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Die Box




Juli 2007
Thomas Vorwerk
für satt.org


Harry Potter und der
Orden des Phönix
(R: David Yates)

Originaltitel: Harry Potter and the Order of the Phoenix, USA 2007, Buch: Michael Goldenberg, Lit. Vorlage: J. K. Rowling, Kamera: Slawomir Idziak, Schnitt: Mark Day, Musik: Nicholas Hooper, Production Design: Stuart Craig, Art Direction: Andrew Ackland-Snow, Mark Bartholomew, Alastair Bullock, Gary Tomkins, Kostüme: Jany Temime, mit Daniel Radcliffe (Harry Potter), Emma Watson (Hermione Granger), Rupert Grint (Ron Weasley), Imelda Staunton (Dolores Umbridge), Matthew Lewis (Neville Longbottom), Evanna Lynch (Luna Lovegood), Michael Gambon (Prof. Albus Dumbledore), Gary Oldman (Sirius Black), Alan Rickman (Prof. Severus Snape), David Bradley (Argus Filch), Robbie Coltrane (Rubeus Hagrid), James Phelps (Fred Weasley), Oliver Phelps (George Weasley), Bonnie Wright (Ginny Weasley), Katie Leung (Cho Chang), Brendan Gleeson (Alastor “Mad-Eye” Moody), Ralph Fiennes (Lord Voldemort), Jason Isaacs (Lucius Malfoy), Helena Bonham Carter (Bellatrix Lestrange), Mark Williams (Arthur Weasley), Julie Walters (Molly Weasley), Maggie Smith (Prof. Minerva McGonagall), Emma Thompson (Prof. Sybil Trelawney), David Thewlis (Remus Lupin), Natalia Tena (Nymphadora Tonks), George Harris (Kingsley Shacklebolt), Robert Hardy (Cornelius Fudge), Warwick Davis (Prof. Filius Flitwick), Afshan Azad (Padma Patil), Shefali Chowdhury (Parvati Patil), Devon Murray (Seamus Finnigan), Harry Melling (Dudley Dursley), Fiona Shaw (Petunia Dursley), Richard Griffiths (Vernon Dursley), Kathryn Hunter (Mrs. Arabella Figg), Tom Felton (Draco Malfoy), Chris Rankin (Percy Weasley), Timothy Bateson (Kreacher), Tony Maudsley (Grawp), 138 Min., Kinostart: 12. Juli 2007

Harry Potter und der Orden des Phönix (R: David Yates)
Harry Potter und der Orden des Phönix (R: David Yates)
Harry Potter und der Orden des Phönix (R: David Yates)
Bilder © 2007 Warner Bros. Ent.
Harry Potter Publishing Rights © J.K.R.
Harry Potter characters, names and related indicia are trademarks of and © Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.
Harry Potter und der Orden des Phönix (R: David Yates)
Harry Potter und der Orden des Phönix (R: David Yates)
Harry Potter und der Orden des Phönix (R: David Yates)

Als bekannt wurde, daß der bewährte Drehbuchautor Steve Kloves beim fünften Harry Potter-Film nicht dabei sein sollte, blieb ich noch ruhig. Auch als als Regisseur erstmals ein völlig unbeschriebenes Blatt (David Yates hat bisher vor allem Fernseharbeiten abgeliefert) engagiert wurde, glaubte ich noch an eine gewisse Qualitätsgarantie, die der Name Warner seit dem Videoboom der 1980er bei mir genießt.

Das Casting von Imelda (Vera Drake) Staunton als Dolores Umbridge schien mir eher eine gute Nachricht, und so legte ich wichtige Reisetermine extra so, daß ich pünktlich zur Pressevorführung wieder in Berlin sein würde. Auch die Verlegung der Vorführung ins Imax sah ich noch als gutes Omen, aber spätestens als die Pressebetreuer einer Kollegin gegenüber die Lauflänge des Film mit 138 Minuten angaben, begann ich, wieder skeptisch zu werden. Das dickste Buch der Serie als dünnster Film? Kann das funktionieren? Um es vorwegzunehmen: es könnte womöglich funktionieren, hat aber in diesem speziellen Fall zu einem mittelstarken Fiasko geführt.

