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Die Box




1. Oktober 2008
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Berlin Calling (R: Hannes Stöhr)
Berlin Calling (R: Hannes Stöhr)
Berlin Calling (R: Hannes Stöhr)
Berlin Calling (R: Hannes Stöhr)
Berlin Calling (R: Hannes Stöhr)
Berlin Calling (R: Hannes Stöhr)

Berlin Calling
(R: Hannes Stöhr)

Deutschland 2007, Buch: Hannes Stöhr, Kamera: Andreas Doub, Schnitt: Anne Fabini, Musik: Paul Kalkbrenner, mit Paul Kalkbrenner (Ickarus), Rita Lengyel (Mathilde), Corinna Harfouch (Prof. Dr. Petra Paul), Araba Walton (Corinna), Peter Schneider (Crystal Pete), RP Kahl (Erbse), Henriette Müller (Jenny), Udo Kroschwald (Vater), Megan Gay (Labelchefin Alice), Maximilian Mauff (Zivi Alex), Peter Moltzen (Bruder), Dirk Borchardt (Clubchef Tom), Erdal Yildiz (Hotelangestellter), Ernest Allan Hausmann (Pfleger Ernesto), André Hoffmann (Franz), Caspar Bódy (Goa Gebhard), Paul Preuss (BMW-Michi), Mehdi Nebbou (Jamal), Doreen Schmidt (Petra), Anja Limbach (Natascha), Sascha Funke (DJ Sascha Funke), Housemeister (DJ Housemeister), Onze (DJ Onze), Fritz Kalkbrenner (DJ Fritz Kalkbrenner), Peggy Laubinger (DJane Peggy Laubinger), Frank Künster (Türsteher Frank), Scott (Türsteher Frank), Nico Bäthge (Nico), 109 Min., Kinostart: 2. Oktober 2008

"Die Arbeit gehört zum Menschen wie zum Vogel das Fliegen, sagt Martin Luther." So heißt es in einer Predigt des Vaters von "DJ Ickarus" (Paul Kalkbrenner), einer wenig überraschend ziemlich selbstsüchtigen Figur, die oft auch Icka oder ICke genannt wird. Zu Ickas Arbeit, sei es beim Komponieren am Computer oder bei Auftreten auf Raves, gehört auch der Drogenkonsum, und wie es der selbstgewählte Künstlername dieses Martin Karow schon vorwegnimmt, folgt bei dieser Art von Fliegen irgendwann der Absturz.

Icka landet im "Gesundheits- und Sozialzentrum Moabit", und der Film hätte auch "GZSZ im GSZM" heißen können. Doch wo der Alltag als DJ trotz vieler Klischees noch ansatzweise authentisch wirkte, hat man wohl trotz aller Experten-Beratung bei der Darstellung der geschlossenen Anstalt einfach größtenteils One Flew Over the Cuckoo's Nest kopiert. Es gibt einen, der wie Chief Bromden freiwillig schweigt, der Billy Bibbit heißt hier Michael, statt Monopoly spielt man "Mensch ärger dich nicht", bei gemeinsamen Therapiesitzungen soll man sich auf bunte Bälle setzten ("auf keinsten!"), und als Nurse Ratched fungiert hier Corinna Harfouch, die Ickas Musik "düster" und "depressiv" findet. Es geht sogar soweit, dass Icka wie einst Randall Patrick McMurphy eine Abschiedsparty mit Alkohol und leichten Mädchen organisiert. Weswegen er sein neues Album auch beinahe "Titten, Techno &, Trompeten" genannt hätte, wobei der Grund für die Trompeten bis auf die armselige Alliteration wenig einleuchtet, die Silikonbrüste hingegen sich durchaus in den Vordergrund spielen.

Doch Ickas Album wie der neue Film von Hannes Stöhr heißt im Endeffekt "Berlin Calling", also wie immer etwas Englischsprachiges mit geographischen Angaben wie schon Berlin is in Germany und One Day in Europe, denn wie die URL des Regisseurs Website www.stoehrfilm.eu eindrücklich demonstriert, mag man nicht nur Wortwitze auf niedrigem Niveau, sondern strebt wie DJ Ickarus nach internationalem Erfolg.

Doch wo dies bei One Day in Europe noch möglich und im Ansatz sogar verdient erschien, ist Berlin Calling ein Film, bei dem nur in Sachen Klischees und Plattitüden Superlative geschaffen werden. Für jede halbwegs gelungene Idee (Biographie Ickarus, Verhältnis zum Vater, einige gute Musikeinsätze, subliminale und fragmentarische Montage in bestimmten Momenten) kommen drei oder vier Gemeinplätze oder Sparwitze (Drogendealer Erbse will auf Versicherungen umsteigen, denn er "kennt viele Leute, und verkaufen kann er auch"), bei denen man denkt, dass mit etwas Feilen am Buch der Gesamteindruck vielleicht noch hätte gerettet werden können. Doch stattdessen gibt es einen penetrant aufgesetzten Berliner Jargon, bei dem alles "rocken" muss, und einen Hauptdarsteller, dessen Probleme weder glaubwürdig noch interessant erscheinen, und der wie ein misanthroper kleiner Bruder von Bürger Lars Dietrich durch den Film hampelt.