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Die Box




13. Juli 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Toni Erdmann (Maren Ade)


Toni Erdmann
(Maren Ade)

Deutschland 2016, Buch: Maren Ade, Kamera: Patrick Orth, Schnitt: Heike Parplies, Szenenbild: Silke Fischer, Dramaturgische Beratung: Valeska Grisebach, Sonja Heiss, Ulrich Köhler, Eva Löbau, Ben von Dobeneck, Henner Winckler, mit Peter Simonischek (Winfried Konradi / Toni Erdmann), Sandra Hüller (Ines Konradi / Whitney Schnuck), Trystan Pütter (Tim), Ingrid Bisu (Anca), Michael Wittenborn (Titus Henneberg), Thomas Loibl (Gerald), Hadewych Minis (Tatjana), Lucy Russell (Steph), Viktoria Malektorovych (Natalja), Vlad Ivanov (Iliescu), 162 Min., Kinostart: 14. Juli 2016

So eine konsequente Steigerung wie Maren Ade bei ihren ersten drei Spielfilmen kann wohl kaum ein Nachwuchsfilmer (insbesondere in Deutschland) vorweisen. Der Wald vor lauter Bäumen war ein typischer Debütfilm: eine kleine Geschichte mit einer damals komplett unbekannten Hauptdarstellerin (Eva Löbau). Mit dem zweiten Film Alle anderen durfte sie schon im Berlinale-Wettbewerb auftreten, wo ihre Hauptdarstellerin Birgit Minichmayr mit dem Silbernen Bären als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde (und Mitstreiter Lars Eidinger war zu diesem Zeitpunkt auch schon über den Status des Geheimtips hinausgewachsen). Sieben Jahre später darf Ade nun sogar den Wettbewerb in Cannes aufmischen (deutsche Beiträge tauchen dort eher alle Jubeljahre statt wie in Berlin drei pro Jahr auf), auch wenn ihr die von vielen Seiten erwartete Auszeichnung durch die offizielle Jury versagt blieb.

Die drei Filme wuchsen in Komplexität und Länge, aber die Themen der Regisseuren (und Autorin) Ade kennt man inzwischen ziemlich gut. Oberflächlich bzw. besonders auffällig ist immer der Humor, der aber immer die psychologischen Aspekte der jeweiligen Geschichten oder die Beziehungsdynamiken betont und unterstreicht. Humor wird bei Ade oft als Waffe eingesetzt, wobei sich die dadurch erzielten Wunden oft als peinliche Momente offenbaren, die ungeachtet ihrer Pointen auch tiefe Einblicke in die jeweiligen Psychen der Figuren freigeben.

Toni Erdmann (Maren Ade)

Bildmaterial: © Komplizen Film

Toni Erdmann erzählt von einer Vater-Tochter-Beziehung. Der Vater, Winfried (Peter Simonischek), ist so ein Alt-68er Musik-Lehrer, der seine Umwelt gern mit Scherzen wachrüttelt, bei denen er kaum Rücksicht nimmt. Auf sich selbst sowieso nicht, aber auch seine Bekannten nimmt er dabei oft hart an die Kandare. Aber er bleibt dabei zutiefst menschlich.

Es ist interessant, über die Backstory der Tochter Ines (Sandra Hüller) nachzudenken, die für eine internationale Consultingfirma arbeitet, was im Grunde bedeutet, dass ihr das kreative und schöpferische des Vaters komplett fehlt und sie stattdessen, abgehärtet durch eine von Männern bestimmte Konkurrenzsituation, daran arbeitet, Arbeitsplätze und wirtschaftliche Zukunftsperspektiven ganz konkret zu vernichten, um dadurch kurzfristigen Verdienst für ihre Firma herauszuschlagen. Also genau diese Art von Wirtschafts- und Finanzschurken, die schon vor zwanzig bis dreißig Jahren in Wall Street oder frühen Tom-Cruise-Filmen auftauchten, durch die letzte Bankenkrise und die generelle Situation heutzutage aber noch weitaus verabscheuungswürdiger erscheinen. Wobei Rumänien als ihr aktuelles Betätigungsfeld, das von den Reichen kaputtgewirtschaftet wird, dem ganzen noch zusätzliche Brisanz verleiht.