Die ersten zwanzig Minuten des Films waren erstmal von einer Farbigkeit geprägt, die an einen falsch eingestellten Fernseher erinnerte. Im Zwielicht musste jeder Schatten einen gelblichen, grünlichen, blauen oder sonstwie farbigen Ton haben, eine Erklärung dafür konnte ich nicht ausmachen. Beim ersten Besenflug (“Niemand verlässt die Formation! Nicht einmal dann, wenn einer von uns getötet wird!”) fühlte ich mich wie jemand, der Kindern dabei zusieht, wie sie auf dem Kettenkarussell Spaß haben. Doch jeder, der die Harry Potter-Bücher gelesen hat, wird mit den späteren Bänden eher eine immer drückendere Atmosphäre verbinden, eine gewisse Panik angesichts der Bemühungen des bösen Zauberers Voldemort, eine Armee zu bilden. Davon war in diesem Film recht wenig zu spüren.

Daß man die fetten Romane etwas abspecken muß, um sie auf die Leinwand zu bringen, ist unumstritten. Doch der neue Drehbuchautor Michael Goldenburg (Peter Pan) hat einfach zentrale Bestandteile des Buches derartig verkürzt und zusammengefasst, daß für einen Nichtleser entweder das Verständnis unmöglich ist, oder sich aber zumindest der Eindruck einstellt, die Romane müssen (wie dieser Film) blöder Firlefanz ohne tieferen Sinn sein.

Nehmen wir etwa die perfide Art der neuen Lehrerin Umbridge, Harry Potter “Strafarbeiten” aufzubrummen. Das erinnert an die Tafelsprüche bei Bart Simpson, nur daß Harry sozusagen mit seinem eigenen Blut schreibt, und seine rechte Hand nach einer solchen Tortur nicht nur höllisch schmerzt, sondern auch vernarbt oder entstellt aussieht. Im Buch wird dies einmal detailliert beschrieben, danach wird immer nur kurz erwähnt, daß Harry diese Qualen erneut durchleiden muss (wer nichts besseres zu tun hat, kann darin eine kleine Parallele auf die Passion Christi sehen). Im Film nun sieht man das Prozedere ein einziges Mal, und bei einer späteren auch wild aus verschiedenen Passagen des Buches zusammengeklaubten Szene werden dann sämtliche unartigen Zauberschüler mit dieser Strafe diszipliniert. Ohne Kenntnis der Buchvorlage wirkt dies reichlich rätselhaft, ebenso wie die kaum nachzuvollziehenden Traumsequenzen, das gewaltsame Eindringen in den eigentlich unantastbaren geheimen Lehrraum (im Buch unmöglich), die allenfalls angedeutete Rolle des Hauselfs Kreacher oder der selbst in der 3-D-Version wenig überzeugenden Showdown (im Buch ein wahrer Höhepunkt an Spannung).

Ein weiteres Problem, an dem aber nicht Drehbuchautor, Regisseur oder Kameramann schuld sind, ist die immer auffallendere Kluft zwischen dem Alter der Hauptdarsteller (insbesondere Daniel Radcliffe) und den von diesen dargestellten Personen. Am Anfang des fünften Abenteuers ist Harry 15, der Film tut gut daran, dies nicht zu erwähnen, denn Daniel Radcliffe mag vielleicht noch knapp als Teenager durchgehen, aber 15 ist er beileibe nicht. Leider scheint aber entweder der Darsteller oder der Regisseur der Meinung zu sein, daß Radcliffe auch weiterhin mit den Mitteln eines Halbwüchsigen die Emotionsvielfalt des Zauberschülers Potter darstellen zu müssen. Und so sind etwa Szenen, in denen man Harry bei seinen Alpträumen zusieht, die reine Lachnummer, eine Rückkehr zum theatralen Bombast der Stummfilmzeit. Wenn man sich Radcliffe anschaut, der von der physischen Präsenz immer mehr an Tobey Maguire oder Elijah Wood erinnert, so ahnt man, daß er zu weitaus mehr in der Lage ist, doch die Führung eines Regisseurs, der den Stoff ernst nimmt, fehlt hier leider.

