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Die Box




17. Dezember 2008
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Ein Geheimnis (R: Claude Miller)
Ein Geheimnis (R: Claude Miller)
Ein Geheimnis (R: Claude Miller)
Bilder: Arsenal Filmverleih
Ein Geheimnis (R: Claude Miller)
Ein Geheimnis (R: Claude Miller)
Ein Geheimnis (R: Claude Miller)


Ein Geheimnis
(R: Claude Miller)

Originaltitel: Un secret, Frankreich 2007, Buch: Claude Miller, Lit. Vorlage: Philippe Grimbert, Kamera: Gérard de Battista, Schnitt: Véronique Lange, Musik: Zbigniew Preisner, mit Cécile de France (Tania), Patrick Bruel (Maxime Nathan Grinberg), Ludivine Sagnier (Hannah Golda Stirn Grinberg), Julie Depardieu (Louise), Nathalie Boutefeu (Esther), Yves Verhoeven (Guillaume), Sam Garbarski (Joseph), Mathieu Amalric (François Grimbert mit 37), Valentin Vigourt (François mit 7), Robert Plagnol (Robert), Quentin Dubuis (François mit 14), Orlando Nicoletti (Simon mit 7), Philippe Grimbert (Le passeur), 105 Min., Kinostart: 18. Dezember 2008

“Ich lebte im Schatten meines Traumbruders.” Für einen Film, der Un secret heißt, wird dieses Geheimnis erstaunlich früh preisgegeben, nach ca. 15 Minuten, wenn der kleine François auf dem Boden ein Stofftier findet, mit dem seine Eltern ihn aus vorgetäuschten Gründen nicht spielen lassen wollen, steht für den Betrachter bereits fest, dass François tatsächlich einen Bruder gehabt haben muss, und da der Film im Sommer 1955 spielt, und man schnell erfährt, dass die Grimberts, die so sehr darauf bestehen, mit M und T geschrieben zu werden, eigentlich Juden sind (obwohl sie nach außen abgesehen von Papa Maximes schwarzen Haaren wie athletische Arier erster Güte wirken), ahnt man auch, warum über den früheren Sohn nicht mehr gesprochen wird.

Die Geschichte, die Un secret erzählt, ist berührend, dramatisch, und nicht den üblichen Klischees verpflichtet, sondern durchaus voller Überraschungen. Doch wie Claude Miller die Geschichte erzählt (offensichtlich nach dem Beispiel der Vorlage vom Philippe Grimbert), dass ist leider nicht so überzeugend. Das beginnt mit dem Zeitenwechsel von 1955 zu 1985, letzteres in schwarz-weiß. Der nunmehr erwachsene François (Matthieu Amalric) ist auf der Suche nach seinem offenbar nach dem Tod seines Hundes verwirrten Vater (Patrick Bruel). 1985 ist der Zeitpunkt, von dem aus uns François die Geschichte erzählt, doch die unvermeidliche Aussöhnung mit dem Vater und das psychologische Fundament des toten Hundes, der auch für den Vater die Erinnerungen hervorbrechen lässt, funktionieren im Film, aufs Wichtigste beschränkt, nicht sehr gut. Dann erzählt François weiter, und plötzlich erzählt er von der Zeit vor seiner Geburt, von der Zeit von Simon, seinem weitaus typischer benannten Bruder, der dem körperlichen Ideal des Vaters weitaus eher entsprach als der schmächtige, etwas kränklich wirkende spätere Sohn, der somit aus nachvollziehbarem Grund “im Schatten seines Traumbruders” lebte. Im Buch wird das langsame Herauskitzeln von Details aus dem Leben der Familie vor François wahrscheinlich durch lange Gespräche mit den auch im Film interessant wirkenden Nebenfiguren bewerkstelligt, doch der Film hat hierfür keine Zeit, und springt deshalb mit seiner Informationsverteilung zwischen den Jahrzehnten hin und her (1955, 85, 42, 36, 62 etc.), erzählt teilweise Dinge, von denen keiner wissen dürfte, und ein gänzlich neuer Film beginnt, mit dem François eigentlich kaum etwas zu tun hat. Ein Film, der die Okkupation Frankreichs und die Judenverfolgung teilweise mal ganz anders bebildert. Mit idyllischem Landleben, den Nazis als fast elliptisch ausgesparter Bedrohung, und einer neuen Erzählerfigur namens Robert (wohl ein Überbleibsel aus der literarischen Konstruktion). Erst wenn das Schwimmen im Schwimmbad für Juden verboten wird, färbt sich das Bild und Ludivine Sagnier als die andere Frau, die aus der Vergangenheit, hat ihren großen Auftritt, für den allein sich der Kinoeintritt lohnen würde, den über diesen Moment denkt man noch lange nach dem Film nach. Doch der Film schnürt erst noch umständlich sein Bündelchen, arbeitet mit einem schier unendlichen Warten auf einen bereits vergangenen Sündenfall, kehrt dann zurück ins Jahr 1985, zeigt uns François’ Mutter Tania (Cécile de France) nochmal im Falten-Make-Up, Regisseur Miller baut noch Archivaufnahmen aus Auschwitz in den Film, denen dann seltsame Momente auf einem Hundefriedhof folgen (das Grab von Vasco als Platzhalter für den im Massengrab beerdigten Bruder Simon).

Un secret vereinigt eine großartige Geschichte mit vielen guten und oft innovativen Ideen. Aber leider auch mit vielen nicht so guten Ideen und überflüssigen Filmszenen. Ein Film, der 1955 den Vater seinem Sohn die Geschichte des Bruders hätte erzählen lassen, hätte mehr Zeit für die interessanten Aspekte des Films gehabt. Oder als Alternative hätte ein Zweieinhalbstunden-Film Zeit genug für die komplette Geschichte gehabt. Nur wirkten leider schon die 105 Minuten wie gefühlte zweieinhalb Stunden, und somit favoritisiere ich meinen ursprünglichen Vorschlag.