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Die Box




22. Oktober 2015
Thomas Vorwerk
für satt.org


  A Perfect Day (Fernando Léon de Aranoa)
A Perfect Day (Fernando Léon de Aranoa)
Bildmaterial © X Verleih
A Perfect Day (Fernando Léon de Aranoa)
A Perfect Day (Fernando Léon de Aranoa)
A Perfect Day (Fernando Léon de Aranoa)


A Perfect Day
(Fernando Léon de Aranoa)

Spanien 2015, Buch: Fernando León de Aranoa, Diego Farias, Lit. Vorlage: Paula Farias, Kamera: Alex Catalán, Schnitt: Nacho Ruiz Capillas, Musik: Arnau Bataller, mit Benicio del Toro (Mambrú), Tim Robbins (B), Mélanie Thierry (Sophie Richard), Olga Kurylenko (Katya), Fedja Stukan (Damir), Eldar Residovic (Nikola), Sergi López (Goyo), 106 Min., Kinostart: 22. Oktober 2015

Kritikermeinungen gehen ja gern auseinander, und dies ist so ein Film, bei dem die schwelgerischen und abschätzigen Urteile ziemlich gegensätzlich erscheinen. Ich kann zwar einige der Vorwürfe der Kollegen (schwache Frauenfiguren, konstruiert wirkendes Skript) nachvollziehen, aber mir hat der Film eigentlich ziemlich super gefallen und so werde ich ihn auch besprechen.

1995, irgendwo im Balkan. Der Film begleitet für ca. 27 Stunden eine Handvoll Mitglieder der internationalen Hilfstruppe »Aid across Borders« , die während dieser Zeit vorwiegend mit absurd wirkenden Aufgaben befasst sind: Man benötigt ein Seil, um eine übergewichtige Leiche, die das Trinkwasser kontaminiert, aus einem Brunnen zu entfernen. Außerdem will der Anführer der Gruppe, Mambrú (Benicio del Toro), einem Jungen aus dem Krisengebiet seinen Fußball zurück organisieren (oder einen neuen Ball beschaffen). Diese sehr überschaubar wirkenden Ziele führen zu einer kleinen Odyssee, die aus dem Film gleichzeitig ein Road Movie, eine Satire und ein anrührendes Drama macht.

Neben der beschriebenen »Haupthandlung« gibt es viele kleine Dramen am Straßenrand, die nicht immer mit dem Krieg zusammenhängen müssen. Mambrú wird beispielsweise bald zu seiner Frau nach Chile zurückkehren, als ausgerechnet Katya (Olga Kurylenko), mit der er eine Affäre hatte, zur Gruppe dazustößt. Oder es geht immer mal wieder um tote Kühe, die auf der Straße liegen (obwohl die Ortsansässigen hungern) und die offenbar zur Kennzeichnung von Minen benutzt werden. Man ist sich nur nicht sicher, ob die Mine dann links oder rechts der Kuh vergraben ist (falls Autofahrer das Hindernis umfahren). Oder vielleicht doch unter der Kuh …

Das Ganze hat ein wenig was von M*A*S*H, hat dabei aber eine weitaus deutlichere Botschaft, denn es geht vorrangig um das Versagen engagierter Individuen in den Verstrickungen bürokratischer Abläufe und einer Menge konkurrierender Absichten. Wobei man ähnlich wie die naiv-idealistische Sophie (Mélanie Thierry, endlich mal in einem guten Film) nicht alle Zusammenhänge sofort durchschaut. Als Donaldist weiß ich natürlich auch, dass die wichtigste Zutat zum Scheitern nicht immer die Umwelt ist, sondern oft man selbst – und diese Einsicht wird mehrfach im Film deutlich, wenn die Idee, die man an einer Stelle des Films entwickelt, einen einige Stunden später unerwartet sabotiert.

