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Die Box




17. Dezember 2013
Thomas Vorwerk
für satt.org


 


Howard Hawks-Retrospektive
im Berliner Kino Arsenal

Arsenal Kino, Berlin

Im Berliner Kino Arsenal gibt es vom 14. Dezember bis 30. Januar eine große Retrospektive des Hollywood-Regisseurs Howard Hawks, bei der mit 20 Filmen (bis auf The Road to Glory alle im Originalformat 35 mm) ziemlich genau die Hälfte seines Schaffens vorgeführt wird, wobei die Auswahl rein zeitlich vom Stummfilm A Girl in Every Port (1928) bis zum berühmten Abenteuerfilm Hatari! (1962) reicht.

In den 1980ern, als das Kinobild des satt.org-Filmredakteurs gebildet wurde, gab es für ihn »die großen Drei« der klassischen Hollywood-Regisseure. Heutzutage ist die Jugend of schon überfragt, wenn es um Alfred Hitchcock geht, vermutlich denkt man, das sei der dicke Bruder von Hannibal Lecter. Auch Billy Wilder, jahrzehntelang eine feste Größe, ist denjenigen, die selbst das Kino der Achtziger nur nachträglich kennengelernt haben, kein Begriff mehr. Und Howard Hawks kommt die zweifelhafte Ehre zuteil, dass von den zahlreichen Verehrern von Brian De Palmas Scarface vielleicht ein Zehntel oder so schon mal davon gehört hat, dass es dazu auch eine frühere Filmfassung gibt.

Damals, in den Achtzigern, gab es zwar nur drei Fernsehprogramme, die weit entfernt davon waren, 24 Stunden lang Programm zu bieten, aber Schwarzweiß-Filme waren noch kein »Kuriosum«, das einem nur am Sonntag Nachmittag, auf Arte oder nach 23 Uhr 30 im TV dargeboten wurde. Damals gab es mit jungen, »hungrigen« Regisseuren wie John Carpenter oder Walter Hill Hawks-Verehrer und Epigonen, die es schlichtweg notwendig machten, die Originale zu kennen, um die zeitgemäßen Variationen noch stärker zu schätzen. Was wäre Assault on Precinct 13 ohne Rio Bravo? Diese Verbundenheit mit dem Kinovermächtnis ist heutzutage eher die Ausnahme, was umso erstaunlicher wirkt, wenn man bedenkt, das rein gefühlt jeder zweite Kinohit ein Sequel oder Remake ist.

Hawks war ein Meister nahezu jeden Genres, und in dieser Hinsicht gegenüber Wilder und Hitchcock sogar im Vorteil. Ob Screwball-Comedy, Film noir oder Western, Hawks lieferte hier sogar oft Meisterwerke, die innerhalb der Kategorie zu den großen Vorbildern aufstiegen: Bringing up Baby, The Big Sleep und Red River – das sind Meilensteine, die jeder, der sich halbwegs ernsthaft mit dem Medium Film beschäftigt, kennen sollte. Und wenn sich mal die seltene Möglichkeit ergibt, solche Filme im Kino zu sehen, sollte man sich direkt dorthin begeben.

Natürlich könnte man mit Leichtigkeit eine Hawks-Hitliste erstellen, doch die drei Filme, die man im Vorfeld der Presse vorstellte, veranschaulichen mit Nachdruck, dass auch jene Hawks-Filme, die nicht so bekannt sind wie His Girl Friday, To Have and Have Not oder Gentlemen Prefer Blondes, auf jeden Fall noch weitaus interessanter sind als irgendwelche Hobbits oder Buddys.

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  Twentieth Century (Howard Hawks)

Vorführungen:
  • Mittwoch, 18. Dezember, um 20 Uhr (Arsenal 1)
  • Sonntag, 29. Dezember, um 21 Uhr (Arsenal 1)

Twentieth Century
(Howard Hawks)

USA 1934, Dt. Titel: Napoleon vom Broadway, Buch: Ben Hecht, Charles MacArthur, Lit. Vorlage: Charles Bruce Millholland, Kamera: Joseph August, Schnitt: Gene Havlick, Kleider: Robert Kalloch, mit John Barrymore (Oscar Jaffe), Carole Lombard (Lily Garland / Mildred Plotka), Walter Connolly (Oliver Webb), Roscoe Karns (Owen O'Malley), Ralph Forbes (George Smith), Charles Levison (Max Jacobs / Max Mandelbaum), Etienne Girardot (Mathew J. Clark), Dale Fuller (Sadie), Edgar Kennedy (Oscar McGonigle), Billie Seward (Anita), Gigi Parrish (Myrtle Schultz), Pat Flaherty (Flannigan), Herman Bing, Lee Kohlmar (Beards), Kid Herman (Waiter), George Reed (Uncle Remus), James P. Burtis (Train Conductor), Howard C. Hickman (Dr. Johnson), Frank Marlowe (Mulligan), 91 Min. <(p>