Toni Erdmann (Maren Ade)

Bildmaterial: © Komplizen Film

Hiermit ist die Prämisse gegeben für so eine Geschichte, wo jemand zu mehr Menschlichkeit finden kann. Aber Maren Ade ist an solchen konventionellen Strukturen nicht interessiert und erzählt ihre Geschichte auf eine ganz eigene Weise, wobei die exorbitante Lauflänge des Films (162 Min.) auf mich vor Sichtung des Films wie ein Problem wirkte. Aber weitaus präziser als andere Regisseure, die in immer längeren Filmen mehr den eigenen Größenwahn kultivieren als die Zeit wirklich zu nutzen (Tarantino, von Trier), gelingt es Toni Erdmann, über gut zweieinhalb Stunden, von denen man keine zehn Minuten missen möchte (zumindest wüsste ich nicht, welche Szene ich herausschneiden würde), diese Vater-Tochter-Beziehung zunächst ganz behutsam auszuloten (wo liegen die Probleme, wie könnte man sie lösen?), um dann auf unterhaltsame wie unerwartete Weise ganz gemächlich dem Therapieziel näherzukommen.

Toni Erdmann (Maren Ade)

Bildmaterial: © Komplizen Film

Im Film geht es um Masken und Machtverhältnisse. Wenn Ines den unangemeldet in Rumänien auftauchenden Vater, der dort ihr Leben und ihr berufliches Vorankommen empfindlich aus dem Gleichgewicht wirft, nach einigen Tagen endlich abgewimmelt hat, gibt es einen Abschieds-Blickwechsel über mehrere Stockwerke hinweg, und es wird superdeutlich, wie sich das Größen- und Machtverhältnis zwischen ihr und ihrem Vater verändert hat: Sie ist jetzt in ganz anderen Räumen (und Höhen) unterwegs, in die er mit seiner alten Jeans nicht mehr hereinpasst. Sie schaut auf ihn herab, sieht ihn aus einer großen Entfernung - und erst jetzt lässt sie es zu, dass ihr einige Tränen die Wange herunterlaufen. Sie zeigt ihre unterdrückte feminine Seite, aber irgendwie auch das kleine Mädchen tief in ihr, das sich womöglich nach einer (nach wie vor starken) Vaterfigur sehnt, die sie beschützen, bestätigen oder einfach mal in den Arm nehmen kann.

Ines: »Sag mal - ähm ... wie lange willst Du eigentlich bleiben?«
Winfried: »Ich hab' mir 'nen Monat freigenommen.«
[kurzer Moment der Stille]
Winfried (er grinst): »Das war jetzt aber echte Angst!«

Und genau diese Person, deren Beistand sie gebrauchen könnte, obwohl sie das sich und ihm gegenüber nicht zugeben würde, hat sie nun - denn sie ist ein Profi! - weggeschickt, um sich wieder auf das Wichtige in ihrem Leben zu konzentrieren.

Toni Erdmann (Maren Ade)

Bildmaterial: © Komplizen Film

Doch weit gefehlt, denn der Vater gibt nicht einfach auf. Man merkt ihm an, dass er die Verbindung zur Tochter suchte, auch wenn seine Methoden eher wie aus Kindeszeiten wirken. Der Papa, der sich versteckt, dann plötzlich auftaucht, sie in einer Verkleidung erschreckt, vor der das kleine Mädchen kreischend davonläuft, obwohl sie dieses Spiel liebt. So eine Beziehung ist für eine Karrierefrau, die sich ihren Kollegen gegenüber keine Schwäche erlauben kann, natürlich nicht mehr möglich.

Und da kommt Toni Erdmann, Winfrieds Verkleidung, ein alter ego, das der Film schon seiner allerersten Szene vorbereitet, als ein Paketbote kommt und Winfried an der Haustür behauptet, er müsse seinen Bruder Toni holen, der mal für das Versenden von Paketbomben im Knast saß. Zur Toni-Erdmann-Verkleidung gehört eine falsche, schlechtsitzende Gebissreihe, wie sie ähnlich mal Loriot als »Filmmonster« Victor Dornberger trug, und das Aufgehen in einer fremden Figur, wie es Winfried jetzt in Rumänien durchspielt, erinnert an die Kunstfiguren von Sasha Baron Cohen oder Horst Schlämmer: von außen betrachtet, komplett überzogen, aber wenn man solch einer Person in der U-Bahn oder dem Wartezimmer eines Arztes begegnen würde, käme man kaum auf die Idee, seine komische Perücke in Frage zu stellen.

