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Die Box




17. Juni 2014
Thomas Vorwerk
für satt.org


Kino Arsenal

Let's Misbehave!
Hollywood vor dem
Hays-Code 1930–1934
im Berliner Kino Arsenal

Vom 19. Juni bis 31. Juli versüßt das Arsenal mit einer umfangenden, 30 Filme beinhaltenden Reihe den Kino-Sommer. Die sogenannten »Pre-Code«-Filme aus der frühen Tonfilmzeit waren noch nicht von einer restriktiven Selbstzensur geprägt, die das US-amerikanische Kino für gut dreißig Jahre bestimmte. Die Filme vor dem Code waren sehr von der damaligen Zeit bestimmt und der sich – trotz Börsencrash und anschließender Depression – rasant entwickelnden Hollywood-Maschinerie. Typisch waren für diese Zeit Musicals, Gangster- und Horrorfilme, diese Entwicklungen sind auch in der Filmgeschichte weitgehend belegt. Doch die Filmauswahl zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass man auf der Leinwand Dinge sieht, die Jahrzehnte lang undenkbar in Hollywood erschienen (also nicht nur vage Andeutungen und Ellipsen, sich sittsam verhaltende Hausfrauen und vorbildliche Bürger, sondern Lebensfreude, Kriminalität und Rebellion gegen vermeintliche Autoritätspersonen). Mindestens genauso interessant ist es, schon innerhalb weniger Filme vergessene Stars und Filmemacher (wieder) kennenzulernen und regelrecht in die damalige Zeit versetzt zu werden. Hierzu nach den drei konkreten Texten zu drei exemplarischen Filmen weiteres.

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  Dr. Jekyll & Mr. Hyde

Jetzt noch ein paar Worte zu einigen in der Reihe vertretenen Regisseuren. Am stärksten vertreten sind Mervyn LeRoy und William A. Wellman (sechs respektive vier Filme), die man beide von klassischen Gangsterfilmen wie Little Caesar oder The Public Enemy (jeweils auch in der Reihe) kennt, von denen aber u.a. auch die Filme stammen, die wir auf dieser Seite detaillierter vorstellen wollen. Darüber hinaus sind aber auch Ernst Lubitsch (Trouble in Paradise, Design for Living) Roy del Ruth (Employees' Entrance, Blonde Crazy) und Lloyd Bacon (Picture Snatcher, Footlight Parade) mit je zwei Werken vertreten.

Außerdem gibt es die Möglichkeit, mit Dorothy Arzners Christopher Strong auch mal die seltene Arbeit einer frühen Filmregisseurin zu inspizieren, oder den interpretatorisch herausragenden Dr. Jekyll & Mr. Hyde von Rouben Mamoulian, der auch nach 80 Jahren noch mit seinen Spezialeffekten verblüfft.

Und natürlich viele wenig bekannte Filme von Regisseuren wie Michael Curtiz, Victor Fleming, Gregory LaCava, Mitchell Leisen oder Raoul Walsh, die sich später mit Filmen wie Casablanca, Gone with the Wind, My Man Godfrey, Easy Living und High Sierra einen Platz in der Filmgeschichte sichern konnten.

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  Gold Diggers of 1933 (Mervyn LeRoy)

Vorführungen:
  • Freitag, 27. Juni, um 20 Uhr (mit Einführung von Daniela Sannwald)
  • Sonntag, 13. Juli, um 19 Uhr





Gold Diggers of 1933
(Mervyn LeRoy)

