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17. Juni 2015
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Was heißt hier Ende? Der Filmkritiker Michael Althen (Dominik Graf)


Was heißt hier Ende? Der Filmkritiker Michael Althen
(Dominik Graf)

Deutschland 2015, Buch: Dominik Graf, Kamera: Felix von Boehm, Till Vielrose, Musik: Sven Rossenbach, Florian van Voixem, Regieassistenz, Produktionsleitung: Teresa Althen, Artur Althen, mit Michael Althen, Andreas Kilb, Milan Pavlovic, Claudius Seidl, Doris Kuhn, Peter Körte, Moritz von Uslar, Stephan Lebert, Olaf Möller, Anke Sterneborg, Tobias Kniebe, Harald Pauli, Beatrix Althen-Schippenkoetter, Adolf Althen, Hannelore Althen, Artur Althen, Teresa Althen, Wim Wenders, Romuald Karmakar, Tom Tykwer, Christian Petzold, Hans Helmut Prinzler, Caroline Link und den Sprechern Dominik Graf, Jeanette Hain, Philipp Moog, 120 Min., Kinostart: 18. Juni 2015

Dominik Graf und Michael Althen waren befreundet und haben zwei Dokumentarfilme gemeinsam gedreht. Graf war also die naheliegende Wahl für ein posthumes Porträt des Kritikers, das im Presseheft unermüdlich und immer wieder als »Essayfilm« bezeichnet wird – vermutlich eine Bezeichnung, die die typische Herangehensweise eines Dokumentarfilms (Interviews mit Zeitzeugen, Präsentation von vorhandenem Material) mit der etwas ungewöhnlichen, weil deutlich subjektiven Sichtweise kombiniert. Wobei natürlich kein Mensch bei so einem kurz nach Tod eines künstlerischen Menschen entstandenen Film einen dezidiert kritischen Blick erwarten würde. Mittlerweile sind ja unzählige »dokumentarische Biopics« schlichtweg Lobhudeleien, und wenn man nur an diesen unsäglichen Nowitzki-Film denkt, der allen Ernstes für den deutschen Filmpreis nominiert wurde, scheint es an irgendeiner Stelle auch eine Akzeptanz dieses Phänomens zu geben.

Und gleich vorweg: Was heißt hier Ende? ist definitiv interessanter, ausgewogener und vor allem filmisch ansprechender als das Großteil solcher Filme (ich denke hier beispielsweise an Filme über Robert Altman oder Woody Allen), was nicht nur an Dominik Graf liegt, sondern schon an dem Umstand, dass man im Normalfall vermutlich nicht über alle Eckdaten des Menschen Althen informiert ist und auch nicht unbedingt sein Werk (also seine Texte, aber auch die drei Filme) schon im Vorfeld detailliert kennt.

Was heißt hier Ende? Der Filmkritiker Michael Althen (Dominik Graf)

Bildmaterial: Zorro Film

Die strukturelle Herangehensweise ist einerseits, wie so oft, chronologisch, aber Graf geht damit relativ frei um, und erzeugt dadurch aus seinem offenbar umfangreichen Material, vor allem den zahlreichen Interviews mit Kritikerkollegen, Filmregisseuren und Familienmitgliedern, ein nicht durchweg lineares, und dadurch »spannenderes« Porträt. Wenn zum Schluss des Films die Struktur immer deutlicher zu Tage tritt (zum Beispiel durch die Betonung auf Nachrufe, die ähnlich wie die »Trauerrahmen« bei häufig kleinerem Bildformat unübersehbar auf das Thema Sterblichkeit vorbereiten), dann erst wird einem bewusst, dass der mittlerweile schon auf der Zielgeraden befindliche Film volle zwei Stunden Lauflänge hat und einen bis zum Schluss sowohl informiert als auch unterhält.

Grafs filmischer Expertise ist es zu verdanken, dass es als eine Abkehr von der bloßen Chronologie als wichtige Bestandteile des Films klare Kapitel über Orte gibt. Nicht nur über Althens Wohnorte München und später Berlin, sondern auch über die beruflich wie persönlich wichtigen Filmstädte Cannes, Venedig und Paris – jeweils mit kleinen lokalen Impressionen, die den textlastigen Film auflockern. Und einen als Zuschauer gleichzeitig der Person Althen näherbringen. Insbesondere natürlich, wenn man selbst Beziehungen zu diesen Orten aufgebaut hat, denn irgendwie hat der Film natürlich ein Zielpublikum, das sich umfassender mit Film auseinandersetzt. Und für dieses ist selbst ein Ausflug in Althens Büro oder seine persönliche Filmbibliothek hochinteressant.

