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20. Juli 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Star Trek Beyond (Justin Lin)


Star Trek Beyond
(Justin Lin)

USA 2016, Buch: Simon Pegg, Doug Jung, Star Trek created by: Gene Roddenberry, Kamera: Stephen F. Windon, Schnitt: Greg D'Auria, Dylan Highsmith, Kelly Matsumoto, Steven Sprung, Musik: Michael Giacchino, Kostüme: Sanja Milkovic Hays, Production Design: Thomas E. Sanders, Supervising Art Director: Don Macauley, Set Decoration: Lin MacDonald, mit Chris Pine (Captain James T. Kirk), Zachary Quinto (Commander Spock), Karl Urban (Doctor »Bones« McCoy), Simon Pegg (Montgomery »Scotty« Scott), Zoë Saldana (Lieutenant Uhura), John Cho (Sulu), Anton Yelchin (Chekov), Idris Elba (Krall), Sofia Boutella (Jaylah), Joe Taslim (Manas), Shohreh Aghdashloo (Commodore Paris), Lydia Wilson (Kalara), Sara Maria Forsberg (Kalara Alien VO), Deep Roy (Keenser), Danny Pudi (Fi'Ja), Doug Jung (Ben), Greg Grunberg (Commander Finnegan), Shea Whigham (Teenaxi Leader), Jeff Bezos (Starfleet Official), 120 Min., Kinostart: 21. Juli 2016

Zum 50. Geburtstag des Star-Trek-Franchise (wenn man nach der US-Ausstrahlung geht und nicht etwa nach der Produktionszeit vom ersten Pilotfilm The Cage) gibt es nun den nächsten Kinofilm. Wie schon Into Darkness wieder in 3D. Hätte es meinethalben nicht gebraucht, aber ab einer gewissen Zuschauerzahl ist das eben ein nettes Zugeld an der Kinokasse.

Außerdem ist Star Trek Beyond der dritte Film seit der neuen Zählung, also dem J.J.-Abrams-Reboot, wobei Abrams sich jetzt mit der Produzentenrolle begnügt und Justin Lin (Fast & Furious: Film 3 bis 6) in den Regiestuhl steigen ließ. Keine guten Vorzeichen.

Im Vorfeld des Films gab es die Möchtegern-Skandal-Info, dass Sulu (John Cho) sich im Film als schwul outen würde, was der Original-Sulu George Takai nicht so toll fand. Hierüber eine Diskussion anzuheizen wirkt nach Sichtung des Films reichlich idiotisch. Neben einer Szene, in der Sulu und zwei Teamkollegen auf den Fluren der Enteprise einigen Frauen hinterherschauen und ich kurz das Gefühl hatte, dass Sulu danach mit einer der Frauen in deren Kabine am rumknutschen ist (ein Durchforsten der Stabangaben ergab dann aber, dass es vermutlich eher Harry Han als »Kissing Guy« war) gab es zwei winzige Einstellungen, in denen Sulu einem kleinen Mädchen (womöglich seine Tochter Demora, wie man sie in Star Trek Generations in der alten Zeitlinie kennenlernte? Haarfarbe und Geschlecht stimmen, nur schenit sie hier deutlich früher geboren zu sein...) und einem auf sie aufpassenden Herren freudig entgegeneilt und sie beide umarmt (oder so ähnlich). Kurzer Gegenschnitt zu Captain Kirk, der dem Trio leicht verdutzt, aber wohlwollend nachschaut (wie wir seit Kuleschow wissen, ist das aber reine Interpretation, vielleicht schaut Kirk auch ganz woanders hin und ist hungrig). Zu einem späteren Zeitpunkt, als Sulu seinem gefährlichen Job nachgeht und die Bewohner von Yorktown Grund zur Panik haben, sieht man ganz kurz den vermeintlichen Sulu-Freund (der evtl. vom Co-Autor des Films, Doug Jung, gespielt wird) nebst dem Mädchen im Arm rumlaufen. Dass der »Sulu-Freund« jetzt aber auch einfach Sulus Bruder sein könnte, sein Schwager oder ein Babysitter, den er aus seiner Fecht-Sportgruppe kennt, wird aufgrund einer Umarmung und des Blicks von Kirk in keiner Weise in Frage gestellt. Da gibt es wirklich unzählige Filme aus den Vierzigern und Fünfzigern, die weitaus deutlicher Homosexualität thematisieren (obwohl man damals aufgrund des Production Codes durchaus Probleme bekommen konnte). Viel Lärm um nichts, was auch als Überschrift für den gesamten Film passen würde.

Star Trek Beyond (Justin Lin)

Bildmaterial: © 2016 Paramount Pictures. All Rights Reserved. STAR TREK and all related marks and logos are trademarks of CBS Studios, Inc.

