Anzeige:
Die Box




31. Juli 2014
Thomas Vorwerk
für satt.org


Immer nur Kritiken schreiben – macht gar keinen Spaß! Einer der wenigen Vorzüge innerhalb des ehrenamtlichen Hartz IV-Journalismus besteht darin, dass man sich auch mal losreißen kann aus dem trüben Trott im Hamsterrad des nach Kinostarts katalogisierten Käfigs des käuflichen Korrespondenten und in einer ziellosen Extravaganz schwelgt, über die elf von zehn Leser nur den Kopf schütteln. Zack!

SCHILLERND IN BUNTEN FARBEN
Illustrierter assoziativer Schüttelreim
zwischen Weimar und Schwarzenbach

Nennen wir ihn meinethalben Fritz. Hierbei ist unerheblich, ob Fritz ein Spezialitätenkoch im Froschschenkel-Ressort ist oder eine der schillerndsten Inspirationen der großartigen Übersetzerin Dr. Erika Fuchs.

Fritz ist ein fiktiver Held, dessen Geschichte der einer historischen Persönlichkeit nachempfunden ist. Wie der kleine Herr Duck findet er sich in einer ménage à trois wieder. Aus der unmaßgeblichen Perspektive eines (nicht praktizierenden) Heteros geht Fritz die Sache aber deutlich cleverer an, weil er sich nicht mit dem pomadigen Nebenbuhler Gustav herumärgert, sondern sich zwei Damen warmhält – und im Gegenzug von ihnen warmgehalten wird. Zudem wissen die beiden vom Arrangement und voneinander und halten zusammen wie aufopferungsbereite Geschwister.

Fritz Die Froschfarm  Einig Volk Der Schmuggler

Im Haus der zwei Schwestern werden Standesunterschiede (auch solche, die man sich lediglich erwünscht) genau so ausgedrückt wie bei Frau Fuchs. Über die Sprache. So wie Dagobert sich durch penible Genitiv- und Dativbildung auszeichnet, während die späteren Generationen schon mal abstumpfen, so unterscheidet man sich in der Maison vom gemeinen Plebs durch sorgsam eingesprenkelt französische Floskeln. Darauf mag man partout nicht verzichten, tu comprends?

Gefährlich (Monsieur) Der geizige Verschwender (Oh, là, là)

Das kann sich sogar zur regelrechten Geheimsprache ausweiten, der sich die »französischen Hühner« annehmen, um sich von der gemeinen Dienerschaft abzusetzen. Und hier zeigt sich bei einem Besuch Fritzens auch früh, dass er gleichfalls wie die Damen etwas ganz besonderes ist. Hier böten sich auch Parallelen zu Entenhausen ein, etwa die heldenhafte Rettung aus Seenot, die hier ähnlich lachhaft ausfällt wie bei Fridolin Freudenfett: Ein Kindchen will ein Hundchen retten und muss dann selbst aus dem Wasser geborgen werden, wobei der heroische Fritz beinahe selbst absäuft. Wie sich beim generell »unten ohne« umherstolzierenden kleinen Herrn Duck Schamhaftigkeit ob seine Nacktheit nur dann einstellt, wenn sein Federkleid nass wurde und ihm niemand ein Handtuch reicht, um sich zu bedecken, gerät auch Fritz in eine ähnliche Situation, bei der die Schwestern erneut ihre Opferbereitschaft demonstrieren können.

Die Weihnachtswäsche (einig Volk)



Dank an Hajo, Edda und Anke vom Berliner D.O.N.A.L.D.-Stammtisch
www.donald.org


Hier zeigt sich auch sehr deutlich der Unterschied in der Mentalität und physischen Kontaktfreude (verschämt verkehrtrum oder anschmiegsam bis an die Grenzen der Sittsamkeit). Fritz versieht die ungleichen Schwestern mit den metaphorischen Be- und Auszeichnungen »Weisheit« und »Glut«, die sich auch in der Inszenierung immer mal wieder ausdrücken. Die Weisheit (geborene Caroline) zeigt sich in ihren Szenen eher im nüchternen Profil, die Glut (geb. Charlotte) indes im entsprechend temperierten Gegenlicht. Die Gefährlichkeit des Wassers für Leib und Seele kann schnell zu Krankheit und Fieber führen, und in beiden Fällen steht ein solches Fieber (vgl. Presley) im direkten Zusammenhang mit der poetischen – hatschi – Natur der Liebe.

