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Die Box




28. Oktober 2009
Andreas Platthaus
für satt.org


  The Dust of Time (R: Theo Angelopoulos)


The Dust of Time
(R: Theo Angelopoulos)

Originaltitel: I skoni tou chronou, Griechenland / Italien / Deutschland / Frankreich / Russland 2008, Buch: Theo Angelopoulos, Co-Autoren: Tonino Guerra, Petros Markaris, Kamera: Andreas Sinanos, Schnitt: Yorgos Helidonidis, Yannis Tsitsopoulos, Musik: Eleni Karaindrou, mit Willem Dafoe (A), Bruno Ganz (Jakob), Michel Piccoli (Spyros), Irène Jacob (Eleni), Christiane Paul (Helga), Kostas Apostolidis (Secretary), Tiziana Pfiffner (Young Eleni), Alexandros Mylonas, Alexandra Maria Lara, Reni Pittaki, Ivan Nemtsev, Oliver Unkel, Nicque Derenbach, 125 Min., Kinostart: 29. Oktober 2009

Eines vorweg: Nach den subjektiv empfundenen zehn bis zwanzig Stunden, die der letzte Film von Theo Angelopoulos vor vier Jahren auf der Berlinale erforderte, ist dessen Nachfolger ungleich kurzweiliger geraten. Aber es wird ja auch nicht mehr behauptet, daß es sich um den zweiten Teil der 2004 eröffneten und seitdem offenbar stillschweigend begrabenen „Trilogie“ handelt (obwohl mit Eleni eine der Figuren im neuen Film wieder auftaucht), sondern Angelopoulos möchte, daß man hier einen eigenständigen und zugleich doch auch wieder tiefvertrauten Stoff entdeckt. The Dust of Time versammelt nämlich eine Vielzahl typischer Angelopoulos-Motive, und es ist auch wieder ein durch und durch allegorischer Film geworden.

Das beherrscht der mittlerweile dreiundsiebzigjährige griechische Regisseur perfekt, zumal seit er mit Der schwebende Schritt des Storches von 1991 die individuellen Schicksale seiner traurigen Protagonisten mit politischen Themen endgültig so zu verschränken pflegt, wie es der berühmteste und immer noch beste Angelopoulos-Film, Die Wanderschauspieler, schon 1975 vorgemacht, aber seitdem niemand mehr nachgemacht hatte. Der Blick des Odysseus, Die Ewigkeit und ein Tag und schließlich der erste Teil seiner Trilogie (Die Erde weint) haben bereits alle Bilder und Erzählmuster geboten, die nun auch in The Dust of Time Verwendung finden.

Nehmen wir die Stalin-Bildnisse, die nach dem XX. Parteitag der KPdSU gesammelt abgeräumt werden und bei Angelopoulos ein ganzes Treppenhaus verstopfen. Das haben wir im Blick des Odysseus genauso mit Leninstatuen gesehen, die allerdings noch dreieinhalb Jahrzehnte länger durchhielten. Das eindrucksvolle Bild der Treppenserpentinen, die die nach Sibirien Deportierten im neuen Film hinaufsteigen, nimmt die aberwitzige vertikale Einstellung des Grenzzauns zwischen Mazedonien und Griechenland auf, die in Die Ewigkeit und ein Tag zu finden war. Und das um jede grelle Farbe bereinigte markante Blau-Grau-Weiß-Spektrum von Angelopoulos hatte schon Die Erde weint zur Vollendung gebracht.

  The Dust of Time (R: Theo Angelopoulos)
The Dust of Time (R: Theo Angelopoulos)
The Dust of Time (R: Theo Angelopoulos)
The Dust of Time (R: Theo Angelopoulos)

Warum lohnt sich der neue Film dennoch? Weil er eine Besetzung bietet, die Ihresgleichen sucht. Vergessen wir Willem Dafoe, der eine Art Alter ego des Regisseurs spielt, nämlich seinerseits einen Regisseur mit dem evokativen Namen A. Dafoe ist hier ein Totalausfall, aber dafür kann er nichts. Man hätte ihn davor schützen müssen, auch als einundzwanzigjähriger A. aufzutreten. Und man hätte ihm sagen müssen, daß es mehr als nur einen Gesichtsausdruck gibt. Vor allem aber hätte man den Rest des Ensembles schlechter besetzen müssen, damit der Vergleich nicht gar so desaströs ausfällt. Aber nein: Angelopoulos gewann Michel Piccoli, Bruno Ganz, Irène Jacob und Christiane Paul.

