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Die Box




25. September 2013
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Not fade away (David Chase)
Not fade away (David Chase)
Not fade away (David Chase)
Not fade away (David Chase)
Not fade away (David Chase)
Not fade away (David Chase)


Not fade away
(David Chase)

USA 2012, Buch: David Chase, Kamera: Eigil Bryld, Schnitt: Sidney Wolinsky, Music Supervisor: Steven Van Zandt, Production Design: Ford Wheeler, Art Direction: Henry Dunn, Kostüme: Catherine Marie Thomas, mit John Magaro (Douglas), Jack Huston (Eugene), Will Brill (Wells), Bella Heathcote (Grace Dietz), James Gandolfini (Pat), Dominique McElligott (Joy Deitz), Meg Guzulescu (Evelyn), Brahm Vaccarella (Joe Patuto), Gregory Perri (Skip), Molly Price (Antoinette), Christopher McDonald (Jack Dietz), Brad Garrett (Jerry Ragovoy), Isiah Whitlock Jr. (Landers), Gerard Canonico (Schindewulf), F. Michael Haynie (The Bloat), Ken Forman (Vincent Lento), Chris Bannow (Dave Smith), 112 Min., Kinostart: 26. September 2013

Neben den Gesprächen vom Niedergang des Kinos gibt es auch immer wieder den Diskussionsansatz, dass heutzutage einige Fernsehserien, die für das Erzählen ihrer Geschichte nicht auf zwei Stunden beschränkt sind, sondern über viele Staffeln und Episoden komplexe Erzählstränge aufbauen können, die interessantere und innovativere Basis für die Zukunft des Mediums darstellen. Die hierbei am häufigsten genannten Serien sind wahrscheinlich Mad Men und – als eine Art Vorreiter – The Sopranos.

Einen vielversprechenden Blick auf neue Erzählformen, die trotz der zeitlichen Einschränkungen dennoch die Leinwand als ursprüngliche Spielstätte nutzen, bietet das Kinodebüt das Soprano-Schöpfers David Chase (der hier trotz nur weniger Regie-Credits offensichtlich aufgrund seines TV-Erfolgs ziemlich selbstständig und ohne Einmischung von Studios etc. seine »Vision« umsetzen durfte).

In weniger als zwei Stunden bietet Not fade away (der evokative Titel stammt von einem Buddy-Holly-Song) kein bloßes Coming-of-Age, keine »Bandgeschichte«, sondern nicht weniger als ein Zeitgemälde von den 1960ern, das in vielerlei Hinsicht das Erzähltempo einer kompletten Fernsehserie imitiert, sich dabei aber nicht auf irgendwelche »dramatischen Höhepunkte« beschränkt, sondern gerade viele der »leisen Momente« liefert, die man (sich) im amerikanischen Mainstream-Kino nahezu gar nicht mehr erlaubt, und die ihre narrative Nische fast nur noch auf Fernsehbildschirmen finden.

Vermutlich wäre Not fade away mit zwanzig statt zwei Stunden weitaus großartiger geworden. Man merkt die Ähnlichkeiten zum Fernsehformat an vielen Stellen. Wo Kinofilme sich meist auf zwei bis vier Hauptfiguren und diverse Nebenfiguren beschränken, kann man sich hier ohne Probleme einen wiederkehrenden Vorspann mit den acht bis zehn Hauptfiguren, um die sich der Film dreht, vorstellen. Es gibt zwar eine vermeintliche Hauptfigur (wie bei den Sopranos oder Mad Men), aber das Interessante ist ja gerade, dass sich der Film die Zeit nimmt, auch mal von den anderen Figuren zu erzählen. Im konkreten Fall gibt es eine Erzählerstimme (Meg Guzulescu als die kleine Schwester der Hauptfigur), die einerseits zum familiären Background gehört, aber gleichzeitig auch die Geschichte der Band (»my brother also was in a band, but like most bands you probably never heard of them«) nacherzählen kann, weil sie die Vorgänge zumeist aufmerksam beobachtete. Und schon haben wir (inklusive ein paar unverzichtbaren »romantic interests«) unsere acht bis zehn Personen beisammen, die eine oder andere Figur mag vielleicht mal für eine »Staffel« pausieren oder eher wie ein wiederkehrender Gaststar auftreten, aber die Ähnlichkeit ist unverkennbar.