USA 1933, Dt. Titel: Goldgräber von 1933, Buch: Erwin S. Gelsey, James Seymour, Lit. Vorlage: Avery Hopwood, Kamera: Sol Polito, Schnitt: George Amy, Choreographie: Busby Berkeley, Songs: Al Dubin, Harry Warren, Kostüme (Kleider): Orry-Kelly, Art Direction: Anton Grot, mit Dick Powell (Brad), Ruby Keeler (Polly Parker), Warren William (Lawrence), Joan Blondell (Carol), Aline MacMahon (Trixie Lorraine), Guy Kibbee (Fanuel H. Peabody), Ned Sparks (Barney Hopkins), Ginger Rogers (Fay Fortune), Billy Barty (Baby in the »Pettin' in the Park« Number), Busby Berkeley (Call Boy), Loretta Andrews, Monica Bannister, Bonnie Bannon, Jean Barclay, Audrene Brier, Lynn Browning, Edna Callahan, Maxine Cantway, Margaret Cathew, Dorothy Coonan Kathy Cunningham, Virginia Dabney, Mildred Dixon, Shirley Dunstead, Gloria Faythe, June Glory, Muriel Gordon, Ebba Hally, Ann Hovey, Amo Ingraham, Alice Jans, Adele Lacy, Lorena Layson, Cynthia Lindsay, Mae Madison, Donna Mae Roberts, Jayne Shadduck, Bee Stevens, Anita Thomson, Dorothy White, Renee Whitney, Pat Wing, Jane Wyman (Gold Diggers), Sterling Holloway (Second Messenger Boy with Hat), 97 Min.

Die erste und die letzte Nummer dieses Musicals akzentuieren den Kontrast zwischen dem Glanz von Bühnenshows und Hollywood und der Depression draußen auf den Straßen. Leichtbekleidete Damen verbergen ihre Blößen nur hinter einigen überproportionierten Dollars verbergen und singen »We're in the Money«, wobei die Absurdität der Angelegenheit noch durch eine spezielle Refrain-Variante in »Pig Latin« betont wird (das ist eine typisch amerikanische »Geheimsprache«, die nach sehr einfachen Regeln funktioniert: »pig latin« würde codiert »ig-pay atin-lay« lauten). Noch während der Kostümprobe wird das Theater von Ordnungskräften betreten, ein neben einer Treppenflucht stehender Anzugträger lässt seinen suspekt wirkenden Instrumentenkasten vorsichtshalber schnell verschwinden. Da die Finanzierung des Theaterstücks durchgefallen ist, wollen die Geldgeber retten, was zu retten ist, die rabiaten Pfändungsbeamten würden den Revuegirls ihre glitzernden Kostüme am liebsten an Ort und Stelle vom Leib reißen.

Und schon finden sich einige der hoffnungsvollen Showgirls wieder in ihrer armseligen Mietwohnung, aus akutem Geldmangel tragen sie zumeist nur Pyjama, erst die Aussicht auf ein neues Casting lässt sie unrealistisch luxuriös wirkende Kleider leihen, und die Dialoge spiegeln die Verzweiflung der Lage. So sagt eines der Mädchen über den glücklosen Theaterimpressario Bernard Hopkins (Ned Sparks): »If Barney would see me in a dress …«, worauf eine Kollegin kontert »he wouldn't recognize you« – Schlüpfrigkeit als Ausdrucksform der Armut.

Eines der Mädchen, Polly (Ruby Keeler), hat zumindest Grund zum Lächeln, denn sie lauscht dem Klavierspiel des erfolglosen Komponisten Brad (Dick Powell), der in der Wohnung gegenüber wohnt (der Innenhof scheint nur anderthalb Meter breit zu sein). Eine simple, aber zumindest sittsam wirkende Romanze. Als wenig später Barney Hopkins selbst in der Damen-WG seine hochtrabenden Pläne für das nächste Theaterspektakel andeutet, hört er das Geklimpere von Nebenan, und durch die etwas plötzlich angeregte Zusammenarbeit offenbart sich, dass Barney eigentlich weder Idee noch Geldgeber hat, aber sich plötzlich reichlich inspiriert fühlt. Ein Musical über die Depression, mit trostlosen Schlangen an der Suppenkantine, das wär's doch! Und das nunmehr entdeckte Musiktalent Brad glaubt an das kommerzielle Potential dieser Schnapsidee und will Hopkins sogar die dringend notwendigen 15.000 Dollar für die Finanzierung vorschießen. »What did he smoke?«

