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November 2006
Thomas Vorwerk
für satt.org

Happy Feet
Australien / USA 2006

Happy Feet (R: George Miller)

Happy Feet

Regie: George Miller, Co-Regie: Judy Morris, Warren Coleman, Animationsregie: Daniel Jeanette, Buch: George Miller, John Collee, Judy Morris, Warren Coleman, Kamera-Regie: David Peers, Schnitt: Margaret Sixel, Christian Gazal, Musik: John Powell, Choreographie: Kelley Abbey, Savion Glover, mit den Originalstimmen von Elijah Wood (Mumble), Brittany Murphy (Gloria), Hugh Jackman (Memphis), Nicole Kidman (Norma Jean), Hugo Weaving (Noah the Elder), Robin Williams (Ramon / Lovelace), Carlos Alazraqui (Nestor), Lombardo Boyar (Raul), Jeff Garcia (Rinaldo), Johnny Sanchez III (Lombardo), Magda Szubanski (Miss Viola), Miriam Margoyles (Mrs. Astrakhan), Fat Joe (Seymour), E. G. Daily (Baby Mumble), Alyssa Shafer (Baby Gloria), Cesar Flores (Baby Seymour), Anthony LaPaglia (Boss Skua), Lee Perry (Elephant Seal Elder / Zoo Penguin), Danny Mann (Skua Dino / Zoo Penguin), Mark Klastorin (Skua Vinnie), Michael Cornacchia (Skua Frankie), Chrissie Hynde (Michelle), Dee Bradley Baker (Maurice), Roger Rose (Leopard Seal), 98 Min., Kinostart: 30. November 2006

Es gibt zwei Regisseure namens George Miller, beide stammen aus Australien. Der bekanntere der beiden drehte die Mad Max-Trilogie, die Flugzeug-Episode in Twilight Zone - The Movie, The Witches of Eastwick, Lorenzo’s Oil und den zweiten Babe-Film. Ein imposantes und vielfältiges Œuvre, dem er nun noch einen Animationsfilm zufügt.

Filmszene
Filmszene
Filmszene
Bilder © 2006 Warner Bros. Ent.
Filmszene
Filmszene

Wer den Trailer von Happy Feet sieht, erwartet ein kindgerechtes Stück Unterhaltungskino mit putzigen Pinguinen, die noch dazu musikalisch sind. Doch George Miller musste seinen Film nicht durch die Disney- oder Dreamworks-Maschinerie durchschleusen, die alles auf massenpublikumtaugliches Niveau bringt und dafür auch mal hier oder da einen Flügel stutzt. Wer das Bonusmaterial auf irgendeiner Animations-DVD der letzten Jahre gesehen hat, kennt jene manchmal sehr interessanten Szenen, die später alle fallengelassen wurden, weil sie die Entwicklung der Story oder der Figuren behinderten, den Flow des Films störten oder ähnliches. Und man kann das als Zuschauer auch immer nachvollziehen. Happy Feet allerdings ist ein Epos (98 Min.), bei dem der Regisseur (und Co-Autor) mehr erreichen wollte als einen putzigen Film über Pinguine, mehr als einen Kinderfilm, sogar mehr als ein Musical.

Die Geschichte des aus der Art geschlagenen Kaiserpinguins Mumble (dessen Fleck unter dem Hals einer Fliege nicht unähnlich erscheint), der nicht wie seine Artgenossin sein “Herzenslied” zu intonieren weiß (er ist ein gräßlicher Sänger), sondern sich eher durch seine Steptanzfähigkeit hervorzutun versucht, ist aufgrund des erzreaktionären Ältestenrat der Pinguine eine Art CGI-Version von Footloose. Seltsame quasi-religiöse Elemente gehen noch über den “Circle of Life”-Blödsinn bei The Lion King hinaus, passen aber dennoch auch irgendwie zum Plot, zur allzu häufigen Entfremdung des Sohns vom Vater und zu der Art und Weise, wie man in Amerika seine Kinder erzieht.

