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20. Mai 2010
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Prince of Persia: Der Sand der Zeit (R: Mike Newell)
Prince of Persia: Der Sand der Zeit (R: Mike Newell)
Bildmaterial © Disney Enterprises, Inc.
Prince of Persia: Der Sand der Zeit (R: Mike Newell)
Prince of Persia: Der Sand der Zeit (R: Mike Newell)
Prince of Persia: Der Sand der Zeit (R: Mike Newell)


Prince of Persia
Der Sand der Zeit
(R: Mike Newell)

Originaltitel: Prince of Persia: The Sands of Time, USA 2010, Buch: Boaz Yakin, Doug Miro, Carlo Bernard, Videospielvorlage & Story: Jordan Mechner, Kamera: John Seale, Schnitt: Mick Audsley, Michael Kahn, Martin Walsh, Musik: Harry Gregson-Williams, mit Jake Gyllenhaal (Dastan), Gemma Arterton (Tamina), Ben Kingsley (Nizam), Alfred Molina (Sheik Amar), Steve Toussaint (Seso), Toby Kebbell (Garsiv), Richard Coyle (Tus), Ronald Pickup (King Sharaman), Reece Ritchie (Bis), Gísli Örn Garðarsson (Hassansin Leader), Thomas DuPont (Hassansin Whip Man), 116 Min., Kinostart: 20. Mai 2010

Kompromisse können einem das Leben schwermachen. Normalerweise meide ich Pressevorführungen, die nur in der deutschen Sychronfassung angeboten werden, und mit Videospiel-Verfilmungen habe ich bisher auch vor allem schlechte Erfahrungen gemacht. Doch für den Starttag 20. 5. hatte ich noch keinen Film, Regisseur Mike Newell ist durchaus fähig und Gemma Arterton hat immerhin den letzten Bond zu einem Erlebnis gemacht, also habe ich gedacht “So schlimm wird’s schon nicht werden ...”

Micky Maus 22/2010
Micky Maus 22/2010

Irgendwie hatte ich aber einen ganz anderen Film erwartet, denn dass “der Dolch zum Film” der aktuellen Micky Maus beiliegt und Disney offenbar einen “Abenteuerfilm für die ganze Familie” bieten wollte, war mir zunächst nicht klar. Doch schon während des Prologs, der beleuchtete, wie Dastan zum schmeichelhaften Titel eines “Prinzen” kam, erkannte ich, dass Prince of Persia im Grunde die Realfilmversion von Disneys Aladdin ist. Jake Gyllenhaal als Dastan ist zu Beginn des Films noch mindestens viermal so arrogant wie Aladdin, was sich aber mit der Zeit entweder ändert oder vom Zuschauer irgendwann nicht mehr wahrgenommen wird. Heutzutage ist es wohl ganz normal, wenn man einem feindlichen Soldaten (der sich vor allem durch schlechteres Training auszeichnet und im weiteren Verlauf des Film als gänzlich “unschuldig” charakterisiert wird) das Rückgrat bricht, solange man Sekundenbruchteile zuvor reichlich zynisch “Vorsicht! Dein Rücken!” sagt. Der Umgang mit Menschenleben ist in diesem Film ein brutaler, doch durch geschickte Schnitte erreicht man die gewünschte FSK-Freigabe - und durch einen dramaturgischen Kniff wird der Bodycount nachträglich geschönt und auf Disney-Niveau gebracht.

Außerdem ist es immer von Vorteil, wenn die Bösewichte, wie hier die heimtückischen “Hassansinen” quasi nicht mehr menschlich erscheinen, sondern grausam verstellt sind und quasi telepathisch (CGI-)Schlangen befehligen, die sie aber (keine Tierfreunde!) zur Erreichung ihrer Ziele auch gern selbst aufschlitzen und entleiben.

Nochmal kurz zurück zu Aladdin. Die Videospielreihe Prince of Persia ist mir gänzlich unbekannt, doch durch den Film bekommt man das Gefühl, dass man akrobatisch wie ein Affe (Aladdins Sidekick) Gebäude und andere Hindernisse hochspringen, mit viel Körpergefühl hüpfenderweise Balanceakte vollführen und schließlich levelweise mit unterschiedlichen Waffen ausgerüstete Hassansinen-Gegenspieler ausschalten muss. Besonders an Aladdin erinnern die Verfolgungsszenen vor den ordnungskräftigen Schergen, die dabei obligatorische Stippvisite in einem Harem, der düstere Schwarzmagier in Beraterfunktion eines Herrschers und das immer wieder aufblitzende 500.000-Dollar-Lächeln des Hauptdarstellers. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Jake Gyllenhaal tatsächlich für jedes Lächeln eine ähnliche Summe vertraglich zugesichert bekam, was ihm seinen Schauspieljob sicher erleichterte.

