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Die Box




11. Dezember 2014
Thomas Vorwerk
für satt.org


Stormy Weather (Andrew Stone)

All Singing!
All Dancing!

All Singing, All Dancing: Hollywood-Musicals 1933–1957

Im Dezember und Januar im Berliner Kino Arsenal.

Kino Arsenal

Als letzte einiger großartigen Filmreihen, die das Berliner Kino Arsenal 2014 zeigte, wirkt diese Serie von US-amerikanischen Musicals aus den Jahren 1933 bis 1957 fast wie eine Fortsetzung zu den Pre-Code-Filmen im Sommer (die ältesten Filme innerhalb der Reihe, beispielsweise 42nd Street und Dames, schließen direkt daran an). Zahlreiche Klassiker kann man hier noch mal auf der großen Leinwand sehen, wie Top Hat mit Fred Astaire und Ginger Rogers (mit »Cheek to Cheek«), eine gute Handvoll Filme von Vincente Minnelli, darunter Meet me in St. Louis, der kurz vor seiner Heirat mit Hauptdarstellerin Judy Garland entstand, leicht ausgelagert im Nachmittagsprogramm The Wizard of Oz, natürlich die Gene-Kelly-Knaller Singin' in the Rain und An American in Paris, bis hin zum all black cast von Stormy Weather oder Spätwerken wie Rouben Mamoulians Silk Stockings (1957), ein Cinemascope-Remake von Ernst Lubitschs Ninotchka, angereichert um Musik von Cole Porter oder Guys and Dolls mit einem singenden und tanzenden Marlon Brando an der Seite von Frank Sinatra (von diesem Film soll ein Remake mit Channing Tatum und Joseph Gordon-Levitt in Planung sein). Es gibt wieder eine Menge zu entdecken oder wiederzuentdecken, und die Kopien aus den Pressevorführungen waren schon allein ein Erlebnis. Nachfolgend einige Einzelkritiken zu vorab gesichteten Filmen:

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The Pirate
(Vincente Minnelli)

USA 1948, Dt. Titel: Der Pirat, Buch: Albert Hackett, Frances Goodrich, Lit. Vorlage: S.N. Behrman, Kamera: Harry Stradling, Schnitt: Blanche Sewell, Musik: Lennie Hayton, Conrad Salinger, Kostüme: Tom Keogh, Karinska, Art Direction: Cedric Gibbons, Jack Martin Smith, Set Decoration: Edwin B. Willis, mit Gene Kelly (Serafin), Judy Garland (Manuela), Walter Slezak (Don Pedro Vargas), Gladys Cooper (Aunt Inez), Reginald Owen (The Advocate), George Zucco (The Viceroy), Lester Allen (Uncle Capucho), Lola Deem (Isabella), Ellen Ross (Mercedes), Mary Jo Ellis (Lizarda), Jean Dean (Casilda), Marion Murray (Eloise), Ben Lessy (Gumbo), Jerry Bergen (Bolo), Val Setz (Juggler), Cully Richards (Trillo), The Nicholas Brothers, 102 Min., Vorführungen (OmU): Freitag, den 12. Dezember, 20 Uhr im Arsenal 1 (Eröffnung der Filmreihe, Einführung von Daniel Kothenschulte); Samstag, den 20. Dezember, 21 Uhr im Arsenal 1

Musicals funktionieren ja bekanntlich wie Pornos (oder Actionfilme). Die Handlung ist oft eher rudimentär und dient nur dem Zwecke, die »Nummern« zu verbinden. Dennoch werden immer wieder Versuche gestartet, dieses strukturelle Problem zu überwinden und echte Kunst zu schaffen. Vincente Minnellis The Pirate würde ich jetzt nicht unbedingt als »Ultrakunst« bezeichnen, aber auch wenn die Handlung nur einer Liebes- und Verwechslungs-Komödie entspricht, ist der Film weitaus cleverer, als man zu Beginn annimmt.

