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Mai 2008
 


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Cinemania 55:
Berlinale Rest und anderes

Seit der ursprünglichen Teaser am Ende von Cinemania 54 hat sich einiges geändert, und so finden sich diesmal Reste von der Berlinale, Berlinale-Filme, die schon oder demnächst regulär im Kino laufen, und auch einige ganz normale (leider aber durchweg missratene) Kinostarts in diesem Cinemania

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Otto; or: Up with Dead People
(Bruce LaBruce, Panorama)

Deutschland / Kanada 2008, Buch: Bruce LaBruce, Kamera: James Carman, Schnitt: Jörn Hartmann, Musik: Brittle Stars, William Cate, CocoRosie, Bryin Dall, Curtis Eaton, Eyes and Teeth, Jean-Louis Huhta, Mikael Karlsson, Massimo & Pierce, Othon Mataragas, Mike Love 666, Misty Roses, mit Jey Crisfar (Otto), Christophe Chemin (Maximilian), Katharina Klewinghaus (Medea Yarn), Marcel Schlutt (Fritz Fritze), Susanne Sachsse (Hella Bent), Gio Black Peter (Rudolf), Guido Sommer (Adolf), Stefan Kuschner (Metzger / Ottos Vater), MO (Zombie Club Boy), Laura Berger (Kleines Mädchen im Supermarkt), Mandy Berger (Mutter des kleinen Mädchens), 94 Min. [Rezension von Thomas Vorwerk]

Der seit längerem in Berlin arbeitende und wohnende Kanadier Bruce LaBruce dreht unter anderem gerne hier, weil er hier auch mal die Genehmigung bekommt, direkt auf einem Friedhof zu drehen. Da ich zufällig um die Probleme anstössiger Comics in Kanada weiß, kann ich mir noch andere Gründe vorstellen...
LaBruce wollte mit seinem neuen Langfilm durch die Zombie-Prämisse insbesondere das mitunter homophobe Horror-Publikum mit einer in diesem Genre doch eher untypischen Schwulenromanze konfrontieren, doch zumindest in der Berlinale-Version des Films (LaBruce soll dafür bekannt sein, seine Filme in unterschiedlichen Schnittfassungen unters Volk zu bringen) sind die Sexszenen nichts, was man nicht als ganz normaler Kinobesucher nicht schon ähnlich drastisch gesehen hat (abgesehen von einer Szene, wo die Liebe zweier Zombies durch das obligatorische Loch in Bauchhöhle, aus dem sonst die Gedärme kröseln, zu einer fantasievollen neuen Praktik führt).
Gerade für Freunde des Zombie-Subgenres (und dazu zähle ich mich) bietet der Film weniger Schockmomente oder Spannung, aber dafür viel Humor und eine klar von den Vorbildern beeinflusste Ästhetik. So wirkt die Kameraführung teilweise wie direkt aus Night of the Living Dead übernommen, und auch die schleichende, bedrohliche Atmosphäre der frühen Friedhofszenen dieses Films findet sich bei Otto wieder. Andere POV-Szenen wirken wie eine Variation des Wolfblicks in Wolven - allerdings in Pinktönen!
Auch wenn LaBruce schon zu Beginn visuell an den Irakkrieg anknüpft, ist der Film nicht als politische Parabel im Sinne Romeros zu verstehen, sondern kümmert sich vor allem um seinen schwulen Subtext ("a new wave of gay zombies had emerged"), mit dem nicht ausgesprochenen Hinweis, dass eben nicht der Zombie pervers ist, sondern die Gesellschaft, in der er zu überleben versucht. Gerade die Seitenhiebe auf Low-Budget-Filmproduktionen (ich kenne LaBruce nicht gut genug, um zu entscheiden, inwiefern er sich auch selbst auf die Schippe nimmt) gehören zu den Höhepunkten des Films. Natürlich versucht man, einen "politischen Zombiefilm" ("my magnum opus, my dissertation") zu drehen, und nimmt Ottos Zustand dabei zunächst nicht ernst, bis zuletzt bleibt die Frage offen, ob Otto sich womöglich nur einbildet, ein Zombie zu sein. Als Darsteller ist er jedenfalls wie Max Schreck in Shadow of a Vampire prädestiniert.
Die surrealen Drehorte (neben dem bereits erwähnten Friedhof eine Art stillgelegter Vergnügungspark mit Saurier-Statuen und seltsamen Schwänen), die klischeebeladenen Rollennamen (Adolf, Rudolf, Medea, Fritz) und die durchweg mit starkem Akzent sprechenden Darsteller, von denen Jey Crisfar als Otto noch am ehesten überzeugt, tragen alle zu diesem seltsamen Schwebezustand des Filmes bei, der das Zombiedasein durchaus gut zusammenfasst. Außerdem sprüht der Film von Ideen wie einer Stummfilmdarstellerin, die wie aus Franka Potentes Tollkirschen-Film wirkt, wobei hier der Gag aber nicht so todgeritten wird, sondern man es einfach mit einer "Louise Brooks für Arme" zu tun hat, die zwar in Zwischentiteln spricht, und bevorzugt auf schwarz-weißem künstlich gealterten Filmmaterial zu sehen ist, aber in der illustren Riege der Filmemacher nicht weiter aus dem Rahmen fällt.
Doch in der schwulen Szene sind offenbar nicht nur die Filmemacher lebende Tote, auch die Clubs wie die Disco "Flesh", in der eine "Zobie Night" (sic!) stattfindet, werden von einem gerade das Etablissement verlassenden als "so dead" zusammengefasst. Otto hingegen ist vielleicht doch ein "richtiger" Zombie - zumindest riecht er "authentisch". Gerade bei den Fackelschwingern, die die Zombies lynchen und ausrotten wollen, ist die Parallele zu Rechten und Homophoben, die Minderheiten angreifen, offensichtlich (selbst, wenn hier statt Glatzen auch mal eher türkisch wirkende Hooligans auftauchen), doch ich glaube kaum, dass dieses vermeintliche Zielpublikum auf der Suche nach einem Horrorschocker durch den Film zur Reflexion angehalten werden würde, LaBruce predigt zu den längst Bekehrten.
Manche Elemente des Films wie die Ballett-Einlagen wirken zwar eher wie ein krampfhafter Versuch, die freiwilligen Mitarbeiter bei Laune zu halten, aber Otto ist aus meiner Sicht einer der unterhaltsamsten Trash-Filme, die ich je gesehen habe.