Im Gegensatz zum durchaus gelungenen Aladdin und der (bis vor kurzem) durchweg überzeugenden Filmographie des Regisseurs Mike Newell ist bei Prince of Persia leider die Handschrift des Produzenten Jerry Bruckheimer sehr viel prägender als die des Regisseurs oder des vor 42 Jahren verstorbenen Herrn Disney, mit dessen verspielt abenteuerlichen Realfilmen dieser Streifen nur noch weniger gemeinsam hat. Trotz 116 Minuten Filmlänge und nicht weniger als drei Cuttern wirkt der Film zusammengeschludert, einige Episödchen folgen ohne viel Zusammenhang krude hintereinandergesetzt (ein Höhepunkt in Sachen verhunzte Montage ist auch der Tonschnitt bei einer Parallelmontage, wo die näherkommenden Truppen jeweils durch ein hochgradig lächerliches “Uh-huh-huh” immer wieder akustisch ins Gedächtnis gerufen werden). Trotz abenteuerlicher Kamerafahrten und Dreharbeiten, die teilweise in der Wüste stattgefunden haben, zeichnet sich der inszenierte Raum hier nur durch sein fast komplettes Fehlen aus. Immer wieder umfährt die Kamera schnell irgendwelche Personen und zeigt uns dabei Paläste und orientalische Städte, die aber jeweils nur den Eindruck hingepfuschter Computeranimationen hergeben.

Und wenn die wahrscheinlich hochbegabten Stuntleute und Kampfchoreographen ihr Handwerk präsentieren, wird alles durch den fragmentarischen Schnitt (und aufdringliche anachronistische Musik) so zurechtgestutzt, dass man nur in den wenigsten Szenen wirklich nachvollziehen (und nicht nur erahnen) kann, was eigentlich gerade passiert. Das entspricht wahrscheinlich zeitgemäßen Sehgewohnheiten, wie man sie sich durch den Konsum von Filmen von Jerry Bruckheimer angewöhnen kann (und wie sie auch einige schlechte Regisseure übernehmen, weil man durch eine Montage, die alles verschleiert und vor allem mit Tricks und akustischem Overkill arbeitet, selbst noch aus dem misslungensten Drehmaterial einen Film à la Bruckheimer basteln kann) - und viele junge Leute, die nur noch diese Art von Filmen kennt, werden gar nicht mehr wahrnehmen, dass hier etwas fehlen oder nicht stimmen könnte (weshalb man auch schon die ganz Jungen über die penetrante Lobhudelei zum Film in der Micky Maus möglichst schnell an diese Art von Filmen binden muss).

Was auch nicht stimmt (und noch hätte stimmen können), ist das Zusammenspiel zwischen den Darstellern. Jake Gyllenhaal und Gemma Arterton geben ein typisches Screwball-Pärchen, das andauernd in Zankereien verstrickt ist, von dem der Zuschauer aber ab dem ersten Aufeinandertreffen informiert ist, dass es sich um ein Idealpaar handelt. Leider geht den Dialogschlachten (zumindest in der deutschen Synchro) nahezu jeder Humor abhanden, und das Potential dieser noch nicht totfotografierten Jungstars versickert im allgegenwärtigen Sand. Wo bei einem klassischen Disney-Realfilm das Geplänkel zwischen Darstellern wie Dick van Dyke, Julie Andrews oder Fred MacMurray trotz allem bunten Kitsch immerhin amüsant war, und man selbst bei den deutschen Karl-May-Verfilmungen immer auf Eddi Arendt oder Ralf Wolter zählen konnte, da bietet Prince of Persia einen dicklichen Scheich, der trotz allen Materialismus dann doch immer das Richtige tut, und seinen farbigen Messerwerfer, der in einer blutrünstigen Szene, die man wahrscheinlich nicht ohne weiteres auf unter FSK 12 entschärfen kann, seine ehrbare Gesinnung zeigt.

Beim dicken Scheich dachte ich übrigens die ganze Zeit “Vom Typ her ist der wie Alfred Molina, doch der wäre wohl zu teuer gewesen”, nur um dann im Abspann zu erfahren, dass es Molina war, der aber mit viel Mummenschanz und ohne seine Stimme in der entstellten Synchronfassung für mich nicht wiedererkennbar war.

Zusammenfassend muss man sagen, dass Prince of Persia gerne ein “Abenteuerfilm für die ganze Familie” wäre, wie man sie in den 1950ern bis 70ern oft sah, dieses Ziel aber nicht annähernd erreicht (und meines Erachtens gelang dies dem Bruckheimer/Disney-Gespann auch nur beim ersten Pirates of the Caribbean-Film, Folgefilm und National Treasure fand ich jeweils unerträglich). Und das Schrecklichste an diesem Film (und ähnlichen “Blockbustern”) ist, dass sie das Kino der nächsten Jahrzehnte (und neuen Generationen von Zuschauern) noch weiter verderben werden, bis schließlich nur noch ganz wenige Personen es vollbringen werden, mal einen Schwarz-Weiß- (oder gar Stumm!-)Film zu betrachten und nicht schon bei einer spezialeffektfreien Einstellung von mehr als 8 Sekunden unruhig auf dem Stuhl hin- und herrücken.

Es gibt aber auch etwas Positives über Prince of Persia zu berichten: Er war nicht in 3-D.