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27. Juli 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Wiener Dog (Todd Solondz)


Wiener Dog
(Todd Solondz)

USA 2016, Originaltitel: Wiener-Dog, Buch: Todd Solondz, Kamera: Ed Lachman, Schnitt: Kevin Messman, Szenenbild: Akin McKenzie, mit Greta Gerwig (Dawn Wiener), Julie Delpy (Dina), Danny DeVito (Dave Schmerz), Keaton Nigel Cooke (Remi), Ellen Burstyn (Nana), Kieran Culkin (Brandon McCarthy), Zosia Mamet (Zoe), Tracy Letts (Danny), Michael Shaw (Fantasy), 90 Min., Kinostart: 28. Juli 2016

Todd Solondz, ein enfant terrible des Independent-Kinos, bleibt ganz seiner Linie treu. In seinem neuen Film verbindet er die garstige political incorrectness von Happiness mit den narrativen Experimenten von Palindromes und liefert en passant das lang geforderte Sequel zu seinem Frühwerk Welcome to the Dollhouse, mit dem er vor zwanzig Jahren u.a. auf der Berlinale reüssierte. Allerdings mit einer Neubesetzung, denn die Rolle der Dawn Wiener, mit der einst Heather Matarazzo (Freundin von D.J. in Roseanne, Hostel: Part II) bekannt wurde, ging jetzt an den Indie-Liebling Greta Gerwig, die in der episodischen Rolle jenes Schauspieltalent zeigt, das ihr schon lange nachgesagt wurde, auf dessen Entdeckung ich aber lange vergeblich wartete. Diesmal spielt die Gerwig zwar auch eine Rolle, die im großen und ganzen ihrer Standard-Leinwand-Persona entspricht ... aber es sind die kleinen Nuancen, mit denen ihre Darstellung an die »Vorgeschichte« des Films anknüpft (man muss übrigens den alten Film nicht gesehen haben), die das kleine Quentchen mehr ausmacht, das ich zuvor bei ihr immer schmerzhaft vermisste.

In Palindromes erzählte Solondz ja eine Biographie, die sich in Episoden aufzuraffeln drohte, weil die Hauptfigur, die die einzelnen Facetten miteinander verbinden sollte, von drastisch unterschiedlichen DarstellerInnen gespielt wurde. Das gab es zwar auch schon vorher (und später) in der Filmgeschichte, aber so extrem wie Solondz hat das nie (und nie wieder) jemand umgesetzt.

Der Wiener-Dog im neuen Film funktioniert als ähnlicher narrativer Staffelstab, der aber eher metaphorisch für einige konzentrierte Hundeschicksale steht (übrigens: für Hundeliebhaber ist der Film auf ähnliche Weise eingeschränkt geeignet wie man zu Happiness nicht unbedingt die Eltern kleiner Kinder mit ins Kino genommen hat).

In der ersten Hälfte des Films gibt sich Solondz noch reichlich Mühe, die Übergänge zwischen den Episoden und »Etappen« miteinander zu verweben. Nach einer eigentümlichen Intermission (»refreshments available in the lobby!«), in der unser malträtierter Star-Dackel wirklich überlebensgroß durch die Welt wackelt (er ist dabei größer als das Weiße Haus und ich habe darauf gelauert, dass er sein Bein hebt), sind die Episoden in der zweiten Hälfte kaum mehr miteinander verbunden, und man spürt irgendwie instinktiv, dass es nun wirklich nicht um die zeitliche Verbindung zwischen den kleinen Facetten einer Hundehaltung geht - eher schon um das Martyrium der Hauptfigur, der vielleicht stellvertretend für die Menschheit übel mitgespielt wird (man möge nicht übersehen, dass das Alter der menschlichen »Hauptfiguren« von Episode zu Episode deutlich zunimmt).

Wenn man mich nach einer Moral des Films fragen würde, könnte ich nur antworten: Alle Menschen sterilisieren!