Das Herz des Films ist die Verbindung zwischen Mambrú und dem neunjährigen Nikola (Eldar Residovic). Einem armen Jungen, dessen Schicksal sich im Verlauf des Films herausstellt, einen Ball zu schenken, ist für den offensichtlich in Familienbelangen nicht perfekten Chilenen eine Art Wiedergutmachung für andere Versäumnisse. Und wie bei den meisten Elementen der Filmhandlung kommt es auch hier zu ambivalenten Überraschungen.

Was mich sehr für den Film einnahm, ist die einerseits sehr minimalistische Geschichte, die innerhalb der klassischen Einheit von Raum und Zeit gleichzeitig die Vergeblichkeit menschlichen Strebens verdeutlicht, dann aber zum Schluss (als man sich schon wundert, warum der Film nicht nach 24 Stunden erzählter Zeit um ist) auch eine optimistische Note einbringt. Was oft ein großes Problem darstellen kann, hier vom Regisseur aber ähnlich stilsicher vollbracht wird wie bei seinem ersten international bekannten Film Los lunes al sol (Montags in der Sonne) vor gut zehn Jahren, bei dem es auch ums Scheitern (Arbeitslose) und den beibehaltenen Optimismus ging.

Das Einzige, was das Vergnügen am Film für mich ein wenig schmälert, sind winzige, aber immens überflüssige Szenen, die gerade auch wieder die weiblichen Figuren betreffen. Wenn Katya dazu gezwungen wird, am Straßenrand zu urinieren (was die aufmerksamen männlichen Beobachter dazu veranlasst, aufgrund ihres schwarzen Slips Urteile über ihre »sexuelle Bereitschaft« verlauten zu lassen), oder Sophie auf die aufgeblähte Wasserleiche herunterschaut und den Toten als »fat fucker« bezeichnet, als hätte er sich aus rein niederen Beweggründen im Brunnen eingefunden. Durch seine Beleibtheit wird er so – es ist ja Krieg – automatisch zum Bösewicht gemacht, obwohl man nichts über die Figur weiß. Für diese Szenen allein hätte ich gerne mal die Romanvorlage gelesen, die ja immerhin von einer Frau stammt. Ich finde es schon sehr interessant, ob sich diese Aspekte schon in der Vorlage finden, ob gerade die weiblichen Figuren da detaillierter ausgearbeitet sind (Mambrús Frau Sarah wird im Film einzig über Oberflächlichkeiten charakterisiert – nicht über ihr Schicksal als betrogene Frau – und man sieht sie noch nicht einmal!). Oder ob es irgendwie am Regisseur (und Drehbuchautor) liegt, dass die Frauen im Film vor allem gut auszusehen haben und für emotionale Probleme herhalten müssen, während sich die harten Jungs hinter ihrem Galgenhumor verschanzen, dabei aber dennoch Herz und Humor zeigen dürfen.

Durch den Bechdel-Test fällt der Film übrigens auch mit Karacho: Sophie und Katya haben exakt ein gemeinsames Gespräch – und natürlich unterhalten sie sich dabei über Männer!

Aber, wie gesagt, größtenteils habe ich über solche Details hinweggesehen. Filmzitat: »Our relationship has a blind spot. Like a car.« – »You mean your wife?« Für mich als Kritiker war vielleicht Mélanie Thierry, der ich stundenlang bei irgendwas zuschauen könnte (auch, wenn das Babylon A.D. und The Zero Theorem nicht ansatzweise retten konnte), der Grund, warum ich keine Zeit hatte, mich über Kleinigkeiten (warum versteht Nikola mit seinen mickrigen Englischkenntnissen, was »local sources« bedeutet?) aufzuregen.

Und ähnlich positiv empfand ich auch den Soundtrack (hier und da eher ärgerlich aufgenommen), denn ich mag eben X, die Doors, »Sweet Dreams (are made of this)« , Lou Reed und sogar »Where did all the flowers go?« . Und es spricht auch nichts dagegen, dass die Tim-Robbins-Figur einen ähnlichen Musikgeschmack hat.