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Die Box




Juni 2005
Thomas Vorwerk
für satt.org

House of Wax
USA 2005

House of Wax (R: Jaume Gillet-Serra)

Regie:
Jaume Gillet-Serra

Buch:
Chad Hayes, Carey W. Hayes

Kamera:
Stephen Windon

Schnitt:
Joel Negron

Musik:
John Ottman

Darsteller:
Elisha Cuthbert (Carly), Chad Michael Murray (Nick), Brian van Holt (Bo), Jared Padalecki (Wade), Paris Hilton (Paige), Jon Abrahams (Dalton), Robert Ri’chard (Blake), Damon Herriman (Roadkill Driver)

Kinostart:
2. Juni 2005

House of Wax

Zufälligerweise habe ich mal vor anderthalb Jahren auf irgendeiner meiner Videokassetten das Original von House of Wax (1953, sinniger dt. Titel: Das Kabinett des Professor Bondi) entdeckt und wusste deshalb, daß es sich abgesehen von diversen 3-D-Spielereien (bis hin zu Can-Can-Tänzerinnen) mehr oder weniger um eine Vorabvariation der typischen Edgar Allan Poe-Verfilmungen von Roger Corman handelt, wobei Vincent Price diesmal nicht seine geliebte Frau lebendig in irgendeiner Wand begräbt, sondern er mithilfe eines patentierten Verfahrens besonders lebensechte Wachsfiguren schafft, deren Geheimnis ganz ähnlich ist. Corman selbst drehte übrigens auch einen mir nicht bekannten Nachfolgefilm namens A Bucket of Blood (1959, dt.: Das Vermächtnis des Professors Bondi).

Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene

Nun war meine Erwartung an das vermeintliche Remake nicht besonders hoch. Nicht nur, weil ich es mir nur schwer vorstellen konnte, daß man diese doch etwas verstaubte Art von Horrorfilmen wiederbeleben könnte, oder weil die Information, daß es sich um das Filmdebüt eines aus Spanien stammenden Werbefilmers handelt, mich nicht eben mit Zuversicht erfüllte (ich sage nur: Marcus Nispel …), sondern auch, weil eine kurze Synopsis des Films sich so gar nicht nach dem Original anhörte, sondern wie ein klassischer Teenie-Slasher-Film, wie er in den letzten Jahren wieder öfter auftritt: "Was als harmloser Wochenendausflug beginnt, entwickelt sich für sechs Freunde zum grausigen Kampf ums nackte Überleben …"

Und in der Tat, hier kommt ein halbes Dutzend gerade mal Volljähriger daher, die irgendwo im amerikanischen Hinterland, auf einer "Abkürzung" fernab jeder Siedlung in einem dunklen Wald zelten, und schon früh mit unheimlichen Begebnissen konfrontiert werden. Daß die Videokamera eines zunächst besonders tumb erscheinenden jungen Mannes in der Nacht für Aufnahmen benutzt wird, die die Blair Witch Project-Ästhetik mit dem Halloween-Killer-Point of View verbindet, ist eines der (eigentlich überflüssigen) Indizien, daß sich unsere Camper-Gruppe wohl bald dezimieren lassen wird.

Doch erstaunlicherweise lässt das erwartete Abschlachten der Nicht-mehr-ganz-Teenies recht lange auf sich warten, zunächst eröffnet sich erstmal das Mysterium des widerlichen Gestanks, der am Tage bei jedem größeren Windzug aus dem Wald über die Campergemeinde wabert. (Schön, wie sich die Bäume dabei bewegen …)

Während die beiden Mädchen allein in den Wald ziehen ("Jaja, genau - folgen wir dem Gestank …"), entdecken die Jungs, daß bei einem der Fahrzeuge der brandneue Keilriemen "gerissen" sein muß. Erst durch das Geschrei der Mädchen werden die Jungs aktiv und entdecken eine riesige Grube voller halbverwester Tiere (irgendwo schaut auch mal eine menschliche Hand heraus), die der typisch degenerierte Hinterwäldler angeblich morgens als Roadkill aufklaubt und hier wenig umweltfreundlich sammelt (ein Wunder, daß sich hier noch keine Geier- und Hyänenkolonie gebildet hat). Die sich somit anbietende Mitfahrgelegenheit in die nächste Siedlung nehmen Carly (Elisha Cuthbert) und ihr Freund Wade (Jared Padalecki) dankbar an, bevor ihnen die Fahrt mit dem nach Tieraas stinkenden Typen mit dem großen Bowiemesser unheimlich wird und sie (unter dessen Protest …) lieber zu Fuß weiter gehen, was den hilfsbereiten Sonderling nicht wenig vergrämt. Unerwarteterweise findet sich hinter einer unterspülten Strasse gleich um die Kurve aber tatsächlich das etwas unterbevölkerte, aber ganz harmlos aussehende Nest "Ambrose" (schöner Ortsname, der an Ambrose Bierce erinnert). Einzig, daß im Kino Whatever happened to Baby Jane? läuft, könnte einen misstrauisch machen. Daß es bei diesem Streifen von 1962 um zwei Schwestern geht (Bette Davis und Joan Crawford), von denen mindestens eine behindert ist und mindestens eine mörderische Energien entwickelt, passt aber wie so vieles zum Sujet des Films …

Den örtlichen Tankwart entdecken die beiden erst nach einigem Suchen in der Kapelle, wo sie eine stattfindende Trauerfeier gleich wieder verlassen, und sich von Bo (Brian van Holt, prädestiniert für die Rolle des Bösewichts) um eine halbe Stunde vertrösten lassen, währendderer sie das "House of Wax" inspizieren, das Wades Neugier erweckt hat und nicht nur von erstaunlich echt aussehenden Wachsfiguren bevölkert ist, sondern tatsächlich komplett aus Wachs besteht, was eine ziemlich geniale Idee der Drehbuchautoren ist. Wade, der generell die Ruhe weg hat, steckt seine Nase eigentlich überall hinein und macht auch seine Scherze auf Kosten der Wachsfiguren, aber Carly wird durch eine am Fenster auftauchende dunkle Gestalt verschreckt, die dann jedoch verschwunden ist … und man macht sich wieder auf zur Tankstelle, um nach dem Keilriemen zu schauen.