What no One Knows
(Søren Kragh-Jacobson,
Panorama Special)

Int. Titel: Det som ingen ved, Dänemark / Schweden 2008, Buch: Rasmus Heisterberg, Søren Kragh-Jacobsen, Kamera: Morten Søborg, Schnitt: Anne Østerud, Janus Billescov Jansen, Musik: Kåre Bjerkø, Anders Trentemøller, mit Anders W. Berthelsen (Thomas Deleuran), Marie Bonnevie (Ursula Matsberg), Ghita Nørby (Ingrid Deleuran), Marie Louise Wille (Marianne Deleuran), Sarah Juel Werner (Bea Deleuran), Henning Jensen (Niels Lange-Erichsen), Sonja Richter (Charlotte Deleuran), Baard Owe (Hemmingsen), Lars Mikkelsen (Mark Deleuran), Simon Munk (Thomas, 1988), Mette Gregersen (Liv, 1988), Kathrine Høj Andersen (Amalie, 1988), Sarah Boberg (Amalie), Rebekka Owe (Margrethe), 95 Min. [Rezension von Daniel Walther]

Eigentlich ist der Titel What no one knows nur zur Hälfte zutreffend, denn es geht in dem Film eigentlich auch darum, was jeder weiß - beziehungsweise was von jedem gewusst werden kann. Damit ist das Thema Überwachungsstaat gemeint. In Sören Kragh-Jacobsons Det som ingen ved wimmelt es von CCTV-Bildern, Aufnahmen von Straßenkreuzungen, Unterführungen oder aus U-Bahnen.
Während der Vater im Staatsdienst tätig war und sich der Verteidigung des Heimatlandes verpflichtete, hat sich sein Sohn Thomas (Anders W. Berthelsen) entschieden, etwas entspannteres, aber gleichwohl nicht weniger wichtiges zu tun. Er ist Schreiber und Sänger von Kinderliedern. So sehr er damit auch versucht, dem ernsten Schatten des toten Vaters zu entgehen. Als seine Schwester sich mit ihm verabredet und kurz darauf ums Leben kommt, ist es vorbei mit dem Ignorieren von Vaters Vergangenheit. Thomas selbst hat es ohnehin nicht leicht, er steht kurz vor der Scheidung von seiner Frau und seine zwar liebe, aber im problematischen Teenager-Alter befindene Tochter bereitet ihm auch leichte Kopfschmwerzen. Thomas’ Schwester war Journalistin und arbeitete an einer Story, die mit der beruflichen Vergangenheit des bereits erwähnten Vaters zu tun hatte. Thomas findet die heiklen Informationen seiner Schwester, welche sie ihm zeigen wollte. Von dort aus wird er neugierig und beginnt, auf eigene Faust zu forschen - und muss bald feststellen, dass er verfolgt und überwacht, und seine Tochter bedroht wird. Er findet heraus, dass sein Vater an der Entwicklung eines chemischen Kampfstoffes beteiligt war. Die Vergangenheit holt Thomas bei seinen Nachforschungen wieder ein, und er hetzt fortan durch den Film, um seinen Verfolgern zu entkommen.
In klaren und kalten Bildern erzählt Kragh-Jacobson von Machtspielchen und den großen Männern im Hintergrund, von ihren Machenschaften sowie ihrem Missbrauch von Verantwortung. Unterlegt wird das Ganze von hämmernden Technobässen. Diese Mischung schafft es ziemlich gut, die Atmosphäre aus Panik, Paranoia und Stress zu transportieren. Das funktioniert auch deshalb so gut, weil auch Anders W. Berthelsen den im Verlauf immer paranoider werdenenden Thomas sehr glaubhaft darstellt und es schafft, ihn ebenso sanftmütig wie entschlossen zu spielen. Vorzuführen, wie Menschen sich verändern, wenn sie von frühster Kindheit von Lügen und Verschleierungen umgeben sind, ist ebenfalls ein Stärke des Films. Funktionieren tut das deshalb so gut, weil die gesamte Darstellerriege zu überzeugen weiß. Wie schon anfangs erwähnt, geht es auch darum, die mittlerweile stark gewachsene Überwachung des öffentlichen Raumes kritisch zu hinterfragen. Wer zum Beispiel zu welchem Zweck die Informationen der Überwachungskameras nutzt, oder anders: dient der Überwachungsstaat eher der Machterhaltung einzelner als der Sicherheit vieler? Diese Frage verpackt Kragh-Jacobson in einen spannenden 95minütigen Polit-Thriller, der erfrischenderweise nicht aus Amerika kommt, sondern aus Dänemark.


Elegy
(Isabel Coixet,
Wettbewerb)

USA 2007, Buch: Nicholas Meyer, Lit. Vorlage: Philip Roth, Kamera: Jan Claude Larrieu, Schnitt: Amy Duddleston, mit Ben Kingsley (David Kepesh), Penélope Cruz (Consuela Castillo), Dennis Hopper (George), Patricia Clarkson (Carolyn), Peter Sarsgaard (Kenny Kepesh), Deborah Harry (Amy), Charlie Rose (Charlie Rose), Antonio Cupo (Junger Mann), 108 Min., Kinostart: 14. August 2008 [Rezension von Thomas Vorwerk]

