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23. September 2015
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Am Ende ein Fest (Sharon Maymon, Tal Granit)


Am Ende ein Fest
(Sharon Maymon, Tal Granit)

Originaltitel: Mita tova, Intern. Titel: The Farewell Party, Israel / Deutschland 2014, Buch: Sharon Maymon, Tal Granit, Kamera: Tobias Hochstein, Schnitt: Einat Glaser Zarhin, Musik: Avi Bellili, mit Ze'ev Revach (Yehezkel), Levana Finkelstein (Levana), Aliza Rosen (Yana), Ilan Dar (Dr. Daniel), Rafi Tabor (Raffi Segal), Ruth Geller (Zelda), Samuel Wolf (Max), Josef Carmon (Carmon), Hilla Surjon (Noa), May Katan (Libby), 93 Min., Kinostart: 24. September 2015

Altersdemenz (incl. Alzheimer) ist eines der Kinothemen des Jahres, dafür haben Still Alice und Honig im Kopf bereits gesorgt. In der israelisch-deutschen Koproduktion Mita tova spielt die Thematik auch hinein, aber das noch riskantere Sujet, das in dieser erstaunlich stilsicheren Komödie abgehandelt wird, ist die Sterbehilfe – also eine Materie mit hohem emotionalen wie moralischen Anspruch. Und vermutlich nichts, was sich auf den ersten Blick für eine Komödie anbietet, sondern eher für eine sensible Herangehensweise an diverse delikate Probleme. Doch wer entscheidet eigentlich über die Verteilung von Themen auf Genres? Gerade die innovative und kreative Nutzbarmachung vermeintlich klar umrissener Genrekonventionen zeichnet oft die besseren Vertreter des Genres aus. Nur hat es sich leider erwiesen, dass auf jedes Meisterwerk wie Ernst Lubitschs To Be Or Not To Be (selbst über Hitler darf man in bestimmten Situationen lachen) diverse Fehlversuche kommen, bei denen man dann im falschen Moment aus den falschen Gründen über die falschen Dinge evtl. eben nicht mehr lacht.

Mita tova ist aber nicht nur eine ungewöhnliche Komödie, denn der Film ist außerdem klar einem anderen, weitaus kleineren Genre zuzuordnen: dem caper film (das mit komödiantischen Elementen versehene Subgenre des heist film), in dem es um minutiös geplante Einbruchs- und Diebstahldelikte geht, bei denen einige Spezialisten dann mit überraschenden Komplikationen kämpfen. In diesem Fall müssen unsere eigentümlichen Helden allerdings nichts stehlen, wenn sie nachts in Seniorenheime und Krankenhäuser eindringen. Sie bringen stattdessen ein »Geschenk«, den selbstgewählten und selbstinitiierten Tod anstelle eines unwürdigen und von Schmerzen durchdrungenen langsamen Dahinscheidens (ja, es geht hier mehr um individuelle Einzelschicksale, die sich dem Drehbuch unterordnen – und weniger um generelle Fragestellungen um Pro und Contra der Euthanasie).

Am Ende ein Fest (Sharon Maymon, Tal Granit)

Bildmaterial: NEUE VISIONEN

Schon der Einstieg des Films zeigt das humoristische Potential des Todes(wunsches): Bei der Rentnerin Zelda klingelt das Telefon. Und wer anderes sollte am anderen Ende sitzen als »Gott« persönlich, um Zelda darüber zu informieren, dass sie mit ihren Krebsbehandlungen noch weitermachen muss, weil aktuell »kein Platz frei« sei im Himmel. Der vermeintliche »Gott« ist zwar nur der über einen Hall-Mechanismus seine Stimme verändernde 71jährige Tüftler Yehezkel (Ze'ev Revach), der sich mit seiner Frau Levana (Levana Finkelstein) gleichzeitig einen Spaß macht, aber auch der geistig etwas zerstreuten Bekannten Zelda neuen Lebensmut eingibt. Dass dieser Film voller Überraschungen (und Pointen) steckt, zeigt sich schon, als ein Rückruf folgt, und Zelda erneut »Gott« sprechen will – der aber leider gerade auf der Toilette sitzt.