Was heißt hier Ende? Der Filmkritiker Michael Althen (Dominik Graf)

Bildmaterial: Zorro Film

Auf Filmausschnitte – abgesehen von Filmen von Althen selbst – hat man indes fast komplett verzichtet. Eine Implikation dafür, dass Althens Texte für sich selbst stehen sollen, keiner Visualisierung durch das Ursprungsmaterial bedürfen.

Selbst beim Privatmenschen Althen spielt die »Filmverrücktheit« eine wichtige Rolle – ein Punkt, den ich als Kritiker gut nachvollziehen kann – und so sind die wohl emotionalsten Momente des Films abgesehen von der Geschichte mit dem Interview mit Jacqueline Bisset (bei der man schon darüber nachdenkt, wie viel jetzt journalistisch »aufbereitet« wurde) die, wo die Familie über ihn spricht. Wenn Vater Adolf von seinem Lieblingsfilmkritiker spricht und einem frühen Briefwechsel Michaels mit einem solchen Vorbild, wenn Althen Frau vom Kennenlernen erzählt, das wie ein typischen »meet-cute« in einer Romantic Comedy wirkt – nur eben im Umfeld von Pressevorführungen. Oder wenn der Sohn Artur (übrigens üben die Kinder Althens in Grafs Film auch die Jobs »Regieassistenz« und »Produktionsleitung« aus) von den abendlichen Screenings spricht, die gegen Ende wegen der Krankheit zwar schon nach zwanzig Minuten abgebrochen wurden, aber selbst noch den Tod des Vaters untrennbar mit dem Medium Film verbinden. Denn den zuletzt gemeinsam begonnenen Film hat der Sohn selbst Jahre später noch nicht beendet.

Solche Elemente passen natürlich ganz großartig zum Filmtitel (natürlich aus einem Zitat übernommen), wobei ein Nachruf auf Antonioni fast zu einer traumatischen Mär aufgebauscht wird (nicht von Graf, sondern von Althen selbst).

Aber auch andere »Hobbys« spielen hier eine Rolle, wie Modelleisenbahnen oder die Faszination für den Maler Nicolas de Staël, das Thema eines unvollendeten Filmprojekts Althens. Für solche unerwarteten Exkursionen nimmt sich Graf durchaus etwas Zeit. Und dafür ist der Regisseur ja auch bekannt und wird teilweise abgöttisch geliebt.

Was mich persönlich an dem Film ein wenig gestört hat, war neben dem implizierten Niedergang der deutschen Filmkritik, der beinahe in einem kausalen Zusammenhang zum Tod Althens steht, und der unverhältnismäßig dargestellten Rolle von Caroline Link für die deutsche Filmgeschichte (in einem Atemzug mit Fritz Lang und Wim Wenders) eine mehrfach auftauchende Ungenauigkeit. Da hört man etwa vorgetragene Texte, während die Kamera bevorzugt in die entsprechende Zeitungsseite einzutauchen scheint – und kann dabei immer wieder Unterschiede zwischen dem gesprochenen und dem lesbaren Text sehen, die an keiner Stelle erklärt werden. Oder die Stelle, wo erklärt wird, dass Regisseur Christian Petzold über die Zeitschrift »Filmkritik« zum Film kam. Ein Moment, der mit einer Ausgabe aus dem Jahr 1965 bebildert wird, als Petzold höchstens 5 Jahre alt war. Das wirkt dann entweder etwas beliebig oder unzureichend erklärt. Aber im Großen und Ganzen sind diese Kleinigkeiten so unwicthig wie Druckfehler in einer ansonsten zu Herzen gehenden Kritik.

Tom Tykwer sagt mal im Film, dass Althens Texte für ihn so wirken, als würde er mit dem Autor gemeinsam ins Kino gehen. Ansatzweise erfüllt auch Was heißt hier Ende? diesen Tatbestand.