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Die Box




11. Dezember 2013
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Workers (José Luis Valle)
Workers (José Luis Valle)
Workers (José Luis Valle)
Bildmaterial © Bildkraft
Workers (José Luis Valle)
Workers (José Luis Valle)
Workers (José Luis Valle)


Workers
(José Luis Valle)

Mexiko / Deutschland 2013, Buch: José Louis Valle, Kamera: César Gutiérrez Miranda, Schnitt: scar Figueroa Jara, mit Jesús Podilla (Rafael), Susana Salazar (Lidia), Bárbara Perrin Rivenar (Elisa), Sergio Limón (Severino), Vera Talaia (Petrona), Adolfo Madera (Emilio), Giancarlo Luiz (Gerente), Rey Castro (Saraí), 120 Min., Kinostart: 12. Dezember 2013

Noch mehr als durch seine Geschichte (die aber auch bemerkenswert ist) hat mich dieser Filme durch seine Art zu erzählen verzaubert. Das beginnt schon mit der ersten Einstellung. Man sieht über den Strand aufs Meer, einige Vögel sind unterwegs, die Kamera driftet langsam nach rechts, man sieht einen Wellenbrecher oder Zaun, auf dem ebenfalls viele Vögel sitzen. Ein Schild informiert uns, das unter dem Wasser gefährliche Objekte lauern könnten, was man im Nachhinein eher psychologisch deutet. Dann betrachten wir eine Frau, die an diesem Zaun steht, zu ihren Füßen sitzt ein kleines Kind. Irgend etwas passiert auch hinter dem Zaun, die Frau reicht einen Snack und einen Kaffee durch ein Loch. Nun wird uns bewusst, dass gemeinsam mit dem Zuschauer ein älterer Herr mit Brille diese Szene betrachtet. Das ist Rafael, (Jesús Podilla), eine der Hauptfiguren dieses Films, der 30 Jahre in einer Glühbirnenfabrik als Putzkraft/Hausmeister tätig war und nun unmittelbar vor seinem Ruhestand steht, für den er sich sogar ein neues Paar Schuhe kauft. So hatte Rafael sich das zumindest vorgestellt.

Die Sache mit dem »verdienten« Ruhestand nach einem Leben voller Arbeit klappt in Workers nicht ohne weiteres. Der Titel gibt natürlich eine gewisse politische Perspektive auf das Thema vor. In einer meiner Lieblingsszenen des Films betrachten wir eine etwas heruntergekommene Straßenfront in Tijuana. Hier stehen einige aufgetakelte Damen an der Wand und fragwürdige männliche Gestalten (Zuhälter oder andere Kriminelle) treiben sich in der Nähe herum. Rafael betritt die Szene, verschwindet mit der vermutlich jüngsten der Damen in einer Tür, doch der Film zwingt uns, die Straße weiter zu betrachten. Es passiert so einiges, was eigentlich belanglos wirkt. Rechts sieht man einen Imbissstand, dann taucht ein Messerschleifer auf. Sowohl der Imbisskoch als auch die Gangstertypen sind an seinen Diensten interessiert. Die Szene illustriert nicht nur sehr stimmig den Filmtitel, sie zeugt auch von einer tiefempfundenen Gleichheit / Gerechtigkeit zwischen den ganz unterschiedlichen »Arbeitern«. Dieses Äquilibrium bietet der Film nicht immer.

Parallel zur Geschichte um Rafael berichtet der Film auch von der in keinem Zusammenhang mit ihm stehenden Lidia (Susana Salazar), die ebenfalls putzt, mit diversen Kolleginnen im herrschaftlichen Besitz einer älteren Dame. Als diese verstirbt, entscheidet ihr Sohn (auch eher ein Gangster), dass Lidia und ihre KollegInnen weiterhin für »Princesa« sorgen sollen, einen reichlich hässlichen Windhund, der in einer geradezu menschenverachtenden Art und Weise verhätschelt wird. Er frisst genau abgewogenes, per Mikrowelle angewärmtes Qualitätsfleisch aus goldenen Näpfen, wird auf Seide gebettet und hin und wieder per Auto zum Betrachten des Sonnenuntergangs kutschiert, wobei aber penibel Wert darauf gelegt wird, dass der edle Pinscher nicht etwa durch unangemessene Musikauswahl oder eine Fahrtroute durch die heruntergekommenen, hässlichen Stadtviertel aus seiner behüteten Märchenwald gerissen werden könnte.

Die satirischen Elemente sind unübersehbar, doch in Workers geht es vor allem um das Thema der Menschlichkeit, wobei der Film seine Geschichte(n) nebenbei und etwas versteckt erzählt (lange Zeit dachte ich, die einzigen Verbindungspunkte der beiden Handlungsstränge wären die Glühbirne in Lidias Schlafzimmer und ein Comic-Strip, den beide lesen). Wie abfällig vor allem die »Gringos« die Mexikaner behandeln, bestimmt die Atmosphäre des Films, und es kommt zu einer kleinen (in mancher Hinsicht fast mikroskopischen) Rebellion des Volkes, die versucht, so etwas wie »poetic justice« herzustellen – und dabei auch sehr unterhaltsam ausfällt. Obwohl der Film in Mexiko spielt, erinnern das Herangehen an die Protagonisten und der inszenatorische Stil an eine eigentümliche beschwingte Mischung aus Kaurismäki und Haneke.