Um es kurz zu machen: Brad hat tatsächlich das nötige Kleingeld, ist nämlich eigentlich der aus reicher Familie stammende Robert Treat Bradford, doch seine Bemühungen, incognito zu Liebe und Karriere zu finden, führen nur zu einem mittelgroßen Gesellschaftsskandal, weshalb sein älterer Bruder J. Lawrence Bradford (Warren Williams) und der Anwalt der Familie, Peabody (Guy Kibbee), eingreifen müssen, um zu verhindern, dass der offensichtlich durch weibliche Waffen seiner Urteilskraft beraubte junge Mann ein billiges Showgirl, einen »Gold Digger« ehelicht, und dafür sofort enterbt werden würde. Lawrence stürmt voller Vorurteile in das seit der Theaterpremiere plötzlich reichlich geupgradete Domizil der Damen und Carol (Jean Blondell), die er fälschlich für Polly hält, will dem arroganten Snob eine Lektion erteilen, die ähnlich verläuft wie das Gezänk zwischen Elizabeth Bennett und Mr. Darcy. Währenddessen lässt sich auch der etwas betagte Peabody von Trixie (Aline MacMahon), die dem Tatbestand der Goldgräberei schon eher entspricht, um den Finger wickeln.

Die Handlung ist so einfach wie grundsympathisch erzählt, aber das Spektakel sind die Musical-Nummern, jeweils im Kontext des Theaters inszeniert (es fängt also niemand plötzlich zu singen an, sondern das Singen ist der Beruf), aber auf vielfache Art alle Beschränkungen des Theaters durchbrechen. Choreographen-Legende Busby Berkeley war ja bekannt dafür, dass er seine Tanznummern für das Auge der Kamera arrangierte und nicht für ein vor der Bühne positioniertes Theaterpublikum, und so zeigt man die Überlegenheit des neuen Mediums gegenüber der traditionellen Broadway-Show, indem man mit Großaufnahmen, Montage, Kamerabewegungen und Bühnenaufbauten arbeitet, die man so auf einer Bühne nicht realisieren könnte. Interessant ist hierbei aber, dass man einerseits die Dimensionen der Bühne sprengt (plötzlich ist sie so groß wie zwei Turnhallen, es regnet oder schneit, komplexe Bühnenbilder spielen sich auf mehreren Ebenen ab, aber gleichzeitig auch mit unrealistischen »Bühnentricks« arbeitet, die dem Publikum nicht verborgen bleiben. Etwa bei der Anschlussnummer »My Forgotten Man«, die dann tatsächlich Kriegsheimkehr und Depression (eigentlich das Gegenteil dessen, was das Publikum zieht) zum Thema macht und die Soldaten im künstlichen Regen auf klar erkennbaren Laufbändern marschieren. Man führt dem Theater seine Grenzen vor und sprengt die Realität, hält sich aber im nächsten Moment an die Regeln der Bühneninszenierung – ein Spiel mit den Möglichkeiten, dass sowohl Filmenthusiasten als auch Theaterfreunde, die hier ein bisschen mehr sehen können als vom Parkettplatz aus, begeistert.

Im Jahr 1933 gab es übrigens drei große Musicalerfolge, die alle auch im Rahmen der Retrospektive gezeigt werden. Auch in 42nd Street und Footlight Parade spielen Joan Blondell, Dick Powell und Guy Kibbie mit (in unterschiedlich großen Rollen) und Busby Berkeley inszenierte jeweils die Shownummern. Never change a winning team!

  Night Nurse (William A. Wellman)

Vorführungen:
  • Sonntag, 29. Juni, um 19 Uhr 30
  • Freitag, 18. Juli, um 19 Uhr 30



Night Nurse
(William A. Wellman)

USA 1931, Buch: Oliver H.P. Garrett, Lit. Vorlage: Dora Macy, Kamera: Barney McGill, Schnitt: Edward M. McDermott, mit Barbara Stanwyck (Lora Hart), Joan Blondell (Maloney), Ben Lyon (Mortie), Charles Winninger (Dr. Bell), Clark Gable (Nick), Blanche Frederici (Mrs. Maxwell), Charlotte Merriam (Mrs. Ritchey), Edward Nugent (Eagan), Vera Lewis (Miss Dillon), Ralf Harolde (Dr. Ranger), Marcia Mae Jones (Nanny Ritchey), Betty Jane Graham (Desney Ritchey), Walter McGrail (The Drunk), 72 Min.

