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Die Box




6. Juli 2009
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Hände hoch oder ich schieße (R: Hans-Joachim Kasprzik)
Hände hoch oder ich schieße (R: Hans-Joachim Kasprzik)
Hände hoch oder ich schieße (R: Hans-Joachim Kasprzik)
Bildmaterial © DEFA-Stiftung
Hände hoch oder ich schieße (R: Hans-Joachim Kasprzik)
Hände hoch oder ich schieße (R: Hans-Joachim Kasprzik)


Hände hoch oder ich schieße
(R: Hans-Joachim Kasprzik)

DDR 1965/66, Buch: Rudi Strahl, Hans-Joachim Kasprzik, Kamera: Lothar Gerber, Schnitt: Ursula Rudzki, Musik: Günter Hauk, mit Ralf Herricht (Holms), Evelyn Cron (Lucie), Zdenek Stepanek (Pinkas), Gerd Ehlers (Brechstange), Axel Triebel (Hinker), Herbert Köfer (Heuschnupf das Aas), A. P. Hoffmann (Schimmy), Walter Lendrich (der sanfte Waldi), Gerd E. Schäfer (Psychiater), Bruno Carstens (Kripochef), Otto Stark (junger Kriminalist), Manfred Uhlig (Bürgermeister), Eberhard Cohrs (Fleischermeister), Agnes Kraus (Frau Schulz), Hans-Joachim Preil (Antiquar), Peter Kalisch (langer Dünner), Jochen Bley (kleiner Redner), Stefan Meier (Revolverknabe), Hans Klering (Buchhalter der LPG), Edwin Marian, Werner Lierck, Fred Delmare (drei Individuen), 79 Min., Kinostart: 2. Juli 2009

Diesen Film nur über die DDR-Verbotsfilme und das 11. Plenum des ZK der SED zu definieren, scheint wahnwitzig. Die “unverrückbaren Maßstäbe für Ethik und Moral, für Anstand und gute Sitte”, die laut Erich Honecker 1965 in der DDR herrschten, wurden durch diese harmlose Komödie sicher nicht angekratzt. Dass Leutnant Holms (DDR-Starkomiker Ralf Herricht) als ernstzunehmender Kriminalist im Provinznest Wolkenheim (!) mehr als nur entlaufene Kaninchen einsammeln will, kann man nachvollziehen, doch die DDR steht nun mal leider in der Kriminalstatistik weltweit ganz hinten. Da träumt er sich in die Londoner Unterwelt, die direkt aus einer westdeutschen Edgar-Wallace-Verfilmung zu stammen scheint, und will die aufreizende Lucie (Nachname: Nimmich), die er im Alltagsleben nie anzusprechen wagt, vor den dutzendfach auftretenden Schwerverbrechern retten. Da ihm ein solches Geschick in der Planwirtschaft nie bei der Überwindung der Schüchternheit behilflich sein wird und er zunehmend darob frustriert, opfert sich ein “Ehemaliger” aus seinem Freundeskreis und stiebitzt gemeinsam mit (offensichtlich gleichfalls gelangweilten) inzwischen untätigen Knackerkollegen ein Denkmal vom Marktplatz, und nun kann Holms bei diesem Fall und zwei ausgebüchsten Knaben seine beispielhafte Inkompetenz beweisen.

Wo bei anderen “Verbotsfilmen” dieses Jahrgangs die subversiven Einflüsse der Nouvelle Vague zu erkennen sind, gibt es hier viele Kalauer (Psychiater Dr. med Irrwitz), einige angedeutete Respektlosigkeiten (“Falsch verbunden” - “Ja, sie mich auch!”) und trotz diverser staatlich verordneter “Entschärfungen” im Drehbuch aus heutiger Sicht immer noch umtriebig wirkende Floskeln wie “Vertrauen ist gut, zuschließen ist besser”. Die glückliche, aber “geschlossene Gesellschaft” der DDR trauert dem “in den Westen rübergerentnerten” Brieftaschen-Ernie nicht nach, auch wenn man sich beim Genre der Kriminalkomödie erstaunlich an westlichen Vorbildern orientiert, sei es der Wortwitz eines Nick Knatterton (ebenfalls eine Sherlock-Holmes-Kopie) oder die tolpatschige Grobschlächtigkeit der Verbrecher, die an Alexander Mackendricks Ladykillers erinnert. In seinen besten Momenten kann Ralf Herricht durchaus an Jacques Tati erinnern - oder der Psychiater an Peter Sellers - und wer Freude an ein wenig Retro-Look und verstaubtem Humor hat (der aber angesichts der derzeitigen “Comedian”-Attacke mit Brechstange fast revolutionär wirkt), der wird sich amüsieren, und kann beispielsweise darüber sinnieren, inwieweit Detlev Bucks Karniggels auch nur eine Variation desselben Themas war. Diesen Film aber als Anlass zu nehmen, um über ein (längst verjährtes) Politikum zu diskutieren, wirkt noch absurder und komödiantischer als der Film selbst.