Unvergessliches Picknick (Hatschi) Geld oder Ware (Rheinfall von Schaffhausen)

Das Element Wasser hat hierbei eine kaum zu übersehende Bedeutung, eine Schlüsselszene des Films findet statt beim Wasserfall von Schaffhausen, einem Sinnbild deutscher Kultur und Naturverbundenheit, das noch heute zum erweiterten Fundus der Allgemeinbildung gehört. Caroline will aus der autobiographischen Erfahrung über »Liebe zu dritt« unter dem Wasserfall sogar einen Roman machen. Und Fritz trägt seine Expertise an, auch wenn er einräumt, dass er sich mit »höfischer Frauenliteratur« nie beschäftigt habe. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern spielt immer eine Rolle.

Daisy Ducks Tagebuch Ausschnitt

Das Copyright für alle donaldistischen Abbildungen liegt bei The Walt Disney Company, die Scans stammen aus den deutschsprachigen Veröffentlichungen beim Ehapa-Verlag. Konkret aus den folgenden Barks-Berichten:
Die Froschfarm (Froggy Farmer, WDC 236), Der Schmuggler (Borderline Hero, WDC 197), Gefährliches Spiel (Dangerous Disguise, FC 308), Der geizige Verschwender (The Thrifty Spendthrift, US 47), Die Weihnachtswäsche (Three Un-Ducks, WDC 184), Unvergeßliches Picknick (Picknick Tricks, WDC 79), Geld oder Ware (The Crazy Quiz Show, WDC 99), Daisy Ducks Tagebuch (A Sticky Situation, FC 1150), Der Stein der Weisen (The Fabulous Philosopher's Stone, US 10) und Der Aprilscherz (Wishing Stone Island, WDC 211, Text geringfügig geändert). Ein interessanter Beweis für die natürliche Überlegenheit des Dezimalsystems


Wenn man erst einmal in den Assoziativwahn verfallen ist (und sich mit Barks-Comics besser auskennt als mit den Werken des alten Fritz), spuken einem viele Ideen durch den Kopf. Vom Namen Bollwitz ist es nicht weit zu Frau Bergassessor von Bollmann. Wird Marie Antoinette nicht im Zusammenhang mit Frau Schmälzle erwähnt? (Nur indirekt, im Original heißt sie übrigens »Pushcake«) Wo gibt es Szenen, in denen jemand mit einem Stock eine Landkarte in den Sand kratzt? Zu »Medea tötet ihre Kinder« könnte man sicher ein abstruses Parallel-Panel finden. Und bei aller Materialität der Liebe (»Billiger macht sie's wohl nicht?«) wäre es natürlich toll gewesen, ein Panel zu finden, wo man sechs Münzen auf einem Nachttisch liegen sieht ...

Besteht nicht auch ein vager Zusammenhang von Rudolstadt bzw. Rudolfstadt (ich bilde mir ein, im Film gäbe es beide Variationen) mit dem Ronald-Dunk-Syndrom?

Dies könnte man ewig weiterführen, doch meine liebste Querverbindung leidet darunter, dass die entsprechende Abbildung wegen der gigantischen Ausmaße quasi den Bezugsrahmen der Comicpanels sprengt, wie Barks es gern bei Seeschlangen o.ä. macht. Der in seinen Erfolgen zunächst eher bescheidene Fritz eifert einem großen Vorbild hinterher, das in Relation zu Zeitgenossen ganz eigene Dimensionen einnimmt. Einer Einladung Fritzens folgten viele Prominente für eine Art Unterschriftensammlung. Schlegel, Fichte oder Humboldt ließen es sich nicht nehmen, dabei zu sein. Die eine historische Persönlichkeit indes, die im Verlauf des Films eher wie ein Phantom auftritt, deren Gesicht man nie genau sieht und die, wenn überhaupt, meist nur aus der Ferne zu erahnen ist, lässt sich gar nicht erst dazu herab, mit vollem Namen zu signieren. Ein großes G mit einem kleinen Punkt dahinter muss genügen. Wofür dieses G steht, ist offensichtlich: »Der Gigant von Weimar«. Und da Fritze quasi ein Lied davon singen kann, dass Weimar ein Labyrinth ist (konkretes Dialogzitat), musste ich an den Minotaurus denken. Wenn der mit G beginnen würde, wäre es natürlich perfekt.

