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Die Box




25. Juni 2008
Thomas Vorwerk
für satt.org


  All the Boys love Mandy Lane (R: Jonathan Levine)


All the Boys love Mandy Lane (R: Jonathan Levine)
All the Boys love Mandy Lane (R: Jonathan Levine)
Bilder © Senator Film
All the Boys love Mandy Lane (R: Jonathan Levine)
All the Boys love Mandy Lane (R: Jonathan Levine)
All the Boys love Mandy Lane (R: Jonathan Levine)

All the Boys
love Mandy Lane
(R: Jonathan Levine)

USA 2007, Buch: Jacob Forman, Kamera: Darren Genet, Schnitt: Josh Noyes, Musik: Mark Schulz, mit Amber Heard (Mandy Lane), Anson Mount (Garth), Michael Welsh (Emmet), Whitney Able (Chloe), Edwin Hodge (Bird), Aaron Himelstein (Red), Luke Grimes (Jake), Melissa Price (Marlin), Adam Powell (Dylan), 90 Min., Kinostart: 26. Juni 2008

Normalerweise wird zum “Film des Monats” immer jener Film erklärt, der im entsprechenden Monat der qualitativ beste ist, wobei natürlich gewisse Vorlieben des Filmredakteurs Einfluss haben und mitunter auch aus bestimmten Gründen ein Film bevorzugt behandelt wird, weil er eine größere Beachtung verdient hat.

Im Juni 2008 war unter den unterdurchschnittlich wenigen frühzeitig von mir gesichteten Filmen wahrscheinlich Woody Allens Cassandra’s Dream der “beste” Film, doch anstelle dessen habe ich mich für einen Film entschieden, den ich teilweise sogar als “ärgerlich” empfand, der aber nicht nur ein beachtliches Regiedebüt ist, sondern auch einem nicht sehr ambitionierten Genre entscheidende neue Impulse gibt.

Für einen Teenie-Slasher hat All the Boys love Mandy Lane schon einen bemerkenswerten Titel, der nicht nur keinerlei offensichtlichen Bezug zum Genre hat, sondern auch noch die Aufmerksamkeit nicht auf die zu erwartenden (und eintreffenden) Verbrechen oder den Täter leitet, sondern auf ein, so waren meine Gedanken vor dem Film, potentielles Opfer, das sich offenbar als “final girl” herausstellen dürfte. Aber man hat auch schon sehr früh das Gefühl (und das wird auch die Leser dieser Kritik beschleichen), dass man hier aufpassen muss, um nicht irgendwie in die Irre geführt zu werden ...

Zunächst wird erstmal die allgemeine Vernarrtheit sämtlicher High-School- Besucher in Mandy Lane (Amber Heard) vorgeführt, was ja keine Überraschung ist. Schon eine der allerersten Einstellungen klaut dreist bei der von Mad World unterlegten Szene aus Donnie Darko und zeigt den Schulalltag in Zeitlupe, bis die Kamera in Rekordzeit auf die Hauptsache zusteuert: Auf Mandy Lanes Brüste bzw. auf Mandy Lane.

Bei einer Party (auch keine Überraschung) wollen einige Jungs ihr näher kommen. Exemplarisch verdeutlichen diese Konkurrenzsituation der unscheinbare, etwas nerdige Emmet (Michael Welch), der auch platonisch-harmlos mit Mandy befreundet ist (aber natürlich mehr will) und der die Klischees bedienende, etwas älter wirkende Jock Dylan (Adam Powell), hinter dessen Elternhaus die Poolparty stattfindet. Bei einer betrunkenen Mutprobe, einem Sprung vom Hausdach in den Pool, deutet sich an, dass Emmet nicht ganz so sympathisch ist, wie man zunächst annahm - und Dylan schätzt die Entfernung zum Pool offensichtlich nicht besonders gut ein. Und wie in so vielen Horrorfilmen (Halloween als Standardbeispiel) setzt die Geschichte nach diesem blutigen Prolog erst etwas später (zweideutige “nine months later”) wieder ein.