Der Vorspann wurde ein Vierteljahrhundert später von Peter Bogdanovich für What's up, Doc perfektioniert: zierliche Frauenhände blättern in einem Buch, das Cast und Crew offenbart, wobei Judy Garland (oder ein Fingermodell) hier schon fast so zärtlich über die Seiten streichelt wie später Barbra Streisand. Manuela (Judy Garland) träumt von einem legendären Piraten (»Macoco nimmt sich die Frau, die er will – aber behandelt sie wie eine Königin!«), soll aber stattdessen – vor allem aus finanziellen Gründen – den neuen Bürgermeister Don Pedro (Walter Slezak) heiraten, bei dem der Hinweis auf die »disparity in our ages« noch das harmloseste Hindernis ist für die Romantikerin, die gerne praktikabler wäre. Irgendwie gelingt es Manuela aber doch, ihre Tante Inez zu überreden, vor der Heirat einen Küstenort zu besuchen, um wenigstens einmal die Karibik gesehen zu haben. Denn ihr Zukünftiger hat zwar früher die Welt bereist, macht sich aber nichts aus der Schifffahrt und will seinen Lebensabend geruhsam mit seiner jungen schönen Frau verbringen.

Bevor Manuela ankommt, erleben wir den etwas zu sehr von sich eingenommenen Schürzenjäger Serafin (Gene Kelly), der mit einer Theater- und Akrobatiktruppe durchs Land reist und in seiner ersten Show-Nummer gleich ein überzeugendes Konzept in seinem Umgang mit dem anderen Geschlecht erklärt: er nennt einfach jede (für ihn interessante) Frau »Niña«. Das gibt keine Verwechslungen und überanstrengt auch nicht sein Gedächtnis – und ca. vier von fünf Frauen finden die aggressive Umbenennung auch noch ganz prickelnd. Die lange Sequenz in einer komplexen Dorfkulisse vor einem strahlenden (gemalten) Technicolor-Himmel findet ihren Höhepunkt, wenn Serafin mit zwischenzeitig aufgegabelten südländischen Schönheiten mit schulterfreien wallenden Kleidern quasi ein eigenes »Karussell« im Sinne von Schnitzlers Der Reigen bestückt. Doch dann erblickt er Manuela und interessiert sich plötzlich auch mal für den Namen einer Frau. Doch sie schwärmt nur von ihrem Bilderbuch-Piraten. Und weil Gene Kelly wie jeder vernünftiger Hollywood-Star auch etwas tut für seine Liebe, reist er Manuela hinterher und behauptet einfach, der Pirat zu sein. Wer jetzt glaubt, bereits die komplette Filmhandlung durchschaut zu haben, könnte positiv überrascht werden, denn es geht auch noch um Hypnose, eine Todesstrafe und den Ruf der Bühne, der irgendwann auch Manuela ereilt. Und diese drei Dinge wirken irgendwie zusammen.

Neben der ansprechenden, weil intelligenten Handlung und den tollen Songs und Tanzeinlagen ist ein großer Schauwert dieses Films die Scheinwelt Hollywoods, die hier auffällig durchschaubar wirkt. Die Brandung des Meeres benässt die Pappmaché-Kielmauer und wer drauf achtet, sieht oft auch den Bindfaden, der als Wind einen Hut wegreißt oder Gene Kelly umso aparter über ein gespanntes Seil tanzen lässt. Wenn die beiden Liebenden im Streit eine halbe Wohnungseinrichtung verwüsten und sich nicht nur verbal einiges an den Kopf schmeißen, erkennt man zwar die klar vorgezeichnete Choreographie, aber es macht einfach Spaß, den beiden dabei zuzuschauen, wie sei sich mit geworfenen Vasen immer nur knapp verfehlen.

Zu meinein Lieblingstricks gehört auch ein Esel, der aufrecht sitzt wie ein Dobermann und den man meistens (aber eben nicht immer) nur von hinten sieht. Und der Schatten des Galgens, der sich zu einem Trommelwirbel auf einer Balkontür abzeichnet. Um Subtilität geht es in diesem Film nicht unbedingt, aber dann wäre es auch kein Musical. Ein sehr gelungener Eröffnungsfilm der Reihe! Und ein weiteres Beispiel dafür, das die kommerziellen Flops oft die interessantesten Filme sind.

