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Die Box




5. Februar 2014
Thomas Vorwerk
für satt.org


Free Birds – Esst uns an einem anderen Tag (Jimmy Hayward)
Free Birds – Esst uns an einem anderen Tag (Jimmy Hayward)
Free Birds – Esst uns an einem anderen Tag (Jimmy Hayward)

Bildmaterial: Senator Film Verleih
Free Birds – Esst uns an einem anderen Tag (Jimmy Hayward)
Free Birds – Esst uns an einem anderen Tag (Jimmy Hayward)
Free Birds – Esst uns an einem anderen Tag (Jimmy Hayward)


Free Birds – Esst uns an einem anderen Tag
(Jimmy Hayward)

USA 2013, Originaltitel: Free Birds, Buch: Scott Mosier, Jimmy Hayward, Schnitt: Chris Cartagena, Musik: Dominic Lewis, mit den Originalstimmen von Owen Wilson (Reggie), Woody Harrelson (Jake), Amy Poehler (Jenny), George Takei (S.T.E.V.E.), Colm Meaney (Myles Standish), Keith David (Chief Broadbeak), Dan Fogler (Governor Bradford), Jimmy Hayward (Ranger / Leatherbeak / President / Hazmats), Kaitlyn Maher (President's Daughter), Carlos Alazraqui (Amos), Jeff Biancalana (General Sagan / Hazmats), Danny Carey (Danny), Carlos Ponce (Narrator / Alejandro), Robert Beltran (Chief Massasoit), 91 Min., Kinostart: 6. Februar 2014

Ich habe eine Affinität für Zeitreisegeschichten. Und für Animationsfilme. Aus unerfindlichen Gründen passiert es aber eher selten, dass sich diese beiden Vorlieben gemeinsam in einem Film austoben (und ja, ich habe den Trailer zu Die Dinos sind los! gesehen, und nein, der interessiert mich eher nicht – wird der Presse auch nur in Synchro vorgeführt, das ist bäh!).

An sprechende oder Kleidung tragende tierähnliche Wesen in Animations-filmen und Comics hat man sich ja mittlerweile gewöhnt, aber Truthähne, die mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit reisen, um Thanksgiving in der aktuellen Ausprägung (kein Feiertag, wenn man Geflügel ist) zu verhindern: das ist so abgedreht, dass man erstmal baff ist. Der Gag an der Sache besteht natürlich daran, dass sich Zeitreisen (insbesondere in die Vergangenheit) oft darum drehen, dass ein schreckliches Ereignis verhindert oder ein notwendiges herbeigeführt werden muss. Man reist also in die Vergangenheit, um Hitler zu töten (oder Sarah Connor), um die Assimilation der Erde zu verhindern oder die Wale zu retten (im Star-Trek-Universum zwei Problemstellungen vergleichbaren Ausmaßes), Lois Lane zu retten oder dafür zu sorgen, dass sich die eigenen Eltern ineinander verlieben. Dass man nur in die Vergangenheit aufbricht, um ein Geschichtsreferat vorzubereiten, ist eher die Ausnahme – und selbst in diesem Fall geht es ja im Endeffekt darum, die Welt zu retten, die ohne die »Wyld Stallionz« einfach ein trostloser Platz wäre.

Wie so oft bei Animationsfilmen, die eine größere Zusammenrottung einer Tierspezies behandelt, gibt es auch hier einen etwas aus der Art geschlagenen Truthahn namens Reggie (Stimme: Owen Wilson), der sich durch ein Intelligenzausmaß auszeichnet, das seinen Artgenossen fehlt. Entsprechend reagieren sie auch nicht auf seine Warnungen vor dem bevorstehenden Thanksgiving-Fest und glauben, der Bauer, der sie mästet, sei ihr bester Freund. Reggie wird eher durch Zufälle der Lieblingstruthahn der Präsidententochter (!) und wird nicht nur »begnadigt«, sondern darf fortan sein Leben durch Fernsehen und Lieferpizza »perfektionieren« (die Ironie, dass sein Lebensstil repräsentativ für die dümmsten innerhalb einer anderen Spezies steht, geht ihm zunächst etwas verloren). Aus diesem vermeintlichen Paradies holt ihn dann ein »Supersoldat« der »Turkey Freedom Force«, Jake (Woody Harrelson), und sie landen tatsächlich im Jahr 1621.

Was den kompletten Film prägt: Handlung, Logik, Design etc. sind nicht ganz so durchdacht wie bei vergleichbaren Pixar- oder Disney-Filmen. So gibt es etwa auffällig blaue Truthähne, die sich (auch in der demonstrierten Intelligenz) ähnlich scheinen (vgl. etwa Rio), aber kaum, dass man beginnt, darüber nachzudenken, ob der Film womöglich thematisieren will, dass die intelligenteren Truthähne über die Jahrhunderte weniger wurden, da wird diese Farbsymbolik (man achte auch auf die »Kriegsbemalung«) quasi schon wieder vergessen. Die Hunde sind vergleichsweise mies animiert, hin und wieder verliert man Handlungsstränge aus den Augen und der Oberbösewicht ist nicht eben einfallsreich (obwohl einem bei dieser von Colm Meaney synchronisierten Figur wieder einfällt, dass Regisseur Jimmy Hayward nicht nur bei den frühen Pixar-Filmen mitarbeitete und sein Regie-Debüt mit Horton Hears a Who hatte, sondern zwischendurch auch Jonah Hex inszenierte). Größtenteils macht man diese Mängel aber durch Enthusiasmus wett.

Für Trekkies gibt es neben Meaney und Robert »Chakotay« Beltran als Stimmen auch noch den prächtig aufgelegten George Takei, dessen Rolle man durchaus noch hätte ausbauen können. Er ist sozusagen die Stimme der Zeitmaschine S.T.E.V.E. (space time exploration vehicle envoy) und bekommt dabei die Chance für das eine oder andere »oh myyy«. Noch bemerkenswerter ist aber (insbesondere in einem Kinderfilm), wie ausgerechnet Supersoldat Jake sich mehrfach fernab der Heterosexualität positioniert. Während Reggie an einer »bromance« weniger interessiert ist, weil er die gleichfarbige Jenny entdeckt (deren Augentick bei Nervosität übrigens durchaus charmant ist und gängige Schönheitsideale konterkariert), übt sich Jake beispielsweise in einer dezidiert schwulen Tanzeinlage oder wird in der Handlung immer wieder mit männlichen Hinterteilen »konfrontiert« – aber auf eher subtile Weise.

Wenn ich bei diesem Film mit meiner manchmal ausgeprägten Erbsenzählerei kommen würde, könnte ich ihn in der Luft zerreißen: anachronistischer Einsatz von Sprengstoff, ein eher fragwürdiges Schicksal der Hunde, ein zu rettender »Truthahn-Kindergarten«, dessen Kopfanzahl reichlich schwankt oder eine pädagogische Messitsch, die allen Ernstes »Lieferpizza« als Alternative zum Truthahnmassaker anbietet. Doch unterhalten habe ich mich prima bei diesem nicht ernstzunehmenden Streifen, der gleich zu Beginn betont, dass er »not historically accurate« sei. Die zahlreichen Anspielungen allein helfen über manche Schwächen hinweg, und selbst noch dubiose Szenen wie eine seltsame Beerdigungszeremonie sind dabei aber oft durchaus interessant in ihren Implikationen. Wer Animationsfilme und Zeitreisen mag, sollte sich anschnallen und einsteigen, wer hingegen seine Kinder zu Vegetariern erziehen will, sollte sich lieber eine Salami-Pizza mit Anchovis und Sardellen bestellen.