Anzeige:
Die Box




27. August 2008
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Couscous mit Fisch (R: Abdellatif Kechiche)
Couscous mit Fisch (R: Abdellatif Kechiche)
Couscous mit Fisch (R: Abdellatif Kechiche)
Bilder: Arsenal
Couscous mit Fisch (R: Abdellatif Kechiche)
Couscous mit Fisch (R: Abdellatif Kechiche)
Couscous mit Fisch (R: Abdellatif Kechiche)

Couscous mit Fisch
(R: Abdellatif Kechiche)

Originaltitel: La graine et le mulet, Frankreich 2007, Buch: Abdellatif Kechiche, Kamera: Lubomir Bakchev, Schnitt: Ghalya Lacroix, Camille Toubkis, mit Habib Boufares (Slimane), Hafsia Herzi (Rym), Faridah Benkhetache (Karima), Abdelhamid Aktouche (Hamid), Bouraouïa Marzouk (Souad), Alice Houri (Julia), Cyril Favre (Sergueï), Leila D’Issernio (Lilia), Abdelkader Djeloulli (Kader), Bruno Lochet (Mario), Olivier Loustau (Jose), Sami Zitouni (Majid), Sabrina Ouazani (Olfa), 151 Min., Kinostart: 28. August 2008

Die sich gegenseitig bedingenden Behördengänge, die der 60jährige Slimane (Habib Boufares) für seinen Traum vom eigenen Restaurant über sich ergehen lassen müssen, erinnern im Nachhinein an die Entstehungsgeschichte des Films. Schon Ende der Neunziger wollte der damals allenfalls als Schauspieler bekannte Abdellatif Kechiche die an seine eigene Familiengeschichte angelehnte Story verfilmen, doch gelang es ihm allenfalls, nach sieben Jahren Geld eintreiben, sein Regiedebüt La faute à Voltaire (dt.: Voltaire ist schuld) zu realisieren. Dann folgte der Erfolg von L’esquive, und obwohl der ursprünglich anvisierte Hauptdarsteller des Projekts, der Vater des Regisseurs, mittlerweile verstorben ist, ermöglichte es Kechiche nur seine Etaiblierung im französischen Kino, nun auch dieses Herzensprojekt, das in der ersten Schnittfassung noch drei Stunden lang war, umzusetzen.

Slimane ist ein schüchterner, wortkarger, stolzer Werftarbeiter maghrebinischer Herkunft, der seine Entlassung als Chance zu begreifen versucht, einen langgehegten Wunsch umzusetzen, ein Restaurant, in dem das titelgebende “Couscous mit Fisch” die Hauptattraktion ist. Dabei scheint ihn weder sein Alter abzuhalten, noch seine fehlende Erfahrung mit gastronomischen Betrieben, noch - und jetzt kommt es - das kleine Detail, dass er für diesen Traum eigentlich komplett auf seine Exfrau angewiesen ist, während seine momentane Lebensgefährtin, in deren kleinen Hotel er manchmal aushilft, mit dem Kochen wenig im Sinn hat, und aus nachvollziehbaren Gründen dem ganzen Plan etwas skeptisch gegenüber steht. Noch skeptischer sind natürlich die Behörden und Banken, die ihm einen Anlegeplatz für sein schwimmendes Restaurant im Hafen genehmigen sollen, nur ungern Fördergelder in einen beinahe rentenalten, schweigsamen Typen stecken wollen, der mit seiner immerhin innovativen Idee ausgerechnet im schwierigen Gastronomiebereich Fuß fassen will. Während zwischen den beiden Frauen in seinem Leben (die diversen Töchter nicht mitgezählt) eher Funkstille herrscht, unterstützt ihn ausgerechnet die Tochter Rym (Hafsia Herzi) seiner neuen Lebensgefährtin bei den unzähligen Vorstellungsgesprächen, bei denen Slimane in seiner Mundfaulheit auch gänzlich fehl am Platz wirkt.

Inmitten der geschwätzigen Familie, deren sonntägliche Zusammenkünfte (bei Couscous und Fisch) Regisseur Kechiche nahezu ausufernd lang dokumentiert (der Wahnsinn hat Methode, wie sich allmählich herausstellt), wirkt Slimane in jeder Hinsicht wie ein Außenseiter. Seine Mitbringsel, selbstgefangene Fische werden erduldet, Unterhaltzahlungen wären willkommener. Einige Söhne wollen mithelfen, den verlotterten Kahn zum Restaurant umzubauen, doch wie sich Slimanes Traum langsam zu realisieren scheint, wird lange Zeit vor allem in Ellipsen erzählt, der Film hat etwas von der parabelhaften Märchenhaftigkeit des italienischen Neorealismus. Doch dann, etwa der halbe Film ist vorbei, kommt das Herzstück der Erzählung, die geplante Probeeröffnung, um den gesammelten Behörden, Bankiers und sonstigen Sponsoren das Potential der Geschäftsidee vorzuführen. Die gesamte Familie muss zusammenhalten, unter Ryms Überredungskünsten wird sogar deren Mutter angeschleppt, die sich nur Gespött von Slimanes Familie erwartet. Und dann geht eine Kleinigkeit schief, und das Verstreichen der Zeit wird quasi in Echtzeit erzählt, wie die hungrigen Gäste wartet man darauf, dass zunächst einmal das Problem realisiert wird, dass die interfamiliären Kommunikationsprobleme überwunden werden, und dass der bis zuletzt alles gebende Slimane (und hier wird der Bezug zum Neorealismus offensichtlich) zumindest sein gestohlenes Kraftrad wiederbekommt, mit dem ihn einige Jugendliche aufziehen, als sei er der störrische Esel, der hinter einer Karotte an einem Stock hinterherläuft.

Die anfänglich überflüssig erscheinende Schilderung der Familienzwistrigkeiten findet hier ihre Existenzberechtigung, denn die vielzähligen Streitereien und Geheimnisse untereinander finden gegen Ende des Films eine gewisse Eskalation, die den Zuschauer weitaus stärker in die spannende aber alltägliche Geschichte einbindet als die achte Staffel von 24. Die innewohnende Energie der Familie, die erst langsam nach oben kommt wie beim Aufkochen von Couscous, ist es, die La graine et le mulet (übersetzt: “Das Korn und die Meerbarbe”) zu einem Kinoereignis macht wie zuvor L’esquive. Das es dafür vier Césars gab (Bester Film, Beste Regie, Bestes Originalbuch, Beste Nachwuchsschauspielerin), ist das schönste Happy End.