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Die Box




30. März 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Eddie the Eagle (Dexter Fletcher)


Eddie the Eagle
Alles ist möglich
(Dexter Fletcher)

UK / USA / Deutschland 2016, Buch: Sean MaCaulay, Simon Kelton, Kamera: George Richmond, Schnitt: Martin Walsh, Musik: Matthew Margeson, Kostüme: Annie Hardinge, mit Taron Egerton (Eddie), Hugh Jackman (Bronson Peary), Iris Berben (Petra), Jo Hartley, (Janette Edwards), Keith Allen (Terry Edwards), Tim McInnerny (Dustin Target), Christopher Walken (Warren Sharp), Jim Broadbent (Kommentator der BBC), Tom Costello, jr (Eddie mit 10), Jack Costello (Eddie mit 15), 110 Min., Kinostart: 31. März 2016

Die Älteren unter uns erinnern sich noch an die olympischen Winterspiele 1988 in Calgary, als nicht nur eine jamaikanische Bobmannschaft für Wirbel sorgte (die Filmvariante der Geschichte kam fünf Jahre später in die Kinos, der Hauptdarsteller John Candy - als Chewbacca-Ersatz »Barf« in Spaceballs hat er sich in die Filmgeschichte eingeschrieben - ist mittlerweile über 20 Jahre tot.)

Noch eine Spur spektakulärer war damals der britische Skispringer Michael Edwards, der unter dem Namen »Eddie the Eagle« den olympischen Gedanken vom »Dabeisein ist alles« besser repräsentierte als irgendwer vor oder nach ihm. Wenn seine Landsleute nicht an dieser Sportart interessiert sind und er aber gerne Olympionike werden will, hat er halt diese »Gesetzeslücke« wahrgenommen. und wurde schnell weitaus bekannter als »ernsthafte« Wintersportler, die den vierten, zweiten oder gar ersten Platz bei einem Wettbewerb errangen, während Eddie schon zufrieden damit war, heil im Ziel anzukommen.

Eddie the Eagle (Dexter Fletcher)

Bildmaterial © 2016 Twentieth Century Fox

Mit beinahe 30 Jahren Verspätung wird nun auch diese Geschichte auf der großen Leinwand wiedererzählt, wobei ich zugeben muss, dass mir damals gar nicht so bewusst war, wie schwierig es für Eddie gewesen sein muss, sich gegen die um ihr Renommee fürchtenden Mitglieder des britischen Olympia-Kommittees durchzusetzen.

Eddie the Eagle (Dexter Fletcher)

Bildmaterial © 2015 Twentieth Century Fox

Mein größtes Problem bei dem Film ist die Besetzung der Hauptfigur mit Taron Egerton, der in Kingsman: The Secret Service in seinem maßgeschneiderten Anzug jederzeit als der Colin Firth für die nächste Generation hätte durchgehen können. Irgendwie wirkt der auf mich exakt so wie die »Sportlerkollegen«, die Eddie im Film belächeln und auch öfters mal verarschen. Wenn Eddie als Underdog vom »next pretty thing« der Unterhaltungsbranche dargestellt wird, hat das für mich einen seltsamen Beigeschmack von »Wolf im Schafpelz«, es wirkt irgendwie ein wenig verlogen. Da wäre dann jemand wie Eddie Marsan eine bessere Wahl gewesen - allerdings dann zu Zeiten von Cool Runnings, als der Schauspieler-Eddie fast genau so alt war wie der Skispringer-Eddie in Calgary. Solche Schauspieler muss es doch auch irgendwo in England geben ...

(Eddie Marsan kannte damals übrigens noch keine Socke, er spielte noch Winzrollen bei EastEnders oder durfte mal als »Mugger « in dem Bill-Murray-Vehikel The Man who knew too little (dt. Titel: Agent Null Null Nix, 1997) mitwirken.)