Innerhalb der Screwball-Comedies, jenem Genre, das Hawks quasi mitgeschaffen hat, belegt Twentieth Century eine Avantgarde-Position: das Publikum war seinerzeit einfach noch nicht bereit dafür. Als früher Vertreter der »comedy of remarriage« liefert der Film ein seltsames Paar, das Ed Sikov in seinem Buch Screwball »two of the greatest and most wonderfully detestable creatures in the history of the cinema« nennt. Selbst acht Jahre später, als Carole Lombard in Lubitschs To Be or not to Be quasi eine Variation ihrer früheren Rolle liefert, diesmal an der Seite von Jack Benny statt John Barrymore, war solch eine gallige Hassliebe immer noch so faszinierend und verstörend wie ein Autounfall, dessen Zeuge man zufällig wurde. Und Lubitsch liefert trotz des Schreckens des zweiten Weltkriegs eine abgeminderte »harmlosere« Version, was die Scharmützel zwischen dem Paar angeht.

Twentieth Century liefert im ersten Drittel die Pygmalion-Geschichte, aber mit den düsteren Untertönen von George Du Mauriers Trilby, ein Roman, der seinerzeit allgemein bekannt war, und auf den man sich mehrfach bezieht. Wie dort der unheimliche Svengali, den John Barrymore übrigens drei Jahre zuvor in einer Verfilmung spielte, fungiert hier »Oscar Jaffe« als großer Impressario, der, um das Schauspieltalent einer »Hoboken-Cinderella« zu fördern, auch nicht davor zurückschreckt, der Lombard eine spitze Nadel in den Allerwertesten zu stechen. »The sorrows of life are the delights of art.«

Die Art und Weise, wie die beiden Hauptdarsteller sich hier zum Gespött machen, wie Shakespeare-Darsteller Barrymore ganz aufgeht in seiner Rolle als »greatest ham in the world« (Hawks) und die noch am Anfang ihrer Karriere stehende Lombard bereits so tut, als liege ihr die Welt zu Füßen, die sie auf selbiger abtritt, das ist selbst aus heutiger Sicht noch gewöhnungsbedürftig.

Doch der Film beschränkt sich nicht auf die Paar-Dynamik, sondern schart um die beiden Hauptfiguren lauter ulkige Gestalten, die sich – Einheit von Raum und Zeit – in der zweiten Hälfte des Films gemeinsam auf dem titelgebenden Zug einfinden. Hier gibt es unter anderen einen durchgedrehten religiösen Fanatiker, der überall Aufkleber hinterlässt (»Repent! For the End is near!«), den gutaussehenden aber nicht sehr hellen neuen Verehrer Lombards sowie zwei eigentümliche Helfer Barrymores, wobei einer davon mal wieder demonstriert, dass Alkoholismus im Kino der 1930er noch keinen bedauernswerten Krankheitszustand darstellte, sondern einen geradezu liebenswerten Charakterzug (und auch von »political correctness« hat man damals noch nichts gehört, was aber aus heutiger Sicht durchaus befreiend wirkt).

Es ist eine Freude, dieser gigantischen Schmierenkomödie beizuwohnen, bei der sich die Eheleute immer wieder gegenseitig übertrumpfen wollen durch große theatralische Auftritte, Selbstmordversuche und geringfügig veränderte Monologe aus der Literaturgeschichte. Hawks macht dabei vor fast nichts Halt. Er experimentiert hier auch erstmals mit überlappenden Dialogen (damals ein Unding), hat ein untrügliches Gespür auch für visuelle Witze, und insbesondere für ein deutschsprachiges Publikum gibt es ein paar Bonus-Gags, wenn die bärtigen aus Oberammergau auftauchen und die wahnwitzigen Theatermenschen dies zum Anlass nehmen, bekannte Passagen aus der Christus-Geschichte einfach mal für die Bühne zu »verbessern«.

Meine Lieblingsszene des Films ist stellvertretend für die gesamte Situation. John Barrymore täuscht gerade einen gebrochenen Arm vor, der in einer Schlinge steckt. Und jedes mal, wenn er mit der »heilen« Hand auf seinen bemitleidenswerten Zustand hinweist, hebt er den angeblich gebrochenen Arm zur Betonung an. Jedes mal! Auch schlechtes Schauspiel kann eine Kunstform sein.

