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Die Box




24. Juni 2009
Thomas Vorwerk
für satt.org


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Bilder: Arsenal Filmverleih
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(R: Ursula Meier)

Schweiz / Frankreich / Belgien 2008, Buch: Ursula Meier, Raphaëlle Valbrune, Gilles Taurand, Antoine Jaccoud, Olivier Lorelle, Mitarbeit: Alice Winocour, Kamera: Agnès Godard, Schnitt: François Gédigier, Nelly Quettier, Susana Rossberg, mit Isabelle Huppert (Marthe), Olivier Gourmet (Michel), Adélaïde Leroux (Judith), Madeleine Budd (Marion), Kacey Mottet Klein (Julien), Jean-François Stévenin, David Collin, Valdo Sartori, Stéphane Gabioud, Marc Berman (Stimmen), 95 Min., Kinostart: 25. Juni 2009

Abend. Eine Familie spielt Rollhockey, die Stimmung wirkt fast übertrieben fröhlich. Zwischendurch nimmt man Platz auf einem Sessel, der mitten auf dem Parkplatz zu stehen scheint, auf dem man wohl spielt. Erst am Morgen löst sich das Rätsel für den Zuschauer auf: Eine stillgelegte Autobahnstrecke, direkt daneben das Haus der Familie. Die Straße ist Teil des Vorgartens, lange Zeit wirkt es so, als hätten Regisseurin, Kamerafrau und Cutter zwei Locations geschickt miteinander verbunden, doch irgendwann sieht man die beiden unterschiedlichen Orte, die hier sozusagen das Genre des Road Movie auf den Kopf stellen, auch direkt nebeneinander. Für ihr Spielfilmdebüt hat die Schweizerin Ursula Meier eine interessante Idee überzeugend umgesetzt.

Das Haus neben der Autobahn wirkt zunächst wie ein Paradies jenseits der Zivilisation. Die Schuhe warten auf der Leitplanke, wenn die Kinder zur Schule oder der Vater (Olivier Gourmet) zur Arbeit muss, man nimmt die Strasse (nebst Leitplanken) zwar als Grenze war, doch als eine Grenze ohne Zweck und ohne Durchsetzungsvermögen. Auf dem Asphalt liegen Spielzeuge, einige Meter daneben ein halbfertiger Swimming Pool. Selbst der Postbote und Pizzabote haben sich längst mit dieser eigentümlichen Wohnsituation abgefunden. Da kommt im Radio (mal wieder) die Nachricht, dass die E 57 demnächst eröffnet werden soll, und tatsächlich, diesmal scheint es Ernst zu werden, die Bauarbeiter wirken wie Außerirdische (die Parallele zur Story-Prämisse vom Hitchhiker’s Guide to the Galaxy drängt sich auf), die aber von der Situation jenseits der Leitplanken kaum Notiz nehmen.

Für die Familie hingegen ändert sich alles. Zunächst wartet man noch gespannt auf die Eröffnung, die Ruhe vor dem Sturm, das Warten auf Georges Schwed, den ersten Autofahrer auf der E 57, den man dabei interviewte. Fortan wird der tägliche Weg über die Strasse eine Gefahr, die Katze muss angebunden werden, die Brotzeit wird hinübergeworfen, die Isolation der Mutter (Isabelle Huppert) nimmt noch zu, und die Anlieferung einer neuen Gefriertruhe wird zu einer lebensgefährlichen nächtlichen Familienaktion. Neben dem Motorenlärm und den unaufhörlich hupenden LKW-Fahrern, die das Bikini-Sonnenbad der älteren Tochter Judith immer wieder kommentieren, gibt es die Luftqualität zu bedenken und die Feinstaubbelastung, das Familienleben entwickelt sich zur Zerreißprobe irgendwo zwischen Silkwood und The Shining. In dem Konglomerat verschiedenster Genres baut der Film lange Zeit eine meisterhafte Spannung auf, die erst beim immer skurriler werdenden Ende (Vergleichsfilme wären Themroc oder Weekend) irgendwann aufbricht. Nichtsdestotrotz ein beeindruckendes Debüt, das bereits mehrfach ausgezeichnet wurde.