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Die Box




November 2005
Friederike Kapp
für satt.org

Ein ungezähmtes Leben
An Unfinished Life

USA 2005

Filmplakat

Regie:
Lasse Hallström

Buch:
Mark Spragg, Virginia Korus Spragg

Kamera:
Oliver Stapleton

Schnitt:
Andrew Mondshein

Musik:
Deborah Lurie

Darsteller:
Robert Redford (Einar Gilkyson), Morgan Freeman (Mitch Bradley), Jennifer Lopez (Jean Gilkyson), Becca Gardner (Griff Gilkyson), Josh Lucas (Sheriff Crane Curtis), Damian Lewis (Gary Watson), Camryn Manheim (Nina), Linda Boyd (Kitty), Bart II (Bär)

107 Minuten

Kinostart:
24. November 2005

Ein ungezähmtes Leben
An Unfinished Life

Als Jean (Jennifer Lopez) wieder einmal von ihrem Freund (Damian Lewis) verprügelt wird, gibt sie dem Flehen ihrer Tochter (Becca Gardner) nach und verläßt ihn. Um sich zu verstecken, fährt sie zu ihrem in der Abgelegenheit Wyomings lebenden Schwiegervater (Robert Redford), der sie haßt. Widerwillig gewährt er Mutter und Tochter Unterschlupf, bis Jean etwas Geld verdient hat und sich eine andere Bleibe suchen wird. Während Jean am nächsten Tag in einem Lokal als Kellnerin anheuert, bleibt die etwa Zwölfjährige Griff notgedrungen beim unbekannten Großvater auf der Ranch. Nach und nach nähern sich die beiden an, vermittelnd unterstützt von Einars einzigem Mitarbeiter, Mitch (Morgan Freeman), der von einem wildlebenden Bären schwer verletzt wurde und nach einjähriger Rekonvaleszenz immer noch auf fremde Hilfe angewiesen ist.

Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene

Aus Dialogstücken setzt sich ein Bild der Vorgeschichte zusammen: Jean und Einars Sohn Griffin waren verheiratet, bis dieser bei einem Autounfall ums Leben kam. Einar gibt Jean die Schuld am Tod seines Sohnes. Beide Eheleute waren übermüdet, als sich Jean nach Losentscheid hinters Lenkrad setzte. Einar brach noch auf der Beerdigung jeden Kontakt zu seiner Schwiegertochter ab. Doch auch Einar hat Schuld auf sich geladen. Als Mitch von dem Bären angegriffen wurde, war Einar betrunken und deshalb weniger schnell und hilfreich zur Stelle als dies in nüchternem Zustand der Fall gewesen wäre. Der geduldige Mitch läßt Einar jedoch zu keiner Zeit auch nur die Ahnung eines Vorwurfs spüren.

Die unvermutete Rückkehr des Bären in der Nähe der Ranch führt zu einiger Aufregung. Der Bär wird gefangengenommen und einem Privatzoo zugeführt, wo er, seiner majestätischen Würde beraubt, das elende Leben eines Käfigtiers führt. Mitch stellt sich seinem Trauma und erteilt dem Bären Absolution. Einar und die junge Griff, die einander mittlerweile in großväterlicher und enkeltöchterlicher Liebe verbunden sind, beschließen die Befreiung des Bären. Griff soll den Pickup fahren, während Einar den Bären aus seinem Käfig auf die vergitterte Ladefläche lockt. In ihrer Aufregung fährt Griff zu früh los und gefährdet so das Leben ihres Großvaters, der nun ungeschützt dem Bären gegenübersteht. Als die Gefahr vorüber ist, tröstet Einar das aufgelöste Mädchen, das sich Vorwürfe macht. Seine Liebe will schützen, nicht anklagen. Damit vollendet sich die Menschwerdung des Einar Gilkyson, er gewinnt die Fähigkeit zur Vergebung.

Eine Nebenhandlung greift das Thema häusliche Gewalt auf. Sehr überzeugend agiert Damian Lewis, zeigt eine lebensbedrohliche Wut, die Ausdruck von Ohnmacht ist und sich für Liebe hält, wenn der tobsüchtige Gary seiner Partnerin aus nicht nachvollziehbaren Gründen ungebremst die Faust ins Gesicht knallt. Was der Bär für Mitch, ist Gary für Jean – ein Fleisch gewordenes Trauma, dem sie sich stellen muß. Gary spürt sie auf. Einar und der junge Sheriff (Josh Lucas), der Jean den Hof macht, lösen das Problem Exfreund durch nicht-staatliche Repressalien. Zuvor jedoch steht Jean ihrem Peiniger allein im Hinterhof der Kneipe gegenüber.

Der Film ist ein Tränenzieher, ein echter Weepy. Romantische Naturen sollten den Kinosaal nicht ohne Taschentücher betreten. Kinder, die alte Griesgräme zähmen, sind seit den Erfolgen des Little Lord Fauntleroy (1980) eine sichere Bank. Robert Redford macht den Schmerz sichtbar, den der alte Einar in sich verschlossen hat. Becca Gardner als Griff begegnet ihrem Großvater mit scheuer Neugier. Morgan Freeman verströmt die umfassende Menschenliebe eines altersweisen Grundsympathen.

Jennifer Lopez erscheint hingegen wie ein Transplantat aus einem Teenie-Streifen. Weder Drehbuch noch Akteurin weichen einen Fingerbreit vom Pfad stereotyper Darstellung ab. Das beginnt mit dem herzigen Kleidchen und den flotten Stiefelchen, die Jean zur Arbeitssuche aus ihrem dürftigen Marschgepäck zaubert. Das geht weiter mit dem Job als Kellnerin, den sie auf Anhieb findet. Seltsam unglaubwürdig klingen auch die Selbstanklagen, die sie in einer konfrontativen Aussprache mit Einar vorbringt. Bei Einar sieht man, was in ihm vorgeht, bei Jean sieht man nichts. Das Drehbuch scheint sich für die Frau, die als mehrfaches Opfer doch eine gewisse Aufmerksamkeit beanspruchen könnte, nicht so recht zu interessieren. Verlust des Ehemannes durch Tod, Alleinerziehende, prügelnder Partner, biestiger Schwiegervater, und eigene Familie hat sie anscheinend auch keine – da sollte doch etwas zu holen sein. Trotzdem bleibt die Figur der Jean farblos, ihr Schicksal unpersönlich. Bei allem Mangel an Gelegenheiten, die das Drehbuch Jennifer Lopez jedoch gibt (keine Einstellung näher als amerikanisch) – eine Frau mit diesem Schicksal darf ruhig einmal die Stirn in Falten legen.

Auch der Bär tritt in erster Linie als Funktionsträger auf (Trauma, Bedrohung, Herausforderung, Urgewalt, Umgang mit Natur und Schöpfung), besticht jedoch gleichzeitig durch große Natürlichkeit in der Darstellung. Als Symbol etwas plakativ, verfehlt er als pelziges Wildtier nicht seine Wirkung auf den Zuschauer. Zum echten Weepy gehören schließlich Kinder und Tiere. Wer also bereit ist, über das eine oder andere Klischee hinwegzusehen, um sich ganz der emotionalen Betrachtung großer menschlicher Themen hinzugeben, dem sei dieser Film wärmstens empfohlen.