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  Only Angels Have Wings (Howard Hawks)

Vorführungen:
  • Donnerstag, 19. Dezember, um 20 Uhr (Arsenal 1)
  • Montag, 6. Januar, um 20 Uhr (Arsenal 1)

Only Angels Have Wings
(Howard Hawks)

USA 1939, Dt. Titel: SOS Feuer an Bord, Buch: Jules Furthman, Kamera: Joseph Walker, Schnitt: Viola Lawrence, Musik: Dimitri Tiomkin, mit Cary Grant (Geoff Carter), Jean Arthur (Bonnie Lee), Thomas Mitchell (Kid Dabb), Richard Barthelmess (Bat MacPherson), Rita Hayworth (Judy MacPherson), Sig Rumann (Dutchy), Victor Kilian (Sparks), Allyn Joslyn (Les Peters), Noah Beery jr. (Joe Souther), Gent Shelton (John Carroll), Donald Barry (Tex), Milissa Sierra (Lily), Pat West (Baldy), Lucio Villegas (Doctor), Pat Flaherty (Mike), Lew Davis (Shorty), Maciste (Singer), Cecilia Callejo (Felice Torras), Elena Durán (Elena Silva), 121 Min., Deutscher Kinostart: 25. August 1950

Only Angels Have Wings ist ein Paradebeispiel für die »Professionals«, die in den Filmen Hawks' immer eine große Rolle spielten. Ob die Großwildjäger in Hatari!, ob Cowboys, Soldaten, Wissenschaftler, Gangster, Rennfahrer oder sogar Showgirls – bei Hawks geht es immer um einen professionellen Berufsethos, der schwerer als persönliche Motivationen oder Missgeschicke wiegt.

Hier wird dies anhand von Piloten verdeutlicht, die vom Bananenhafen Barranca aus mit Postsäcken über die Anden fliegen, was gerade aus heutiger Sicht besonders heldenhaft wirkt.

Gleich zu Beginn des Films gibt es mit Jean Arthur eine Figur, mit der gemeinsam wir das Personal kennenlernen. Hierbei interessieren sich zwei der Piloten sehr für »Bonnie«, und einer darf demonstrieren, dass fehlende Professionalität schnell tödlich werden kann, denn um sicherzustellen, dass die junge Frau den Flughafen bei seiner Wiederkehr nicht bereits verlassen hat, nimmt er besondere Risiken auf sich. Eine verstärkte Brisanz erfährt das Ganze noch dadurch, dass seine feste Freundin, eine Latina, die Aktion ebenfalls aufmerksam verfolgt.

Das Großartige an dem Film ist aber, dass diese Nebenhandlung nur einen Einstieg darstellt, der zwar im weiteren Verlauf des Films immer wieder wichtig ist, aber mit bemerkenswerter Klarheit werden noch viele Figuren (Männer wie Frauen) eingeführt, die sich an den Konflikten zwischen Professionalität und Emotionalität abarbeiten.

Dazu gehören unter anderem das fast schon zu professionelle Oberhaupt der Piloten (Cary Grant), sein älterer Vertrauter (Thomas Mitchell, bekannt durch seine Oscar-Rolle in Stagecoach), ein wegen Unprofessionalität verhasster Neuzugang (Richard Barthelmass, der »Chinese« aus D.W. Griffiths Broken Blossoms) und dessen Gattin (Rita Hayworth), die zum einen nicht in seine abgründige Vorgeschichte eingeweiht ist und zum anderen der Grund ist (»never get burnt twice!«), warum Oberhaupt Carter auf die Avancen von Jean Arthur nicht eingeht. Oder, wie Thomas Mitchell es zusammenfasst: »He's a good guy for gals to stay away from«.

Außerdem der großartige Sig Rumann als Dutchy!

Was in den hochproduktiven 1930ern noch dazu gehörte zum Filmgeschäft sind hierbei kleine narrative Kniffe wie eine Münze oder Thomas Mitchells zittrige Hände, ein Umgehen der Zensurvorgaben (Jean Arthur würde gern Cary Grants »Babyfotos« sehen, zwinker, zwinker!) und ein aus CGI-geschwängerten Zeiten phänomenaler Einsatz von Studiobauten, Miniaturen und Rückprojektionen.

Wer diesen wenig bekannten, großartigen Film noch nicht kennt, sollte sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen!

