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Die Box




13. Juli 2011
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Nader und Simin - Eine Trennung (Asghar Farhadi)
Nader und Simin - Eine Trennung (Asghar Farhadi)
Nader und Simin - Eine Trennung (Asghar Farhadi)
Bildmaterial: Alamode Film
Nader und Simin - Eine Trennung (Asghar Farhadi)
Nader und Simin - Eine Trennung (Asghar Farhadi)
Nader und Simin - Eine Trennung (Asghar Farhadi)


Nader und Simin
Eine Trennung
(Asghar Farhadi)

Iran 2011, Originaltitel: Jodaeiye Nader az Simin, Buch: Asghar Farhadi, Kamera: Mahmoud Kalari, Schnitt: Hayedeh Safiyari, Musik: Sattar Oraki, mit Leila Hatami (Simin), Peyman Moaadi (Nader), Shahab Hosseini (Razieh), Sareh Bayat (Hodjat), Sarina Farhadi (Termeh), Babak Karimi (Richter), Ali-Asghar Shahbazi (Naders Vater), Shirin Yazdanbakhsh (Simins Mutter), Kimia Hosseini (Somayeh), Merila Zarei (Frl. Ghahraei), 123 Min., Kinostart: 14. Juli 2011

Simin (Leila Hatami) will mit ihrer 11jährigen Tochter den Iran verlassen, um dieser andere Möglichkeiten zu eröffnen. Der Vater Nader (Peyman Moaadi) hingegen will seinen Vater nicht allein lassen, der wegen seiner Alzheimer-Erkrankung Rund-um-die-Uhr-Betreuung braucht. Schon die Grundsituation von Nader & Simin fasst »in a nutshell« den Konflikt zwischen freier(er) Zukunft und nationengebundener Tradition anhand zweier Paare unterschiedlichen Geschlechts zusammen, doch um Dichotomien und Schwarzweiß-Zeichnungen geht es dem Regisseur Asghar Farhadi nicht, ganz im Gegenteil.

Ein Richter entscheidet, dass Simin das Land nur nach einer Trennung verlassen kann, weshalb sie zu ihrer Mutter zieht, und Nader für seinen Vater eine Pflegerin anstellt. Das tragisch ironische daran ist, dass die Liebe der beiden eigentlich ungebrochen ist, sie sich aber immer weiter voneinander entfernen, weil die beidseitige (nachvollziehbare) Uneinsichtigkeit diese vom Gesetz vorgeschriebene Trennung zwischen sie drängt.

Und das Unverständnis schlägt Kreise, denn während die Pflege des Schwiegervaters für Simin kein großes Problem darstellte, ist es für die neuangestellte Razieh (Sareh Bayat) ein Vollzeitjob, der sie vor Probleme mit ihrer Religion stellt und den sie zunächst vor ihrem Mann Hodjat (Shahab Hosseini) geheim hält. Aus kleinen Notlügen wird hier in wenigen Tagen eine Familienfehde zwischen den liberalen Mittelschichtlern und der vom Pech verfolgten Familie des vorbestraften Hodjat, in deren Mittelpunkt gar eine Mordanklage steht.

Die räumliche wie emotionale Trennung steht auch visuell im Film im Vordergrund, Türen, Wände und Fenster teilen den Bildkader, so wie die Montage die Narration immer wieder unterschiedlichen Blickwinkeln unterwirft. In gewisser Weise ist Nader & Simin ein Kriminalfilm, in dem der Zuschauer aber in Sachen Wahrheitsfindung auf fast genauso verlorenerem Posten steht wie die Polizei, in deren Büro sich vor allem Nader und Hodjat immer wieder gegenseitig beschuldigen, wobei erst nach und nach die Hintergründe der mitunter lächerlichen Missverständnisse klar werden - allerdings vor allem für den Zuschauer und einige der Protagonisten.

Obwohl das Drehbuch in seiner komplizierten Beziehungsstruktur und der Informationsvergabe meisterhaft ist, würde mich schon interessieren, inwiefern auch der Regisseur sich in der Darstellung zu einigen »Notlügen« bzw. Ellipsen in Sachen Selbstzensur hat bewegen lassen. Und wie stark die iranische Gesetzeslage sich von der hiesigen in Bezug auf die Definition von Mord oder die Existenz eines »Hausfriedensbruchs« unterscheidet - dann da scheinen mir einige poetische Freiheiten zu bestehen, die im präzisen und kompakten Skript wohl nicht jedem Zuschauer aufgefallen sind.

Ungeachtet dieser Details ist Nader & Simin aber einer der Filme dieses Jahres, und man sollte sich dieses spannende Stück Weltkino unbedingt ansehen. Ich persönlich habe mir für 2011 vorgenommen, ein Dutzend Filme aus exotischeren Ländern anzuschauen (und ich bin gut im Schnitt, obwohl ich Korea, Japan oder Skandinavien nicht als exotisch ansehe). Wer angesichts weniger häufigen Kinobesuchen nur fünf, drei oder gar einen Exoten schauen mag, hat mit Nader & Simin eine gute Wahl getroffen und einen Film, der mit »Kino« mehr zu tun hat als durchschnittlich drei bis fünf der Top-5-Kassenschlager. Und der spannender ist. Und an den man sich auch noch zwei Wochen später erinnert. Und vielleicht öffnet er manchem auch die Augen, dass es im Kino nicht nur um Spezialeffekte, Superhelden und Romantic Comedies geht. Sondern um Geschichten, Emotionen, Schicksale, Einblicke in andere Welten. Ich persönlich würde jedenfalls lieber dreimal hintereinander diesen Film schauen (auch gegen Eintritt, was ich selten mache), als dreidimensionellen Zauberschülern, Ringträgern, Schlümpfen oder Robotern, die sich als Trucks verkleiden, mein Geld auch nur ein einziges mal in den Rachen zu werfen.