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Die Box




Januar 2007
Thomas Vorwerk
für satt.org
Paris je t'aime-Plakat

Paris je t'aime
(diverse Regisseure)

Frankreich 2006, Idee: Tristan Carné, Musik: Pierre Adenot, Christophe Monthieux, Marie Sabbah, Main Theme Song "La Même Histoire": Leslie Feist, Production Design: Bettina von den Steinen, Kostüme: Olivier Bériot, Transitions: Frédéric Auburtin, Emmanuel Benbihy, Jane Hawksley, Kamera Transitions: Pierre Aïm, Christophe Paturange, Gérard Simon, 120 Min., Kinostart: 25. Januar 2006

Für diesen Episodenfilm, der die französische Hauptstadt und die Liebe feiern soll, hat man sich neben auffallend vielen französischsprachigen (etwa Olivier Assayas, Sylvain Chomet) und amerikanischen (Coen-Brüder, Gus Van Sant, Wes Craven) auch einige Filmemacher mit exotischeren Hintergründen zusammen gesucht (Isabel Coixet, Alfonso Cuarón, Gurinder Chadha).

Auch bei der Besetzung gibt es neben einigen Superstars aus Frankreich (Gerard Dépardieu, Fanny Ardant, Ludivine Sagnier) und den Gegenstücken aus Übersee (Nick Nolte, Gena Rowlands, Maggie Gyllenhaal) auch einige Exoten (Sergio Castellitto, Miranda Richardson, Catalina Sandino Moreno). Doch zunächst zu den Einzelfilmen …

Montmartre (Bruno Podalydès)

Buch: Bruno Podalydès, Kamera: Matthieu Poirot-Delpech, Schnitt: Anne Klotz, mit Bruno Podalydès (Fahrer), Florence Muller (Junge Frau)

Ein zum Fluchen neigender Mann sucht in den engen Strassen des Montmatre nach einem Parkplatz. Dann sinniert er darüber, warum er noch alleinstehend ist. Es spreche doch so vieles für ihn. Doch alle Frauen, die an seiner Windschutzscheibe vorbeiflanieren, sind entweder in Begleitung, schwanger oder sogar bereits mit dem Kinderwagen unterwegs. Bis auf eine, die aber plötzlich in seinem Rückspiegel nicht mehr zu sehen ist …

Quais de Seine (Gurinder Chadha)

Buch: Paul Mayeda Berges & Gurinder Chadha, Kamera: David Quesemand, Schnitt: Simon Jacquet, mit Cyril Descours (François), Leïla Bekhti (Zarka)

François sitzt mit zwei Bekannten am Seineufer. Während diese nichts besseres zu tun haben, als ausnahmslos jeder Frau irgendeinen Anmachspruch hinterherzurufen (“Mademoiselle? Können sie mir ihren String leihen? Ich habe meine Zahnseide vergessen …”), ist François der einzige, der eine ebenfalls am Ufer sitzende (und die Sprüche mitanhörende) junge Muslimin wahrnimmt. Als diese dann aufbricht, stürzt, und ebenfalls höhnisches Gelächter erntet, ergreift er ihre Partei (“Die Jungfrau eilt zur Hilfe …”).

Le Marais (Gus Van Sant)

Buch: Gus Van Sant, Layke Anderson, Kamera: Pascal Rabaud, mit Gaspard Ulliel (Gaspard), Elias McConnell (Elie), Marianne Faithfull (Marianne)

In einer Druckerei entdeckt Gaspard einen gutaussehenden Angestellten und spricht ihn an (“Kennen wir uns nicht von irgendwoher?”). Doch trotz aller Komplimente und Versuche der Kontaktaufnahme bleibt Elie sehr wortkarg, lächelt höchstens mal freundlich. Eine für Gus Van Sant erstaunlich zurückhaltende schwule Romanze.

