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23. Juli 2008
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Akte X - Jenseits der Wahrheit (R: Chris Carter)

Akte X - Jenseits der Wahrheit (R: Chris Carter)
Akte X - Jenseits der Wahrheit (R: Chris Carter)
Fotos © 2008 Twentieth Century Fox
Akte X - Jenseits der Wahrheit (R: Chris Carter)
Akte X - Jenseits der Wahrheit (R: Chris Carter)

Akte X
Jenseits der Wahrheit
(R: Chris Carter)

Originaltitel: The X-Files: I want to believe, USA / Kanada 2008, Buch: Frank Spotnitz, Chris Carter, Kamera: Bill Roe, Schnitt: Richard A. Harris, Musik: Mark Snow, mit David Duchovny (Fox Mulder), Gillian Anderson (Dana Scully), Amanda Peet (Dakota Whitney), Billy Connolly (Father Joseph Crissman), Alvin “Xzibit” Joiner (Agent Mosley Drummy), Callum Keith Rennie (2nd Abductor), Adam Godley (Father Ybarra), Fagin Woodcock (1st Abductor), Marco Niccoli (Christian Fearon), Xantha Radley (Monica Bannan), Nicki Aycox (2nd Victim), Mitch Pileggi (Skinner), 105 Min., Kinostart: 24. Juli 2008

Am 10. September 1993, also vor fast 15 Jahren, starteten die X-Files beim US-Fernsehsender Fox, deren einziges Aushängeschild damals die Simpsons waren. 1998, als die Serie schon ein wenig über dem Höhepunkt ihres Erfolgs hinaus war, folgte der Kinofilm Fight the Future, etwas später stieg David Duchovny aus der Serie aus, Spin-Offs wie The Lone Gunmen und Millenium dümpelten ebenso vor sich her wie die durch T-1000 Robert Patrick umbesetzte Ursprungsserie, die dann 2002 abgesetzt wurde.

Serienschöpfer Chris Carter zeigt sich überrascht, dass Zwanzigjährige von heute den damaligen Gassenhauer schon gar nicht mehr kennen, während die unzähligen Nachahmer als “Mystery”-Serien ganze Wochentage auf Privatsendern dominieren und die etwas bodenständigeren CSI-Varianten offenbar jenen Grusel verbreiten, der bei den X-Files neben hin und wieder auftauchenden Serienmördern vor allem parapsychologische Phänomene und immer wieder in Frage gestellte Beweise vom Auftauchen Außerirdischer verbreiteten.

Ohne den Oberhype des ersten Films, aber mit einer planmäßig in den Supermärkten auftauchenden DVD-Reihe sämtlicher Staffeln (damals sammelte man noch Videos) versucht Carter, der diesmal auch die Regie übernahm*, ein neues Publikum zu gewinnen, während er gleichzeitig auch den alten Fans etwas bieten will, ähnlich wie etwa Joss Whedon mit seinem Serenity-Kinofilm. Dazu hat Carter nicht die gesammelte X-Files-Geschichte nochmal aufgerollt, sondern beginnt einfach Jahre nach der Auflösung des Teams (das sich erstaunlich schnell wieder zusammenfindet) und - eine echte Wohltat - ohne Kampf um die Weltrettung, sondern (vielleicht durch CSI inspiriert?) auch ziemlich bodenständig. Eine FBI-Agentin wird vermisst, ein katholischer Ex-Priester, der mehrfacher Kindesmisshandlung überführt wurde, hat deshalb Visionen, und eine übereifrige junge Agentin (Amanda Peet), die mal Akten über Mulder, Clyde Bruckman usw. gelesen hat, setzt neben dem vermeintlichen Medium auch Mulder ein, um dem mysteriösen Verbrechen auf die Spur zu kommen und die Frau womöglich zu retten. Zwar geht es auch diesmal wieder um mysteriöse Labore und Experimente an Menschen, aber offenbar ohne Einsatz von E.T.’s Nachbarn und stattdessen um Organhandel, Stammzellenforschung und ethisch nicht ganz astreine Lebenserhaltungsmethoden. Passenderweise alles Themen, die momentan auch die ganz auf ihre Medizinerkarriere zurückgefallene Dana Scully interessieren, die in der B-Story um das Leben eines unheilbar kranken Jungen kämpft, den die (ebenfalls katholischen) Hospitalsoberen abschieben wollen.

Die Bösewichte sind diesmal also recht menschlicher Gestalt und als wichtigster Gegenspieler von Mulder und Scully hat man diesmal den aus Kanada stammenden Schauspieler Callum Keith Rennie verpflichtet, den mir vor einigen Jahren schon im Berlinale-Beitrag Flower & Garnet aufgefallen war, und den viele Fernsehzuschauer wahrscheinlich als einen der Undercover-Zylonen aus Battlestar Galactica kennen.

Einerseits ist es erfrischend, wie unaufgeregt hier einfach nur ein etwas seltsamer Fall von Kidnapping beschrieben wird, ohne Riesenverschwörung etc., andererseits wirkt der Kinofilm dadurch auch einfach wie eine typische (nicht einmal am Staffelende als Cliffhanger geteilte) Doppelfolge - und selbst da gibt es bessere. Kleine Scherze am Rande wie die Politiker-Fotos oder Mulders lange aufgebauter erster Auftritt amüsieren zwar, und teilweise ist das Ganze auch halbwegs spannend, aber man hat einfach nicht das Gefühl, im Kino zu sitzen, Amanda Peet hin oder her! Bei bestem Willen kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendein Zwanzigjähriger nach dem Kinobesuch unbedingt ein paar Staffeln X-Files kaufen will (auch, wenn sie recht billig angeboten werden), um unbedingt herauszubekommen, was es mit Mulders Schwester, William oder Skinner auf sich hat. Aber diese Unzeitmäßigkeit ist, wie gesagt, erfrischend - solange man beim Hype nicht etwas anderes - und wahrscheinlich mehr - erwartet. Die größte Frage, die dieser Film stellt, ist eine, die nur bedingt mit der Handlung zu tun hat: Wie zum Henker hat die katholische Kirche Chris Carter den Kaffee versalzen, dass er sie hier mehr oder weniger zur Wurzel allen Bösen macht?



* Rob Bowman, der Star Trek-erfahrene Fernsehregisseur, der nach seinem X-Files-Kinodebüt Filme wie Elektra oder Reign of Fire übernahm, kommt im neuen Film für einen Sekundenbruchteil zu Ehren, wenn Mulders Handy-Adressbuch neben “Scully” und zwei anderen Namen auch einen “Bowman” aufführt.