Jeder Auftritt von Piccoli ist ein Ereignis, auch wenn er hier sehr müde agiert. Immerhin hat man ihn in Szenen, die vor dem Jahr 1974 spielen, nicht eingesetzt. Seinen Spyros, einen griechischen Kommunisten, der nach der Niederlage seiner Partei im Bürgerkrieg ins amerikanische Exil gegangen ist, bekommen wir in den fünfziger und sechziger Jahren nur von hinten zu sehen. Das verstärkt das Mysteriöse dieser Figur, die es bis in die tiefste asiatische Sowjetunion treibt, um dort seine alte Liebe Eleni wiederzufinden.

Auch Eleni (Irène Jacob) ist Kommunistin. Sie floh dummerweise nicht in die Vereinigten Staaten, sondern in die Sowjetunion und findet sich dort alsbald in kasachischer Verbannung wieder. Da spürt Spyros sie 1953 auf, ausgerechnet am Tag von Stalins Tod, und beide verleben noch eine Liebesnacht, ehe sie verhaftet und nach Sibirien deportiert wird, während er nur des Landes verwiesen wird. Der bei diesem kurzen Beisammensein gezeugte Sohn, der spätere Regisseur A., kann im Alter von drei Jahren dann gleichfalls in den Westen geschickt werden.

In Sibirien lernt Eleni den Leipziger Juden Jakob (Bruno Ganz) kennen und lieben. Doch er ist lediglich Platzhalter für Spyros, wenn auch immerhin für zwanzig Jahre. Dann läßt man beide endlich ausreisen, und Eleni sorgt sofort dafür, daß Spyros seine Familie für sie verläßt. Jakob bleibt fortan allein und doch im Banne der Faszination seiner früheren Geliebten. Alle drei treffen dann am Silvestertag 1999 in Berlin noch einmal zusammen. Zwei von ihnen werden den Tag nicht überleben.

Der Kern des Films spielt sich an jenem 31. Dezember 1999 ab, doch in Rückblenden aus den verschiedensten Perspektiven wird das halbe Jahrhundert vorher Stück für Stück rekonstruiert. In Berlin lebt auch Helga (Christiane Paul), die deutsche Frau von A., mit der dieser eine zehnjährige Tochter hat, die gleichfalls Eleni heißt. Es würde zu weit führen, jede Wirrung zu schildern, die Angelopoulos diesem Tag angedeihen läßt, doch soviel sei verraten, daß die Handlung selbst nicht die größte Stärke von The Dust of Time ist.

Bruno Ganz dagegen ist eine Offenbarung, gerade weil Angelopoulos ihn frei agieren und dabei all die Rollen anklingen läßt, die den Schweizer Schauspieler auch im Kino berühmt gemacht haben, besonders natürlich sein Engel aus Der Himmel über Berlin. Daß auch in The Dust of Time ein Engel, der einen dritten Flügel verloren hat und deshalb abgestürzt ist, eine nicht unerhebliche Rolle spielt, wird Liebhaber der Allegorese erfreuen. Genauso wie der Name Eleni, also Helena, der natürlich sofort einen ganzen Mythenraum eröffnet und zugleich umdeutet. Hier wartet die Dame zwar auch jahrzehntelang, doch ihr Odysseus ist es, der sich nicht von der Stelle rührt, bis sie dann doch ankommt. Etwas gesucht ist all diese Bedeutungshuberei allerdings schon.

Auch das Sprachenmischmasch ist gewöhnungsbedürftig. Die Krönung ist erreicht, wenn in Sibirien ein russischer Funktionär den Leipziger Jakob befiehlt, einem anderen Leipziger seine Worte zu übersetzen. Zuerst wird also Russisch gesprochen, dann Deutsch, danach Deutsch mit extrem osteuropäischem Akzent (kein Wunder bei einem Darsteller namens Ivan Nemtsev, aber bei einem angeblichen Leipziger doch verblüffend), dann aus unerfindlichen Gründen Englisch, mit dem Jakob den Funktionär anspricht, und schließlich wieder Russisch. Sollte sich jemand dabei etwas gedacht haben, würde man gerne wissen, was.

Doch für all das entschädigt die Bildersprache von Angelopoulos. Seit Fellini hat es kein Regisseur mehr geschafft, eine solch unverkennbare Ästhetik zu entwickeln – hochpathetisch, gewiß, aber auch unvergeßlich. Das kann man wiederum nicht beschreiben; man muß es sehen. Wie überhaupt alles von Angelopoulos. Mit der Ausnahme des ersten Teil der Trilogie. Aber vielleicht hat sogar der jetzt im Hinblick auf den unausgewiesenen zweiten Teil wieder eine Chance verdient.