Paris je t'aime (diverse Regisseure)

Tuileries (Joel & Ethan Coen)

Buch: Joel & Ethan Coen, Kamera: Bruno Delbonnel, Kostüme: Pierre-Yves Gayraud, mit Steve Buscemi (Tourist), Julie Bataille (Julie), Axel Kiener (Axel), Frankie Pain (Frau mit kleinem Jungen)

Wie die Episode von Tom Tykwer drehten auch die Coen-Brüder mit einigem zeitlichen Vorsprung, ihre Episode wurde sozusagen als “Werbung” benutzt, um andere namhafte Regisseure zur Teilnahme zu überreden. Steve Buscemi sitzt in der Metro-Haltestelle Tuileries und liest in einem Reiseführer. Dort liest er von der Stadt der Liebe, Taschendieben, Sexualkrankheiten und dem Rat, Augenkontakt mit Fremden am besten zu vermeiden. Doch das heftig knutschende Junge Paar am gegenüberliegenden Bahnsteig fasziniert ihn, und so zieht er schon bald den Zorn des jungen Mannes auf sich.

Loin du 16ème (Walter Salles & Daniela Thomas)

Buch: Walter Salles & Daniela Thomas, Kamera: Eric Gautier, mit Catalina Sandino Moreno (Ana)

Ana (Catalina Sandino Moreno aus Maria voll der Gnade und Fast Food Nation) muss sehr früh aufstehen, um ihr Baby in einer Krippe abzugeben, und sich auf den beschwerlichen langen Weg zu ihrem Arbeitsplatz aufzumachen. Dort angekommen, sieht man ihre Chefin nicht (man hört sie nur), und die luxoriöse Wohnung steht im starken Widerspruch zu Anas Heim in einer heruntergekommenen Vorstadt. Doch dann zeigt sich, daß die Angestellte und die Auftraggeberin auch etwas gemeinsam haben. Ein fast poetisches Stück Film mit nur einer Darstellerin und einem gehörigen Schuß Ironie.

Porte de Choisy (Christopher Doyle)

Buch: Christopher Doyle, Gabrielle Keng, Kathy Li, Kamera: Christopher Doyle, Kathy Li, Schnitt: Simon Jacquet, mit Barbet Schroeder (Monsieur Henny), Li Xin (Madame Li)

Ein fast kahlköpfiger Mann im Anzug (Barbet Schroeder, Regisseur von Filmen wie Reversal of Fortune, Barfly oder Single White Female) fragt sich durch auf der Suche nach einem asiatischen Friseursalon. Dort zeigt sich, daß er Vertreter ist, für Mittel bei Problemen speziell asiatischer Haare (!?!). Christopher Doyle, aus Australien stammender Lieblingskameramann von Wong Kar-Wei, liefert eine der mysteriösesten Episoden, denn sein Monsieur Henny wird auf eine Odyssey durch Werbeaufnahmen mitgenommen, denn sein Name scheint der chinesischen Entsprechung von “Ich liebe Dich” (“aini” oder so ähnlich) zu ähneln.

Bastille (Isabel Coixet)

Buch: Isabel Coixet, Kamera: Jean-Claude Larrieu, Schnitt: Simon Jacquet, mit Sergio Castellitto (Ehemann), Emilie Ohana (Leah), Leonor Watling (Stewardess), Miranda Richardson (Frau im roten Trenchcoat)

Ein typisches Sujet für Isabel Coixet (My Life without me): Ein Mann will seiner Frau in dem Café, wo er sie einst kennenlernte, mitteilen, daß es aus ist. Zunächst kommt sie freudestrahlend auf ihn zu. (Im dauerhaften voice-over-Kommentar heißt es “Ich verlasse Dich, hör auf zu lächeln”), doch bevor er ihr seinen Entschluß mitteilen kann, bricht sie in Tränen aus. Sie hat beim Arzt erfahren, daß sie Leukämie hat. Wie in einer Vision verkünden alle Besucher des Cafés unisono: “Du musst der Situation gerecht werden.”

Place des Victoires (Nobuhiro Suwa)

Buch: Nobuhiro Suwa, Kamera: Pascal Marti, Schnitt: Hisako Suwa, mit Juliette Binoche (Suzanne), Hippolyte Girardot (Vater), Martin Combes (Justin), Willem Dafoe (Cowboy)

Eine verstörte Mutter (Juliette Binoche) versucht, mit dem Tod ihres kleinen Sohnes zurechtzukommen. Sie wiederholt immer wieder dessen Glaubenserklärung an Cowboys (“Mama, Cowboys gibt es noch heute”) und trifft in der Nacht tatsächlich auf einen Cowboy (Willem Dafoe). Während sie Kinderstimmen hört, bricht sie auf der Strasse zusammen.

