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Die Box




10. November 2010
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Rachel (R: Simone Bitton)
Rachel (R: Simone Bitton)
Rachel (R: Simone Bitton)


Rachel
(R: Simone Bitton)

Frankreich / Belgien 2009, Buch: Simone Bitton, Kamera: Jacques Bouquin, Schnitt: Catherine Poitevin, mit Rachel Corrie, 105 Min., Kinostart: 11. November 2010 (Plattform-Start, zunächst im Sputnik am Südstern in Berlin)

Manchmal kann so ein Kinostart-Termin ein großes Geschenk an den Verleih sein. Der Regisseur stirbt oder der Hauptdarsteller wird in einen Sexskandal verwickelt - und plötzlich gibt es jede Menge Gratis-Publicity. So könnte es auch bei dem Film Rachel sein, der bei einem bundesweiten Start an diesem Donnerstag sicher den größtmöglichen Publikumszuspruch erreicht hätte - doch der Film hat nur einen Plattform-Start und wird zunächst einmal nur im Berliner Sputnik-Kino gezeigt. Da könnte der Saal aber unerwartet voll werden, denn der Dokumentarfilm Rachel dreht sich um ein Thema, das momentan in den Medien sehr präsent ist.

Die 23-jährige Amerikanerin Rachel Corrin befindet sich Anfang 2003 in Rafah in Palästina. Tagebucheinträge werden vorgelesen. Es gab keine Probleme am Flughafen, sie war bei einem Training, und ihr wurde dort eingebläut, man soll die Gegner nicht anfassen. Dazu sieht man Bilder einer eher unspektakulären Wohnung.

Rachel selbst kann nicht mehr aus ihrem Tagebuch vorlesen, und so übernehmen dies Freunde und Bekannte, die auch interviewt werden. Auffällig ist, dass die Regisseurin immer gleich nach dem Alter fragt, die politisch interessierten Aktivisten aus der ganzen Welt sind noch recht jung - und als Rachel starb, waren sie noch jünger. Erst nach und nach offenbart der Film das Schicksal Rachels. Die israelische Armee will Häuser einebnen, die von Palästinensern bewohnt werden. Man befürchtet Terroristen. »Jene, die keine Terroristen sind, möchten wir weder töten noch verletzen«, so erfährt der Zuschauer von einer interviewten Pressesprecherin. Andererseits klingt aber die übliche Strategie beim Einebnen der (noch bewohnten) Häuser etwas anders. Ein israelischer Soldat erklärt es: »Man schießt ein bißchen auf ein Haus, dann kommt der Bulldozer, und meistens kommen sie dann doch noch raus.« Ob vermeintliche Terroristen, Frauen oder Kinder in den Häusern wohnen, macht keinen großen Unterschied. Nur wenn die lästigen Ausländer wie Rachel, Lora, Alice oder Nick bei den Palästinensern zu besuch sind und dort übernachten, wenn ein wenig seltener auf die Häuser geschossen - dann droht schlechte internationale Presse.

Was ich hier recht polemisch beschreibe, wird im Film noch ansatzweise objektiv beschrieben (auch wenn überdeutlich ist, auf welcher Seite die Filmemacher stehen). Regisseurin Simone Bitton hat bereits einige Dokumentarfilme gedreht, doch das nachträgliche Recherchieren der Ereignisse von vor fünf Jahren war auch für sie ein neuer Arbeitsvorgang. Sie interviewt sowohl palästinensische Betroffene, die sie und die Kamera durch die für den Zuschauer nicht nachvollziehbaren Ruinen ihrer einstigen Häuser führen, einen israelischen Armee-Polizisten, der damals die Ermittlungen leitete, den Arzt, der den Tod feststellte usw., aber vor allem natürlich Rachels Bekannte, die schildern, wie das damals war, als man mit Warnwesten die Bulldozer und Panzer von den Häusern forthalten wollte und Rachel plötzlich verschwunden war. In den PowerPoint-Präsentationen der israelischen Armee ist klar zu sehen, dass der Fahrer Rachel hinter einem Sandhaufen nicht hat sehen können, doch die Demonstranten sehen das ganz anders. Ganz ähnlich läuft das ja auch in Stuttgart oder auf dem Weg des Castor-Transports nach Gorleben. Nur opfern und riskieren die Aktivisten im Gaza-Streifen weitaus mehr als eine Begegnung mit einem Wasserwerfer. Und den israelischen Soldaten drohen keine Matschklumpen, denn schon so, wie es damals lief, wird von offizieller Stelle der »Unfall« als Folge des Verhalten der Demonstranten gewertet, und man »gratuliert den Soldaten« für ihre »Zurückhaltung« an diesem Tag.

Ich persönlich bin eigentlich klar auf der Seite von Rachel und ihren Freunden, doch ich muss zugeben, dass ihr Bekannter Joe Carr, ein Performancekünstler, der sich »Social Justice Activist« nennt, und der während des Abspanns des Films einen »Rap« über Rachels Schicksal vorträgt, auch bei mir Vokabeln wie »Chaot« evoziierte. Und ich frage mich, ob dies (Hand in Hand mit den letzten Bildern und Tönen des Films) von der Regisseurin beabsichtigt oder zumindest vorhergesehen wurde ...

Wie gesagt, ein aktivisten-freundlicher Film (die Situation ist ja auch denkbar eindeutiger), der aber dennoch einige hitzige Diskussionen nach dem Kinobesuch in Gang bringen wird. Nur schade, dass nur wenige diesen hochaktuellen Film diese Woche betrachten können.