Aus der Sicht eines Ambulanzfahrers sieht man eine rasante verwegene Fahrt (mit offensichtlicher Rückprojektion) zum Krankenhaus, neben dem Opfer eines Autounfalls wird der Spielort des Films eingeführt durch eine Krankenschwester mit einem Baby im Arm. Der vermutlich Vater ist begeistert »Oooh, a little boy!«, aber die Schwester korrigiert »It's a girl« und sein Interesse ist wie weggeblasen. Ein schöner politisch unkorrekter Einstieg in etwas, was wie der Prototyp diverser Arztserien wirkt (auch wenn es das Genre natürlich auch schon vorher in Groschenheften gab). Unsere Heldin mit dem Herzen am richtigen Fleck heißt auch Lora Hart und wird von Barbara Stanwyck gespielt. Zunächst wird sie unwirsch von der Oberschwester (Vera Lewis) weggejagt, doch dann fällt sie dem älteren Chefarzt (Charles Winninger) aus eher anatomischen Gründen auf und bekommt ihre Chance auf einen Job als Nachtschwester.

Der Arbeitstrott hat mehr mit den Scherzen und Anmachen der »Interns« zu tun als mit melodramatischen Krankengeschichten, es fällt aber schnell auf, dass die Kamera jeweils dabei ist, wenn Lora und ihre Kollegin Maloney (Joan Blondell) sich umziehen und ein ums andere Mal luxuriöse Spitzenunterwäsche offenbaren. Wie lautet später die entsprechende Regel im Hays-Code? Costume VI.2.: »Undressing scenes should be avoided, and never used save where essential to the plot.«

Statt einer üblichen Romanze mit einem Arzt (»Get away from interns. And doctors are no good, either. The only thing that does a nurse any good is a patient with dough.«) kommt dann ein Patient mit einem Einschussloch, was man auch damals schon sofort den Autoritäten hätte melden können, aber Lora lässt sich bezirzen und behält das Geheimnis für sich. Als Dank schickt ihr der Bootlegger (Schnapsschmuggler heißen so nach der Praktik, Flachmänner etc. im Stiefelschacht zu verbergen. Auch für unoffizielle Konzertmitschnitte bürgerte sich deshalb der Begriff »Bootleg« ein), der sie deshalb als »my pal« einstuft, eine Flasche mit Aufschrift »My Pal Rye« (nicht aus den Augen verlieren, dass Hochprozentiges damals verboten war). Immerhin ist es ein Zugeständnis an den korrekten Umgang unserer Schwestern, dass sie den Whisky nur in »Ausnahmezuständen« zur Zahnreinigung benutzen (Maloney: »C'mon, let's get out of here. My teeth need cleaning …«)

Nach den Wochen im Krankenhaus wird Lora zur Betreuung zweier Kinder abgeordert, und erkennt recht schnell, dass die kleinen Schwestern unterernährt sind. Hieraus entspinnt sich das vorgebliche Drama des Films, denn der betreuende Arzt ist unfähig und ignorant, die Mutter schwer alkoholabhängig und ein unangenehmer Chauffeur (Clark Gable als »heavy«) hat offensichtlich ganz eigene Interessen, wird auch mit zudringlich oder schlägt Lora, weil sie zu neugierig wird. Wie sich dieser Plot entwickelt, oder inwiefern Loras »Pal« hier noch involviert wird, sollte man als Zuschauer am besten selbst herausbekommen, aber da das großartige Ende dieses Films etwas ist, was ich unbedingt mit der Welt teilen möchte, gibt es jetzt eine genaue Wiedergabe des Endes mit expliziter Spoiler-Warnung.

