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Die Box




17. Dezember 2008
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Lakeview Terrace (R: Neil LaBute)
Lakeview Terrace (R: Neil LaBute)
Lakeview Terrace (R: Neil LaBute)
Bilder © 2008 Sony Pictures Releasing GmbH
Lakeview Terrace (R: Neil LaBute)
Lakeview Terrace (R: Neil LaBute)
Lakeview Terrace (R: Neil LaBute)

* das einem zumindest auf dem Planeten Erde im Spiegel ja sehr viel vertrauter vorkommt als auf Fotografien und Filmmaterial, das zumeist bereits die Vergangenheit dokumentiert.



Lakeview Terrace
(R: Neil LaBute)

USA 2008, Buch: David Loughery, Howard Korder, Kamera: Rogier Stoffers, Schnitt: Joel Plotch, Musik: Jeff Danna, Mychael Danna, mit Samuel L. Jackson (Abel Turner), Patrick Wilson (Chris Mattson), Kerry Washington (Lisa Mattson), Ron Glass (Harold Perreau), Justin Chambers (Donnie Eaton), Jay Hernandez (Javier Villareal), Regine Nehy (Celia Turner), Jaishon Fisher (Marcus Turner), Robert Pine (Captain Wentworth), Keith Loneker (Clarence Darlington), Caleeb Pinkett (Damon Richards), Robert Dahey (Jung Lee Pak), 110 Min., Kinostart: 18. Dezember 2008

Bei imdb, dem Ort der viertausend Schubladen, gibt es das Stichwort “villain played by lead actor”, und bevor ich diese Kritik zuende schreibe, muss ich mal schauen, was für Filme darunter aufgeführt werden [Nachtrag: Ich habe es versäumt] Neben Collateral mit Tom Cruise, Psycho mit Anthony Hopkins und The Night of the Hunter mit Robert Mitchum (dabei fallen mir noch die zwei Versionen von Cape Fear ein) mit Sicherheit ein Film, an den ich auch aus anderen Gründen beim Besuch von Lakeview Terrace erinnert wurde: Falling Down mit Michael Douglas. Denn so wie man bei Falling Down die sich langsam steigernde Wut der Hauptfigur nachvollziehen kann, wenn der Kioskbesitzer kein Kleingeld für das Münztelefon wechseln will oder man die Frühstückszeit im Schnellbeschiss um Bruchteile einer Minute verpasst hat, so spielt auch Lakeview Terrace mit der Motivation des “Schurken”, die womöglich einige Zuschauer nachvollziehen mögen. Perfiderweise ist diese Motivation aber so politisch unkorrekt (und das durch die Besetzung der Hauptfigur noch potenziert), dass nur etwa jeder fünfhundertste Zuschauer es Wildfremden gegenüber zugeben würde. Ich will hier keine Lanze für unterschwelligen Rassismus brechen (der übrigens auch beim Kioskbesitzer in Falling Down mit hineinspielte), sondern dafür, dass durch die simple Besetzung der Hauptrolle mit Samuel L. Jackson (statt beispielsweise mit Michael Douglas oder einem 15 Jahre jüngeren Äquivalent zu Michael Douglas) der Film funktioniert, was perfiderweise gleichzeitig auch eine Art von Rassismus ist – und ein Plädoyer dagegen! Denn ein schwarzer Schurke, der sich über seine neuen Nachbarn, ein gemischtrassiges Paar (es muss nicht weiter erwähnt werden, dass natürlich die Frau schwarz ist), aufregt, wodurch ein kleiner Nachbarschaftsstreit zunehmend eskaliert, das ermöglicht einerseits, dass sich das (in großen Teilen womöglich kaukasische Publikum) nicht unangenehm berührt fühlen muss, als wenn beispielsweise Tom Cruise den langsam ins psychopathische abdriftenden Rassisten spielen würde. Und dass das selbe Publikum, unabhängig von seiner Hautfarbe oder seiner Gesinnung in solchen Fragen, die Motivation des bösen Nachbarn in Ansätzen nachvollziehen (und dabei nicht automatisch gutheißen!) kann, ohne dass die Hautfarbe der Figur beim Urteil über sie eine Rolle spielen muss. Es ist wie in der alten Folge der klassischen Star Trek-Serie, wo einem die Absurdität des Fremdenhasses dadurch vor Augen geführt wurde, dass die eine Hälfte der Bevölkerung eines unwahrscheinlichen Planeten, bei der die linke Körperhälfte pechschwarz und die rechte Körperhälfte blendend weiß ist, die andere Hälfte verabscheut, bei der die Pigmentierung anders herum verteilt ist. Leider ist es zu lange her, dass ich diese Folge sah, denn mich würde interessieren, ob die Drehbuchautoren damals schlau genug waren, das Motiv eines Spiegels mit einzubringen. Man stelle sich vor: Man steht morgens vor dem Spiegel, um sich zu rasieren, und das eigene Gesicht* wirkt plötzlich wie das des verhassten Feindbildes. Aber genug zu den nahezu philosophischen Implikationen des Films, denn ähnlich wie wie damals bei Captain Kirk ist Lakeview Terrace kein Kunstkino mit politischer Zielsetzung, sondern ganz auf Action und Spannung aufbauendes Mainstreamkino.

Patrick Wilson, der bereits in Little Children eine Hauptrolle in einem Film über Nachbarschaft und Vorurteile spielte, tritt hier als Chris Mattson auf, der mit seiner Frau Lisa (Kerry Washington) in ein Traumhaus im titelgebenden Lakeview Terrace zieht. Schon im Zusammenhang mit dem Schwiegervater (Ron Glass) ahnt man als Zuschauer erste Probleme, die dann durch den alleinerziehenden Vater nebenan (Samuel L. Jackson) verstärkt werden, dessen Name Abel Turner ausnahmsweise nichts über seinen Charakter verrät, denn ein flinker Opportunist, der seine Fahne nach dem Wind hängt, ist Abel mitnichten. Und auch nicht das biblische erste Opfer, auch wenn er sich womöglich gern in dieser Opferrolle sieht, nur um dann den Täter herauszukehren. Zu allem Übel ist der Nachbar auch noch Polizist (“He’s got the color issue on his side. And that color is blue”), und so, wie er bei seinen Kindern eine überkorrekte Grammatik durchsetzt (entgegen den vorherrschenden Vorurteilen), so beharrt er auf Parkvorschriften und ahndet kleinste Vergehen schnell auch mal jenseits des legalen Prozederes, wodurch sich schnell eine bedrohliche Atmosphäre für die ungeliebten Nachbarn entwickelt. Selbst bei der unvermeidlichen Einweihungsparty ist Abels Geschenk eine kaum kaschierte Provokation, und statt Cocktailgeplänkel legt er auch gegenüber den Freunden der Nachbarn die Fronten überdeutlich klar. Der Film entwickelt sich dann in Richtung Falling Down, Cape Fear oder Pacific Heights, also mit Eskalation und lebensbedrohlicher Action gegen Ende, aber da die eigentlichen Themen so durchdacht dargelegt werden, legt man das noch nicht einmal gegen den Film aus, Lakeview Terrace macht auf eine ganz perfide Art auch bis zum Schluss Spaß.

Aber wahrscheinlich nur, wenn man als Zuschauer selbst keine Probleme mit Nachbarn hat ...