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24. Oktober 2012
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Angels' Share – Ein Schluck für die Engel (Ken Loach)
Angels' Share – Ein Schluck für die Engel (Ken Loach)
Bildmaterial © 2012 PROKINO Filmverleih GmbH
Angels' Share – Ein Schluck für die Engel (Ken Loach)
Angels' Share – Ein Schluck für die Engel (Ken Loach)


Angels' Share
Ein Schluck für die Engel
(Ken Loach)

Originaltitel: The Angels' Share, UK / Frankreich / Belgien / Italien 2012, Buch: Paul Laverty, Kamera: Robbie Ryan, Schnitt: Jonathan Morris, Musik: George Fenton, mit Paul Brannigan (Robbie), Gary Maitland (Albert), Siobhan Reilly (Leonie), John Henshaw (»Big« Harry), William Ruane (Rhino), Jasmin Riggins (Mo), Roger Allam (Thaddeus), Charles Maclean (Rory McAllister), Gilbert Martin (Matt), Scott Dymond (Willy), Scott Kyle (Clancy), Neil Leiper (Sniper), 101 Min., Kinostart: 18. Oktober 2012

Ken Loach, der im Sommer 76 wurde, ist nicht mehr der sozialrealistische Innovator, der er zu Zeiten von Poor Cow (1967) oder Kes (1969) war, Filme, die Großbritannien prägten. Aber trotz einer unübersehbaren Altersmilde schafft er es auch noch in The Angels' Share, der britischen Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten - der große Unterschied ist dabei, dass die Schichten, die er jetzt angreift, mehr unter ihrer eigenen Dummheit als unter der Unterdrückung der Regierung oder Gesellschaft leiden. Und dass die Personen, die von diesem Film noch was lernen könnten, eine weitaus geringere Wahrscheinlichkeit haben, mit diesem Film in Kontakt zu kommen, als es zu Zeiten Loachs früher Fernsehspiele war. Doch falls jemand, der der Filmfigur Albert gleicht, rein zufällig mal in den Filmanfang reinzappen würde, so ist doch durchaus die Chance gegeben, dass der Film zuende geschaut wird, denn auf etwas altbackene, aber durchaus clevere Art vermischt Loach hier Sozialrealismus mit einer herkömmlichen Dramaturgie (die zweite Hälfte des Films ist ein caper movie) und Elementen, mit denen (auch!) ein anspruchsloses junges Publikum etwas anfangen kann. Kurze Zwischenbemerkung: Ich bin nicht der Meinung, dass das junge Publikum generell keinen Anspruch hat, es gibt aber einen unübersehbaren Anteil der Kinogänger unter 25, der den wichtigsten Filmschaffenden unserer Zeit eher Megan Fox als Ken Loach zurechnen würde. Und wenn man diese irgendwie ins Kino schummeln könnte, würden sie den Film durchaus mit Gewinn verlassen. Wahrscheinlich sogar mit mehr Gewinn als ich, aber daraus will ich niemandem einen Vorwurf machen.

Albert »begriffsstutzig« zu nennen, wäre eine Beleidigung an alle Begriffsstutzigen. Albert ist so strunzdumm, dass es schon ein Riesengeschenk an diesen Dödel ist, dass er die ersten fünf Minuten des Films überlebt. Angesäuselt balanciert er des Nachts auf der Kante eines Bahnsteigs, und die Anweisungen des Bahnangestellten über eine Lautsprecheranlage, sich aufgrund einer Zugdurchfahrt lieber von den Gleisen zu entfernen, sorgen nur dafür, dass Albert wegen seiner besonderen Begriffsstutzigkeit schließlich tatsächlich auf den Gleisen landet, und er sich der nahenden Gefahr trotz der mittlerweiler sehr erregten Lautsprecherstimme nicht einmal bewusst ist.

Nach diesem Intro zeigt Loach routinemäßig einen Vormittag vor Gericht, wo die Begriffsstutzigen, Gewaltliebenden und Unverbesserlichen in einer unterhaltsamen Montage vorgeführt werden, und der mehrfach vorbestrafte Schläger Robbie (Paul Brannigan) aufgrund seiner hochschwangeren Freundin Leonie (Siobhan Reilly) noch eine Chance bekommt. Albert (Gary Maitland) spielt zwar auch noch eine Rolle im Film, aber der Hauptfokus liegt erstmal auf dem jungen Paar, das zwar nicht unter ausufernder Stupidität leidet, aber dennoch denkbar schlechte Chancen hat. Auf dem Arbeitsmarkt hat Robbie aufgrund seiner Gesichtsnarben einen schlechten Stand, seine Freundin will ihn (samt Kind) sofort verlassen, wenn er erneut in eine Schlägerei gerät, und Leonies Vater Matt ist zu alledem das Oberhaupt eines verfeindeten Clans (schon Matts Vater schlug sich mit Robbies Großvater), dem auch jene rachsüchtigen Schläger angehören, die mit Robbies Quasi-Freispruch so unzufrieden waren, dass sie am liebsten gleich vor dem Gericht zusammengeschlagen hätten.

Die Strafe, die Robbie zugeteilt wurde, sind 300 Stunden gemeinnützige Arbeit, und unter dem Regime des durchaus fairen Sozialarbeiters Harry (John Henshaw) treffen Robbie, Albert, Rhino und Mo, die wir alle aus der Gerichtspassage kennen, wieder zusammen (»Have you painted before?« --- »Just with a can. / Nur mit der Spraydose.«). Und aus einem Destilleriebesuch, zu dem Harry die vier einlädt, wird aufgrund Mos Kleptomanie und Robbies verhältnismäßigem »Mastermind« das vermutlich armseligste »Experten-Team« der Filmgeschichte, das jemals einen »Bruch« plante (ich habe Ossis Eleven nicht gesehen - evtl. waren die noch armseliger - aber sie waren immerhin zu elft und bestanden nicht zu 25% aus Albert!).

Der Caper-Teil des Films entspricht wie gesagt den typischen Problemen, Improvisationen und Doppelbluffs des Genres, und dem harmlosen Tonfall der zweiten Hälfte entsprechend endet es nicht mit Mord, Totschlag und einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe, für Ken-Loach-Verhältnisse gibt es sogar ein Happy-End mit Stern, was dem ernsthaften Kritiker natürlich zu läppisch vorkommen muss - aber in diesem Fall gönne ich mir auch mal eine Prise Altersmilde und gebe zu, dass der Film mich durchweg gut unterhalten hat und ich der jungen Familie den himmelblauen VW-Kastenwagen ebenso gönne, wie es mir nicht entgangen ist, dass Albert zwischendurch trotz all der aufgesetzt wirkenden Gags um Albert Einstein und die Mona Lisa durchaus mal einen moment of clarity hatte - und wenn nur zwei oder drei der albert-ähnlichen möglichen Zuschauer des Films davon inspiriert werden, ist dies schon ein großer Gewinn!