Abgesehen zwei recht gruseligen Szenen mit Raubvögeln (sprechen im Original wie Italoamerikaner) und einem Seeleoparden gibt es in der ersten Hälfte des Films eigentlich nur weniges, was die Ambitionen des Regisseurs verraten könnte. Mumble entfernt sich dann von seinem Volk und trifft auf die viel kleineren Adelie-Pinguine, von denen fünf sofort mit ihm Freundschaft schließen. Der ausgelassendste von diesen ist Ramon (Robin Williams), und von deren Latino-Macho-Sensibilität kann Mumble, dem alle einreden wollen, er “ain’t penguin”, eigentlich nur lernen. Doch dann will Mumble mehr über die “Aliens” erfahren, die einem der Vögel einen Ring um die Kralle verpassten, irgendwo im Eis ein seltsames Monster hinterlassen haben, und dem “Guru” der Adelie-Pinguine, Lovelace (ebenfalls Robin Williams) einen Talisman um den Hals banden. Lovelace will darüber zunächst nicht reden, doch als das Plastikgebinde, das früher mal zu einem Sixpack gehörte, ihm die Luft abzudrehen droht, machen sich die sieben Pinguine auf den Weg und lernen, wer oder was daran schuld ist, daß die Fische immer seltener werden (der Ältestenrat wollte dafür Mumble die Schuld in die Schuhe schieben).

Im letzten Drittel des Films kommt es zur “Begegnung der dritten Art”, die Aliens halten Mumble in einem Raum, der an The Truman Show erinnert, doch schließlich scheint er sich sogar mit ihnen zu verständigen und bringt einige mit nach Hause, wo die anderen Pinguine erstaunt feststellen, daß die Aliens ihnen gar nicht so unähnlich sind, nur etwas rötlicher.

Wer an dieser Stelle des Films denkt, nach Gospeldarbietungen von Queens Somebody to love, einem Kampf mit zwei Killerwalen und den wie riesigen Raumschiffen vorbeiziehenden Fischfabriken könnte einen nichts mehr überraschen, dem bietet Miller zum Schluß auch noch eine Live Action-Passage, die weit über die Filmausschnitte in Lilo & Stitch oder Chicken Little hinausgeht.

Drittklässler könnten von dem Film mit seinen vielen Nebenhandlungen und messages ebenso überfordert wie von der Länge des Films (obwohl das ja alles gegen Harry Potter nichts ist), und man muss auch attestieren, daß der Film nicht immer funktioniert, man selbst sicher das eine oder andere Element herausgeschnitten hätte, doch dafür, was Miller hier versucht, muß man ihn und den Film lieben, verglichen damit wirken selbst die innovativsten Animationsfilme herkömmlich, redundant und feige.

Bei den Originalstimmen fällt auf, daß Miller nicht nur eine Vorliebe für Landsmänner zu haben scheint, die sich mittlerweile international etabliert haben (Nicole Kidman, Hugh Jackman, Hugo Weaving), sondern er auch wieder auf seine bewährten Sprecher aus den Babe-Filmen zurückgriff (Weaving, E. G. Daily, Miriam Margoyles, Magda Szubanski). Erstaunlich sind aber auch die gesanglichen Darbietungen der Sprecher. Nach einigen Duetten mit Ewan McGregor und Robbie Williams darf Nicole Kidman nun mit ihrem Filmgatten Hugh Jackman Kiss von Prince singen, Robin Williams wagt sich an eine spanische Version von My Way, Brittany Murphy überzeugt neben Somebody to Love auch noch mit Boogie Wonderland, und der Nachspann bietet eine besondere Perle, die das Prinzip des “Herzensliedes”, daß zwei Pinguine zusammenführt, besonders gut demonstriert: Jason Mraz und Chrissie Hynde singen The Joker “mashed-up” mit Everything I Own. Seid Aladdin fühle ich mich das erste Mal versucht, mir den Soundtrack eines Animationsfilms zu kaufen, auf dem man auch noch einen neuen Prince-Song, ein doppeltes Beatles-Cover von k. d. lang, Pink, die Beach Boys und die Brand New Heavies findet. So ausufernd wie der Film ist auch das, was ich dazu sagen könnte. Eines kann ganz sicher niemand über Happy Feet sagen: daß der Film zu wenig bietet.