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Guys and Dolls
(Joseph L. Mankiewicz)

USA 1955, Dt. Titel: Schwere Jungs – leichte Mädchen, Buch: Joseph L. Mankiewicz (und ohne Credit: Ben Hecht), Lit. Vorlage: Jo Swerling, Abe Burrows, Kamera: Harry Stradling, Schnitt: Daniel Mandell, Musik: Frank Loesser, Kostüme: Irene Sharaff, Choreographie: Michael Kidd, Production Design: Oliver Smith, Art Direction: Joseph Wright, Set Decoration: Howard Bristol, mit Marlon Brando (Sky Masterson), Jean Simmons (Sarah Brown), Frank Sinatra (Nathan Detroit), Vivian Blaine (Miss Adelaide), Stubby Kaye (Nicely-Nicely Johnson), Johnny Silver (Benny Southstreet), Robert Keith (Lt. Brannigan), Regis Toomey (Arvide Abernathy), Kathryn Givney (General Cartwright), B.S. Pully (Big Jule), Sheldon Leonard (Harry the Horse), Dan Dayton (Rusty Charlie), George E. Stone (Society Max), Veda Ann Borg (Laverne), Mary Alan Hokanson (Agatha), 150 Min., Dt. Kinostart: 17. Oktober 1956, Vorführungen (OF): Sonntag, den 14. Dezember, 19 Uhr im Arsenal 1; Sonntag, den 28. Dezember, 19 Uhr im Arsenal 1

Angeblich ist von Guys and Dolls ein Remake geplant, mit Channing Tatum und Joseph Gordon-Levitt. Die ursprüngliche Besetzung mit Frank Sinatra eher in der drittwichtigsten Rolle und Jean Simmonds sowie Marlon Brando (!) wirkt aber fast noch absurder. Brando war damals zwar nach A Streetcar named Desire und On the Waterfront der größte Star, den man kriegen konnte, aber inwiefern die Rolle des singenden und tanzenden Glücksspielers sich mit seinem hehren Method-Acting kombinieren lässt, wirkt zumindest fraglich.

Der mit zweieinhalb Stunden sehr verschwenderisch umgesetzte Film hat einige seiner besten Darsteller aber in den Nebenrollen, denn die aus heutiger Sicht neben Sinatra etwas deplaziert wirkende Vivian Blaine sowie insbesondere die großartigen Charaktergesichter Stubby Kaye (als »Nicely-Nicely Johnson«) und Johnny Silver (als »Benny Southstreet«), die zwar tatsächlich Schmalspurgangster sein könnten, stammen direkt aus der Broadway-Version des Stücks und können entsprechend großartig singen. (Ich mag es auch sehr, wenn nicht nur das Liebespaar am trällern ist, sondern vor allem die Nebenfiguren – deshalb ist auch Little Shop of Horrors eines meiner liebsten Filmmusicals.)

Jean Simmonds als zunächst reichlich steif wirkende Heilsarmee-Missionarin wirkt zwar reichlich altmodisch, aber die Schauspielerin, die einst für Laurence Olivier die Ophelia gab, für Preminger als »Angel Face« auftrat oder in Kubricks Spartacus das Gegengift gegen zuviel Testosteron lieferte, strahlt schon durch ihr Charisma, und die beiden Herren, die – natürlich! – eine Wette abschließen, in der sie eine große Rolle spielt, geben auch ihr möglichstes.

Zu Beginn des Films wirkt die sorgsam durchkonstruierte Plansequenz in den riesigen Kulissen noch etwas hölzern, doch nach und nach wirkt alles richtig heimelig, ob das Straßengemälde im Hintergrund oder die vermutlich sauberste und farbenfrohste Kanalisation, die man je gesehen hat.

Die Bildqualität ist so einzigartig, dass der Film restauriert sein muss oder irgendjemand eine Kopie weggeschlossen hat, die nur zweimal abgespielt wurde. Und auch, wenn ich Zelluloid meistens einer DCP-Vorführung vorziehe, in diesem Fall war ich als unverbesserlicher Old-School-Nörgler, den es schon schüttelt, wenn man in den Vorspanntiteln die Pixel erkennen kann, wirklich mal der Meinung, dass digitale Medien auch ihre Berechtigung haben könnte. Denn so kann man sich auch in weiteren 60 Jahren so an diesem bonbonbunten Schmankerl erfreuen. Aber lieber nicht so lange warten, sondern ab ins Kino!