Wiener Dog (Todd Solondz)

Bildmaterial: © 2016 Prokino Filmverleih GmbH

Doch fangen wir zu Beginn des Films an. »What do we believe in?« fragt der wissbegierige kleine Remi (nett, aber etwas nervig: Keaton Nigel Cooke) seine Eltern. Und die Antwort »truth, compassion, love« klingt vorbildlich und beispielhaft - wenn man diese Eltern zu diesem Zeitpunkt nicht bereits kennengelernt hätte.

Gerade zu Beginn des Films achtet man ja noch nicht so konzentriert auf den Hund, sondern auch auf sein Umfeld. Und man merkt, dass hier am Rande eine umfassende back story angerissen wird. »He's a fucking survivor!« wird das Schicksal Remis zusammengefasst, und entsprechend will man dem Kind durch das »Geschenk Hund« eine Art »Wiedergutmachung« zukommen lassen, die andere Eltern womöglich tatsächlich durch truth, compassion & love dem gebeutelten Nachwuchs hätten wiederfahren lassen. Stattdessen wirkt es eher so, als erlebe man anhand des Hundes jene survivor's tale, die im Fall von Remi größtenteils elliptisch ausgespart wird.

Remis Eltern (Tracy Letts und Julie Delpy) haben womöglich tatsächlich gute Absichten. Aber der Hund ist für sie nur Mittel zum Zweck, und ob man den Vater bei seinen Dressurbemühungen beobachtet (»Heel, Motherfucker!«) oder die Mutter von einem früheren Hund erzählen hört (»We called her Croissant, because she liked croissants so much!«), eines steht schnell fest: diese Personen sollten weder Hundehalter sein noch möchte man sie als Eltern haben. Da »Wiener-Dog« sich auch noch als ein problematisches Tier erweist, das in seinem kleinen Käfig unaufhörlich kläfft und die Sache mit der Stubenreinheit nicht auf Anhieb hinkriegt, zeigt Todd Solondz schon in der ersten Episode die volle Fallhöhe zwischen kurzen Momenten des Glücks und einem bis zum Exzess zelebrierten Leiden des Hundes, dessen blutiger Durchfall («Are you hungry? Want my Granola bar?») in einer schier unendlichen Kamerafahrt zur Übertreibung mit fast perfekten Timing gerät.

Und was den tabulosen Umgang mit sensiblen Themen angeht, erklärt uns Mutter Delpy auch noch den Leidensweg von »Croissant«, der je nach Veranlagung zu lauten Entrüstungsrufen und brüllendem Gelächter im Kinosaal führt. »She was raped by a stray in the woods ...« Weitere Details dieser Geschichte schildern weniger ein Hundeschicksal als dass sie recht deutlich die politische Gesinnung der vermeintlich liebenden Mutter skizzieren. Wie Solondz dies furchtlos auf den Punkt bringt, ist schon ganz hohe Kunst - unabhängig davon, wie heftig man dabei den Kopf schüttelt oder vor Scham im Sessel versinken will.

Wiener Dog (Todd Solondz)

Bildmaterial: © 2016 Prokino Filmverleih GmbH

Die zweite Episode ist dann die mit Dawn Wiener, wobei auch der in Welcome to the Dollhouse auftauchende Brendan McCarthy (diesmal von Kieran Culkin gespielt) wieder auftaucht. Dem Hund ergeht es diesmal eine Spur besser und es dreht sich eher wieder um menschliche Belange, die ich hier nicht im Detail ausplaudern möchte. Die harte Gangart an brisantem Umgang mit sensiblen Themen wird beibehalten, menschliche Schwächen werden weiter ausgelotet, aber Greta Gerwig offenbart sich immerhin für einige Passagen als Sympathieträger (weil Todd Solondz weiß, dass erst durch die Graustufen das Tiefschwarze seines Humors und seiner pessimistischen Weltanschauung zur Wirkung kommen).

Dieses Graustufen-Prinzip kann man auch am Soundtrack festmachen, der durch den nicht immer passenden Einsatz von Debussys Clair de lune oder sphärische Gesänge, die fast an die Carpenters erinnern, ebenfalls die Bandbreite des Geschehens überhöhen. Das geht sogar so weit, dass man gemeinsam mit Marc Shaiman (der Klimper-Papst hinter Filmen wie When Harry met Sally) »The Ballad of Wiener-Dog« intonierte.

