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Die Box




29. Juli 2010
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Space Tourists (R: Christian Frei)
Space Tourists (R: Christian Frei)
Bildmaterial © Christian Frei Filmproduktionen
Space Tourists (R: Christian Frei)
Space Tourists (R: Christian Frei)
Space Tourists (R: Christian Frei)


Space Tourists
(R: Christian Frei)

Schweiz 2009, Kamera: Peter Indergand, Schnitt: Christian Frei, Musik: Eduard Artemyev, Jan Garbarek, Steve Reich, mit Anousheh Ansari, Jonas Bendiksen, Dumitru Popescu, Charles Simonyi, 98 Min., Kinostart: 29. Juli 2010

»Der dritte Sitz in der Sojus war immer eine Art ‘Joker’. Während des Kalten Krieges durfte der DDR-Kosmonaut mitfliegen, oder der Kubaner. Es lag also auf der Hand, diesen Sitz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu kommerzialisieren.«

So Regisseur Christian Frei über den geschichtlichen Hintergrund seines Films. Space Tourists begleitet die im Iran geborene Amerikanerin Anousheh Ansari bei ihrem einwöchentlichen Weltraumurlaub, für den die Internet-Milliardärin 20 Millionen Dollar in Cash zahlte. Was fast die Hälfte der Kosten für den Raketenflug trägt.

Anousheh wollte schon immer ins All und will die Menschheit und kommende Generationen inspirieren wie es einst Mahatma Gandhi tat (wobei sich die Parallele nicht jedermann erschließen wird).

Der Film beginnt mit der Rückkehr von Frau Ansari und berichtet erst später von ihrem Start (mit großem Presserummel) und ihren Erlebnissen auf der Raumstation (die sie selbst mit einer Kamera festhielt). Alles, was man jemals über das Zähneputzen in der Schwerelosigkeit wissen wollte, aber nicht zu fragen wagte.

Da das zur Verfügung stehende Material noch nicht abendfüllend war, gerät Space Tourists zum Omnibus-Film. Zunächst einmal sieht man weitere Weltraumtouristen wie Charles Simonyi, den Entwickler von Word und Excel, der sich bereits zweimal einen Ausflug ins All gönnte. Insbesondere die Vorbereitungen der Raketenpassagiere sind interessant, im hermetisch abgeschlossenen »Sternenstädtchen« (Swjosdny Gorodok) testen die superreichen Ausflügler die doch eher bodenständige russische Weltraumnahrung von Zander-Sülze bis Zucchini-Kaviar (hier scheint der Film zu versuchen, die Urteile ein wenig zu beschönigen, was aber auch von den mannigfaltigen Zensurbeschränkungen herrühren könnte). Irgendwie recht amüsant ist es auch, wenn man neben dem vermeintlich hochmodernen »Zentrifugalkraftsessel« die Wissenschaftler in abgewetzten Trainingshosen und Sandalen sieht.

Der Niedergang des einstigen Prestige- und Propaganda-Projekts der russischen Raumfahrt ist ein wiederkehrendes Thema des Films. So begleitet der Regisseur auch den Magnum-Fotografen Jonas Bendiksen, der bevorzugt den Verfall von riesigen Fresken mit fortschrittsgewandten Kosmonauten und anderen Helden der Arbeiter- und Bauern-Staaten dokumentiert. Oder auch mal eine mittlerweile traurig dreinschauende Rakete inmitten eines heruntergekommenen Spielplatz.

Als weiteres Kontrastprogramm zu den Weltraumtouristen zeigt der Film die entgegengesetzten Kräfte auf der kommerziellen Hackordnung, kasachische Raketenschrottsammler, die die mehrfach wöchentlich stattfindenden Starts aufmerksam betrachten, und die zur erde herunterfallenden Raketenstufen dann mit riesigen Lastern ausplündern bzw. wegtransportieren. (In den USA fällt der Weltraumschrott der Starts von Cape Canaveral »nur« in den Atlantik, in Russland gibt es sogar Gerüchte von Verlusten durch in besiedelten Gebieten abstürzenden Raketenteilen.)

Wie um dem Film noch ein wenig »closure« zu verschaffen, wird dann noch vom »Prize X« berichtet, mit dem die so um Inspiration für die Menschheit bemühte Milliardärin Ansari aufstrebenden Hobby-Kosmonauten die Chance gibt, sich auch mal ihren Passagierplatz zu erkämpfen, ohne das notwendige Kleingeld zu besitzen. und so sieht man beispielsweise die Bemühungen des Rumänen Dumitru Popescu, mit einem riesigen Solar-Ballon sein Öko-Raumschiff in die Stratosphäre zu bringen.

Alles in alem wirkt der Film ein wenig wie eine von Emir Kustorica gedrehte Parodie von 70er-Jahre SF-Filmen, im Doku-Stil. Space Tourists ist aber ein reinrassiger Dokumentarfilm, auch wenn die aus Tarkovskij-Soundtracks übernommenen Musik-Passagen und die bedeutungsschwangeren Textpassagen für die abstruse Bilderfolge ohne wirklichen Tiefgang ziemlich fett rüberkommen.