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Stormy Weather
(Andrew Stone)

USA 1943, dt. Titel: Der Tänzer auf den Stufen, Buch: Frederick Jackson, Ted Koehler, Kamera: Leon Shamroy (und ohne Credit: Lee Garmes), Schnitt: James B. Clark, Musik: Cyril J. Mockridge, Kostüme: Helen Rose, Art Direction: James Basevi, Joseph C. Wright, Set Decoration: Thomas Little, Fred J. Rode, mit Bill Robinson (Bill Williamson), Lena Horne (Selina Rogers), Dooley Wilson (Gabe Tucker), Florence O'Brien (Tucker's Gold-Digging Girlfriend), Emmett »Babe« Wallace (Chick Bailey), Ernest Whitman (Jim Europe), Stymie Beard (Stagehand) sowie Fats Waller, Cab Calloway and His Cotton Club Orchestra, The Nicholas Brothers, Ada Brown, Anise Boyer, Katherine Dunham and her Troupe, 77 Min., Deutsche Erstaufführung: 11. November 1980 (ZDF), Vorführungen (OF): Freitag, den 2. Januar um 21 Uhr (vermutlich Arsenal 1); Samstag, den 17. Januar um 21 Uhr (vermutlich Arsenal 1)

Wie außergewöhnlich dieses Musical mit einem all-black cast war, kann man unter anderem daran erkennen, dass ein Auftritt der Nicholas Brothers fünf Jahre später in The Pirate, wo sie gemeinsam mit Gene Kelly auf großartige Weise den Cole-Porter-Song »Be a Clown« umsetzen, in einigen Kinos (z.B. in Memphis) kurzerhand aus dem Film geschnitten wurde, weil eine gemeinsame Tanznummer in den bigotten Südstaaten offenbar Probleme bereiteten. Woraufhin die Brüder Fayard und Harold Nicholas für fast zwei Jahrzehnte nach Europa auswanderten. Auch Lena Horne, die Hauptdarstellerin aus Stormy Weather, sollte ursprünglich in The Pirate mitspielen, doch ihre Rolle wurde schon einer frühen Drehbuchfassung entfernt. Von einem friedlichen kreativen Miteinander war man zu diesen Zeiten noch weit entfernt, und dass man mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln während des Krieges diesen von schwarzen Musik- und Tanz-Stars nur so strotzenden Film umsetzen konnte, ist ein ziemlicher Glücksfall. Und ein noch größeres Glück ist es, wenn man heutzutage eine so brillante Kopie dieses Films zu sehen bekommt, der zwar einige Probleme wie den unübersehbaren Altersunterschied des Liebespaares hat, aber musikalisch wie tänzerisch jederzeit mit den kaukasischen Technicolor-Spektakeln mithalten kann.

In einer Rahmenhandlung erzählt der allein lebende »Bill Williamson« (Bill Robinson) einigen Nachbarkindern von seiner musikalischen Karriere. Anlass dafür ist ein Hochglanzmagazin in seinem Briefkasten, in dem die Karriere des leicht fiktionalisierten Stars abgefeiert wird. Den Kindern kann Bill dann aber erzählen, dass die prominenten Kollegen wie »Jim Europe«, die ihn mit wohlwollenden Zitaten beschenken, zu Beginn nicht immer von seinen Fähigkeiten überzeugt waren. Die Rückblenden-Geschichte zieht sich über einen längeren Zeitraum hin und beginnt mit der Rückkehr von Bill und seinem besten Freund Gabe Tucker (Dooley Wilson, der »Sam« aus Casablanca) als Soldaten aus dem ersten Weltkrieg, wobei Gabe ein besonderes Talent besitzt, beim Ausgehen einer weiblichen Begleitung vorzumachen, er sei besonders wohlhabend, was schnell zu einigen komödiantischen Kabinettstückchen führt (»You seem to be awfully rich!« --- »I have a little, honey.«). Bill indes lernt die Sängerin Selina Rogers (Lena Horne) kennen, eine jüngere Schwester eines Kriegskameraden, die das Spiel Gabes schnell durchschaut (»Chick Bailey? – We put him in show business!«) und aktuell eher mit ihrer Karriere befasst ist. Als die beiden sich Jahre später zufällig wiedertreffen, arbeitet Bill gerade als Kellner und die gesellschaftlich aufgestiegene Selina nimmt ihn in dieser Funktion zunächst nicht einmal wahr. Sie ist sich nach dem Wiedererkennen aber nicht zu schade, ihn freudig zu begrüßen und ihm einen Job zu organisieren, was aber zu einigen Problemen führt, weil der Produzent der Show offensichtlich ganz andere Ziele verfolgt als aufstrebenden (gleichwohl talentierten) Newcomern zu einem Durchbruch zu verhelfen.

