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Die Box




20. August 2014
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Sag nicht wer du bist (Xavier Dolan)
Sag nicht wer du bist (Xavier Dolan)
Sag nicht wer du bist (Xavier Dolan)
Bildmaterial: Kool Filmdistribution
Sag nicht wer du bist (Xavier Dolan)
Sag nicht wer du bist (Xavier Dolan)
Sag nicht wer du bist (Xavier Dolan)


Sag nicht
wer du bist
(Xavier Dolan)

Originaltitel: Tom à la ferme, Kanada 2013, Buch; Xavier Dolan, Michel Marc Bouchard, Lit. Vorlage: Michel Marc Bouchard, Kamera: André Turpin, Schnitt, Kostüme: Xavier Dolan, Musik: Gabriel Yared, mit Xavier Dolan (Tom), Pierre-Yves Cardinal (Francis), Lise Roy (Agathe), Évelyne Brochu (Sara), Manuel Tadros (Barmann), Jacques Lavallée (Priester), Anne Caron (Ärztin), Olivier Morin (Paul), 105 Min., Kinostart: 21. August 2014

Die vierte Regiearbeit des kanadischen Wunderkinds Xavier Dolan (der hier neben dem Drehbuch, der Montage und den Kostümen auch noch die Titelrolle übernahm) ist wie der Vorgänger Laurence Anyways von einer tiefen Prätentiösität durchdrungen. Doch die Adaption eines Theaterstücks ist auch zutiefst filmisch und queer bis ins Mark.

Die eigentliche Geschichte an der Oberfläche ist schnell erzählt. Nach dem Tod seines Lovers Guillaume fährt der 25jährige Tom (Xavier Dolan) auf das ländliche Gehöft (stagnierende Milchwirtschaft und ein paar Maisfelder) der Familie, um der Beerdigung beizuwohnen. Die Mutter (Lise Roy) weiß nichts von der Homosexualität des Sohnes und der ältere Bruder Francis (Pierre-Yves Cardinal) drängt Tom mit abgründiger Brutalität, davon auch nichts zu verraten. Es geht sogar soweit, dass die Alibi-Freundin Guillaumes auftaucht, die die Charade ebenfalls mitspielt.

Doch die wirkliche Geschichte des Films findet zwischen den Bildern statt. Die Unterdrückung und Verheimlichung des schwulen Doppelleben seines kleinen Bruders scheint für Francis auch die eigene unterdrückte Sexualität zu spiegeln. Noch dazu geht diese Hand in Hand mit einer vage angedeuteten Misshandlungsvergangenheit. Über den verstorbenen Vater erfährt man wenig, aber während das Ansehen des »Golden Boy« Guillaume unbedingt gerettet werden muss, wird der verbleibende Sohn, der sich für den verhassten Hof und die Mutter aufopfert, von dieser drangsaliert, erniedrigt und einmal sogar (harmlos, aber deutlich) geschlagen. Aus dieser dunklen homophob-philen Sado-Maso-Kiste wird eine Art Mischung aus Psycho und Brokeback Mountain, und Tom weiß nicht, ob er seine Zuneigung auf den Bruder des verstorbenen Lovers transferieren soll (benutzt übrigens dasselbe Parfüm) oder lieber schnell verschwinden, bevor ihn ein grausames Schicksal erwartet.

Die Kernmomente der Interpretation werden manchem Betrachter kaum auffallen. Zum einen gibt es zwei formatmäßig markierte Szenen, die darauf hindeuten, dass sie eine zusätzliche Bedeutung haben. In der ersten kämpfen Francis und Tom in einem Maisfeld (der andere Hitchcock-Film lässt grüßen), wobei das temperamentvolle Rangeln ähnlich wie im bekannten Jürgen-Drews-Schlager auch als Platzhalter für Sex zu verstehen sein dürfte. Die Symbolik ist hierbei erdrückend: beide kehren zurück mit tiefen Schnittverletzungen an den Handgelenken, angeblich, weil die Maisblätter gefährlich scharf seien. In diesem Umfeld kann eine ausgelebte Sexualität schnell blutige Folgen haben.

Die andere Szene, in der Dolan um das Filmbild herum einen großen schwarzen Rahmen lässt, dreht sich um einen Spaten als Symbol. Abermals fliegt Tom vor Francis in die Natur, die Parallelität zwischen Sex und Tod ist unübersehbar, der Spaten steht offenbar für den Phallus, für eine tödliche Waffe und auch noch für den Totengräber, der auch noch andere Leichen / Geheimnisse im Keller (oder Wald) verscharrt. Eben ein Slasher-Horror-Film, bei dem nur die Morde ausgespart wurden – und gleichzeitig die Sexszenen.

