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Die Box




20. März 2014
Thomas Vorwerk
für satt.org


Die schöne Krista (Antje Schneider)
Die schöne Krista (Antje Schneider)
Die schöne Krista (Antje Schneider)
Bildmaterial: Aries Images
Die schöne Krista (Antje Schneider)
Die schöne Krista (Antje Schneider)


Die schöne Krista
(Antje Schneider)

Deutschland 2013, Co-Regie, Kamera: Carsten Waldbauer, Buch: Antje Schneider, Schnitt: Catrin Vogt, Musik: Rainer Brüninghaus, mit Krista, Jörg, Janine & Hannes Seeger, Erich & Enno Grashorn, 93 Min., Kinostart: 20. März 2014

Es gibt Dokumentarfilme, die funktionieren ein wenig wie Schulbücher oder Bildreportagen im »Stern«: Sie nehmen einen bei der Hand und erklären einem die Welt. Bevorzugt geht es dann um Missstände wie Fracking, Globale Erwärmung und die dunklen Seiten der Lebensmittelindustrie oder menschliche Triumphe wie Bergbesteigungen oder die Paralympics – wie geschaffen für mittelfristig interessierte Menschen, die geballte Information in einem kurzen, unterhaltsamen Format suchen – und wem anderthalb Stunden zu lang sind, der bekommt dasselbe auch auf vielen Fernsehprogrammen als Vorabendsendung, wo es dann Galileo oder Wunder der Welt heißt.

Und dann gibt es Dokumentarfilme, die davon ausgehen, dass das Publikum selbst denken kann, dass man ihm nicht jedes Detail vorkauen muss. Ein Publikum, das gern auch hinterfragt, was ein Film zeigt. Und warum er manche Dinge nicht zeigt. Rein filmisch gesehen ist das tausend mal interessanter als hübsch bebildertes Infotainment, das eigentlich nur das erzählt, was man von dem Film erwartet hat, seit man einen Blick auf das Plakat warf.

Die schöne Krista hat ein Filmposter, das mit dem durchaus plakativen und im Film mehrfach thematisierten Vergleich mit Misswahlen etc. arbeitet. Schnörkelige rosa Schrift und die titelgebende Schönheit Krista, die als »Miss Germany« natürlich auch eine Schärpe trägt. Zuschauer, die während der Sichtung des Films nicht merken, dass es hierbei natürlich auch um den »Schönheitswahn«, die Vermarktung und andere Missstände geht, sind durchaus denkbar. Aber wer nur ein wenig aufmerksam zuschaut und reflektiert, dass Bauer Seeger sich sicherlich nicht ein halbes Jahr von einem Kamerateam begleiten ließ, um danach wie der ultimative Bösewicht dazustehen, der wird in diesem Film, der oft ein wenig oberflächlich und gefällig daherkommt, viele Kanten, Ecken und Untiefen erkennen, die die Filmemacher ganz bewusst eingebaut haben.

Die Modell-Metapher ist im Film allgegenwärtig. Gleich zu Beginn wohnt man einer Veranstaltung des Deutschen Holsteinverband bei und bereitwillig stellt der »Moderator« diese Verbindung heraus: »Der DHV ist schneller als Heidi Klum: Schon heute Nachmittag präsentieren wir Germany's Next Topmodel.« Krista benimmt sich auch ein wenig wie die jungen Nachwuchsmodels besagter Show: Wenig professionell muss man sie bei Fotoshootings immer wieder überlisten, damit sie ihre ganze Schönheit präsentiert, und wenn man sie gerade »fein« gemacht hat (mit jeder Menge Make-Up-Tricks), macht sie sich manchmal sogar absichtlich wieder dreckig. Aber sie ist halt keine magersüchtige karrieregeile junge Frau, sondern mittleren Alters, dreifache Mutter und vor allem eine Kuh – und der ganze Rummel um sie herum könnte sie kaum weniger interessieren.

Dieser Ansatz des Films hat natürlich ein gewisses Humorpotential, und diese Humormomente werden auch sorgfältig verstreut im Film, um das Publikum bei Laune zu halten, während sich langsam die informativen und weniger schönen Details herauskristallisieren.