Währenddessen war der Rest der Truppe mit dem verbliebenen Auto in Richtung College-Football-Spiel (das ursprüngliche Ziel des Wochenendes) davongefahren, um nach einem Stau wieder zurückzukehren, und vor dem ersten Mordopfer breche ich hier meine Inhaltsangabe ab.

Das Grundgerüst der Geschichte ist relativ durchsichtig, und zu diesem Zeitpunkt war ich mir bereits recht sicher, daß der Film auf einen Endkampf Zwillinge gegen Zwillinge hinauslaufen würde. Carlys Bruder Nick (Chad Michael Murray) zeigt als ehemaliger Knasti nämlich als einziger Gegenwehr gegen nächtens auftauchende Trucks etc., und Elisha Cuthbert ist einfach eher zum Überleben prädestiniert als Paris Hilton. Und zu Beginn des Films gab es noch diesen Prolog aus dem Jahre 1974, der uns zwei sehr unterschiedliche Brüder nicht zeigt, bei denen ich einfach instinktiv von Zwillingen ausging, obwohl später nur von einem (erwarteten) Kind der Wachsfigurenkünstlerin Trudy Sinclair (!) und ihrem Gatten, einem Chirurgen (!) die Rede ist.

Ob ich mit meiner Vermutung richtig lag, verrate ich hier nicht, interessant ist aber, daß die zwei Drehbuchautoren Zwillinge sind, Brian van Holt zwei Zwillingschwestern hat, und Jared Padalecki mal mit den Zwillingen Mary-Kate und Ashley Olson in New York Minute mitspielte …

Nachdem ich persönlich die Exposition des Films für viel zu lange für einen Slasher-Film erachtete, revidierte ich meine Meinung, als ich langsam erkannte, daß House of Wax weitaus mehr als ein typischer Slasher-Film ist, denn jene Elemente, die jahrzehntelang in Horrorfilmen fast nicht verwendet wurden, werden hier mit den wie üblich etwas degenerierten Killern auf der Jagd nach den Kids verwoben, und das Resultat ist eine Mischung, die über beide Grundelemente hinwegwächst.

Auch wenn die typischen Regeln eines Slasher-Films auch hier zur Anwendung kommen ("Wer Sex hat, lebt nicht mehr lange", "In Gefahr immer die Treppe hochlaufen" etc.), sind nicht nur die Killer hier extrem heimtückisch im Gebrauch der wie üblich illustren Ansammlung von spitzen und scharfen Werkzeugen, die immer wieder beweisen, daß Metall härter ist als Fleisch. Nein, diesmal sind sich die Bösen auch nicht zu schade, auch mal von Schußwaffen Gebrauch zu machen - und selbst im herkömmlichen Faustkampf mit Ex-Knacki Nick stellt man sich nicht allzu dumm an.

Filmszene

Paris Hilton (Vielsagende Dialogzeilen: "Habt ihr diesen Keilriemen schon oder wie das heißt?" --- "Ich habe nur meinen Lipgloss gesucht.") findet, daß ihre Sterbeszene die "coolste" ist, doch die Konkurrenz ist auch nicht von schlechten Eltern und ich persönlich finde die jeweils letzten Einstellungen von drei anderen Figuren mindestens genauso kolossal, auch wenn man darüber streiten könnte, wann jetzt der jeweilige Tod eintritt. Wie schon im Film von 1953 endet auch das neue House of Wax, das eigentlich kein wirkliches Remake ist, mit einer Feuersbrunst, bei der die Wachsfiguren ja so schön zerfließen. Doch da diesmal ja das House of Wax wirklich aus Wachs besteht, ist der Showdown diesmal ein Augenschmaus, der über die übliche Verfolgungsjagd weit hinausgeht und das allgegenwärtige Filmthema Wachs (natürlich gibt es auch eine Haarentfernung …) wirklich auf die Spitze treibt. In diesem Showdown sind dann noch einige Storyideen verpackt, die den Film gegen Ende hin wirklich zu einem kleinen Meisterwerk werden lassen - in meinen Augen klar der beste Teenage-Slasher-Film, den ich je gesehen habe - Halloween, John Carpenters Klassiker von 1978, den man auch als Begründer des Genres bezeichnen könnte, mitgezählt.

House of Wax ist ein Film, dem man sogar verzeiht, daß Paris Hilton erst nach einer guten Stunde abtritt (und kurz zuvor erklärt sich auch, warum es so lange dauert), und der trotz meiner Bedenken gegen sein Genre und die überraschende FSK-Freigabe ab 16 (Eltern, seid gewarnt, verglichen hiermit ist Scream kalter Kaffee) zumindest sehr unterhaltsam war. Sogar meine nicht horrorfilmabgehärtete Kinobegleitung, die immerhin etwa 90% des Films mitbekam, war zufrieden, und am nächsten Tag unterhielten wir uns nicht nur ausgiebig über unsere Lieblingsszenen (sofern gesehen und nicht weggeschaut), sondern verglichen auch unsere Alpträume der darauffolgenden Nacht, in denen zwar auch Zombies und "Hänsel und Gretel"-Elemente auftauchten, die aber klar vom House of Wax inspiriert waren …