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Die Box




Oktober 2006
Thomas Vorwerk
für satt.org

Shortbus
USA 2006

Shortbus (R: John Cameron Mitchell)

Buch
und Regie:
John Cameron Mitchell

Story entwickelt mit den Schauspielern

Kamera:
Frank G. DeMarco

Schnitt:
Brian A. Kates

Animation:
John Bair

Musik:
Yo La Tengo, Scott Matthew

Musiküberwachung:
Michael Hill

Production Design:
Jody Asnes

Kostüme:
Kurt & Bart

Darsteller:
Sook-Yin Lee (Sofia), Paul Dawson (James), Lindsay Beamish (Severin), PJ DeBoy (Jamie), Raphael Barker (Rob), Jay Brennan (Ceth), Peter Stickles (Caleb), Justin Bond (Himself), Alan Mandell (Tobias, the Mayor), Bitch (Herself), Shanti Carson (Leah), Justin Hagan (Brad), Jan Hilmer (Nick), Stephen Kent Jusick (Creamy), Yolanda Ross (Faustus), Daniela Sea (Little Prince), Miriam Shor (Cheryl), Rachael Cyna Smith (Zoey), Paul Oakley Stovall (Magnus), Lex Vaughn (Bucky), Bradford Scobie (Dr. Donut)

98 Min.

Kinostart:
19. Oktober 2006

Shortbus

Filmszene
Filmszene
Bilder © 2006 Senator Film
Filmszene
Filmszene
Filmszene

In Shortbus geht es nicht nur um Sex. Themen wie Kunst, Musik, Psychoanalyse, das Altern oder das Leben im Post-9/11-New York spielen allesamt eine große Rolle, sind aber schon rein visuell nicht so präsent wie unterschiedlichste sexuelle Aktivitäten, die sich wie ein roter Faden durch den Film ziehen, denn die Figuren sind allesamt auf der Suche sexueller Befriedigung, einer glücklichen Beziehung oder einer Beschäftigung (sei es ein Beruf oder eine künstlerische Betätigung), die neben ihrer Person auch ihre Sexualität reflektiert. Für manche Zuschauer sind schon einige der ersten Szenen des Films vielleicht ein Schock. Dem mit seiner Beziehung unzufriedenen James (Paul Dawson) gelingt es, sich selbst oral zu befriedigen, die Paartherapeutin Sofia (Sook-Yin Lee) spielt mit ihrem potenten Gatten ein ausführliches Sexprogramm durch, ihr bleibt aber dabei (wie wir später erfahren) erneut der Orgasmus versagt. Und die Domina Severin (Lindsay Beamish) peitscht desinteressiert auf ihrem guthabenden Freier herum, bis auch dieses Stelldichein mit einem Cumshot endet - mitten auf ein Gemälde, das zumindest von Jackson Pollack inspiriert ist (im Kontext des Films würde ich aber auf ein Original tippen).

Der titelgebende Shortbus ist ein Club in New York, in dem der freie Sex noch oder wieder praktiziert wird. Gastgeber Justin Bond („I’m the mistress of Shortbus“) kommentiert es mit den Worten „It’s just like the sixties - only with less hope“. Auf einer großen Spielwiese werden sämtliche denkbaren sexuellen Kombinationen durchgespielt, und wem gerade nicht danach ist, der unterhält sich über Sex oder spielt eine Art „Truth and Dare“ - Langeweile kommt hier so schnell nicht auf.

Alle zu Beginn des Films eingeführten Figuren landen irgendwann in diesem Club, und lernen dort teilweise auch neue Personen kennen. Sofia führt ihre Suche nach dem Orgasmus fort, Jamie versucht, seine Beziehung zu retten, während James bereits einen neuen Mann für Jamie sucht, und auch die ewig zynische Severin macht Erfahrungen, die sich nicht nur auf (bezahlten) Sex begrenzen, sondern um Vertrauen und Freundschaft (mindestens) kreisen.

Diese kurzweilige aber nur selten oberflächliche Mischung hält Regisseur John Cameron Mitchell für anderthalb Stunden am köcheln. Über sehr gelungene Animationssequenzen, die den Zuschauer immer wieder von einem Ende der Stadt zu einem anderen Ort führen, spinnt sich die Geschichte fort, die Sexszenen in Shortbus wirken so natürlich wie selten und fast nie aufgesetzt, und über teilweise erstaunlich tiefgründige Schicksale endet der Film wie er begann, mit einer Parallelmontage diverser sexueller Tätigkeiten, die vielleicht schon etwas zu viel Hoffnung verheißt. Doch da einem sämtliche Figuren des Films mit der Zeit ans Herz gewachsen sind, gönnt man ihnen auch ein bißchen Glück. Und diesem Film wünsche ich nicht nur das Glück, von vielen Menschen gesehen zu werden, ich wünsche auch den potentiellen Zuschauern das Glück, diesen Film zu sehen, denn nicht nur lernt man über die Identifikation mit teilweise extremen Figuren vieles für seine eigenen momentanen oder späteren Beziehungen, auch hat der Film eine schwungvoll herübergebrachte Message, die hoffentlich keinem Zuschauer wirklich neu ist: Bei richtig gutem Sex hat man auch immer etwas zu lachen. Wer bei diesem Film nicht hin und wieder in schallendes Gelächter ausbricht (Nationalhymne, Jennifer, Fernbedienung, Herzschrittmacher, period piece …), für dessen sexuelle Erfüllung sehe ich schwarz.