Es gibt einige nette Einfälle, einige gelungene Visualisierungen, doch leider führen diese zu nichts. Die beste Idee sind die letzten Worte der in diesem Abenteuer sterbenden Hauptfigur. Wenn der Film nur öfter mit sowenigen Worten so viel zu sagen gehabt hätte. Auch ein kleines “Duell” zwischen Umbrige und McGonagall auf einer Treppe funktioniert vortrefflich.

Das schon früh eingeführte Thema der Betrachtung bestimmter Sachverhalte durch Glasscheiben (angefangen im Bahnhof, später im Zug, im “Hog’s Head” usw.) ist natürlich eine Analogie auf Harrys Problem in diesem Teil, doch daraus wird ebensowenig gemacht wie aus dem angedeuteten Einsatz von mise en abyme bei der gar nicht krötengesichtigen, sondern eher schweinchenähnlich glucksenden Umbridge (eine Doris Day aus der Hölle): Zuerst sieht man ein Lehrbuch, dessen Titelbild Zauberschüler bei der Lektüre desselben Buches zeigen (auffällig, daß sich diesmal das Bild nicht bewegt), dann sieht man bei einem der kitschigen Porzellanteller mit Katzenporträts im Büro Umbridges in einem Teller ein weiteres Katzenporträt auf einem Teller im Hintergrund. Auch hieraus hätte man im Zusammenhang mit dem pensieve Snapes (im Film nicht vorhanden) irgendwas Profundes machen können, doch The Order of the Phoenix zeichnet sich vor allem durch angedeutetes, aber nicht ausgenutztes Ideenpotential aus.

Die “thestrals” und der Brunnen im Ministerium sind zwar überzeugend umgesetzt worden, doch warum nicht etwa Umbridges rosarote Knallkleider oder Petunia Dursleys gewagter und irgendwie schauderhafter Minirock das hässlichste Kleidungsstück im Film geben, sondern Molly Weasley (auch Julie Walters hatte in Teil 4 pausiert) etwas anziehen muß, das ihrer Figur dauerhaften Schaden zufügt, konnte ich nicht nachvollziehen.

Die Inszenierung ist an manchen Stellen so einfallslos, wie man es früher mal generell mit Fernsehproduktionen gleichsetzte, die zahlreichen hochkarätigen Darsteller werden mit Ausnahme von Imelda Staunton (und der sehr überzeugenden Newcomerin Evanna Lynch als Luna Lovegood) kaum ausgenutzt. Emma Thompson verkommt zur vor allem durch ihre Brillengläser präsenten “Eule” à la Anke Engelke, alle Szenen mit Cho Chang oder Severus Snape sind davon geprägt, daß ein Großteil des Publikums durch die Lektüre der bisher erschienenen Bücher bereits weiß, wie groß oder klein deren Rolle in Zukunft sein wird. Und statt des Sumpfes der Weasley-Twins oder die düstere Atmosphäre des Buches gibt es beispielsweise geschätzte fünf Minuten davon, wie Hausmeister Argus Filch auf wackligen Leitern immer wieder neue Anschläge der neuen Headmistress an eine immense Wand nagelt. Langweilig und höchstens für Sechsjährige auch beim vierten Mal noch witzig.

In diesen 138 Minuten hätte ich lieber im Buch blättern sollen. Ungeachtet des Eintrags auf imdb kann ich nur hoffen, daß man für den sechsten Film einen anderen Regisseur verpflichtet (oder Herrn Yates zwischendurch Privatunterricht gibt). Immerhin soll Steve Kloves zurückkehren. Wenn Daniel Radcliffe nicht eh schon zu alt wirken würde, würde ich vorschlagen, den ganzen Film in die Tonne zu treten, und erneut - diesmal richtig - zu verfilmen. Netter kann ich es leider nicht formulieren. Ich würde gern jeden Leser und jede Nichtleserin eindrücklich davor warnen, diesen Film zu besuchen, doch wenn ich nur drei Fans davon abhalten könnte, für diesen Schmarrn Geld auszugeben, hätte ich schon Übermenschliches geleistet. Aber hinterher werden sie sich an meine Warnung erinnern.