Paris je t'aime (diverse Regisseure)

Tour Eiffel (Sylvain Chomet)

Buch: Sylvain Chomet, Kamera: Eric Guichard, Spezialeffekte: Pieter Van Houtte, Raf Schoenmaker, mit Paul Putner (Männlicher Mime) Yolande Moreau (Weiblicher Mime)

Der kleine Jean-Claude erzählt uns, wie seine Eltern sich kennengelernt haben - im Knast. Animationsexperte Sylvain Chomet (Das große Rennen von Belleville) versucht sich aus Budgetgründen an einem Realfilm - und schafft mit der Liebesgeschichte zweier Pantomimen einen zauberhaften Film, der in seiner Frische und seinem Einfallsreichtum an Louis Malles Zazie dans le Metro erinnert.

Paris je t'aime (diverse Regisseure)

Parc Monceau (Alfonso Cuarón)

Buch: Alfonso Cuarón, Kamera: Michael Seresin, Schnitt: Alex Rodríguez, mit Nick Nolte (Vincent), Ludivine Sagnier (Claire), Sara Martins (Sara)

Alfonso Cuarón erzählt seine Geschichte in einer Einstellung. Zunächst kann man seine Hauptdarsteller Nick Nolte und Ludivine Sagnier fast nur an den Stimmen erkennen, so dunkel ist es, und so weit weg ist die Kamera. Das ungleiche Paar spricht zunächst klar getrennt in Englisch bzw. Französisch, nach und nach begreift man als Zuschauer worum es geht. Vincent will nicht, daß Claire sich zum Sklaven des offensichtlich jüngeren Gaspard macht. “Don’t make Gaspard your ball and chain.” - “Was I your ball and chain?” - “You were my Zeppelin.” Schließlich treffen die beiden auf Gaspard und alles löst sich ganz anders auf als erwartet …

Paris je t'aime (diverse Regisseure)

Quartier des Enfants Rouges (Olivier Assayas)

Buch: Olivier Assayas, Kamera: Eric Gautier, Schnitt: Luc Barnier, mit Maggie Gyllenhaal (Liz), Lionel Dray (Ken), Joana Preiss (Joana)

Olivier Assayas beschreibt die Atmosphäre einer scheinbar immerwährenden Party, auf der Ken die amerikanische Schauspielerin Liz (Maggie Gyllenhaal zeigt Kirsten Dunst, wo der Hammer hängt) kennenlernt. Gemeinsam suchen sie einen Geldautomat auf, und Ken ist kurz davor, sich seiner Faszination mit der jungen Frau zu stellen. Während sie die Geheimnummer eingibt, ist er kurz davor, sie zu berühren. Gemeinsam trinken sie noch ein Bier und tauschen Telefonnummern aus, doch später will Liz Ken wiedersehen - und das nicht nur, weil er ihr das Material für ihren Joint liefert.

Place des Fêtes (Oliver Schmitz)

Buch: Oliver Schmitz, Kamera: Michel Amathieu, Schnitt: Isabel Meier, mit Seydou Boro (Hassan), Aïssa Maïga (Sophie)

Einer von drei Regisseuren, von dem ich noch nie etwas gehört habe, und dann auch noch mit einem Namen wie Oliver Schmitz, der mich höchstens an weltfremde Lateinlehrer erinnert. Eine Sanitäterin kümmert sich um einen verletzten Mann, der davon überzeugt ist, sie zu kennen. Um mit dieser Frau einen Kaffee zu trinken, hat er seinen Job verloren und landete auf Umwegen zu ihren Füssen. Die eindeutig beste Episode, mit einem zu herzen gehenden Skript und clever eingesetzten filmischen Mitteln.