Was in einem Presseheft drinsteht, ist oft weniger interessant als was nicht drinsteht. Im Presseheft zu Elegy wird sowohl bei Romanautor Philip Roth als auch bei Drehbuchautor Nicholas Meyer jede Menge Material aufgeführt, aber der womöglich bekannteste Roman Roths, der auch schon von Nicholas Meyer für die Leinwand adaptiert wurde, The Human Stain (Der menschliche Makel), wird erstaunlicherweise nur in einer Produzenten-Biographie (als Filmtitel ohne geklärten Bezug) überhaupt mal erwähnt. War Robert Bentons Verfilmung mit Anthony Hopkins und Nicole Kidman so misslungen und wenig erfolgreich, dass man sie unter den Teppich kehrt? Wollte man Roths Affinität zu Altherrenfantasien herunterspielen?
Ich denke, Regisseurin und Besetzung von Elegy erschienen den PR-Leuten zugkräftig genug, man wollte generell nicht in die Philip-Roth-Kiste geworfen werden (deshalb wohl auch die Wahl eines neuen Titels, obwohl The Dying Animal sicherlich auch nicht wie ein Kino-Kassenschlager klingt). Wer sich besonders für Philip Roth interessiert, wird schon irgendwie von dem Film erfahren, ähnlich hat man es ja auch bei den Stephen-King-Verfilmungen The Green Mile, Dolores Claiborne oder Hearts in Atlantis gemacht (jaja, der Vergleich hinkt, aber ich benutze gern Beispiele, bei denen ich auch weiß, wovon ich spreche), manchmal ist der Name, der in anderem Zusammenhang überhaupt der einzige Grund ist, jemanden ins Kino zu locken, aufgrund der unterschiedlichen Mentalität des Zielpublikums mehr schädlich als hilfreich bei der Vermarktung. Und so hat man einfach keinen besonderen Wert darauf gelegt, herauszustellen, dass der neueste Film der auf Frauenthemen abonnierten Regisseurin Isabel Coixet (My Life without Me, The Secret Life of Words) ausgerechnet auf einer Vorlage des manchmal auffallend chauvinistischen Roth basiert.
Doch aus meiner Sicht ist gerade die Drehbucharbeit von Nicholas Meyer und ihr unterschiedlicher Erfolg bei The Human Stain und The Dying Animal mit das interessanteste bei der Betrachtung des Films. The Human Stain ist als Roman etwa dreimal so lang wie das doch eher als Novelle zu klassifizierende spätere Werk The Dying Animal. Daraus ergibt sich (neben der visuell schwierig umzusetzenden Überraschung der Hauptfigur Coleman Silk) das Hauptproblem der Filmversion von The Human Stain, die für jeden, der das Buch gelesen hatte, eine bemühte Enttäuschung sein musste. Aber auch die Stärke von Elegy, denn - seien wir mal ehrlich - The Dying Animal ist eines der schwächsten Bücher von Roth, oft wie eine (nicht besonders spannende) Vorlesung klingend, mit wenig Handlung und einem Schlusskniff, den Frau Coixet dummerweise relativ ähnlich erst in ihrem letzten Film, The Secret Life of Words, inszenieren durfte. Und deshalb hat der Drehbuchautor nicht nur die filmisch schwierig umsetzbaren, weil in den pornographischen Bereich abdriftenden Stellen etwas heruntergespielt, sondern auch die Handlungselemente in den