Kommen wir gleich zur zweiten großen Schlagzeile kurz vor Start des Films, dem Tod von Anton Yelchin. Im Abspann gibt es mal für so vier Sekunden eine verkürzte Schweigeminute, in der man erst Leonard Nimoy gedenkt und dann dem Film eine Widmung »For Anton« gibt. Zumindest der Abspann trägt also noch dem zu frühen Ableben des unglücklichen Parkers Rechnung. Ich habe aber den kleinen Verdacht, dass man auch noch die endgültige Schnittfassung auf eine winzige Weise dem traurigen Ereignis anglich, denn wenn Captain Kirk als Trinkspruch »to absent friends« skandiert (implizit auf seinen Vater gemünzt), sieht man im direkten Gegenschnitt kurz in einer eher Gruppe auch Yelchin als Chekov. Unabhängig davon, ob das jetzt reiner Zufall war, klar meine Lieblingsszene des Films. Jedenfalls 13 mal gelungener als die Einbindung des Todes von Nimoy in die Geschichte (mit leichtem Nicken in Richtung 50-Jahre-Jubiläum, das streng genommen ja auch erst im September ist).

Vom Look her muss man dem neuen Regisseur keinen Vorwurf machen, man knüpft fast übergangslos beim Abrams-Niveau an. Spezialeffekte, Bauten, Alien-Make-Up, keine Beschwerden. Nur das inszenatorische Prinzip, das hinter dem Film zu stecken scheint, vermurkst teilweise die Möglichkeit, der Geschichte zu folgen. Anstelle einer nachzuvollziehenden Rauminszenierung geht häufig alles drunter und drüber. Insbesondere der Schwerkraft hat man den Krieg erklärt. Immer wieder rutscht man die Flure der Enterprise entlang, muss sich irgendwo festhalten, weil die derzeitige Situation sich nicht an die architektonischen Entwürfe hält oder ähnliches. Das kulminiert dann im Showdown, der in einer Weltraumstadt namens Yorktown spielt. Hier gibt man nicht nur über Gebühr damit an, dass diese Megacity scheinbar aus lauter verbundenen Einzelteilen besteht, die jeweils ein eigenes Schwerkraftzentrum haben. Am Schluss folgt man auch noch einem »gravitational slipstream«, der das Yorktown-Prinzip (»Be careful, captain: gravity is gonna get a bit screwy the closer you get to the center!«) endgültig in eine Achterbahnfahrt verwandelt. Nur, dass diese den ohnehin wackligen Showdown nicht unbedingt verbessert.

Star Trek Beyond (Justin Lin)

Bildmaterial: © 2016 Paramount Pictures. All Rights Reserved. STAR TREK and all related marks and logos are trademarks of CBS Studios, Inc.

Das neue Autorenteam mit Scotty-Darsteller Simon Pegg in prominenter Position hat ja nicht alles verbockt. Die zusätzliche Portion Humor und die diversen Appetithäppchen für Hardcore-Trekkies sind in Ordnung, und die Herangehensweise, die Crew mal in ungewohnte Kleinteams aufzuteilen (McCoy und Spock, Kirk und Chekov), bringt einige gelungene kleine Szenen, die durchaus auch mal neue Einblicke in die Figuren liefern. Das Problem ist nur, dass die eigentliche Handlung des Films reichlich logische Löcher liefert - oder sich um gewisse Dinge einfach komplett nicht kümmert. Ich befürchte, dass diese Herangehensweise ganz auf das moderne Publikum zugeschnitten ist. Wer bevorzugt bildgewaltige 3D-Spektakel, Emmerich-Zerstörungsorgien oder Marvel-Streifen, in denen sich ganze Galaxien aufreiben, schaut, verliert womöglich den Bezug zu Handlungen, die durchdacht sind. Und nimmt einfach alles für bare Münze, was mit ein paar Brocken Technobabble als narratives »connect the dots« zumindest ermöglicht, dass man den Einzeletappen halbwegs folgen kann. Aber nach zwölf Filmen und ca. 680 Episoden Star Trek habe ich da höhere Ansprüche.

