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Die Box




Dezember 2005
Thomas Vorwerk
für satt.org

Oliver Twist
Frankreich 2005

Filmplakat

Regie:
Roman Polanski

Buch:
Ronald Harwood

Lit. Vorlage:
Charles Dickens

Kamera:
Pawel Edelman

Schnitt:
Herve de Luze

Musik:
Rachel Portman

Darsteller:
Barney Clark (Oliver Twist), Ben Kingsley (Fagin), Jamie Foreman (Bill Sykes), Harry Eden (Dodger), Leanne Rowe (Nancy), Lewis Chase (Charley Bates), Edward Hardwicke (Mr. Brownlow), Jeremy Swift (Mr. Bumble), Mark Strong (Toby Crackit), Jake Curran (Barney), Ophelia Lovibond (Bet), Frances Cuka (Mrs. Bedwin), Chris Overton (Noah Claypole), Michael Heath (Mr. Sowerberry), Gillian Hanna (Mrs. Sowerberry)

128 Min.

Kinostart:
22. Dezember 2005

Oliver Twist

Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene

Auf den ersten Blick mag es überraschend erscheinen, daß Roman Polanski sich nach seinem Oscar-Regen für The Pianist ausgerechnet Charles Dickens’ Oliver Twist als neues Filmprojekt vorgenommen hat, doch man sollte nicht vergessen, daß wir dem mittlerweile 72jährigen Regisseur auch schon überzeugende Verfilmungen von Shakespeares Macbeth (1971) und Thomas Hardys Tess of the D´Urbervilles (1979) verdanken. Mit einem Team, das größtenteils auch schon bei The Pianist mitarbeitete (u. a. auch Drehbuchautor Ronald Harwood und Kameramann Pawel Edelman), drehte Polanski in Prag, und neben den natürlich frischen Gesichtern für die Kinderrollen verpflichtete er größtenteils eher unbekannte britische Fernseh- und Theater-Darsteller - mit der wichtigen Ausnahme Ben Kingsley in der Rolle des Fagin. Mit dem Oscar-Gewinner Kingsley (für Gandhi) arbeitete Polanski bereits bei Death and the Maiden (1994) zusammen, und das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen. Wenn Kingsley schon hinterlistigerweise für Schindler’s List und Sexy Beast seinen zweiten Oscar nicht bekam, hat er hier wieder eine neue Chance.

Der Film beginnt mit einer Radierung im Stile Gustave Dorés, die sich dann in ein Filmbild verwandelt. Schon hier deutet sich an, daß es Polanski weniger um ein historisch verbürgtes England, soziologische Zusammenhänge oder gar -schudder!- political correctness geht, sondern um den Abenteueraspekt der Anfang des 19. Jahrhunderts zunächst in Serienform veröffentlichten Romane Dickens geht. Polanskis Oliver Twist richtet sich - und das ist ungewöhnlich - an ein junges Publikum, der Regisseur sieht in dem Stoff „vor allem ein Märchen für junge Menschen.“ Er wollte einen Film für seine eigenen Kinder (oder vielleicht eher Kindeskinder?) machen, und so entwickelt sich die Erzählung ganz aus der Sicht des jungen Protagonisten, und auch, wenn das reifere Publikum die Prostituierten oder die leicht antisemitischen Klischees rund um Kingsleys Fagin erkennt, wird so etwas nie direkt ausgesprochen. Doch wie bei den Gebrüdern Grimm (oder Harry Potter) hat Polanskis Film auch seine dunklen Stellen, was insbesondere die langjährigen Fans des Regisseurs - aber auch die Kids, die sowas auch mögen - verzücken wird.

Die Geschichte soll kurz angerissen werden. Der Waisenjunge Oliver (Barney Clark) soll zunächst in einer „christlichen Anstalt“ mit anderen unterernährten Kindern Schiffstaue aufriffeln, ehe er durch Lospech derjenige Knabe ist, der nach dem Mittag einen Nachschlag verlangt - normalerweise Grund genug für eine Auspeitschung. Stattdessen wird Oliver jedoch an den Leichenbestatter Mr. Sowerberry (Michael Heath) „vermietet“, wo aber Noah Claypole (Chris Overton), ein anderer Lehrling mit älteren Rechten, Olivers Mutter beschimpft, woraufhin Oliver deren Ehre verteidigt und für die entstehende Schlägerei mit Stockschlägen bestraft wird - weshalb er sich ins 70 Meilen entfernte London aufmacht, den Fußmarsch aber fast nicht überlebt.

In London angekommen, nimmt sich ein geringfügig älterer Junge namens Dodger (Harry Eden) des halbtoten Olivers an, und stellt ihm dem Hehler Fagin (Ben Kingsley) vor, der in einem verwahrlosten Haus mit vielen - zu ihm aufblickenden - Jungen lebt und ihnen als Bandenführer im Hinter- und Untergrund das A-Z des Taschendiebstahls beibringt. Bei seinem ersten Ausflug wird Oliver aber - unschuldig - von der Polizei gefasst und landet beinahe im Arbeitslager, ehe der feine Pinkel, der um ein Haar für Olivers Haftstrafe verantwortlich wäre, sich des Jungen annimmt - und erstmals erfährt der Junge Gutherzigkeit und menschliche Wärme, insbesondere durch die Haushälterin Mrs. Bedwin (Frances Cuka).

Doch Fagins jähzorniger Kumpane Sykes (Jamie Foreman) schickt seine Geliebte (Leanne Rowe) zur Polizei, um die Adresse des Mr. Brownlow (Edward Hardwicke), bei dem Oliver jetzt wohnt, zu erfahren - und nachdem Oliver gekidnappt wurde, soll er auch noch bei einem Einbruch im Hause seines Wohltäters mithelfen …

Weitaus mitreissender als bei der letzten Dickens-Verfilmung Nicholas Nickleby entwickelt sich das Dilemma des Jungen - und insbesondere das schmutzige London als heimlicher Hauptdarsteller und der brutale Sykes lassen den Zuschauer vergessen, daß dieser Film vom Regisseur explizit für ein junges Publikum geschaffen wurde - es kommt halt doch immer darauf an, wieviel man seinen Nachkommen so zumutet. Da bei Charles Dickens das Happy End aber immer vorprogrammiert ist, wird bei diesem Film kein kindlicher Besucher Schaden erleiden - und für die älteren Begleiter und Kinokartenerwerber ist Oliver Twist sicher die beste Wahl eines weihnachtlichen Familienfilms, der weder die Intelligenz beleidigt noch vor Zuckerguss nur so trieft.