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Die Box




24. November 2010
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Ein gutes Herz (R: Dagur Kári)
Ein gutes Herz (R: Dagur Kári)
Ein gutes Herz (R: Dagur Kári)
Bildmaterial: Alamode Film
Ein gutes Herz (R: Dagur Kári)
Ein gutes Herz (R: Dagur Kári)


Ein gutes Herz
(R: Dagur Kári)

Originaltitel: The Good Heart, Dänemark / Island / USA / Frankreich / Deutschland 2010, Buch: Dagur Kári, Kamera: Rasmus Videbæk, Schnitt: Andri Steinn, Musik: Slowblow (Orri Jonsson & Dagur Kári), Production Design: Halfdan Pedersen, Art Direction: Matthew Munn, Linda Stefansdottir, mit Paul Dano (Lucas), Brian Cox (Jacques), Isild le Besco (April), Bill Buell (Roger Verne), Edmund Lyndeck (Barber), Clark Middleton (Dimitri), Stephanie Szostak (Sarah), Henry Yuk Lui (Chin Lee), Damian Young (Roddie), André de Shields (Sooty), Ed Wheeler (Jonathan), Nicolas Bro (Ib Dolby), 99 Min., Kinostart: 25. November 2010

»Oh Jacques! Not again! Why can’t you just die?« An den erfolglosen Selbstmörder Jacques (Brian Cox) und seinen menschenfeindlichen Charakter haben sich selbst die Krankenschwestern im Spital bereits gewöhnt. Doch Jacques findet diesmal einen Leidensgenossen, den ebenfalls knapp vorm Tod geretteten jungen Obdachlosen Lucas (Paul Dano), mit dem er bald gemeinsam das Pflegepersonal malträtiert oder mit Frisbees im Park spielt.

Jacques hat einen neuen Lebenswillen gefunden, denn Lucas soll als sein Protegé in Jacques’ Kneipe das Gastronomiegeschäft (oder Jacques’ Vorstellung davon) erlernen - und später den Betrieb erben.

Wer jedoch zu Beginn des Films miterlebt hat, wie fürsorglich sich Lucas für ein kleines Kätzchen, mit dem er seinen Pappkarton teilte, aufopferte, ahnt, dass der schüchterne Möchtegern-Samariter Lucas und der Gift und Galle spuckende Misantrop Jacques (dass er Hundehalter ist, ändert daran wenig) nicht unbedingt ein Idealpaar darstellen. »You’re making one very terrible mistake: you’re friendly. You’re not a natural if it comes to hostility and arrogance.«

Jacques’ Regeln im »House of Oysters« sind so einfach wie ökonomisch selbstzerstörerisch: Laufkundschaft wird rausgeekelt, und selbst die Stammgäste werden nicht eben mit Samthandschuhen angefasst. Wichtig ist Jacques, dass man ein leeres Glas nicht abräumt (es ist eine »Erfolgsbilanz« des Kunden) und dass seine eigens importierten Kaffeebohnen auf eine ganz spezielle Weise zubereitet werden.

Als eine zum Festtagsbraten anzufütternde Gans im Schankraum ihren Platz findet, bahnt sich das erste Problem an, doch zur Zerreißprobe kommt es, als Lucas auch noch die mittellose Stewardess April (Isild Le Besco) aufnimmt ...

In seinem ersten englischsprachigen Film kreiert der Isländer Dagur Kári (Noí albinoí, Dark Horse) wieder die skurrilen Figuren, für die er bekannt ist. Doch die beiden Hauptdarsteller drängen sich ein wenig in den Vordergrund, wo man mehr über die Gäste des Etablissement erfahren hätte - und die Beziehung / Geschichte zwischen Jacques und Lucas wirkt nicht nur im Nachhinein zu konstruiert. Dennoch überzeugen die sympathischen Darsteller (auch der griesgrämige Cox mit seinen Schimpftiraden) und der Film hat einige Momente, die lange nachwirken. Ein eifersüchtiger Blickwechsel zwischen Hund und Gans oder Jacques’ Version einer organischen Bloody Mary - das sind die winzigen glitzernden Glasperlen, die Kári sozusagen eingearbeitet hat in eine kratzige, schmutzigbraune, nach nassem Hund riechende Decke. Und sie wärmt dennoch!