Vordergrund gestellt und beispielsweise eine komplette Teilvorlesung so zu Beginn des Films in eine Talkshow eingebaut, dass Leser die Stelle wiedererkennen, Nichtleser aber nicht in einem auch nur entfernt ähnlichen Umfang gelangweilt werden. Bei den Stabangaben wird offiziell Penélope Cruz als Hauptdarstellerin aufgeführt, was wohl ihrer stärkeren Box-Office-Wirkung zu verdanken ist, doch auch, wenn der Film die Geschichte weitaus eher aus einer (zumindest teilweise) weiblichen Perspektive erzählt, so bleibt David Kepesh (übrigens auch die Hauptfigur zweier anderer Romane Roths mit den vielsagenden Titeln The Breast und The Professor of Desire) doch klar die Figur mit der meisten screen time. Elegy ist aus meiner Sicht kein Frauenfilm, doch die schon in der Buchvorlage vorhandenen Frauenthemen werden hier anders umgesetzt. Die Rolle von Patricia Clarkson ist im Film weitaus fassbarer als im Buch, und über Frau Cruz wird aus einer in blumigen Worten ausgeführten Männerfantasie schon viel früher eine wirkliche Person, wodurch natürlich auch der - an dieser Stelle nicht detailliert vorgestellte - Schlusskniff viel besser funktioniert. Und eine der interessantesten Stellen des Films ist eben diese Szene am Schluss, die im Vergleich zur ... ähnlichen ... Szene in The Secret Life of Words (bei dem übrigens die Tim Robbins-Figur auch schon eine weitaus wichtigere Funktion hatte als die eher märchenhaften Männerbilder in My Life without Me) sozusagen genau “umgedreht” umgesetzt wurde (ich hoffe, meine Leser können dies nach Sichtung des Films nachvollziehen, ohne dass ich vor Sichtung des Films schon zuviel verrate).
Elegy ist in etwa gleichem Maße besser als die Buchvorlage, wie The Human Stain hinter dem Roman zurückfiel. Da der Qualitätsunterschied der Buchvorlagen aber ein nicht geringer ist, sind die Filme qualitativ nicht soweit voneinander entfernt, aber mal statt eines älteren Herren (Robert Benton) eine noch am Beginn ihrer Karriere stehende Frau ein Roth-Buch umsetzen zu sehen, ist auf jeden Fall erfrischender.


Die Schwester der Königin
(Justin Chadwick, Wettbewerb
außer Konkurrenz)

Originaltitel: The other Boleyn Girl, Großbritannien / USA 2008, Buch: Peter Morgan, Lit. Vorlage: Philippa Gregory, Kamera: Kieran McGuigan, Schnitt: Carol Littleton, Paul Knight, Musik: Paul Cantelon, Kostüme: Sandy Powell, mit Scarlett Johansson (Mary Boleyn), Natalie Portman (Anne Boleyn), Eric Bana (Henry VIII), Kristin Scitt Thomas (Lady Elizabeth), David Morrissey (“Herzog” von Norfolk), Jim Sturgess (George Boleyn), Juno Temple (Jane Parker), Benedict Cumberbatch (William Carey), Mark Rylance (Sir Thomas Boleyn), Eddie Redmayne (William Stafford), Ana Torrent (Katharina von Aragón), 114 Min., Kinostart: 6. März 2008 [Rezension von Daniel Walther]

Die Geschichte zweier Schwestern, die im England des 16. Jahrhunderts um sozialen Aufstieg miteinander konkurrieren, ist das zentrale Thema von The Other Boleyn Girl.