Minotaurus Stein der Weisen



»Spät kommt ihr, doch ihr kommt! Der weite Weg, Graf Isolan, entschuldigt euer Säumen!«

Einige weitere Barks-Panels aus »Geld oder Ware« und natürlich »Theaterfimmel« (Dramatic Donald, WDC 217) hatte ich bereits herbeigesucht, doch wer sehen will, wie Fritzens Werke in gleich zwei Bänden im Haushalt der Ducks zu schauspielerischen Großleistungen animieren oder die Bildung von Tick, Trick und Track dadurch geprägt ist, was sie »in der Schule durchgekaut« haben (eine Schule in Entenhausen ist sogar nach Fritz benannt!), der muss diesen Text eben als Appetithappen auffassen. Ob für die großartigsten Comics der Welt, für historische Dramen oder für den neuen Film von Dominik Graf (oder auch alles zusammen), darf jeder selbst entscheiden. Nun noch eine kurze Filmkritik und ein weiterer Ausflug in die von mir aktuell sehr beliebte Farbdramaturgie, wobei ich darauf hinweisen möchte, dass ich es mir verkniffen habe, die Mützen der Neffen mit den drei Farben auszustatten.

Die geliebten Schwestern (Dominik Graf)

Die geliebten Schwestern
(Dominik Graf)

Deutschland / Österreich / Schweiz 2014, Buch: Dominik Graf, Kamera: Michael Wiesweg, Schnitt: Claudia Wolscht, Musik: Sven Rossenbach, Florian van Volxem, Kostüme: Barbara Grupp, Production Design: Claus-Jürgen Pfeiffer, Art Direction: Thomas Göldner, mit Henriette Confurius (Charlotte), Florian Stetter (Fritz), Hannah Herzsprung (Caroline), Claudia Messner (Madame Louise von Lengefeld), Ronald Zehrfeld (Wilhelm von Wolzogen), Maja Maranow (Frau von Stein), Michael Wittenborn (Knebel), Andreas Pietschmann (von Beulwitz), Anne Schäfer (Charlotte von Kalb), Peter Schneider (Körner), Eva-Maria Hofmann (Fritzens Mutter), Philipp Otto (Fürst von Schwarzburg), Ella Gaiser (Fürstin von Schwarzburg), Ulrich Blöcher (Cotta), Dominik Graf (Erzählerstimme), 138 Min., Kinostart: 31. Juli 2014

Dominik Graf ist ein Regisseur, den man für seine persönliche Note und seinen Mut immer mal wieder loben darf, aber es gibt auch eine eingeschworene Gruppe seiner »Jünger«, die ihn quasi vergöttert und jegliche Kritik am »Meister« gleich als verbohrtes »Nicht-Verstehen« deutet oder als dumpfe Befangenheit innerhalb der starren Konventionen. So was ärgert mich oft. Für mich ist es so, dass auch meine größten Helden hin und wieder mal Murks machen. Und das muss man dann auch benennen dürfen.

Auf der Berlinale habe ich die 171-Minutenfassung des neuen Graf (obwohl mit Fernsehgeldern bezahlt, ausnahmsweise mal wieder im Kino) verpasst. Auch, weil so ein Mammutwerk nicht immer ins persönliche Programm passt und der typische Berlinale-Schlafentzug mich vor besonders langen Filmen zurückschrecken lässt (da nützt auch die 1,5-Literflasche Cola nichts, wenn man dann zwischendurch zum Pinkeln muss). Aber ganz konkret, weil ich drei Tage lang erkältet war, und das eventuell die »Schwestern-Tage« waren. Bin zu faul, dass jetzt nachzuschauen, vielleicht ist das auch nur eine Alibi-Ausrede von mir. Oder eine umständliche psychologische Abwehrreaktion.