Ich behielt (als leidgeprüfter Comicleser) an dieser Stelle des Films im Hinterkopf, dass wir nicht genau gesehen haben, was jetzt mit Dylan passiert ist. Womöglich tauchte er ja später als kettensägenschwingender Rollstuhlfahrer wieder auf ...

Es folgt dann eine weitere zu Musik, Drogen und natürlich Sex einladende Wochenendaktivität einiger ausgewählter Jugendliche (drei Jungs, drei Mädchen), die sie diesmal auf einen ausrangierten Landsitz (vgl. etwa Friday the 13th) führt, wo dann schon bald erste Indizien auf den ihnen dorthin gefolgten Killer (der Mandy vorher schon beim Ausprobieren eines BHs beobachtete) deuten. Außerdem taucht dort der dort ansässige Verwalter des Grundstück auf, der in voller Manneskraft stehende Rancher Garth (Anson Mount), den der vorgebildete Betrachter sofort als möglichen “Retter” und Mandys potentielle love interest avisiert, der aber deshalb noch lange nicht als Killer ausfällt (mir drängte sich der Vergleich zu Wolf Creek auf).

Der Killer sortiert dann ebenfalls den Genreregeln entsprechend als erstes ein Pärchen aus, das besonders promisk agiert und sich dummerweise von der Gruppe entfernt. Und hier setzt die erste große Überraschung des Films ein, dann nach sämtlichen Regeln viel zu früh wird hier die Identität des Killers nicht nur verraten, es deutet sich sogar ein psychologisches Verständnis für die zu seinen Taten führende missliche Lage an, und wie bei Gus van Sants Elephant wird der Zuschauer allen Ernstes dazu genötigt, die Bluttaten nun im Lichte eines unverstandenen Individuums neu zu betrachten. Während die vier (bisher) überlebenden Personen (zuzüglich Rancher Garth) nun mit seltsamen Vorgängen wie einem nächtlichen Stromausfall und dem Nicht-wieder-Auftauchen des ersten Opferpaars konfrontiert werden (und - ebenfalls an van Sant erinnernd - das “andere” Mädchen Marlin Probleme mit ihrem Körper offenbart), deutet sich nicht nur an, dass der Killer - wie alle anderen Jungs - auch einfach nur in Mandy Lane verschossen ist (und auch aus dem für das Thema “wir-haben-sie-alle-aus-der-Ferne geliebt” prädestinierten The Virgin Suicides bedient sich Regisseur Jonathan Levine mit einer das Genre transzendierenden Chuzpe) ... nein, dieser Killer ist auch keine unbesiegbare Tötungsmaschine, sondern zeigt schon bald Schwächen. Und so verläuft der Showdown des Film immer weniger nach den bekannten Regeln, sondern mit ein paar Spritzern aus Arthaus-Filmen geklauten Ansätzen, wo das jugendliche Ensemble und seine Probleme ernst genommen werden, wird der gute alte Teenie-Slasher schleichend korrumpiert - und geht dadurch trotz der üblichen Splattereffekte weitaus stärker unter die Haut.

Wer kein Blut sehen kann, sollte auch diesen Film meiden, aber bei wem die Wertschätzung für van Sant, Coppola oder Kelly angesichts unverfrorener das Basismaterial pervertierende Ausleihen nicht die Zornesröte ins Gesicht treibt, der wird diese dringend notwendige Bluttransfusion für ein oft belächeltes Genre zu schätzen wissen. Ob All the Boys Love Mandy Lane das Genre weitreichender verändern wird als zuletzt die Folter-Wellen à la Saw und Hostel, wird sich erst zeigen müssen, interessanter (und zwar auch für ein nicht längst komplett auf Blut fixiertes Publikum) ist der Film allemal ...