In dem Debütfilm von Justin Chadwick buhlen die zwei Schwestern Anne (Natalie Portman) und Mary Boleyn (Scarlett Johansson) um die Gunst von Heinrich den 8. (Eric Bana). Dieser ist gewaltig gestresst, denn seine Königin Katharina von Aragon (Ana Torrent) gebärt ihm keinen männlichen Thronfolger und so beginnt er sich - tief in seiner Männlichkeit gekränkt - nach einer potentiellen Geliebten umzuschauen. Das entgeht dem Vater der Schwestern, Sir Thomas Boleyn (Mark Rylance) nicht, und so schmiedet er mit seinem Schwager, der Herzog von Norfolk (David Morrissey) einen Plan, wie sie die Aufmerksamkeit des Königs auf Anne lenken können. Sir Thomas plante für Anne von jeher eine prestigeträchtige Hochzeit und nun ergibt sich die Gelegenheit, bei einem Besuch Heinrichs zumindest an dem Prestige zu arbeiten. Dieser springt auch prompt auf Anne an und ist von ihr fasziniert. Allerdings ist Heinrich ein stolzer König, und die selbstbewußte junge Frau entpuppt sich als zu wild für ihn. Wo der König aber schon mal da ist, fällt ihm Mary auf. Mary ist das totale Gegenteil von Anne. Sie ist gefügig und ruhig - allerdings auch schon einem anderen versprochen. Heinrich ist von Anne so entzückt, dass er sie als Hofdame der Königin engagiert. So zieht die gesamte Familie inklusive der Mutter Lady Elizabeth (Kristin Scott Thomas) und George (Jim Sturgess), dem Bruder der Schwestern, an den Hof. Anne ist stinksauer auf ihre Schwester und plant ihre Rache sorgfältig. Im weiteren Verlauf wird sich Heinrich von der Katholischen Kirche abspalten und England an den Rande eines Krieges führen.
Im auf dem gleichnamigen Roman von Philippa Gregory basierenden Historiendrama spielen eine Reihe von Hollywoodstars, allen voran das Schwestern-Doppel Portman/Johansson und Eric Bana als machtbessenener König mit. In weiteren Nebenrollen sehen wir Kristin Scott Thomas als Mutter der Schwestern, die ebenso wenig Mitspracherecht besitzt, und den Machenschaften ihres Mannes und Schwagers ausgeliefert ist. Allerdings nutzt sich das Thema der unterlegenen Frauen schnell ab. So ist der Zuschauer dem ganzen Hin und Her zwischen den Frauen von Heinrich ebenso ausgeliefert, wie der damit aufkommenden Langeweile. Weder können die Ausstattung noch die Darsteller daran etwas ändern. Obwohl Wert darauf gelegt wird, die hübschen Gesichter der Stars in Close-Ups häufig zu präsentieren muss ernüchtert festgestellt werden, dass diese es nicht schaffen mit ihrem Spiel sonderlich viel auszudrücken. Vielmehr ergibt sich das Problem, dass die gefühlsbetonte Färbung des Films wenig zu begeistern weiß, sei es das “starke Band” zwischen den Schwestern oder die “Beinahe-Liebe” von Heinrich. Mehr noch bieten die eher angedeuteten Machtspiele am Hofe im Hintergrund oder der Bruch mit der Katholischen Kirche Ansätze von Spannung. Leider bleibt es bei Ansätzen und lauer Dramatik.


