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Die Box




18. Dezember 2013
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Belle & Sebastian (Nicolas Vanier)
Belle & Sebastian (Nicolas Vanier)
Belle & Sebastian (Nicolas Vanier)
Bildmaterial © 2013 Ascot Elite Filmverleih GmbH
Belle & Sebastian (Nicolas Vanier)
Belle & Sebastian (Nicolas Vanier)
Belle & Sebastian (Nicolas Vanier)


Belle & Sebastian
(Nicolas Vanier)

Originaltitel: Belle et Sébastien, Frankreich 2013, Buch: Juliette Sales, Fabien Suarez, Nicolas Vanier, Lit. Vorlage: Cécile Aubry, Kamera: Eric Guichard, Kostüme: Adélaïde Gosselin, mit Félix Bossuet (Sébastien), Tchéky Karyo (César), Margaux Chatelier (Angelina), Dimitri Storoge (Docteur Guillaume), Andreas Pietschmann (Lieutenant Peter), Jan Oliver Schroeder, 95 Min., Kinostart: 19. Dezember 2013

Die britische Popband Belle & Sebastien ist aktuell bekannter als jene französische Kinderbuch- und Fernsehserie der späten 1960er, nach der sie sich benannte. Drei der Bücher der früher als Schauspielerin tätigen Cécile Aubry wurden auch hierzulande (bei Franz Schneider, dem Kinderbuch-Monopolisten vergangener Zeiten) veröffentlicht, die mittlerweile auf DVD erhältliche Serie durchlebte eine unterschiedliche Laufbahn auf den beiden Seiten Deutschlands, und in Japan wurde daraus ab 1981 sogar eine Anime-Serie namens Meiken Jolie.

Die auffällige (und ziemlich clevere) Veränderung bei der neuen Filmfassung besteht darin, dass man die Geschichte in den zweiten Weltkrieg verlegt, wobei einer der deutschen Besatzer eine Rolle bekommt, die sehr ähnlich zum Titelhelden »Belle« wirkt. Zunächst gibt es im Film, analog zum bekannten Märchen, nur eine »Bestie«, ein grauenerregendes, gerüchteumwobenes Monster, dass irgendwo in den Bergen haust und Schafe etc. schlägt. Gegen die expliziten Befehle seiner Erziehungsberechtigten (die Situation ist komplex und wird hier nicht ausdiskutiert) freundet sich der ca. 9jährige Sébastien mit einer großen, freilaufenden Hündin an, die sich nach einem erstaunlich erfolgreichen Bad im Gebirgsbach als schneeweiße Schönheit erweist. Damit ist bereits der große Konflikt des Films gefunden, der sich natürlich auch um die Frage dreht, ob Sébastien sich hier in Gefahr begibt. Da dies aber ein Kinderfilm ist, geht die Gefahr eher indirekt von der Hündin aus, denn sowohl die schießwütigen Dorfbewohner als auch die deutschen Besatzer trachten Belle nach dem Leben und in seinem Bemühen, seine neue beste Freundin zu schützen, bringt sich der Junge mehrfach in die Bredouille, wobei ein kleines Wolfsrudel aber die aus Kinderaugen gruseligste Gefahr darstellt.

Belle et Sébastien ist old school filmmaking im besten Sinne, auch wenn die Hündin sich teilweise ähnlich gelehrig wie Lassie zeigt und man auch nicht weiter überrascht wäre, wenn sie irgendwann durch Bellen die Länge eines Seils beschreiben würde, das man benötigt, um Timmy aus dem Brunnen zu holen.

Das Schöne an diesem Film ist aber, dass sich die Geschichte auf mehreren Ebenen abspielt, und die Schwarz-Weiß-Zeichnung der moralischen Probleme längst nicht immer so eindeutig ist wie beim unschuldig weißen Fell von Belle. So deutet sich eine Liebesgeschichte zwischen der Bäckerin Angelina und dem deutschen Leutnant an, und eine kleine Familie will – unbeachtet von den Deutschen – über die schneebedeckten Berge fliehen, wobei Belle & Sébastien mithelfen, obwohl Belle ja selbst auch gejagt wird. Hierbei überlässt der Film es seinen Zuschauern, wie viel vom historischen und sonstigen Backgrund man durchdringt oder nach dem Film vielleicht dem Kind erklärt. Das beginnt etwa mit Sébastiens Herkunft oder der kleinen Familie, von der man eigentlich nur konkret erfährt, dass die Tochter »Esther« heißt – alles andere ist überdeutlich zwischen den Zeilen zu lesen. Und in der deutschen Fassung (kann nur für die OmU sprechen) ergibt sich natürlich auch das Problem, dass die »Deutschen« ja nicht unbedingt die Helden der Geschichte darstellen. In der Originalfassung ist es durchaus auch so, dass zwar in den Untertiteln etwas von den »Deutschen« steht, man zu Kriegszeiten in Frankreich »unter sich« aber eher wenig schmeichelhafte Begriffe verwendete, um den Feind zu charakterisieren. Um Kinder von blödsinnigen Feindbildern zu befreien und ihnen einen Einblick zu geben, wie jede Kreatur selbst zwischen »Gut«, »Böse« und diversen Grautönen entscheiden kann (an einer Stelle verschlingt »Belle« etwa einen gerade noch von Sébastien bewunderten Frosch), ist dieser Film wie geschaffen. Und mit seinen nicht immer schneebedeckten Naturlandschaften und einer Geschichte, die Klein und Groß verzaubern wird, natürlich auch fürs vorweihnachtliche Kinoprogramm.

Das größte Übel, das von diesem Film ausgehen kann, sind Kinder, die zu Weihnachten dann unbedingt auch einen flauschigen und hochintelligenten Hund wie »Belle« haben wollen.