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Die Box




9. Juli 2015
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Den Menschen so fern (David Oelhoffen)


Den Menschen so fern
(David Oelhoffen)

Originaltitel: Loin des hommes, Frankreich 2014, Buch: David Oelhoffen, mit Antoine Lacomblez, Lit. Vorlage: Albert Camus, Kamera: Guillaume Deffontaines, Schnitt: Juliette Welfling, Musik: Warren Ellis, Art Direction: Stéphane Taillasson, mit Viggo Mortensen (Daru), Reda Kateb (Mohamed), Djemel Barek (Slimane), Vincent Martin (Balducci), Nicolas Giraud (Lieutenant Le Tallec), Jean-Jérôme Esposito (Francis), Hatim Sadiki (Abdelkader), Yann Goven (René), Antoine Régent (Claude), Sonia Amori (Prostituierte), Antoine Laurent (französischer Soldat), ngela Molina (Señorita Martínez), Yassir Jahraf (Yassin), Salma Aït Idder (Salma), 101 Min., Kinostart: 9. Juli 2015

Algerien 1954. Daru (Viggo Mortensen) ist der Schulleiter einer fast nur aus einem Klassenzimmer bestehenden Schule im kargen verschneiten Land des Atlasgebirges. Er bringt seinen jungen Schülern bedingt hilfreiche Inhalte wie die Lage französischer Flüsse bei und verteilt dann nach Schulschluss ein paar Lebensmittel.

Von der zehnseitigen Kurzgeschichte L'Hôte von Albert Camus übernimmt der Film nur den Anfang und den Keim für das Ende: Ein Daru bekannter Gendarme namens Balducci beauftragt den Lehrer damit, einen wegen Mordes angeklagten Bauern (Reda Kateb) zum »Gericht« zu überführen. Bei Camus wird größtenteils die erste gemeinsame Nacht der beiden im Schulhaus beschrieben, voller Argwohn und Angst. Im Film wird daraus dann aber eine Mischung aus Western und (Zu-Fuß-)Road-Movie mit Antikriegsbotschaften, wobei es vor allem um die langsam entstehende Freundschaft der beiden geht. Mohamed hat bei Camus noch nicht einmal einen Namen, sondern wird nur als »der Araber« bezeichnet (das ist aber nicht der aus dem Cure-Song »Killing an Arab«, der basiert auf einem anderen Camus-Stoff), und in einer John-Ford-Filmen nicht unähnlichen Landschaften ziehen die beiden durch die Gegend, werden verfolgt und treffen Soldaten und Rebellen, wobei sich immer wieder herausstellt, dass beide Außenseiter irgendwo zwischen den Stühlen sind (»Für die Franzosen waren wir Araber, und jetzt sind wir für die Araber Franzosen«), was hier und da auch mal Vorteile mit sich bringt in den Kriegsquerelen mit unzähligen Schattierungen. Aber größtenteils ist das simple Überleben mit einem Mindestmaß an moralischen Grundeinstellungen ein schwieriges und kompliziertes Unterfangen.

Den Menschen so fern (David Oelhoffen)

Bildmaterial: Arsenal Filmverleih

Die Grundkonstellation des Wärters und Gefangenen, die nur gemeinsam überleben können, erinnert am stärksten an Filme wie Howard Hawks' Rio Bravo oder die John-Carpenter-Variation Assault on Precinct 13 – aber da es hier größtenteils nur um zwei Protagonisten geht und man nach der ersten Belagerung die Schule auch bald verlässt, entwickelt sich daraus ein ganz eigener Stoff, den Camus im Mittelteil vermutlich gar nicht wiedererkannt hätte. Für Mohamed besteht hierbei gar nicht das größte Problem darin, dass sowohl das Gesetz als auch seine Dorfnachbarn ihm auf den Fersen sind, denn wegen des komplexen Ehrencodex ist es so, dass in dem Fall, dass seine Cousins ihn als Rache für einen besseren Unfall töten, Mohameds jüngere Brüder dann wieder ihn rächen müssen usw. – also die Antikriegsbotschaft im Mikrokosmos.

Den Menschen so fern (David Oelhoffen)

Bildmaterial: Arsenal Filmverleih

Geradezu idyllisch sind die nächtlichen Männergespräche, wie man sie auch aus dem klassischen Western (Marlboro-Romantik am Lagerfeuer) kennt. Und nach einigen aufschlussreichen Erkenntnissen und erlebten Kriegsverbrechen bringt Daru den bisher unberührten Mohamed dann auch zu einem kleinen Bordell (mit typischen Saloontüren!), damit er im ungünstigsten Fall zumindest …

Den Menschen so fern (David Oelhoffen)

Bildmaterial: Arsenal Filmverleih

Trotz eines sehr gemächlichen Erzähltempos und einer eher verfahrenen Holterdipolter-Story vollbringt Loin des hommes das, worauf man bei The Cut vergeblich gewartet hat: Der Film ist spannend und man fiebert mit den Figuren mit. Die Filmmusik von Warren Ellis und Nick Cave setzt sehr behutsam und unmerklich ein und ich zweifle auch daran, ob man damit guten Gewissens einen Longplayer füllen kann – aber Schaden richtet sie keinen an. Ich kann nur Nick-Cave-Fans nicht raten, nur deshalb ins Kino zu gehen.

Den Menschen so fern (David Oelhoffen)

Bildmaterial: Arsenal Filmverleih

Das Ende des Films besteht aus zwei Schlüsselszenen: die eine findet man sehr ähnlich auch bei Camus, die andere wäre Camus vermutlich zu konventionell gewesen. Aber mir hat gerade dieser Aspekt irgendwie gefallen. Hin und wieder ist etwas Hoffnung (neben der Closure) ja auch ganz hübsch.