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Die Box




Juli 2007
Thomas Vorwerk
für satt.org


Death Proof - Todsicher
(R: Quentin Tarantino)

Originaltitel: Death Proof, Buch, Kamera: Quentin Tarantino, Schnitt: Sally Menke, Production Design: Steve Joyner, Kostüme: Nina Proctor, Stunt Coordinator: Jeff Dashnow, Stunt Drivers: Buddy Joe Hooker, Tracy Keehn-Dashnaw, Stunts: Zoë Bell, Malosi Leonard, Terry Leonard, Crystal Santos, Chrissy Weathersby, mit Kurt Russell (Stuntman Mike), Rosario Dawson (Abernathy), Tracie Thoms (Kim), Zoë Bell (Zoë), Vanessa Ferlito (Arlene / “Butterfly”), Sydney [Tamiia] Poitier (Jungle Julia), Rose McGowan (Pam), Jordan Ladd (Shanna), Mary Elizabeth Winstead (Lee), Michael Parks (Texas Ranger Earl McGraw), James Parks (Edgar McGraw), Quentin Tarantino (Warren the Bartender), Tim Murphy (Tim the Bartender), Nicky Katt (Convenience Store Clerk), Eli Roth (Dov), Marley Shelton (Dr. Dakota McGraw Block), 113 Min., Kinostart: 19. Juli 2007

Death Proof - Todsicher (R: Quentin Tarantino)

In den Staaten soll das Double Feature-Project Grindhouse von Robert Rodriguez und Quentin Tarantino ja tüchtig gefloppt haben (Nicht wenige Zuschauer sollen schon nach dem ersten Film gegangen sein, ob aus Unwissenheit oder als Qualitäts-Statement, sei jetzt mal dahingestellt), aber in Cannes waren die Stimmen zu Tarantinos Hälfte des Deals doch größtenteils positiv, und nun kommt der Tarantino als erster (im Double Feature war Death Proof der zweite Film) in die deutschen Kinos. Um mein unkonventionelles Qualitätsurteil gleich vom Tisch zu bringen: Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal im Kino so viel Spaß gehabt habe, ohne daß ich eine weibliche Begleitung dabei hatte, und mich für das Programm eher weniger interessiert habe (Man will es ja nicht zu deutlich aussprechen, es könnten Minderjährige mitlesen …). Punkt. Ähnlich wie bei Hostel (Eli Roth hat hier übrigens eine kleine Rolle) oder Tarantinos CSI-Doppelfolge sollte man hier möglichst wenig im Voraus von der Geschichte wissen, um den meisten Spaß zu haben, und deshalb werde ich mich bei der Inhaltsangabe auch verflucht kurz halten. Es geht um einen psychopathischen und mit einer auffälligen Narbe im Gesicht verunstalteten Stuntfahrer (Kurt Russell in einer ähnlich coolen Rolle wie zuletzt Mickey Rourke in Sin City) namens “Stuntman Mike”, der es auf eine Gruppe von jungen Frauen abgesehen hat, und der seinen als “death proof” umgebauten schwarzen Wagen mit Totenschädel auf der Motorhaube und silberner Ente als Kühlerfigur dazu benutzt, seinen wahrscheinlich kleinen Schwanz (Theorie einiger Filmfiguren) und seine unbefriedigenden Sexfantasien zu kompensieren. Mit höchstens einer Ausnahme sind die Todesursachen in diesem Film immer als “Verkehrsunfall” zusammenzufassen.

Death Proof - Todsicher (R: Quentin Tarantino) Death Proof - Todsicher (R: Quentin Tarantino)
Bilder © Senator Film Verleih GmbH

Mittlerweile herumgesprochen dürfte sich haben, daß Tarantino und Rodriguez die harten Reißer, zu denen sie selbst wahrscheinlich in den 1970ern in die Autokinos rasten, hier wiederbeleben wollen, und im Fall Tarantino ist das auf jeden Fall gelungen. Kurt Russell, die legendäre Klapperschlange Snake Plissken in John Carpenters Escape From New York, bringt natürlich schon vieles an Nostalgie für diese Zeit mit sich, und seine Filmrolle, Stuntman Mike, brüstet sich auch damit, als Stuntfahrer für Lee Majors oder Ben Urich in Vegas gearbeitet zu haben, wovon die jungen Leute im Film allerdings noch nie etwas gehört haben. Alles im Film wirkt wie direkt aus den 70ern: Die Hot Pants, die bunten T-Shirts, die Musik (unter anderem aus alten Soundtracks von Jack Nitzsche oder Ennio Morricone) und nicht zuletzt die heißen Autos (u. a. ein weißes Modell des Autos, das Kowalski in Vanishing Point - Fluchtpunkt San Francisco - fuhr). Es kommen zwar auch Handys vor (eine Szene zeigt das Schreiben einer SMS in Großaufnahme, mit romantischer Musik) oder in einer Strassenszene moderne japanische Familienlimousinen, doch Tarantino führt diese hässlichen, eher an Überraschungseier oder Briefkästen erinnernden Airbags auf Rädern nur vor, um zu zeigen, wieviel cooler doch alles in den 70ern war (und da ich selbst ein Kind dieser Zeit bin, und beispielsweise auch mal ein “Bonanza-Rad”, so eine Art Easy Rider für 11jährige, hatte, funktioniert dies bei mir vorzüglich). Die Vorbilder für diesen Film sind wahrscheinlich aber weniger Colt Seavers oder der Cannonball Run (Auf dem Highway ist die Hölle los), sondern die etwas krankeren, sadistischeren Filme dieser Zeit. Im Szenenbild sieht man mal das Plakat des blutrünstigen Vietnam-Western Soldier Blue (Das Wiegenlied vom Todschlag), Erinnerungen werden wach an Spielbergs Duel, Carpenters Assault on Precinct 13 (die bedrohlichen Szenen mit dem schwarzen Auto zu Beginn) oder so berüchtigte Filme dieser Zeit wie Paul Bartels Death Race 2000 (Frankensteins Todesrennen, bei dem jener Fahrer gewann, der die meisten Passanten über den Haufen fuhr) oder The Car (Der Teufel auf Rädern).