Schon als Loras »Kumpel« sieht, dass sie plötzlich ein Pflaster auf dem Kinn trägt, schlägt er ihr vor, seine »Connections« spielen zu lassen, um dem Übeltäter eine Lektion angedeihen zu lassen, aber Lora will sich selbst durchsetzen. Als sie zum Schluss des Films die Angelegenheit regeln konnte, gibt es ein klar angedeutetes Happy End mit dem sich schließlich mit dem Namen »Mortie« vorstellenden Kleinkriminellen, der offensichtlich trotz mehrfachen Versuchen noch nicht den Ausstieg aus der Kriminalität geschafft hat. Falls er das jemals ernsthaft in Betracht gezogen hat. Lora darf jetzt in seinem hübschen Wagen sogar am Steuer sitzen und verwechselt zunächst die Gänge, was eine spielerische Atmosphäre schafft. Nebenbei erwähnt Mortie, dass er kein großer Fan von Nick ist und anderen Personen gegenüber etwas erwähnt haben könnte. Und an dieser Stelle greift der Film die anfängliche Ambulanzfahrt wieder auf, nur etwas verkürzt. Doch als der Wagen diesmal beim Spital angelangt, können die Hilfskräfte nur noch feststellen, dass der Patient (ein Chauffeur) ins Leichenschauhaus gehört. Schnitt zurück zu Lora und Mortie, wobei sie erneut aus Versehen den Rückwärtsgang einlegt. Allgemeines Gelächter und fröhliche Stimmung, kein großes Aufheben darüber, dass zumindest dem Publikum gerade offenbart wurde, dass Loras Freund (ihre Zuneigung könnte auch von materialistischen Beweggründen mitgeleitet sein, auch wenn sie kein »Gold Digger« ist) mindestens unabsichtlich gerade einen Totschlag bis Mord angeordnet hat (aber Nick hat es ja verdient, das ist nur Gerechtigkeit!). Man könnte an dieser Stelle mindestens eine Handvoll von Regeln aus dem Hays-Code zitieren, die solch eine Szene in Zukunft verbieten würden, und es ist sehr schade, wie solch ein lässiger Affront gegen sämtliche Moralvorstellungen hiermit einfach ausgemerzt wurde. Man muss es ja nicht gutheißen oder gar imitieren, was »Mortie« (der Name allein!) hier für seine »Kumpeline« veranlasst hat, aber so einen »runden« und unerwarteten Schluss anstelle der häufig zuckersüßen und in ihrer moralischen Unbeflecktheit Brechreiz erzeugenden Filmenden muss man einfach lieben.

  Wild Boys of the Road (William A. Wellman)

Vorführungen:
  • Dienstag, 22. Juli, um 21 Uhr
  • Montag, 28. Juli, um 20 Uhr



Wild Boys of the Road
(William A. Wellman)

USA 1933, Buch: Earl Baldwin, Lit. Vorlage: Daniel Ahearn, Kamera: Arthur L. Todd, Schnitt: Thomas Pratt, Musik: Bernhard Kaun, mit Frankie Darro (Eddie Smith), Edwin Phillips (Tommy), Dorothy Coonan (Sally), Rochelle Hudson (Grace), Sterling Holloway (Ollie), Arthur Hohl (Dr. Heckel), Ann Hovey (Lola), Shirley Dunstead (Harriet Webster), Minna Gombell (Aunt Carrie), Grant Mitchell (Mr. Smith), Claire McDowell (Mrs. Smith), Robert Barrat (Judge R.H. White), Willard Robertson (Captain of Detectives), Milton Kibbee (Movie Usher), 67 Min.

Wild Boys of the Road beginnt mit einer Jugendparty, einer »Sophomore Frolic«, bei der man(n) jungen Frauen anzüglich auf den Hintern schlägt oder schon mal auf dem Rücksitz solange wild herumknutscht, dass man hin und wieder schlichtweg zum »Luftholen« »auftauchen« muss. In späteren Jahren undenkbar.

Nach dem beschwingten Einstieg geht es aber wieder um die harte Depression, Tommy (Edwin Phillips) und Eddie (Frankie Darro), beste Freunde, wollen ihre verschuldeten und jüngst arbeitslos gewordenen Eltern nicht zusätzlich belasten und brechen auf, um irgendwo einen Job zu finden. Werden dadurch aber nur halblegale Herumtreiber, die sich in Güterzügen durchs Land schlagen, wobei sie auf Sally (Dorothy Coonan) treffen, die im Gegensatz zu den beiden Begleitungen auf der Party übrigens immer der hochanständige beste Freund der Jungs bleibt.

Der andauernde Kampf gegen von der Eisenbahngesellschaft engagierte rabiate Kerle, die eine ganze Jugendbewegung von jobsuchenden Strolchen von Bahnhöfen und Güterzügen verscheuchen soll, wird in diesem Film mit bemerkenswerten Massenszenen und teilweise unerwarteten Härten umgesetzt. Einerseits entwickelt sich die Geschichte wie ein unbeschwertes Lausbubenabenteuer, andererseits schmeißt man mit Steinen, ein Mädchen wird von einem Bremser (die bösen Eisenbahner!) vergewaltigt und hin und wieder kommt auch mal jemand unter die Räder.