Der rote Baron
(Nikolai Muellerschoen)

Originaltitel: The Red Baron, Deutschland / UK 2008, Buch: Nikolai Muellerschoen, Kamera: Klaus Merkel, Schnitt: Emmelie Mansee, Musik: Stefan Hansen, Dirk Reichardt, Production Design: Yvonne von Wallenberg, Art Direction: Jindrich Kocí, Milena Koubkova, Kostüme: Gudrun Schretzmeier, mit Matthias Schweighöfer (Baron Manfred von Richthofen), Til Schweiger (Werner Voss), Lena Headey (Käte), Joseph Fiennes (Captain Roy Brown), Volker Bruch (Lothar von Richthofen), Maxim Mehmet (Leutnant Sternberg), Steffen Schroeder (Leutnant Bodenschatz), Hanno Koffler (Leutnant Lehmann), Tino Mewes (Leutnant Wolff), Ralph Misske (Menzke), Axel Prahl (General von Hoeppner), Gitta Schweighöfer (Kunigunde von Richthofen), Jan Vlasák (Major von Richthofen), 120 Min., Kinostart: 10. April 2008 [Rezension von Thomas Vorwerk]

Als Comicfan kenne ich den roten Baron vor allem aus den seit 1952 erscheinenden Enemy Ace-Comics von Robert Kanigher und Joe Kubert (sehr schön ist auch Enemy Ace: War Idyll von George Pratt), in denen der dort “Baron Hans von Hammer” genannte Deutsche mal nicht als Standard-Bösewicht (“Herr in Himmel! Schweinhund!”) vorgeführt wird, sondern als Feind aufgrund seines Ehrenkodex und seiner Fähigkeit veritable Bewunderung erfährt. Heutzutage erscheint das Konzept eines “Kriegshelden” zwar eher paradox oder politisch unkorrekt, aber in Comicheftserien wie Our Army at War, Sgt. Rock, G.I. Joe oder The Nam sah man das nicht immer so kritisch. Und diese Einstellung scheint auch der Regisseur von Der rote Baron zu teilen, denn er ist sich der Problematik zwar bewusst, hält sich damit aber nicht unnötig auf...
Da ich die regulären Pressevorführungen verpasst hatte, ließ ich es mir dann nicht nehmen, den Film zwar verspätet, aber im englischsprachigen Original zu sehen. Kritikerkollegen hatten mich zwar gewarnt (und auch der Spruch “Sein größter Sieg auf ihre Liebe” auf dem Plakat erfüllte mich nicht mit Vertrauen), doch nun wurde beispielsweise im Vorfeld nachgefragt, ich solle mal darauf achten, in welcher Sprache das Treffen zwischen einem Deutschen und einem Kanadier mitten in Frankreich sich abspiele. Doch die erhoffte Qualitätsverbesserung blieb aus, was in Der rote Baron in erstklassigem Deutsch (bis auf den grauenhaften Akzent der Krankenschwester) vollzogen wurde, gab es in The Red Baron in ähnlich unreflektiertem durchgängigen Englisch, wobei bei einer gänzlich unter Deutschen in Berlin spielenden Szene immerhin der Name der Stadt mal Deutsch ausgesprochen wurde. Und dann gibt es noch eine Szene, die französische Kinder zeigt, die tatsächlich Französisch sprechen (wahrscheinlich nur, um dem Betrachter nebenbei noch mal den Spielort des Geschehens ins Gedächtnis zu rufen).
Der Film beginnt mit einem wenig überzeugenden, aber stark farbübersteuerten Prolog, der uns Manfred von Richthofen im Alter von ca. 12 Jahren zeigt, wie er 1906 bereits der Faszination fürs Fliegen erliegt. Die erste “richtige” Szene des Films könnte dann 1:1 aus einem Comic stammen (und das ist diesmal ausnahmsweise nicht als Kompliment gedacht) und zeigt die Staffel des 1916 bereits berühmten Fliegers, wie sie bei der Beerdigung eines Feindes zielgenau einen Kranz abwirft (“Our Friend and Enemy”), der dann auch exakt im Grab landet. Auffallend ist hierbei neben der physikalischen Unwahrscheinlichkeit, dass schon bei den ersten Flugaufnahmen die Spezialeffekte dieser bisher teuersten deutschen Filmproduktion eher dürftig erscheinen, ein Eindruck, der im weiteren Verlauf des Films nicht revidiert wird. Schlimmer noch, auch die Inszenierung scheint beliebig, das Drehbuch lapidar, und der Musikteppich legt sich ohne besondere Akzentuierung wie ein dichter Bodennebel über den ganzen Film.