Nicht nur schadet es den Figuren, wenn Schiffsarzt McCoy allenfalls eine vage Vorstellung der vulkanischen Anatomie hat und Logikfanatiker Spock aufgrund einer wiedererkannten Schriftart sofort bestätigt, dass man am richtigen Ort sein muss, eine der wichtigsten Prämissen des Films ist auch schlichtweg idiotisch, wie ich hier kurz ausführen möchte (Absatz überspringen, wenn man Angst vor Spoilern hat):

Die Enterprise wird von einem Schwarm unzähliger kleiner Schiffe angegriffen, die jeweils von zwei Personen besetzt zu sein scheinen. Man sieht einige dieser Schiffe auch von innen und sie scheinen ohne größere Probleme von Starfleet-Leuten zu steuern zu sein. Man sieht sich außerstande, der Übermacht etwas entgegenzusetzen, als man entdeckt, dass die Piloten über eine bestimmte Frequenz miteinander kommunizieren und so ihre Schwarmbewegung koordinieren. Da man zuvor im Film schon die Vorliebe einer Figur für »klassische« Musik (in diesem Fall »Fight the Power« von Public Enemy) wahrnahm, war eigentlich sofort klar, wie man die Kommunikation beeinträchtigen wird. Dass aber die gegnerischen Schiffe sofort explodieren, sobald man ich mit der Jukebox-Waffe nähert, ist komplett - ja, ich hatte das Wort gerade erst, aber es passt so gut - idiotisch. Dass auch die spät erklärte origin story des Hauptbösewichts Krall (Idris Elba) ähnlich vage zusammenpassend wirkt, macht für mich schon einiges kaputt am Film. Da war der Cumberbatch-Khan schon weitaus besser durchdacht und selbst Eric Bana als Nero funktionierte um einiges besser. In Star Trek Beyond verlässt man sich einfach zu oft darauf, dass das heutige Publikum verlernt hat mitzudenken. Eine andere Angeberszene, die aber mit ihrer verwackelten Action-Inszenierung nicht wirklich Sinn ergibt, ist übrigens die mit Kirk, Chekov und dem improvisierten »Wagenheber« (übrigens erstaunlich prophetisch, was Anton Yelchins Todesursache angeht). Abgesehen davon, dass es natürlich naheliegend ist, dass die Helden die Kurve kriegen, während der Schurke draufgeht, müsste ich diese Szene wahrscheinlich noch mal mit Audiokommentar der Filmemacher sehen, um zu kapieren, warum die beiden »Guten« nicht auch zerquetscht wurden.

Star Trek Beyond (Justin Lin)

Bildmaterial: © 2016 Paramount Pictures. All Rights Reserved. STAR TREK and all related marks and logos are trademarks of CBS Studios, Inc.

Der Angabe-Faktor überschattet hier erstaunlich oft das Logik-Prinzip. Gleich in der ersten Szene des Films sieht sich Kirk mit diplomatischen Bemühungen einer zunächst mächtig wirkenden Rasse von CGI-Gargoyles gegenüber, die dann aber eher Gremlins-Größe haben. Der Scherz mit der Größenwahrnehmung auf Kosten der Zuschauer ist nur leider weniger komisch als vor allem blöd und bereitet nur die kurz angerissene »Abstumpfung durch Routine«-Finte vor, die ihren Höhepunkt findet, wenn man aus dem Kleiderschrank heraus sieht, wie Kirk seine Garderobe auswählt - und alle Uniformen exakt gleich aussehen.

Wie gesagt, der Humor funktioniert immerhin größtenteils, aber das reicht irgendwie nicht. Selbst wenn einige Gags wirklich Extraklasse sind. Mein absoluter Favorit: Die Enterprise sieht zwischendurch mal aus wie eine Ente inmitten der Jagdsaison, die zwischen eine Hundertschaft Schrotflinten-Enthusiasten geriet. Und als man sich als Zuschauer schon etliche Minuten fragt, wann der zerschlissene Zustand des Raumschiffs wirkliche Probleme bereiten wird, kommt eine Hiobsbotschaft von der Brücke, die an Understatement kaum zu toppen ist: »We are losing inertial dampeners!« Selten so gelacht.

Star Trek Beyond (Justin Lin)

Bildmaterial: © 2016 Paramount Pictures. All Rights Reserved. STAR TREK and all related marks and logos are trademarks of CBS Studios, Inc.

Das Beste am Film ist übrigens Sofia Boutella (die »Gazelle« aus Kingsman) als neue Alienfigur, mit der zusammen Simon Pegg sich seine Scotty-Rolle etwas aufgeblasen hat (noch eine dieser unvorhergesehenen Paarungen). »Jaylah« hat ein tolles Alien-Design, ist als Figur gut ausgearbeitet und wäre eine gern gesehene Ergänzung zur Crew (auch, wenn sie auf der Academy wohl ihre Probleme hätte). Außerdem hat sie sich die zwei Kampftechnologien zusammengebastelt, die im Verlauf des Films wirklich visuell wie auch inhaltlich einigermaßen funktionieren. Und ihre ganze Art wirkt wie die einer rebellischen 16jährigen (gerade die Verletzlichkeit wird hier und da schauspielerisch gut ausgearbeitet), was es im Star-Trek-Universum bisher immer nur mal für eine Episode gab.