Das Besondere von Not fade away kann man an einem Vergleich festmachen. Ein weltbekannter, mit 6 Oscars überhäufter (und über Gebühr abgefeierter) Film, der ebenfalls ein Zeitgemälde lieferte, war Robert Zemeckis' Forrest Gump. Auch hier gibt es Nebenfiguren wie die Mutter, die Nachbarstochter oder die beiden Freunde aus der Armeezeit, aber zu jedem Zeitpunkt ist der Fokus ganz auf dem unfreiwilligen Titelhelden, der natürlich auch von einem riesigen Kinostar gespielt wird. Der vermittelte Eindruck ist ein gänzlich unterschiedlicher, was aber auch daher kommt, dass Robert Zemeckis seine Zuschauer nie anders als aufgeweckte Teenager behandelt hat. Und deshalb geht es bei Forrest Gump auch um solch blödsinnige Ideen wie die zufällige »Erfindungen« des Elvis-Hüftschwungs oder »Smileys«. Oder den per visueller Technologie aufgebauschtem Händedruck mit JFK, wobei Forrests Harndruck mindestens genauso wichtig ist. Zemeckis griff auch schon bei Back to the Future rückwirkend in die Musikgeschichte ein, doch damals war das ein Gag am Rande, bei Forrest Gump entwickeln sich solche Anekdoten und Spezialeffekte zu den Höhepunkten des Films, und überschatten (ob absichtlich oder nicht) klar die interessanteren Aspekte bei den Nebenfiguren. Vordergründige Unterhaltig war hier zu jedem Zeitpunkt wichtiger als die – klar ausdefinierten – geschichtlichen Bezüge.

Not fade away sperrt sich ganz vehement gegen solche verlogene Legendenbildung aus amüsanten Anekdoten. Das macht der Film von der allerersten Szene klar, in der man (übrigens in Schwarzweiß) in einem Zug ein Gespräch über den Blues miterlebt. Die beiden ins Gespräch vertiefen jungen Herren heißen Mick und Keith, man erlebt sozusagen die Geburtsstunde der Rolling Stones. Aber vor allem, um die eigene Geschichte (die der Band, von der wir »vermutlich nie gehört« haben) in eine ernüchternde Relation zu stellen. Viel viel später im Film taucht noch mal Charlie Watts wie ein Phantom auf einer Party auf, aber auch, wenn »Die Band« (Grüße an Mawil und alle Comicleser) sich in vielen Teilaspekten nicht allzusehr von den Stones unterscheidet, ist es ganz eindeutig, dass die Legende, das Bild des »Rockstars«, hier ein unerreichter Wunschtraum bleibt. Douglas und Joe (John Magaro und Brahm Vaccarella) sind nicht Mick und Keith, hier geht es nicht um die Billboard-Charts, sondern um einen Vorort in New Jersey.

Auch ist der Wunsch, in einer Band zu spielen, nicht hohen musikalischen Idealen verbürgt, sondern hat seine Wurzeln in Douglas' typischen Motivationen eines unscheinbaren Highschool-Burschen: Die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts auf sich zu leiten. In diesem speziellen Fall die von Grace (Bella Heathcote, die schon in Dark Shadows aus einer anderen Zeit zu stammen schien). Dies sind die Details der Geschichte, von denen man (wie von James Gandolfini als Joes gestrengem Vater) bereits in der Pilotfolge der entsprechenden Fernsehserie erfahren hätte, doch in den zwei Stunden geht es ebenso sehr wie um Joes Liebesleben, die Band und den unvermeidbaren Generationenkonflikt vor allem um die 1960er, um Musik und Politik, die der Film wie einige andere Einflüsse nebeneinander herlaufen lässt, während er nicht eine, sondern sehr viele Geschichten über seine Figuren erzählt.