Der plot des Films hangelt sich wenig überzeugend um größtenteils zufällige Begegnungen zwischen dem Baron (Matthias Schweighöfer, der übrigens im Gegensatz zum Regisseur bei der Titelnennung einen Umlaut bekam), einem Gegenspieler (Joseph Fiennes) und einer recht belanglosen Figur als offenbar unumgänglichem love interest (Lena Headey, bekannt aus ähnlich tiefschürfenden Rollen in 300 oder The Brothers Grimm). Das Ganze erinnerte mich in gänzlich negativer Weise an den komplett abgründigen Film Beyond Borders mit Clive Owen (als ihn noch keiner kannte) und Angelina Jolie (als sie schon keiner mehr ertragen konnte), wo die Figuren sich auch über einen Zeitraum von diversen Jahren in der Weltgeschichte rumtreiben, und immer passend zu dringend notwendigen Drehbuchentwicklungen aufeinandertreffen. Ähnlich läuft es auch hier, wo ein deutscher Kriegsheld und eine belgische Krankenschwester sich während des ersten Weltkriegs, und an dieser Stelle werde ich leider sehr bösartig und zynisch, immer kurz vor den zu erwartenden späteren Werbepausen bei der Fernsehauswertung aus unterschiedlich zufälligen wie unmotivierten Gründen treffen.
Nebenbei gibt es die große Liebe, die um überhaupt irgendeine Bedeutung zu erhalten, wie ein Kaugummi über die Filmlänge gezogen wird, aufgesetzte Probleme zwischen drei Richthofen-Brüdern mit unterschiedlichen Mentalitäten und Talenten, das wie ein Uhrwerk ablaufende Ableben der Freunde und Kollegen der Hauptfiguren (bis auf eine neu zusammengebastelte, sehr scheinheilig politisch korrekte Alibi-Figur allesamt natürlich echte Deutsche, die dann von kernigen Kerlen wie Til Schweiger porträtiert werden), und vor allem sehr viel gähnende Langeweile, denn selbst die wenigen Fight Scenes sind es nicht wert, eine Pinkelpause auszusitzen.
Offensichtlich wird der Film seine Produktionskosten wohl nicht ohne Probleme wieder einspielen, ich will mir aber noch die Zeit nehmen, potentielle Zuschauer über einige der (leider negativen) Höhepunkte des Films zu informieren.
Blödeste Dialogstelle: “So many times I woke up in the middle of the night and read the list of missing pilots” -> Ein guter DSL-Anschluss macht laufende Aktualisierungen ihrer Dokumente möglich.
Blödeste Aktion einer Filmfigur: Die angeblich hervorragende Krankenschwester schaltet zur Veranschaulichung eines Arguments mitten in der Nacht die knallgrelle Beleuchtung eines Lazaretts an, brüllt lautstark “Most of these men will die!” - und lässt das Licht dann auch noch an, während sie mit dem offenbar moralisch schwer beeindruckten Baron wahrscheinlich zum nächsten Tanz vor der Herrentoilette wieder den Saal verlässt.
Auffälligstes Unvermögen des Regisseurs: Im Verlauf des Films gibt es drei (nicht unbedingt sehr motiviert erscheinende) Großaufnahmen von Leichen. Immerhin nur zwei davon bewegen sich recht eindeutig. Da weiß man doch, wofür so viel Geld aus dem Fenster geschmissen wurde!