Dann also die normale PV der Kinofassung, die um eine gute halbe Stunde gekürzt wurde. Der Anfang des Film überzeugte mich erst mal nicht so recht. Ein fetter Voice-Over-Kommentar erklärt so ziemlich alles, die Vorspanntitel schweben in einer aufdringlichen Billiganimation (und einem irgendwie unpassenden Font) durchs Bild. Dann entwickelt sich die Geschichte, die ganz interessant anzusehen ist. Mit literarischem (und historischem) Hintergrundwissen sieht man vielleicht einen gänzlich anderen Film, offensichtlich ist manches am Drehbuch von Dominik Graf spekulativ, aber immerhin hat man das Gefühl, dass man sich keine unnötigen Freiheiten genommen hat. Die Dialoge (insbesondere das, was nicht irgendwo niedergeschrieben wird) wirken manchmal ziemlich clever (»Wir freuen uns, aber wir fiebern ihm nicht entgegen«, eigentlich meine Dominik-Graf-Erwartzungshaltung), manchmal aber auch etwas aufgesetzt (»Kann ich ihnen heute nacht eine Vertiefung unserer Freundschaft anbieten?«). Und die ganze Dreier-Geschichte zieht sich dann auch etwas und bringt einige Momente mit sich, bei denen man schon mal zweifelt. Aber das ist auch irgendwie typisch Graf, wenn er dann aus einer eigentümlichen, irgendwie unnötigen Suspense-Situation (»Ich werde mich nicht ausziehen, ich erwarte meinen Mann«) doch eine der interessanteren Szenen des Films zaubert.

In seinen besten Momenten erinnert mich Graf an Truffaut, der ähnliche Genre-Interessen hatte und einen ebenso ausgeprägten Sturkopf. Von diesen Momenten gibt es einige in diesem Film. Die Implikationen des Schriftverkehrs, die über das reine Wort hinausgehen (Streichungen, vermeintliche Tränen, Blütenblätter als Geruchssiegel), und natürlich die Geheimsprache, bei der die Namen der drei Hauptfiguren durch geometrische Zeichen ersetzt werden. Darauf aufbauend gibt es manchmal aus dem Briefverkehr entstandene Montagesequenzen, bei denen die Figuren die »vierte Wand« durchbrechen und direkt zum Zuschauer sprechen. Das ist keine neue Idee mehr, aber in diesem Kontext sehr erfrischend. Es gibt auch Stellen (die Geburten), wo die Montage absichtlich eine Desorientierung herbeiführt, was ebenfalls das Interesse wach hält. Im weitesten Sinne gehört dazu auch eine Szene, die offensichtlich in der Jetztzeit spielt (das Haus in Weimar), aber auch, wenn das alles ganz clever gemacht ist, plätschert der Film für mich oft nur so dahin, wer jetzt mit wem wie glücklich oder unglücklich wird, ist irgendwie reichlich schnurz, da ist selbst ein Sockentango zwischen Donald und Daisy irgendwie prickelnder als eine weitere Volte beim Ringelreihen zwischen Fritz und den Schwestern.

Farbdramaturgie

Dennoch will ich noch auf ein Detail hinweisen, das mir aufgefallen ist und das davon zeugt, wie eingehend Graf sich mit dem Stoff befasst hat (auch, wenn seine Begeisterung nicht auf jeden Zuschauer überspringt). Bei einigen Innenaufnahmen (leider habe ich nicht aufgepasst, in welchem Haus sie spielen) sieht man mehrfach ein halbkreisförmiges Fenster aus drei verschiedenfarbigen Glasteilen. Die Farbauswahl mit (von links) rot, »cremegelb« und irgendwas zwischen »eisblau« und türkis lässt sich nicht nur ohne Probleme auf Fritz (natürlich in der Mitte) und die zwei unterschiedlichen Schwestern übertragen (bei der Geheimsprache arbeitet man zwar auch mit Farben, doch entsprechend der Codierung wählt man hier andere Farben), als dann aber auch noch das historische Haus gezeigt wird, in dem Fritz einst lebte, findet man ausgerechnet die Farben des symbolisch aufgeladenen Buntglasfensters wieder. Eine weitere hübsche Idee.



Tausend Likes



Besuche uns auf Facebook und
betätige den »Gefällt mir«-Button: facebook.com/satt.org