Death Proof - Todsicher (R: Quentin Tarantino) Death Proof - Todsicher (R: Quentin Tarantino)
Bilder © Senator Film Verleih GmbH

Nun ein wenig zum Filmischen. Der Streifen beginnt natürlich mit “Our Feature Presentation”, wie wir es auch schon aus Kill Bill kennen, dann kommt eine blaue Trickfilm-Raubkatze, die uns darüber informiert, daß der Film “restricted” ist (verglichen mit einigen der Grindhouse-Fake-Trailer, die man bei youtube etc. sehen kann, ist er aber noch fast harmlos, aber die Zensoren bei den Amis zucken ja sofort zusammen, wenn es um Blow-Jobs, Lap Dances usw. geht). Die Titel-Sequenz ist dann 1A aus den Siebzigern, der Titel selbst wirkt wie lustlos schwarzweiß von der Zensur nachgefügt (der ursprüngliche Arbeitstitel des Films, Thunder Bolt, ist mal für Sekundenbruchteile zu erahnen), und im weiteren Verlauf des Films gibt es immer wieder verkratzte Bilder, Szenen, die wirken, wie bereits dreimal von Projektionisten wieder zusammengeflickt, Rollenübergänge, bei denen halbe Sätze fehlen, einmal aber auch eine Szene, bei der ein Satz wie in einer Scratch-Version teilweise mehrfach zu hören ist. In der zweiten Hälfte des Films wird das Bild plötzlich schwarzweiß, und man hat sich als Zuschauer bereits damit abgefunden, als eine Viertelstunde später das Bild ebenso unvermittelt wieder farbig wird, und das Ganze einem wie ein Fehler in der Kopie präsentiert wird (auch, wenn ich bezweifle, daß so ein Kopiefehler irgendeinen Sinn macht).

Death Proof - Todsicher (R: Quentin Tarantino) Death Proof - Todsicher (R: Quentin Tarantino)
Bilder © Senator Film Verleih GmbH

Das typische Tarantino-Universum ist im Film auch sehr präsent. Nicht nur spielt der Regisseur mal wieder selbst mit (ist auch älter geworden, der Gute), sondern Big Kahuna Burgers werden erwähnt, es geht um Fußmassagen, und an einem Auto klebt der inzwischen berüchtigte Schriftzug Pussy Wagon. Ich will über den Inhalt wie gesagt nicht zuviel verraten, aber besonders großartig ist die Szene des Sheriffs mit seinem “Sohn Nr. 1” (in den Siebzigern kannte jeder Charlie Chan, und sei es nur aus der Parodie Eine Leiche zum Dessert - Murder by Death), und wie der Film dann von Austin, Texas nach Lebanon, Tennessee umgesiedelt wird. Kurt Russell kann nicht nur verdammt sympathisch (oder mörderisch?) in die Kamera lächeln, und dadurch den Zuschauer zum Komplizen machen, seine Auftritte zum Schluß sind allein den Kinoeintritt wert. Und die Szene mit dem Convenience Store, bei dem die Kamerafahrt über das Zeitschriftenangebot bereits fast so gut ist wie in My Own Private Idaho, gehört auch zu den Momenten, in denen Tarantino beweist, daß er selbst aus Nichts etwas ganz Großes machen kann. Man beachte übrigens auch zwei creepy Szenen, die sich erst beim späteren darüber nachdenken als sehr gut aufeinander abgestimmt erweisen, und die ich hier mal einfach schwammig als “head to toe” zusammenfasse. Feinde des Films (und davon gibt es auch nicht wenige) echauffieren sich weniger über die sadistischen Züge als über die manchmal zwanzigminütigen Passagen, in denen nur irgendwelche Mädels über hinterhältige Boyfriends und Pläne für das Wochenende reden, doch ich fand, daß die 113minütige Fassung, die auch in Cannes lief (im Double Feature war der Film etwa 80 Min. lang, es soll auch eine 127minütige Langfassung gegeben haben), in keinem Augenblick langweilig war.

Zuletzt noch eine Zusatzinformation, die aber wahrscheinlich auch nicht mehr wirklich jemanden überraschen wird, wenn der Film anläuft. Die Neuseeländerin Zoë heißt übrigens auch im richtigen Leben Zoë Bell, ist eine Stuntfahrerin (das wird einige der spektakulärsten Bilder des Films erklären), und war bereits in Kill Bill ein Stunt Double für Uma Thurman.