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Die Box




6. Februar 2010
Thomas Vorwerk
für satt.org

Alle Terminangaben sind sorgfältig abgetippt, aber ohne Gewähr. Die Filme werden immer unter dem Titel aufgeführt, unter dem man sie im offiziellen Berlinale-Katalog findet.


Bibliothèque Pascal
(R: Szabolcs Hajdu, Forum)

Ungarischer Titel: Gyöngéd kezelés, Deutschland / Ungarn / UK 2010, Buch: Szabolcs Hajdu, Kamera: András Nagy, Schnitt: Péter Politzer, Production Design: Mónika Esztán, Kostüme: Krisztina Berzsenyi, mit Orsolya Török-Illyés (Mona Paparu), Shamgar Amram (Pascal), Lujza Hajdu (Viorica), Andi Vasluianu (Viorel), Razvan Vasilescu (Gigi Paparu), Oana Pellea (Rodica), Mihai Constantin (Gicu), Ildikó Antal (Melinda), Dorel Visan (Mayor), 105 Min.

  Berlinale 2010
Bibliothèque Pascal (R: Szabolcs Hajdu)
Vorführungen: Bibliothèque Pascal (R: Szabolcs Hajdu)
Bibliothèque Pascal (R: Szabolcs Hajdu)

Mona sitzt einem Beamten gegenüber, dessen Interview mit darüber entscheiden wird, ob sie das Sorgerecht für ihre Tochter wiederbekommen wird. Momentan sorgt Monas Tante für die Kleine, doch wie in Monas Anzeige steht, versucht diese sich, an dem Kind zu bereichern und schreckt auch nicht davor zurück, dem etwa dreijährigen Mädchen Alkohol einzuflößen, um es nach Wunsch frühzeitig in Schlaf zu versetzen, was für das Wohl des Kindes natürlich potentielle Schäden mit sich bringen kann.

Nun soll Mona dem beamten erklären, unter welchen Umständen sie zur alleinstehenden Mutter wurde, warum sie die Verantwortung für das Kind aufgab, und aus welchem Grunde die Behörden ihr Glauben schenken sollten, dass das Wohl des Kindes ihr in Zukunft stärker am Herzen liegen sollte, als es bisher den Anschein hat. Und somit erzählt Mona von den letzten drei Jahren ihres Lebens ...

Die turbulente Geschichte beginnt mit einem von Mona für den Ortsbürgermeister organisierten Volksfest, bei dem allerdings ein plötzlich hereinbrechender Regen und ein Eifersuchtsdrama (bei dem Mona nicht unschuldig ist) für einen tumultartigen Skandal sorgen, woraufhin der Bürgermeister aufgebracht etwas sagt, was mit “Never show your face out of my office again” untertitelt ist (jaja, die Fallstricke der Übersetzungstätigkeit).

Woraufhin Mona sich eine Auszeit nimmt und an den Strand fährt, wo man das Gefühl bekommt, dass sämtliche Männer sie anstarren. Nachdem zu diesem Zeitpunkt bereits auffallend ist, dass der Film oft und gerne mit langsamen Fade-Outs arbeitet, der Kameramann András Nagy bei der Ausleuchtung von Außenszenen ein wenig übertreibt (was sich später unauffällig ins Gesamtbild des Films einfügen soll) und ein Faible für durchkomponierte Kamerafahrten hat (wobei gerne leichte Sprünge durch Zeit oder Raum eingebaut werden), bietet der Film die erste (von einigen) spektakulären Überraschungen, wie der erste Auftritt des zukünftigen Kindsvaters ausfällt, ist so abgedreht, dass man den Gag nicht verraten mag.

Es folgt dann eine kleine Genre-Exkursion in den Bereich des Kriminalfilms, allerdings mit einigen Schnörkeln, die man zunächst noch als Hilflosigkeiten der Filmemacher missdeuten könnte, doch Bibliothèque Pascal ist ein Film, der mit jeder Minuteabgedrehter, aber auch durchdachter in Plot und Inszenierung wirkt, man muss ihm nur die Chance geben, sich zu entfalten. Zu diesem Zeitpunkt gibt es bereits eine halbanimierte Vision, die von Jan Svankmajer oder Frida Kahlo stammen könnte (oder auch beiden), eine politisch unkorrekte Beichte und einen charmanten Fall von full frontal nudity, doch der Film hat noch nicht einmal in den dritten Gang geschaltet (und vom Turbo-Boost-Schalter dieser cineastischen Höllenmaschine wissen wir noch gar nicht).

Mithilfe der bereits erwähnten Kamerafahrten (meistens wurde schnurstracks eine Gleispartie aufgebaut, daraus aber das Maximum an Ästhetik und Narration herausgeholt) erzählt der Film ein Großteil seiner Geschichte fast ohne Worte, bevor dann mit Kabinettstückchen, die an eine Punch-and-Judy-Show oder Zirkusakrobatik erinnern, einige wiederkehrende Themen des Films vorbereitet werden. Nachdem man dachte, man wisse einiges über Monas Familienverhältnisse, hört (und sieht) man zunächst eine Märchenversion von Monas Herkunft, ehe man dann ihre Tante (eine unvorsichtige Hellseherin) und ihren Vater (einen schwerkranken Zuhälter, der mit ihr zusammen zu einem Spezialisten nach Deutschland fahren will) kennenlernt.

An einem Wiener Bahnhof offenbart der Film eine zweite Kriminal-Passage, die aber bereits von einem magischen Realismus durchdrungen ist (Jonathan Carroll hätte seine helle Freude an diesem Film), und im weiteren Verlauf der Geschichte erlebt man den Leidensweg Monas, wie ihn sich Pedro Almodóvar, Neil Gaiman und David Lynch gemeinsam nicht hätten viel fantasievoller ausdenken können. Wer glaubt, er (oder sie) hätte alles gesehen, was man aus Shakespeares Othello machen kann, wird bei diesem Film ebenso eines Besseren belehrt wie diejenigen, die sich einbilden, dass man nach Hamilton Luske, Roberto Benigni, Shrek und Steven Spielberg keiner neuen Pinocchio-Adaption mehr bedarf. Bibliothèque Pascal ist ein Film, der im Wettbewerb laufen müsste - und wenn ich die Jury wäre, hätte er gute Chancen für den Goldenen Bären, den Drehbuch-Preis und vielleicht auch noch einen Darstellerpreis für den erstaunlichen Shamgar Amram als Pascal, ein “Bibliothekar”, der im Betrachter ein gutes halbes Dutzend von Regungen und Emotionen evoziert. Wer schon immer mal eine Bibliothek betreten wollte, in der es Regalwände mit den Aufschriften “Forbidden Pleasures from Prometheus to Pornography” oder “Christianity and Homosexuality” gibt, der soll ebenso (auf eigene Gefahr!) eintreten wie diejenigen, die sich schon immer mal vom Drummer von Trio frisieren lassen wollten ...