Als einmaligen Freundschaftsdienst für Yana (Aliza Rosen), deren unheilbar kranker Mann Max seit einiger Zeit nur noch unter Schmerzen leidet (»Sie halten ihn am Leben als wäre das Sterben ein Verbrechen«) will Yehezkel ihr und Max helfen. Man informiert sich und findet sehr schnell einen Arzt, Dr. Daniel (Ilan Dar), der sich damit brüstet, schon viele eingeschläfert zu haben – ehe sich dann herausstellt, dass er nur Tierarzt ist. Wie der Tüftler Yehezkel ist Dr. Daniel einer der in heist films wie Ocean's Eleven oder der Mission: Impossible-Reihe obligatorischen »Spezialisten«, die nun gemeinsam einen Plan erarbeiten, wie man Max von seinem Leiden befreien kann. Das erste Problem: keiner will die tödliche Spritze geben. Wie einen komplizierten Safebrechermechanismus bastelt Yehezkel schließlich mithilfe illegaler Konstruktionspläne aus dem Internet eine Sterbehilfemaschine, bei der der Patient mit Todeswunsch selbst den Knopf drücken kann. Die diffizile Maschine birgt viele Risiken, denn rein rechtlich geht es ja um Mord oder Beihilfe zum Mord. Und nicht nur muss man das Gift besorgen und ungesehen zum Patienten und wieder herauskommen – auch ist auf den Mechanismus (erst erfolgt eine Betäubung, eine Minute später folgt das Gift) kein kompletter Verlass, und so müssen die Spezialisten »vor Ort« sein, können den Mechanismus nicht einfach der »Auftraggeberin« in die Hand drücken. Vorher im Film kann man schon anhand einer von Yehezkels Erfindungen, eines »Tablettenkalenders«, erkennen, dass seine Konstruktionen durchaus fehleranfällig sind. Und nebenbei wird der Zuschauer hier auf die sich verstärkende Demenz seiner Frau Levana vorbereitet.

Am Ende ein Fest (Sharon Maymon, Tal Granit)

Bildmaterial: NEUE VISIONEN

Der eigentliche Einbruch wird – auf subtile Weise – inszeniert wie der hochspezialisierte Einstieg in einen Bank-Tresorraum. Sicherheitskräfte gibt es auch im Spital, und die Nachtschwestern überprüfen über Monitore die Lebenszeichen der todkranken Patienten. Da wird dann beispielsweise der Herzschlagmesser, der an den Zeigefinger des Patienten Max geklammert war, einem der »Einbrecher« übergestülpt – mit dem Ergebnis, dass die Aufregung des »Alibi-Herzschlags« beinahe das gesamte Unterfangen koppheister gehen lässt. Gefahr, Humor und Humanismus ergänzen sich aufs vorzüglichste.

Eine der genialsten Weiterführungen des schanghaiten Genres findet nach dem »Einbruch« statt, wenn der »Fluchtwagen« wegen überhöhter Geschwindigkeit von einem Polizisten angehalten wird – und der Polizist sogar auf ein Verwarnungsgeld verzichtet, als die emotional überforderte Neu-Witwe Yana in Tränen ausbricht und man dies dem Gesetzeshüter damit erklärt, dass die Alten von der mageren Sozialversicherung leben und sie diese finanzielle Zusatzbelastung in Tränen ausbrechen lässt.

Am Ende ein Fest (Sharon Maymon, Tal Granit)

Bildmaterial: NEUE VISIONEN

Das Unternehmen Sterbehilfe wächst den Aushilfskriminellen schnell über den Kopf, weil andere »Auftraggeber« von den Unternehmungen erfahren. Dabei lebt der Film zeitgleich von seinem Respekt für seine Figuren, dem überspitzen Genre-Mix, vielen Überraschungen und einem dauerpräsenten, aber meist sehr leisen Humor. Ein Beispiel dafür: Beim Fall von Max gibt es erste Probleme mit Levana, man will das Ganze um eine Woche verschieben, bis sie wieder bei Kräften ist. Yana ist entrüstet: »Eine Woche? Da kann er schon tot sein!!«. Ob wie hier in sehr schwarzer, inhaltlich absurder Ironie oder in anderen Schattierungen: Es kommt nur alle Jubeljahre vor, dass man über so ernstzunehmende Probleme teilweise so herzhaft lachen kann. Das »Fest« im deutschen Kinotitel ist quasi der Film selbst, der das unvermeidbare Ende zu einem berührenden und erhebenden Erlebnis macht. Und den Zuschauer nebenbei mit sanftem Druck ernsthafte Denkanstöße eingibt. Ein Drahtseilakt zwischen den Gefühlen, mal traurig, oft heiter, dann wieder anrührend und ergreifend, und zwischendurch wirklich spannend (die geschilderten Ereignisse werden diesem letzten Punkt nicht gerecht – aber man muss ja auch noch was zu entdecken haben im Kino!).

Und dabei sind nicht nur die Schauspielleistungen (größtenteils erfahrene Komödianten, die man aber hierzulande nicht kennt) und die Inszenierung formidable, vor allem das Drehbuch zeugt davon, dass es detailliert durchdacht ist – und dennoch immer wieder Platz lässt für kleine Schlenker, die den Film trotz aller Konstruktion irgendwie spontan erscheinen lassen. Ich könnte noch lange erzählen, über die eigentümlichen Aschenbecher und ihr mögliche Symbolik oder eine tolle Zeitlupensequenz, die abermals die Filmgeschichte parodiert. Mita tova ist ein Film, wie man ihn zu selten geboten bekommt. Deshalb: nicht verpassen!