Die durchaus gegebene Möglichkeit, dass ein nichtsahnender Betrachter den plakativen Subtext einfach nicht wahrnimmt, sozusagen ausblendet, ist hier natürlich auch die Entsprechung einer heterozentrischen Gesellschaft, die wie die Mutter manche Fakten einfach nicht sehen will (beispielsweise, wenn sie Tom und Francis in der Scheune beim Tangotanzen erwischt). Vermutlich muss man manche Zuschauer auch behutsam bei der Hand nehmen, sie bitten sich zu setzen, und dann fragt man sie mal, wo die ersten beiden »Übergriffe« von Francis auf Tom stattgefunden haben. Wer sich dann daran erinnert, dass das in Toms Schlafzimmer und der Kabine einer Herrentoilette war und darauf beharrt, dass die Wahl dieser Orte keine tiefere Bedeutung hat, der wird mit solchen »subtilen Hinweisen« nie warm werden. Übrigens bringt auch der Tod einiger Kühe, den Francis zu verheimlichen scheint, hier wieder Sex und Tod miteinander in einen dunklen Zusammenhang. Aber, wie gesagt, der Film spielt größtenteils auf einer Interpretationsebene, das ist nicht jedermanns Ding.

Wenn man aber genau hinschaut und bereits ist, darüber nachzudenken, kann man beispielsweise kaum eine »harmlose« Erklärung dafür finden, warum etwa in Guillaumes Schlafzimmer, das Tom während seiner Zeiten »auf der Farm« benutzt, zu Beginn zwei Einzelbetten zu sehen sind, die am Schluss zusammengerückt wurden. Auch die Poster in Guillaumes Zimmer und der Name der Bar verdeutlichen, dass die Wahrheit überall klar zu sehen ist, wenn man nur bereit ist, sie zu akzeptieren.

Irgendwie ist es natürlich auch ein wenig seltsam, dass ein Film, der die Unterdrückung der schwulen Liebe zum Thema hat, diese genauso »versteckt« wie die Gesellschaft, die er quasi zum »Killer« dieses allegorischen Horrorfilms macht. Und es gibt auch ein paar Entscheidungen, die man dem Film übel nimmt. Die großartige Szene mit dem (offenbar auch seine Sexualität unterdrückende) Barmann findet gemeinsam statt mit einer elliptisch ausgesparten (aber deutlich markierten) Hetero-Sex-Szene, die für Tom offenbar verletzender ist als so mancher Schlag ins Gesicht. Und dann folgt auch noch das »Sequel« der Barszene, plakativ und für das Verständnis des Films uncharakteristisch deutlich. Aber vielleicht ist das auch wieder so ein Moment, der nur die Abscheulichkeit illustrieren soll. Die Abscheulichkeit einer sich als »normal« definierenden Mehrheit, die aber spätestens durch die gewaltvolle Unterdrückung aller Andersdenkenden (oder -liebenden) klar ihre Anormalität hervorkehrt.

Von einigen sehr dick aufgetragenen Szenen abgesehen, zeichnet sich der Film auch oft durch seine Subtilität aus. Gerade im Schauspiel. Bei Lise Roy etwa ist man sich manchmal gar nicht so sicher, ob sie nicht längst weiß, was alle um sie herum zu verstecken versuchen. Und sie spielt dabei vielleicht einfach nur mit, was die Abgründigkeit der Scheuklappen-Mentalität natürlich auch noch mal verdeutlicht.

Ach ja, im Presseheft feiert man auch noch den Soundtrack von Gabriel Yared ab, obwohl der für mich eindeutig zu offensichtlich inspiriert von den Streichern von Bernard Herrmann ist. Da, wo der »Amerika-Song« Going to a Town von Rupert Wainwright (»do you really think you go to hell for having loved?« ... »I'm so tired of you, America«) mal wieder sehr plakativ zum Interpretationsansatz passt, den die von Tom und Francis getragenen Jacken herausfordern, ist Dolan mal wieder sehr aufdringlich und etwas platt. Aber an einer anderen Stelle hatte die Filmmusik für mich einen wirklich genialen Moment. Wenn man kurz vor der Barszene die dumpfen Bässe vernimmt, die durchaus an die sonst vorherrschenden Streicher erinnern, und ich ein wenig über mich selbst erstaunt war, dass ich schon sehr früh Sunglasses at Night von Corey Hart erkannte. Irgendwie ein Song, der auch harmlos klingt, aber die Abgründe dieses Films gut illustriert. Ich stelle mir dabei einen Norman Bates vor, der des Nachts mit einem geschulterten Spaten vor einer öffentlichen Herrentoilette lauert und noch nicht genau weiß, was er als nächstes tun wird …