Die sich über einen langen Zeitraum entwickelnde Romanze, die zunächst scheitert, ist aber vor allem ein Vorwand, in immer wieder unterschiedlichen Settings, die über die USA verteilt sind (Chicago – Memphis – New York), afro-amerikanischen Stars wie Fats Waller oder Cab Calloway (und natürlich Robinson und Horne selbst) eine Möglichkeit zu bieten, in sehr unterschiedlichen Auftritten zu glänzen. Ob mit ein paar Arbeitern auf einer Überfahrt, in einem kleinen Speakeasy oder im Hintergrund des vermeintlichen Stars über die Kulissen steptanzend: der Film repräsentiert vor allem, dass (fast) alle Figuren jederzeit »Musik im Blut« haben und ihr musikalsiches Temperament (und Talent) nur schwer unterdrücken können.

Nebenbei hat der Film aber auch genügend Zeit, einige Missstände auf sanfte Weise anzusprechen. So gibt es klischeebeladene Kostüme oder Auftritte in Blackface-Makeup. Wohlgemerkt von Performern, die bereits dunkelhäutig sind, aber dem stereotypen Erwartungsbild entsprechen müssen.

In der filmischen Umsetzung am interessantesten ist der Titelsong »Stormy Weather«, der innerhalb einer Bühnenshow mehrfach einige Realitätsebenen durchbricht und dadurch wie nebenbei die eigentliche Geschichte erzählt. Da sieht man mal durch eine Scheibe Personen im Regenwetter hinter einem Fenster der Bühnenkulisse (quasi unsichtbar für das Theaterpublikum), im nächsten Moment ist diese Szenerie aber nur gemalt, und kurz darauf tanzt man in den Wolken, die sich nun aber wieder als Bühne der Show offenbaren. Und dazu der thematisch passende Text des Songs, der die wahren Gefühle der Sängerin offenbart: »Since my man and I ain't together, it keeps raining all the time«.

Die Liebesgeschichte hakt hier und da ein wenig, aber die musikalischen wie tänzerischen Darbietungen überzeugen zu jedem Zeitpunkt (und sind sehr abwechslungsreich), und spätestens durch den zeitgeschichtlichen Kontext ein echtes Muss innerhalb der Reihe.

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  Dames (Ray Enright & Busby Berkeley)


Dames
(Ray Enright &
Busby Berkeley)

USA 1934, Dt. Titel: Broadway-Show, Buch: Delmer Daves, Kamera: George Barnes, Sid Hickox, Sol Polito, Schnitt: Harold McLernon, Musik: Heinz Roemheld, Songs: Dixon, Dubin, Fain, Kahal, Warren & Wrubel, Gowns: Orry-Kelly, Art Direction: Robert M. Haas, Willy Pogany, mit Joan Blondell (Mabel), Dick Powell (Jimmy), Ruby Keeler (Barbara), Zasu Pitts (Mathilda), Guy Kibbee (Horace P. Hemingway), Hugh Herbert (Ezra Ounce), Arthur Vinton (Bulger), Phil Regan (Johnny Harris), Arthur Aylesworth (Train Conductor), Johnny Arthur (Secretary Billings), Leila Bennett (Laura), Berton Churchill (Harold Ellsworthy Todd), Milton Kibbee (Reporter), Loretta Andrews, Margaret Carthey, Diane Cook, Virginia Dabney, Mildred Dixon, Mary Egan, Gloria Faythe, Ruth Moody, Jean Rogers u.v.a. (Chorus Girls), 91 Min., Deutsche Erstaufführung: 9. März 1980, Vorführungen (OF): Montag, den 5. Januar um 19 Uhr 30; Donnerstag, den 15. Januar um 20 Uhr