Die Balance zwischen Humor und Ernst bestimmt den Film, beispielsweise auch bei Sallys Tante in Chicago, die ihre Nichte jahrelang nicht sah und kaum wiedererkennt, sie und ihre beiden Begleiter aber ohne zu zögern aufnimmt und die Halbverhungerten gleich in die Küche führt, wo eine große Schokoladentorte sie anlacht. Bevor man aber zubeißen kann, kommt es zu einem Tumult in Tante Sallys Wohnzimmer, in dem wohl gerade eine »Party« stattfindet. Der Film erklärt gar nicht, ob hier gerade eine Razzia in einem Speakeasy stattfindet oder eine feindliche Gang ein Bordell angreift, unsere jugendlichen Protagonisten wollen es auch gar nicht so genau wissen und opfern ihr neues Zuhause gleich wieder, verschwinden durch ein Seitenfenster, nehmen dabei aber noch soviel Schokotorte mit, wie man in zwei Händen tragen kann.

Dieses Hin und Her zwischen leichter Kriminalität, guten Absichten und beschwingter Gesellschaftskritik ist auch etwas, was man so selten zu sehen bekommt. Selbst einige tragische Momente werden nicht melodramatisch ausgewalzt, sondern einfach als Schicksal akzeptiert.

Nur das Ende, was dem Regisseur offenbar vom Studio aufgezwungen wurde, spiegelt hier bereits die Veränderungen in der Filmlandschaft. Die jungen Menschen müssen gerettet, die moralische Ordnung muss wiederhergestellt werden. Das freudige »Gee, judge!« klingt schon wie die routinierte Verlogenheit des Hollywoods späterer Jahre.

Cross References

Allein anhand der drei Filme, die der Presse im Vorfeld gezeigt wurden, kann man bereits diverse Feststellungen machen, wenn man nebenbei etwas recherchiert. Die auffällige Dichte von Zusammenhängen liegt natürlich mit dem knapp bemessenen zeitlichen Rahmen zusammen. Und mit dem Detail, dass viele der gezeigten Filme aus den Warner-Studios stammen. Wenn man also drei oder vier andere Filme nach persönlichem Geschmack ausgewählt und dabei etwas genauer hinschaut, wird das Ergebnis ganz ähnlich ausfallen.

In Gold Diggers of 1933 hat Ginger Rogers eine kleine Rolle und die »Astaires«, die noch kurz zuvor Headliner im Vaudeville-Theater waren, werden erwähnt (Freds Schwester Adele zog sich 1932 wegen Heirat aus dem Rampenlicht zurück).

Eine weitere der »Gold Diggers«, die zu dem Zeitpunkt bisher nur ohne Titelnennung durch einige Filme tingelte, war Dorothy Coonan, die dann in Wild Boys of the Road erstmals eine Hauptrolle hatte, den Regisseur William A. Wellman heiratete und sich ebenfalls aus dem Hollywood-Geschäft verabschiedete.

Wenn einer der »Wild Boys« sich in einer dramatischen Szene in ein Kino flüchtet, sieht man auf der Leinwand Guy Kibbee (spielt in Gold Diggers den Peabody) und James Cagney in Footlight Parade (der Filmstart war erst einen Monat später, cleveres Product Placement!), der Platzanweiser des Kinos wird in Wild Boys of the Road übrigens von Milton Kibbee, Guys weniger bekanntem Bruder, gespielt. So klein ist die Welt!

Dann fragt man sich, ob der kleine Hund, den in Gold Diggers Trixie von Peabody geschenkt bekommt, der selbe ist wie der der Mutter in Night Nurse. Seine 15 Sekunden Ruhm, wuff!

Die Rolle des Chauffeurs in Night Nurse, mit der Clark Gable trotz der reichlich widerwärtigen Figur viel zu seiner Karriere beitrug, sollte übrigens ursprünglich James Cagney spielen, der aber durch seinen Erfolg mit The Public Enemy solche Rollen nicht mehr nötig hatte.

Joan Blondell, die ihren letzten großen Filmerfolg 1978 mit Grease hatte, taucht in einem halben Dutzend der Filme der Reihe auf (u.a. auch in The Public Enemy), schon die Auftritte in Gold Diggers und Night Nurse zeugen von ihrer Wandlungsfähigkeit.