Bauer Seeger ist sich teilweise durchaus dessen bewusst, dass er hier »gut dastehen« will (ganz im Gegenteil zu Krista), doch am interessantesten wird es, wenn er die Außenwirkung für einen Moment aus den Augen verliert oder sich gar nicht mehr dessen bewusst zu sein scheint, wie absurd manche Vorgänge für Zuschauer wirken müssen, die nicht seit Jahren von einer Landwirtschaftsschau zur nächsten pilgern und sich fast ausschließlich mit Personen unterhalten, die größtenteils die selben Interessen haben. Und sagen wir es hier mal ganz klar: es geht vorrangig um wirtschaftliche Ziele – Belange von Tierschutz oder artgerechter Haltung sind hier meistens weder sekundär noch tertiär, sondern erst dann von Interesse, wenn die anderen Motive abgedeckt sind und man sich daran erinnert, auch etwas für die Außenwirkung der Landwirtschaft zu tun.

Im dritten Reich wäre es denkbar gewesen, dass bei Misswettbewerben auch »gebärfreudige Hüften« o.ä. honoriert würden – bei den Kühen geht es u.a. ganz klar um den Euter oder die »Dairyness«. Und das ist nur der Einstieg der leichten Perversion, die hier oft unter der freundlichen Oberfläche brodelt. So sieht man an einer Stelle des Films etwa eine Geburt, die mit einer Winde praktiziert wird – ein Instrument, das etwas an einen Wagenheber erinnert. Das sieht weder besonders angenehm noch »natürlich« aus und wird auch nicht weiter thematisiert … doch wer den Film nicht nur schaut, um sich mit Absurditäten zu unterhalten, der kann an dieser Stelle darüber nachdenken, ob die Windengeburt bereits etwas ganz »normales« im Elitezuchtbetrieb ist, ob die Jagd nach immer »perfekteren« Nachwuchs etwa solche Vorgänge wie eine Geburt immer problematischer machen.

Was den Film großartig macht, sind die winzigen Ausbrecher aus dem Heile-Welt-Bild, das hier und dort aufzubauen versucht wird. Wenn Kristas Anhänger mal für einen kurzen Moment gleich neben einer Burger-King-Filiale steht, drängen sich Assoziationen auf, wenn Bauer Seeger Krista »Mausi« oder »Schnecke« ruft, seinen kleinen Sohn hingegen »Kumpel« oder man wie selbstverständlich über den »Embryonenverkauf« spricht, da tun sich die Abgründe auf. Oder wenn Krista nach einigen Verzögerungen endlich Nachwuchs bekommt, und sich Bauer Seeger aufführt wie eine Mischung aus stolzem Vater, einem Wimbledongewinner mit »Becker-Faust« und einem rein wirtschaftlich interessierten Herrn vom Schlage eines Monty Burns. »Yes! Yes! Yes!«

Nach dem Trip zur Europameisterschaft in Italien gibt es schließlich auch einen Ausflug nach Kanada, wo man nebenbei auch den wie einen Spazierstock wirkenden Originalpenis des berühmten Zuchtbullen »Starbuck« bestaunen kann.

Man könnte noch unzählige Details dieses hochinteressanten Films beschreiben, doch man sollte sie selbst als Zuschauer kennenlernen. Gerade in der Montage (allein für den vermutlich etwas nachgebesserten Musikeinsatz von Also sprach Zarathustra muss man Catrin Vogt besonders loben) wird Bauer Seeger hier nämlich auch hin und wieder vorgeführt, wenn er an einer Stelle besonders umsichtig erscheinen will und Kollegen kritisiert, nur damit kurz darauf der kaum kaschierte Neid zutage tritt. Das Erschreckendste an dem Film ist nämlich, dass Bauer Seeger wirklich noch einer der »Guten« ist – Jemand, der noch selbst mit anfasst, sich dreckig macht, für seinen Betrieb (und die Zukunft seiner Familie) kämpft. Und der sich dabei bereitwillig über die Schulter schauen lässt. Was in unzähligen anderen Betrieben vorgeht, sieht man ja manchmal nur auf halblegalen nächtlichen Videos …

Ich kann die konkrete Wirkung dieses Films nicht abschätzen – und es ist ja auch eher unwahrscheinlich, dass jetzt unzählige »unbeleckte« Zuschauer ins Kino laufen oder demnächst am richtigen Tag »das kleine Fernsehspiel« anschalten – aber ich bin nach wie vor der Meinung, dass solch eine Schulung von Intellekt und Aufmerksamkeit viel interessanter – und langfristig lehrreicher! – ist als jene Dokumentarfilme, die immer nur mit dem Finger auf bestimmte Details zeigen (»wie verwerflich!«, »wie grandios!«), dabei aber selbst keine inszenatorische Klasse zeigen. Für mich muss ein Dokumentarfilm vor allem auch ein Film sein, eine Demonstration der Möglichkeiten des Mediums – und da ist Die schöne Krista ein großartiges Beispiel.