Pigalle (Richard LaGravenese)

Buch: Richard LaGravenese, Kamera: Gérard Stérin, Schnitt: Simon Jacquet, mit Bob Hoskins (Bob Leander), Fanny Ardant (Fanny Forrestier)

Der ältliche Bob treibt sich im Amüsierviertel rum und lernt eine etwa gleichaltrige Frau kennen, für die er sogar eine teure Prostituierte stehenlässt. Doch dann stellt sich heraus, daß Fanny seine Frau ist, und Bob durch das Rotlichmilieu seine Potenz wiedererstarken lassen will. Was auf Anhieb nicht klappt …

Quartier de la Madeleine (Vincenzo Natali)

Buch: Vincenzo Natali, Kamera: Tetsuo Nagata, mit Elijah Wood (Tourist), Olga Kurylenko (Vampir), Wes Craven (Vampiropfer)

Spät in der Nacht. Ein amerikanischer Rucksacktourist erlebt einen Vampirangriff mit - und verliebt sich in die Vampirin. Vincenzo Natali (Cube) drehte ein kleines Horrorjuwel, das sich die ästhetischen Parameter von Sin City zu eigen macht. Die Nacht ist fast schwarz-weiß, einzig das Blut fällt in seiner Farblichkeit heraus. Die Story endet irgendwo zwischen der Kompromisslosigkeit eines Tarantino und einer optimistischen Noir-Romantik. Und als kleines Schmankerl hat auch noch Schlockmeister Wes Craven einen Gastauftritt als Vampiropfer.

Père-Lachaise (Wes Craven)

Buch: Wes Craven, Kamera: Maxime Alexandre, Schnitt: Stan Collet, mit Rufus Sewell (William), Emily Mortimer (Frances), Alexander Payne (Oscar Wilde)

Cravens eigene Episode spielt zwar auf einem Friedhof, hat aber trotz einer Geistererscheinung (Alexander Payne als Oscar Wilde, eine Art Staffellauf der Kurzauftritte scheint sich anzubahnen) wenig mit seinem üblichen Horror-Metier zu tun. William (Rufus Sewell aus A Knight’s Tale) versucht, seine Verlobte Frances (Emily Mortimer aus Dear Frankie und Match Point) zu verstehen, macht es mit seinem fehlenden Humor aber alles nur noch schlimmer. Schließlich zeigt sich, daß man immer einige Oscar Wilde-Zitate parat liegen haben sollte …

Paris je t'aime (diverse Regisseure)

Faubourg Saint-Denis (Tom Tykwer)

Buch: Tom Tykwer, Kamera: Frank Griebe, Schnitt: Mathilde Bonnefoy, Simon Jacquet, Musik: Reinhold Heil, Johnny Klimek, Tom Tykwer, Kostüme: Pierre-Yves Gayraud, mit Melchior Beslon (Thomas), Natalie Portman (Francine)

Unter dem Titel True war dieser Film bereits in den deutschen Kinos zu sehen. Doch selbst innerhalb illustrer Konkurrenz fällt er noch positiv auf.

Quartier Latin (Frédéric Auburtin & Gérard Depardieu)

Buch: Gena Rowlands, Schnitt: Simon Jacquet, mit Ben Gazzara (Ben), Gena Rowlands (Gena), Gérard Depardieu (Le patron)

Gérard Depardieu als Regisseur und Gena Rowlands als Drehbuchautorin. Das Wiedertreffen mit Ben Gazzara ist wie ein Gegenentwurf zum New York in den Filmen von John Cassavetes, allerdings weitaus konventioneller und humorvoller.

14th arrondissement (Alexander Payne)

Buch: Alexander Payne, Kamera: Denis Lenoir, Schnitt: Simon Jacquet, mit Margo Martindale (Carol)

Die letzte Episode arbeitet wie die erste mit viel voice-over, allerdings scheint Margo Martindale (eine der großen amerikanischen Nebendarstellerinnen, wer bei imdb reinschaut, wird feststellen, daß er oder sie sicher ein halbes bis ganzes Dutzend ihrer Filme kennt) wie ein Gegenentwurf zur sehr französischen Figur zu Beginn, und ihr schlecht ausgesprochenes Französisch dürfte Muttersprachler eine Gänsehaut bereiten …


Wenn ein Episodenfilm bei 18 Episoden keinen einzigen wirklichen Durchhänger hat, und einige der kleinen Mosaiksteine sogar extrem gut gelungen sind (meine Favoriten sind die Episoden von Oliver Schmitz und Sylvain Chomet), dann können selbst Details wie die etwas unklaren Übergänge (als Purist und Cineast möchte ich schon gern auf Anhieb wissen, welche Einstellung von welchem Regisseur stammt, der Einsatz der Titeleinblendungen variiert hier aber recht stark) am durchweg gelungenen Eindruck nichts mehr ändern. An instant classic. Je t'aime Paris je t'aime!