Urmel voll in Fahrt
(Reinhard Klooss, Holger Tappe)

Deutschland 2008, Buch: Oliver Huzly, Reinhard Klooss, Sven Severin, Lit. Vorlage: Max Kruse, Musik: Jim Dooley, mit den Stimmen von: Hannes Maurer (Urmel), Julia Ziffer (Babu), Christoph Maria Herbst (Eddie), Anke Engelke (Wutz), Oliver Kalkofe (Barnaby), Oliver Pocher (Schusch), Frank Schaff (Wawa), Stefan Krause (Ping), Wigald Boning (Prof. Habakuk Tibatong), Wolfgang Völz (Seelefant), Roland Hemmo (Otto), 84 Min., Kinostart: 1. Mai 2008 [Rezension von Thomas Vorwerk]

"Der Film bereitet ein Riesenvergnügen, er ist ein Feuerwerk an witzigen Ideen, voller Fantasie und wunderschönen Bildern, aber auch voll atemloser Spannung und Momenten der Rührung über das liebenswerte Urmel und seine hinreißend komischen Genossen, die für den deutschen animierten Kinderfilm das werden könnten, was Disneys Figuren für den amerikanischen wurden."
Max Kruse (Autor der Urmel-Kinderbücher)

Vielleicht liegt es daran, dass ich an diesem Film oder den Rechten für die Figuren nichts verdiene, aber für mich ist jedes Teilstatement dieses überschwenglichen Lobes eine eklatante Lüge. Der erste Urmel-Film hat mich vergnügt wie eine abgeschwächte Form von Shrek I oder II, das Sequel war so schwach wie Shrek the Third. Was Max Kruse "ein Feuerwerk an witzigen Ideen" nennt, würde ich unter "ein Sparwitz jagt den nächsten" subsumieren. Fantasie und wunderschöne Bilder waren Fehlanzeige, vieles wirkte wie ein fehlgeleiteter Rip-Off von Filmen wie Jurassic Park (ein Bösewicht wirkt wie eine Mischung aus dem dicken Computergeek und Stefan Raab) und - mal wieder - Shrek (die ganze Leier um den Vergnügungspark). "Atemlose Spannung": Final Destination 3 als Remake für Kinder? Eindeutig eine Schnapsidee. "Momente der Rührung"? Bestimmt nicht auf Urmel bezogen, der sogar in einer seiner ersten Szenen eklatante Umweltverschmutzung propagiert, und im weiteren Verlauf oft erstaunlich penetrant nervt. Und seine neue Schwester Babu, ein - blauäugiges - Pandamädchen ("Ein was? Ein Piranha?", nur um mal das Humorniveau anzudeuten...), wirkt wie eine Anime-Version von Knut oder Flocke, angesichts des allenfalls angedeuteten Sprachfehlers ("Ummel"), der bei früheren Urmel-Figuren wie Wawa, Ping oder Schusch viel für die Liebenswürdigkeit beitrug, war ich wirklich erstaunt, dass diese Figur keine Neuerfindung war, sondern schon in irgendwelchen Urmel-Büchern aufgetaucht sein soll.
"Hinreißend komische Genossen" sucht man vergebens und der Vergleich mit Disney lässt selbst die Bezeichnung Rolf Kaukas als deutschem Carl Barks halbwegs fundiert erscheinen.
Wenn man sich dann noch über "Miss Lee", die "Scheiche" und die "Geschichte" unterhalten will, wird es endgültig blödsinnig. Hier wird nicht vor Pinkelhumor halt gemacht, hier werden uralte Gags von den Looney Tunes und die Walgeschichte aus Pinocchio lauwarm nachgeäfft ("Wo's hier hingeht? Ich fürchte, in den Darm..."), und am Interessantesten (wenn auch nicht gänzlich im positiven Sinne) ist noch mehrfach aufkommende homoerotische Komponente (natürlich streng homophob ausgelegt), wenn beispielsweise eine Achterbahn durch den "Hintereingang" in eine überlebensgroße Statue eintritt und eine Figur dazu anmerkt "Ob ich da wirklich reinwill?"
Auf den Film bezogen kann man diese Frage nur aufgreifen und energisch verneinen.


Tödlicher Anruf
(Eric Valette)

Originaltitel: One Missed Call, Japan / USA / Deutschland 2008, Buch: Andrew Klavan, Lit. Vorlage: Yasushi Akomoto, Kamera: Glen MacPherson, Schnitt: Steve Mirkovich, Musik: Reinhold Heil, Johnny Klimek, mit Shannyn Sossamon (Beth Raymond), Edward Burns (Jack Andrews), Ana Claudia Talancón (Taylor Anthony), Ray Wise (Ted Summers), Azura Skye (Leann Cole), Johnny Lewis (Brian Sousa), Jason Beghe (Ray Purvis), Margaret Cho (Mickey Lee), Meagan Good (Shelley Baum), Rhoda Griffis (Marie Layton), Dawn Dininger (Monster Marie), Ariel Winter (Ellie Layton), Sarah Kubik (Monster Ellie), 87 Min., Kinostart: 20. März 2008 [Rezension von Thomas Vorwerk]

Und weiter geht’s mit der unaufhaltbaren Welle von Hollywood-Remakes japanischer Horrorfilme. Das Original von Takashi Miike, Chakushin ari (One Missed Call auf der Berlinale, The Call auf DVD), war auch schon nicht mehr als ein (ansatzweise cleverer) Ripoff der Ringu-Filmreihe, und seinerzeit vermochten mich nur der den Tod ankündigende Klingelton und einige medienkritische Momente zu verzücken. Im Remake hat man als TV-Produzent immerhin Ray Wise (Twin Peaks) verpflichtet, und den Klingelton soll Dave Stewart (Eurythmics) komponiert haben. Wirkt aber alles nur wie ein sehr müder Aufguss. Mehr gibt es nicht zu erzählen. Es gibt Filme, die sind so schlecht, dass man sich lang und breit darüber aufregen kann, andere sind so schlecht, dass man sie eigentlich schon auf der Strasse wieder komplett vergessen hat. Dieser Film gehört zu letzterer Gruppe.


Demnächst in Cinemania 56:
Zu diesem Zeitpunkt völlig offen... ...