Das jämmerliche Einspielergebnis des Films zeugt davon, dass dies einige Zuschauer überforderte oder zumindest gleichgültig zurückließ, So wie Doug und Joe nicht Mick und Keith sind, ist Not fade away eben nicht Forrest Gump, keine industriell vorgefertigte Praline, bei der auch der Soundtrack ganz auf ein generationenübergreifendes Zielpublikum zugeschnitten ist, sondern einerseits ein Film, der neugierig macht auf oft nur angedeutete Hintergrundthemen, der aber letztendlich auch am Zweistundenformat auf gloriose Weise scheitert, weil man einfach etwas mehr Zeit gebraucht hätte, um etwa die einzelnen Bandmitglieder besser kennenzulernen (in einer Fernsehserie hätte man jeden von ihnen mal am Frühstückstisch erleben können) oder bestimmte Themengebiete in einer eigenen Folge (oder Doppelfolge) genauer zu beleuchten. So leidet etwa das Problem der Schwester von Grace ganz stark an der fehlenden Zeit im Kino, wo es in der (abermals imaginierten) Fernsehserie ein Höhepunkt gewesen wäre, über den sich eine Nation von couch potatoes mindestens anderthalb Wochen hätte austauschen können.

Dennoch ist ein Kinofilm mit ein paar Mängeln immer noch besser als eine Fernsehserie, die nach einer Staffel eingestellt wird und uns einen befriedigenden Abschluss vorenthält. Gerade in der letzten halben Stunde des Films hat man das Gefühl, einer furiosen letzten Staffel beizuwohnen. Inklusive einer Art Schlussepisode, die wie das musikalische Äquivalent der mysteriösen traumhaften letzten Folge von Twin Peaks wirkt, nur dass der dämonische Bob hier sozusagen durch die infernale, weil anachronistische Stimme eines Musikers ersetzt wird.

Als »Bonus-Tracks« hier noch einige Lieblingsmomente des Films.

  • Von einer Frühstücksszene im Haus der Hauptfigur Douglas schneidet man wie nebenbei ins Haus seiner Angebeteten Grace (ebenfalls beim Frühstücken), suggeriert sogar einen Blickwechsel. Eine wunderschöne Schnittkante.

  • Die kleine Schwester Evelyn sitzt auf der Veranda, liest ein Comicheft, beobachtet aber nebenbei aufmerksam, wie sich ihr Bruder mit einem anderen Bandmitglied unterhält. Allein schon die etwas linkisch wirkende Fußstellung der kleinen Schwester ist ein Geschenk, aber wer wünscht sich nicht eine kleine Schwester, die einen im Stillen zum Vorbild erklärt ... und dann auch noch Comics liest?

  • Die späte Einsicht, dass Douglas zwar die Band als seine »wahre Familie« sieht, der Film aber ganz schleichend das Gegenteil unterstreicht.

  • Aus dem durchweg großartigen Soundtrack fand ich besonders hübsch »Pretty Ballerina« – und unvergleichbar clever eingebaut »Time is on our side« und den allerletzten Song.

  • Und wie ein Widerspruch dazu das Gespräch, das wie folgt beginnt: »Why did you never talk to me in high school?«

  • Eine halbwegs tiefe Einsicht, die auch viel über den Film sagt: »Film and music are the only forms of art that take place in elapsed time.« (Ja ja, Tanz und Theater erfüllen die Kriterien auch und funktionieren sogar ohne Trägermedium ...)

  • Die im Nachhinein wie ein Lob klingende Kritik an einem Filmklassiker: »What kinda movie is this? There's nothing happening. And there's no orchester telling you: Watch out, this guy is gonna get killed!«

  • Und noch ein hübsches Zitat zum Schluss: »The Beatles spent two years playing German strip clubs dodging Bratwurst.«