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Die Box




Januar 2007
Thomas Vorwerk
für satt.org
Filmplakat
Filmszene
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© 2006 PROKINO Filmverleih GmbH
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Chanson d’amour
(R: Xaver Giannoli)

Originaltitel: Quand j’étais chanteur, Frankreich 2005, Buch: Xavier Giannoli, Kamera: Yorick Le Saux, Schnitt: Martine Giordano, Musik: Alexandre Desplat, mit Gérard Depardieu (Alain Moreau), Cécile de France (Marion), Mathieu Amalric (Bruno), Christine Citti (Michèle), Patrick Pineau (Daniel), Alain Chanone (Philippe Mariani), 112 Min., Kinostart: 18. Januar 2007

Alain Moreau (Gérard Depardieu) ist ein etwas in die Jahre gekommener chanteur de bal (oder “Ballhaussänger”), der auf Tanztees und anderen Veranstaltungen zumeist Liebeslieder singt, wobei die Texte für ihn wohl schon einen Großteil der Bedeutung verloren haben, denn seine Ehefrau und Managerin Michèle lebt bereits seit längerer Zeit mit jemandem anderen zusammen. Auf einer etwas angesagteren Veranstaltung (diesmal ohne Tombala, bei der Ventilatoren, Rasenmäher und Kisten Wein davongeschleppt werden) wird er auf eine junge Angestellte seines Freundes, des Maklers Bruno (Mathieu Amalric) aufmerksam. In einer Pause unterhält er sich mit Marion (Cécile de France), die aber an ihm nicht interessiert ist und nur aus Höflichkeit (immerhin ist es ja auch der Freund ihres Chefs) nicht abweisender wird.

Doch so schnell lässt sich Alain nicht abwimmeln, er schickt eine Flasche Champagner (mit einer Rose) an den Tisch, widmet Marion einen Chanson - und in leicht angesäuseltem Zustand landet sie schließlich im Bett des sicher doppelt so alten und nicht annähernd so attraktiven Mannes. An dieser Stelle erwartete ich vom restlichen Film nicht mehr viel, so unglaubwürdig und uninspiriert empfand ich diese Entwicklung des Buches.

Doch am nächsten Morgen kommt für Marion das böse Erwachen, und während Alain im Bad singt, verschwindet sie klammheimlich. Ungeachtet der frühen Intimität hat die Geschichte der beiden nämlich noch nicht wirklich “begonnen”. Fortan lässt sich Alain von Marion Wohnungen zeigen, wobei er versucht, durch lange Gespräche ihre Nähe zu gewinnen. Einerseits wirkt sie immer genervter durch die offenbar (aus Maklersicht) aussichtslosen Wohnungsbesichtigungen und seine gelegentlichen Annäherungsversuche (an einer anderen Stelle kommt mal der Song Qui sait, qui sait, qui sait, der diese Situation gut zusammenfasst), andererseits baut sich aber tatsächlich eine Vertrautheit auf, und sie hilft ihm beispielsweise, seine Strähnchen zu färben, was vom anfänglichen “Mann macht Frau den Hof” unendlich weit entfernt ist.

Alains “Managerin” sieht mit Vorsicht auf die Entwicklung: “Sie wird Dir wehtun - aber vielleicht willst Du das ja.” Und Bruno, der offensichtlich auch an Marion interessiert ist, hat natürlich auch andere Pläne. Doch Marion hat noch ganz andere Facetten zu bieten, denn sie hat einen kleinen Sohn, mit dem sie allerdings nur wenig Zeit verbringt - und die fehlende Nähe zu ihrem Kind ist für sie noch frustrierender als für Alain die ewigen Annäherungsversuche. Mitunter verfällt sie in Depressionen und sinniert darüber, daß andere Kinder nur deshalb nicht bei ihren Müttern aufwachsen, weil diese drogensüchtig, verrückt oder tot sind.

Quand j’étais chanteur (“Als ich Sänger war”) ist einer der Filme, die mit der Zeit immer besser werden, mit immer besser werdenden Ideen überzeugen, und ähnlich wie bei Alain Resnais’ On connait la chanson (Das Leben ist ein Chanson) überzeugt vor allem auch die Musikauswahl, denn Alain gelingt es immer wieder, aus seinem reichhaltigen Repertoire jenen Song auszuwählen, der gerade besonders gut passt. Wenn Bruno den direkten Schlagabtausch wählt und von Alain einen “Slow” (in meiner Jugend nannte man das eine “Schwofnummer”) verlangt, um sich Marion anzunähern, verlangt der Film Alain einiges ab. Und wie das ewige Stehaufmännchen mit einer Stimmbanderkrankung und dem langsamen Niedergang seiner Karriere zu kämpfen hat, ist durchaus sehenswert.

Natürlich steht Singen und Tanzen hier als Allegorie für die Liebe und das ganze Leben. Marion fragt Alain mal irgendwann “Tanzen sie nicht?” und seine enigmatische Antwort lautet “Manche behaupten, sie hätten es schon gesehen.” An einer anderen Stelle wird erklärt, daß ein Tanz wie ein Sex-Versprechen ist, doch einen guten Einblick in diesen Film gibt folgende Gegenüberstellung von Filmelementen: Einmal ertönt Mourir d’aimer (Morir de amor) von Charles Aznavour und Compay Segundo, der im Kontext sehr dräuend wirkt, doch dann erklärt Alain seine größte Angst: “Wissen Sie, was mich umbringen wird: Karaoke!”

Für seinen dritten Langfilm zeigt Regisseur und Autor Xaver Giannoli eine immense Sicherheit mit unterschiedlichsten Situationen, und neben einer erstmals durch ihre Rolle wirklich herausgeforderten Cécile de France verblüfft der fast schon abgeschriebene Gérard Depardieu, der in diesem Film eine Intensität entwickelt, wie man sie wohl zuletzt vor anderthalb Jahrzehnten erlebte. Und singen kann er sogar auch.