Aber zurück zum »Eagle« Eddie. Im Film erlebt man auch die Kindheit Michaels (im Film wird sein richtiger Vorname glaube ich nicht einmal erwähnt), der anfänglich sogar gehbehindert war (mögliche Tagline: »He put the limp in Olympics!«) und , so die filmische Verknappung, unbedingt mal groß rauskommen wollte, was zu einer noch etwas klamaukigen Abfolge von suboptimalen Versuchen in Sportarten wie Hürdenlauf, Sperrwurf oder Stabhochsprung führt. Der Humorgrad des Films erschöpft sich teilweise leider an abgestellten Kaffeebechern, die dann olympische Ringe hinterlassen. Aber das Herz des Films steckt gleichzeitig in der Beziehung von Eddie zu seinen Eltern!

Eddie the Eagle (Dexter Fletcher)

Bildmaterial © 2016 Twentieth Century Fox

Wohl um den Film besser vermarkten zu können, hat man Eddie einen Trainer zur Seite gestellt, der von Hugh Jackman gespielt wird und eine ganze Drehbuchladung persönlicher Probleme (Alkohol, Selbstwertgefühl, unschöne Trennung von einer Vaterfigur) auf den Leib geschrieben bekam, um die Leute, die nur für »Wolverine« ins Kino gehen, nicht zu verprellen.

Ähnliche Gesichtspunkte führten wohl auch dazu, dass in der britisch-amerikanisch-deutschen Co-Produktion nicht nur Garmisch-Partenkirchen eine große Rolle spielt, sondern auch Iris Berben als »Barmaid« Petra (neben Eddies Mutter die einzige nennenswerte weibliche Figur), wobei die Charakteristika dieser Figur (nicht mehr taufrischer Sportler-Groupie) eher vage angedeutet werden, weil man auch das Familienpublikum nicht verprellen will.

Eddie the Eagle (Dexter Fletcher)

Bildmaterial © 2016 Twentieth Century Fox

Das ist vielleicht auch die größte Schwäche des Films: Man will es generell allen recht machen: man nehme die Underdog-Geschichte, die aus Sportfilmen bekannten Ingredenzien, den Kampf gegen die Obrigkeiten, Achtziger-Nostalgie bzw. (für die Jüngeren) »Freak-Show«, eine Menge Klamauk (Tiefpunkt: In Reih und Glied aufgestellte Skispringer werden von Eddie wie Dominosteine zum Fallen gebracht), genügend Hugh Jackman, dass es für eine Dreiviertel-Hauptrolle gereicht hätte und nicht zuletzt auch noch die wichtigen emotionalen Momente. Nicht einmal auf eine Überbetonung der »Spannungs-Momente« konnte man verzichten. Obwohl ja selbst der komplett uneingeweihte Zuschauer wissen dürfte, dass in einem Film namens »Eddie the Eagle« die Titelfigur nicht nach einem Sprung von der 40-Meter-Schanze im Rollstuhl enden wird... »Der Engländer wird sterben!« - Sicherlich.

Dieses Überangebot wirkt manchmal schon reichlich absurd. Ich habe nicht ansatzweise verstanden, warum etwa mitten im Trainingsraum ein Modell der Sprungschanze mit lauter kleinen Tannen usw. stehen musste (außer natürlich, um eine hübsch zu fotografierende Szene darum zu basteln).

Eddie the Eagle (Dexter Fletcher)

Bildmaterial © 2015 Twentieth Century Fox

Aber hin und wieder gibt es kleine Szenen, die verzaubern. Nicht nur, wenn nach langer Verzögerung irgendwann auch Eddie mal durch die »Hero-Kamera« eingefangen wird (zuvor immer nur Hugh Jackman). Sondern auch mein Lieblingsmoment des Films: Eine Pressekonferenz der »ernsthaften« Wintersportler, bei der sich eine Pressevertreter herauswinden wie einst Robert Stack beim Hamlet-Monolog in To be or not to be. Weil man natürlich anderswo die Chance auf ein Eddie-Interview hat.

Ganz so gut ist der Film nicht, dass man dafür aus einer anderen Vorstellung wieder herausgeht, aber falls Eddie the Eagle sein Massenpublikum erreichen sollte, wird es dieses auch ganz gut unterhalten.

Eddie the Eagle (Dexter Fletcher)

Bildmaterial © 2016 Twentieth Century Fox