Toni Erdmann (Maren Ade)

Bildmaterial: © Komplizen Film

In anderthalb Momenten des Films geht es auch mal um das Problem, dass Geschäftspartner, die schon den Vater von Ines kennen lernten, natürlich die Erdmann-Maskerade sofort durchschauen würden, aber zunächst tritt er in ihrem Umfeld als komplett neue Person auf, die sich sogar einer Expertise im selben Berufsfeld rühmt - und weil keine konkrete Verbindung zu Ines besteht, fällt für Ines jener Moment weg, der bei den Auftritten des Vaters vielleicht am kompliziertesten war: soll sie sich distanzieren, soll sie die Familienbindung als Stärkung ihres Außenbildes nutzen usw.

Bei Toni kann sie relativ gefahrlos einfach nebenbei stehen und erleben, wie ihr Umfeld (der Chef, die Kollegen, eine hochprofessionelle Frauenclique) auf ihn reagieren. Und ihn auch selbst mal mit anderen Augen sehen.

Zu jedem Zeitpunkt des Films ist man Zeuge, wie das Schauspiel und die Geschichte auf diversen Ebenen abläuft, was aber trotz des Humors mit einer ganz anderen Qualität und Ernsthaftigkeit durchgespielt wird als in üblichen Verwechslungs- oder Verkleidungskomödien.

Toni Erdmann (Maren Ade)

Bildmaterial: © Komplizen Film

Und da der Film nach ca. einer Stunde noch mal mit neuen Vorzeichen »neu« beginnt, merkt man auch kaum etwas von den verstreichenden Stunden, selbst, wenn man später als vermeintlicher deutscher Botschafter mit seiner Sekretärin »Frau Schnuck« (keinerlei Maskerade, sondern eher der allmähliche Verzicht darauf) auf einem rumänischen Familienfest aufschlägt und Ostereier bemalt.

Dass einen der Film selbst noch in der letzten halben Stunde aufs Neue verblüffen kann, obwohl sämtliche Schritte im Nachhinein präzise geplant wirken, das ist eine der Qualitäten, die man im deutschen Kino seit Fassbinders Tod nur noch sehr selten erlebt. Und nur schweren Herzens möchte ich auf diese Szenen nicht konkret eingehen, weil ich sie durch die Auswahl des Bildmaterials schon unnötig gespoilert habe.

Toni Erdmann ist nicht nur einer der besten Filme des Jahres, sondern auch einer, den ich mir trotz seiner 162 Minuten gerne noch mal anschauen würde, denn es gibt so viele kleine präzise Momente, die einfach auf den Punkt »gebracht« werden: die Käsereibe, die misslungene Massage, Winfrieds Befragung der Assistentin seiner Tochter über selbige (»Sie ist sehr honest. And she gives a lot of feedback about my performance.«), kleine Ausstattungsdetails wie seine Tasche vom »Camping Seehof« oder das pinke Armband aus dem exklusiven Club, die Sache mit der blutbesudelten Bluse, die sexuellen Machtkämpfe (»Ich bin doch keine Feministin - dann würd' ich's mit Typen wie dir nie aushalten...«), die tote Schildkröte, der ungerechte Furzkissen-Vorwurf und natürlich jener Song-Text, auf den ich zuvor nie geachtet habe...


Zum Abschluss aber doch noch eine Kritik, die ich einbringen muss: Im Presseheft erklärt Maren Ade im Interview: »Der Realismus ist [...] das Hauptgesetz.« Inhaltlich bezieht sie sich damit auf die Dramaturgie und die Figurenmotivationen, aber an einer anderen (unwichtigen) Stelle versagt das Realismusprinzip. An einer Stelle des Films stößt sich Ines böse einen Fußnagel, was dann im Close-Up "operiert" wird. Leider gibt es später im Film gleich zwei Szenen, wo ich böser Mensch dann auf ihre Füße geachtet habe und das Special-Make-Up offenbar nicht im Budget vorgesehen war. Aber wer kann auch ahnen, worauf diese bekloppten Kritiker alles achten.