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  The Road to Glory (Howard Hawks)

Vorführungen:
  • Mittwoch, 15. Januar, um 19 Uhr (Arsenal 1)
  • Samstag, 25. Januar, um 21 Uhr (Arsenal 1)

The Road to Glory
(Howard Hawks)

USA 1936, Buch: Joel Sayre, William Faulkner, Kamera: Gregg Toland, Schnitt: Edward Curtiss, Musik: R.H. Bassett, mit Fredric March (Lieutenant Michel Denet), Warner Baxter (Captain Paul La Roche), June Lang (Monique), Lionel Barrymore (Papa La Roche / Private Morin), Gregory Ratoff (Bouffiou, russian accent), Victor Killian (Regnier, handlebar moustache), Paul Stanton (Captain der Entsetzungstruppe), John Qualen (Dufious), Julius Tannen (Lieutenant Tannen), Theodore von Eltz (Major), Paul Fix (Rigaud), Leonid Kinskey (Ledoux), Jacques Vernaire (Doctor), Edith Raynore (Nurse), Pat West (Soldier with helmets), George Warrington (Jean Dulac, old soldier), 103 Min.

Trotz des gleichlautenden Titels hat dieser Film nichts mit Hawks' verschollenem Regiedebüt zu tun. Im Gespräch mit Peter Bogdanovich (Wer hat denn den gedreht?) erklärt er, dass Darryl Zanuck noch Material aus einem Film von 1932 hatte, um das herum dieser Film dann arrangiert wurde. Trotz William Faulkner überzeugt die reine Struktur des Drehbuchs nicht immer. Anfänglich geht es um den Konflikt zwischen zwei – natürlich sehr professionell vorgehenden – französischen Soldaten im ersten Weltkrieg, zwischen denen eine Frau (die wunderhübsche, aber laut Hawks untalentierte June Lang) steht. Die Situation findet man ähnlich in Casablanca wieder: dem älteren (Warner Baxter) gegenüber steht sie in einer tiefen Schuld, die Beziehung zum jüngeren (Fredric March, Oscar-Gewinner für Dr. Jekyll & Mr. Hyde) hingegen entspricht den üblichen Gründen (wobei man auch sagen könnte, dass dieser Lieutenant Denet schon wie ein ziemlicher Aufreißer vorgeht, aber in Ermangelung von Möglichkeiten ist er durchaus treuer, als man anfänglich annimmt). Diese Handlung wird vom Film aber auch gern mal für eine längere Zeit durchbrochen, wenn die Truppe zum Fronteinsatz aufbricht und die Professionalität im Krieg ad absurdum geführt wird: obwohl man hört, dass die Deutschen unterhalb des Schützengrabens einen Tunnel bauen, der offensichtlich dafür gedacht ist, Sprengstoff anzubringen, wartet man stur die Ersatztruppe ab, die sich dann, so sie rechtzeitig eintrifft, mit diesem Problem herumschlagen soll. »What's going on around here?« --- »You'll find out soon enough ...« Erst danach geht es wieder zum Dreieckskonflikt, der vom beiderseitigen Respekt der Ehrenmänner getragen wird.

Dann kommt aber noch ein anderer Handlungsstrang dazu: des Captains Vater (der einst bei Sedan ins Horn stieß!) meldet sich mit falscher Altersangabe freiwillig, er wird vom Sohn ausgemustert und probiert es mit falschem Namen erneut. Auch hier geht es um Professionalität und Ehre, was der Film mit reichlich Pathos zu einem Höhepunkt führt (und gegen Ende zumindest eine thematische Anknüpfung an das Hawks-Debüt vollbringt – ohne zu spoilern, kann man hier nicht weiter ins Detail gehen).

Auch wenn die Nebenfiguren hier nicht so gut funktionieren wie in Only Angels have Wings, kann der Film dennoch mit vielen erstaunlichen Momenten aufwarten (die Schnittkante vom Schlachtfeld zur Andacht mit Schuberts Ave Maria!), und auch einige Dialoge sind Klassiker (»Wonderful coffee they have here. They say the chef got the recipe from an old paint and varnish shop here.«). Und die Szene mit den zusätzlichen Helmen und wie man sie am besten nutzt, erheiterte das Publikum seinerzeit genauso wie noch heute. Und auch eine Szene mit einem Scharfschützen funktioniert tendentiell exakt genau so wie ein halbes Jahrhundert später in Kubricks Full Metal Jacket.

Das Fazit des Films kann man auch direkt aus dem Drehbuch übernehmen: »It isn't just he and I and you, two guys and a girl, it's so much more!«