Der 35fache Millionär Ezra Ounce (Hugh Herbert) will seinem moralisch einwandfreien Verwandten Horace P. Hemingway (Guy Kibbee) zehn dieser Millionen anvertrauen, wenn er ihn bei seiner »Ounce foundation for the elevation of American morals« (gerne geringfügig abgekürzt als »The O.F. for the E. of A.M.« unterstützt – und sich nebenbei nichts zu Schulden kommen lässt. Ein Dorn im Auge ist Ezra indes das schwarze Schaf der Familie, Jimmy Higgens (Dick Powell), der nicht nur gerade eine Broadway-Show mit dem vielversprechenden Titel »Sweet and Hot« auf die Beine stellen will, sondern auch noch (ohne das Wissen ihres Onkels Horace) frischverliebt in Barbara (Ruby Keeler) ist. Das könnten schon genügend Probleme für die seinerzeit obligatorischen komödiantischen Verwicklungen sein, doch Ezra hat auch noch dem Showgirl Mabel (Joan Blondell) die Möglichkeit gegeben, ihn zu erpressen, und wird nun auch noch dazu erpresst, mit seinen Ersparnissen die potentiell sittenwidrige Show mit unzähligen junge Tänzerinnen (darunter auch Barbara, die aus Eifersucht unter falschem Namen in Rekordzeit zum Theaterstar wird) zu finanzieren.

Der Plot gibt vor allem Guy Kibbee (Typ Heinz Ehrhardt, nur nicht so gutaussehend) die Möglichkeit, mehrfach die leichtbekleidete Mabel in seinem Bett zu entdecken (alles ganz harmlos), die dann damit droht Alarm zu schlagen, während auf der anderen Seite der Tür argwöhnische Menschen wie Zugschaffner oder Horaces Ehefrau Mathilda (Zasu Pitts) lauern. Und der ach so moralfeste Ezra ist vor allem damit beschäftigt, seinen fast chronischen Schluckauf mit dem nicht mehr zeitgemäßen »Dr. Silver's Golden Elixir« zu heilen. Dass die hochprozentig ist, versteht sich von selbst ...

Die ersten zwei Drittel des Films beschäftigen sich mit der Handlung, in der letzten halben Stunde übernimmt dann vor allem Busby Berkeley das Ruder, der mit seiner militärischem Akribie und grenzenlosen Kreativität mal wieder einige Shownummern inszeniert, die nicht nur klar filmisch sind und auf keiner Theaterbühne aufgeführt werden könnten, sondern auch innerhalb der filmischen Konkurrenz wegweisend sind – und teilweise so abstrakt wie die Animationsfilme von Oskar Fischinger. Eine ansatzweise anspielungsreiche Gesangsnummer der Büglerin Blondell mit unzähligen männlichen Nachthemden ist bereits ein Spektakel, aber »I only have eyes for you« suggeriert nicht nur (mit Spiegeltricks, Präzision und Montage) eine Hundertschaft von tanzenden Ruby Keelers, sondern bietet kaleidoskopartige Draufsicht-Tableaus, die es durchaus in Sachen Schauwerten durchaus mit den Computer-Moneyshots aus Matrix, Hobbit usw. aufnehmen können.

Dass dieses Musical noch aus der Pre-Code-Ära ist, merkt man zwar nur an wenigen Stellen (»Absolutely no nudity. I'm disappointed.« fasst es Horace mal zusammen), aber die großen Warner-Musical-Stars dieser Zeit sind alle versammelt und der Film ist ein großes nostalgisches Vergnügen, bei dem man zwar die meisten Tricks erkennen kann (besonders schön finde ich die vage auszumachenden Fußbodenmarkierungen bei der Szene mit den riesigen Keeler-Köpfen), aber das Erkennen macht viel mehr Spaß als die oberflächliche Perfektion heutzutage, die diese Kreativität vermissen lässt.

Nachtrag: Für meine Verhältnisse sind die Kritiken diesmal etwas schwelgerisch ausgefallen, aber ich muss auch einfach zugeben, dass die fünf oder sechs Arsenal-Sichtungstage 2014 (Forum mal ausgeklammert, aber da habe ich auch nur selten drei Filme hintereinander gesehen) meine allerliebsten Kinotage waren, und die drei Kopien, die man in diesem Fall der Presse zeigte (Babes hatte ich noch Zuhause auf DVD liegen), einfach von einer Qualität waren, die die oft zu sehr kultivierte kritische Distanz regelrecht pulverisierte. But i like it.