etwas unfokussierten Aufnahmen zwischen den Rebstöcken werden ergänzt durch Interviews, meistens bei den Arbeitern (und Arbeiterinnen) zuhause, was einem nicht nur einen Einblick in die spartanischen Lebensumstände verschafft, sondern auch kritische Seitenhiebe auf Regierung, Gesellschaft und die wirtschaftliche Entwicklung überhaupt zulassen. Aber der eigentlich erfreulich unaufgeregte Ton des Films (hier wird wirklich dokumentiert, kaum inszeniert) erweckt auch kein besonderes Interesse an der eher vage angekratzten Problematik, die sich irgendwo hinter den Filmbildern zu verstecken scheint.

Den überzeugendsten Kritikansatz, der eben aus dem Material selbst hervorgelockt werden muss, bringt noch der Besuch einer vielleicht dritten Schulklasse auf dem Gut. Die Lehrerin fragt die Schüler, warum eine Maschine zum Abernten der Trauben besser sei, ein aufgewecktes Kind weiß sofort, weil sie schneller ist als der Mensch. Hier ist es augenfällig, dass der Winzer anderer Meinung ist. Und gerade die Art und Weise, wie die Frage gestellt wurde, eigentlich das hauptsächliche Problem darstellt.

Wer sich aufgrund dieser wenigen Sätze berufen fühlt, sich den Film, der sich irgendwo im Niemandsland zwischen Naturidylle und Sozialrealismus bewegt, anzuschauen, dem will ich sicher nicht im Weg stehen. Meine Tasse Tee war das nicht, aber was für mich noch weitaus stärker wiegt als die gediegene Langeweile bei der Filmsichtung, waren die wahrlich unterirdischen Untertitel dazu. Es kann sein, dass das noch eine Frühfassung nur für die Presse war, aber diese Untertitel waren einfach eine schreckliche Zumutung - und um das sagen zu können, muss mein Französisch nicht einmal über eine verkümmerte Redundanz hinausreichen. Es gibt einfach Leute, die sind nicht dafür geeignet, sich durch Texte einem größeren Publikum anzunähern. Das solche Leute nicht in einem Untertitelungsbetrieb arbeiten sollen, erklärt sich von selbst. Aber da ich mich in dem Bereich ein wenig auskenne (trotz jahrelanger Kellnertätigkeit weitaus besser als bei Weinen), habe ich hier extra nach dem Nachspann auf den Namen der zuständigen Firma gewartet. Und das Ergebnis bestätigte andere Vorbehalte. Denn zuständig war Filmkinotext, also der Verleih! Die selben Personen (oder vielleicht ist es auch nur eine Person), die auch das Presseheft erstellten, bei dem man zumindest das Gefühl bekommt, dass jemand noch mal drübergelesen hat, wenn auch niemand je etwas von den Kommas um einen Relativsatz gehört zu haben scheint und man »healthy« hartnäckig als »healty« schreibt (aber das ist ja auch eine andere Sprache).

Die Untertitel sind aber noch schlimmer, sie wirken so, als hätte jemand, der auf Rechtschreibung weniger Wert legt als ein durchschnittlicher Internet-Troll, sie simultan übersetzt und blind getippt. Dass man statt Anführungsstrichen durchgängig an HTML-Code erinnernde Zeichenfolgen sieht (oder auch mal einige Fragezeichen, wo vielleicht später noch etwas ergänzt werden soll), ist eine Sache. Aber was da in geschätzt jedem dritten Satz an idiotischen Fehlern zu erdulden ist ... das geht auf keine Kuhhaut. Hier zur allgemeinen Erheiterung einige Zitate (ich habe zu spät damit begonnen, die besten Stilblüten mitzuschreiben), wobei ich mir Korrekturen oder Hinweise à la »[sic!]« schenke.

Zivilisation ist Zersteubung des Individuums
Wir sind eine Guruppe
Las uns was zusammen machen
Es ist tostlos

Solche und ähnliche Fehler habe ich auch selbst schon gemacht (womöglich sind Beispiele dafür nur wenige Zeilen entfernt), aber doch nicht in jedem dritten Satz - vor allem, wenn die Sätze nicht in einem riesigen Textkonvolut verloren gehen, sondern oft ganz allein für sich auf der Leinwand stehen!

Diverse Beispiele für verhunzte Zeichensetzung (»In der Schule, war ich eine Außenseiterin.«) und eine generelle Ignoranz gegenüber Groß- und Kleinschreibung und ähnliche Phänomene habe ich bei dieser kleinen Auswahl außen vor gelassen. Bei englischsprachigen Filmen achte ich nicht so genau auf die Untertitel, aber das waren definitiv die schlechtesten, die ich ja sah. Wie jemand auf den Trichter kommen kann, dass das deutsche Publikum diesen Film unbedingt sehen muss - und ihn dann im gleichen Atemzug derartig entstellt, das hatte schon traumatische Züge.


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  Das Versprechen - Erste Liebe lebenslänglich (Marcus Vetter & Karin Steinberger)


Das Versprechen - Erste Liebe lebenslänglich
(Marcus Vetter & Karin Steinberger)

Originaltitel: The Promise, Idee: Karin Steinberger, Kamera: Georg Zengerling, Schnitt: Marcus Vetter, Michele Gentile, Patrick Wilfert, Musik: Jens Huerkamp, mit Jens Söring, Gail Marshall, Tom Elliott, William Sweeney, Ricky Gardner, Gail Ball, Chuck Reid, Rich Zorn, Dave Watson, Tony Buchanan, Carlos Santos, Steven Rosenfield und den Stimmen von Imogen Poots (Elizabeth) und Daniel Brühl (Jens), (außerdem mit einer Menge Filmmaterial, das Elizabeth Haysom zeigt) Kinostart: 27. Oktober 2016

Zu diesem Film hatte ich schon einmal zwei DINA4-Seiten vollgeschrieben, die dann komplett gelöscht, und dann noch mal etwas über eine Seite. Wurde auch gelöscht. Stattdessen habe ich mich entschieden nur Folgendes »auszusagen«:

In teilweise sehr manipulativer Weise wird hier auf vermeintlich "objektive" Weise ein Kriminalfall geschildert. Allerdings mit einer kaum vorhandenen Dramaturgie und einer Kopfschmerz erzeugenden Informationsvergabe. Mein an unzähligen Details hängender Ärger über diesen Film steht in keinerlei Verhältnis zu seiner Relevanz oder seiner filmischen Qualität - und ich habe bereits viel zu viele Stunden meines Lebens mit diesem Ärger verschwendet. Ich rate entschieden ab.



Anfang Oktober in Cinemania 154 (The Weird and the Wunderlich):
Allein gegen die Zeit - Der Film (Christian Theede), Bridget Jones' Baby (Sharon Maguire), Night of the Living Deb (Kyle Rankin), Swiss Army Man (Daniel Scheinert & Dan Kwan), Die Welt der Wunderlichs (Dani Levy) und Where is Rocky II? (Pierre Bismuth).