Wiener Dog (Todd Solondz)

Bildmaterial: © 2016 Prokino Filmverleih GmbH

Im dritten Segment taucht Danny DeVito als Hundehalter mit dem sprechenden Namen »Dave Schmerz« auf. Als Filmprofessor und erfolgloser Drehbuchautor, der mich sehr an die Rolle von John Malkovich in Terry Zwigoffs Art School Confidential erinnerte, nimmt Schmerz eine sehr traurige Figur ein, die seinen Hund durch ein Kleidchen blamiert (um die volle Bandbreite dessen auszuloten, womit Menschen Hunde quälen und sie aller natürlichen Würde berauben). Tatsächlich geht es aber jetzt auch deutlicher um den Schmerz der Hundehalter, was im letzten Segment noch mal deutlicher wird, denn hier geht es um eine noch traurigere Gestalt als Dave Schmerz (was schwer vorzustellen ist, denn Danny DeVito agiert mit noch mehr uneitler Selbstvergessenheit als zuvor Julie Delpy).

Ellen Burstyn als »Nana«, die den Hund in »Cancer« umbenennt, bekommt es noch härter eingeschenkt als Dave, weil man bei Dave nur die Missachtung normaler Menschen erlebte, während »Nana« Besuch von ihrer Enkelin bekommt (der Kreis zur Elternliebe in der ersten Episode schließt sich), wobei sich die Dynamik dieser Liebe sehr schnell offenbart: »How much do you need this time?«

Zosia Mamet als Enkelin Zoe betont abermals die starke Fallhöhe und die Abgründe einer solchen »Familienliebe«, wobei aber ihr neuer Freund, der ziemlich unerträgliche »Fantasy«, der die Malkovich-Künstlersatire mit unglaublich idiotischen Klamotten (und Statements) aufgreift, sehr hilfreich zur Seite steht.

Wiener Dog (Todd Solondz)

Bildmaterial: © 2016 Prokino Filmverleih GmbH

Der Film kulminiert beinahe in einer Szene, in der ich erwartete, dass »Cancer, come back!« oder »Cancer, come here!« gerufen wird, doch Solondz hat noch eine hinterhältige Schlusspointe »6 months later« in petto.

Wiener-Dog ist so ein Film, nach dem man Videotheken frequentiert, um zu überprüfen, welche Solondz-Filme man zwischendurch verpasst hat, weil ihnen der deutsche Kinostart vorenthalten blieb (2009: Life during Wartime, 2011: Dark Horse, liefen beide in Venedig). Die eine Einstellung, an der ich rummäkeln würde, ist fast ganz zum Schluss und zeichnet sich durch schlampige CGI-Effekte aus. Todd Solondz ist ja nicht unbedingt ein Regisseur, der mit visuellen Effekten arbeitet, aber sein »Waldi auf Wanderschaft« in der Pausenmontage funktioniert auch dann großartig, wenn die Effekte nicht perfekt sind. Bei jener anderen Szene hat man indes das Gefühl, dass die Effekt-Abnahme womöglich an einem kleinen Monitor geschah. Wenn man im Kino sitzt und sich auf jenen Punkt der Leinwand fokussiert, an dem die Handlung sich konzentriert, fehlt hier einfach das bisschen Realismus, was den »Schmerz« dieses Momentes noch intensivieren würde.

Solondz' Tabulosigkeit geht übrigens noch bis in den Nachspann, in dem wie üblich der US-Tierschutzverband erwähnt wird, man aber betont »[...] monitored some of the scenes« und »no animals harmed in these scenes«. Als würde er implizieren wollen, dass in anderen Szenen Tiere gequält worden und er quasi noch stolz darauf wäre (obwohl die beiden Sätze eigentlich nur eine rhetorische Finte sind). Man muss diesen Film nicht lieben, aber er spielt schon eine wichtige Rolle für das Gesamtbild des Kinojahres.