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Die Box




April 2005
Kathi Hetzinger
für satt.org

The Life and Death of Peter Sellers
USA 2005

The Life and Death of Peter Sellers (R: Stephen Hopkins)

Regie:
Stephen Hopkins

Buch: Christopher Markus, Stephen McFeely

Literaturvorlage:
Roger Lewis

Kamera:
Peter Levy

Schnitt:
John Smith

Musik:
Richard Hartley

Darsteller:
Geoffrey Rush (Peter Sellers), Emily Watson (Anna Sellers), Charlize Theron (Britt Ekland), John Lithgow (Blake Edwards), Miriam Margolyes (Peg Sellers), Peter Vaughan (Bill Sellers), Stephen Fry (Maurice Woodruff), Stanley Tucci (Stanley Kubrick), Sonia Aquino (Sophia Loren), Nigel Havers (David Niven), Henry Goodman (Dennis Selinger), Peter Gevisser (Ted Levy)

122 Min

Kinostart:
28. April 2005

The Life and Death of Peter Sellers

Was The Life and Death of Peter Sellers auf den ersten Blick von vielen der biopics der letzten Zeit unterscheidet, ist, dass wir alle seinen Helden kennen: als Inspektor Clouseau, den Partyschreck, Dr. Strangelove oder Mr. Chance. Wir wissen genau, wie er sich bewegen konnte, wie er mit seiner Stimme gearbeitet hat oder wie er lachte. Geoffrey Rush hat hier nicht nur die bereits schwierige Rolle, Peter Sellers selbst überzeugend darzustellen, er musste auch in dessen unzählige Rollen schlüpfen. Und wenn man ihn in einigen der alten Filmszenen sieht, könnte man stellenweise fast meinen, tatsächlich das Originalmaterial mit Peter Sellers zu sehen, so gelungen ist seine Darstellung.

Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene

Auch die Maske trägt ihren Teil zu der Verwandlung bei, die sich im Laufe des Films immer mehr vollzieht, jedoch niemals vollkommen vergessen lässt, dass wir einen Schauspieler sehen, der in verschiedene Rollen schlüpft. Aber das beabsichtigt der Film auch gar nicht, im Gegenteil.

Der Film setzt 1957 ein, als der 33-jährige Sellers mit der Comedy-Gruppe The Goons zwar schon im Radio erfolgreich war, den Sprung zum Film jedoch noch nicht vollständig geschafft hatte. Hier setzt (im Film) auch die Bedeutung des Verhältnisses zu seiner Mutter ein, die ihn dazu drängt, nicht einfach mit dem zufrieden zu sein, was er hat, sondern nach mehr zu streben und sich zu nehmen, was er will. Also greift Peter zu einem Trick und tut das, was er am besten kann: er gibt sich als eine andere Person aus, um eine Rolle zu bekommen, für die er eigentlich 30 Jahre zu jung ist. Seine Performance ist so überzeugend, dass er den Job bekommt. Er wird innerhalb von kürzester Zeit zu einem Star in England, gewinnt sogar einen British Academy Award (1960, für All Right, Jack). Bis hierher funktioniert die Strategie der Mutter Peg ausgezeichnet; doch dann taucht auf einmal Sophia Loren auf (mit der Sellers zusammen The Millionairess drehte), und Sellers verliert den Kopf. Er ist von seinem Erfolg bei der Loren und dem Rat der Mutter so überzeugt, dass er für die komplett imaginierte Affäre sogar seine Ehe mit der verständnis- und liebevollen Anna (Emily Watson), aus der auch zwei kleine Kinder stammen, aufs Spiel setzt.

1960 war das; 3 Jahre später erschien der erste Pink Panther-Film, mit Clouseau zwar "nur" in einer Nebenrolle, mit der Sellers David Niven jedoch ordentlich die Schau stiehlt. Damit hatte Sellers’ lebenslange Zusammenarbeit mit Regisseur Blake Edwards (John Lithgow) begonnen, die hier als zwar fruchtbare, aber, zumindest für Sellers, letztendlich unbefriedigende dargestellt wird: Sellers verbindet mit Edwards eine Art Hass-Liebe. Eine wichtige Rolle in Sellers’ Beziehung(en) zu "B.E." spielt der "Wahrsager der Stars", Maurice Woodruff (Stephen Fry), den Sellers nach der Trennung von seiner Frau zum ersten Mal aufsucht, um sich von seiner Ziellosigkeit befreien zu lassen. So vom Zufall, bzw. von Hollywood gelenkt (da Woodruff Edwards Studio in die Arme spielt), verliert sich Sellers immer mehr in seiner Karriere. Er entwickelt bald den Wunsch, Being There zu verfilmen, den Roman von Jerzy Kosinski, in dem es um einen Mann geht, der (geistig zurückgeblieben) praktisch ohne eigene Persönlichkeit ist. Sellers fühlt sich von dieser Person zu Beginn außerordentlich angezogen: ihn faszinieren die Möglichkeiten, die sich diesem Mann bieten, trotz oder gerade aufgrund seines Handicaps. Die Identifikation mit einer solchen Figur, die von ihrer Fähigkeit zur Mimesis lebt, wächst mit der Zeit und erlebt einen ersten Höhepunkt während der Dreharbeiten zu Kubricks Dr. Strangelove, in dem Sellers ursprünglich in vier Rollen zu sehen sein sollte. Doch sogar Sellers hat seine Grenzen, wenn darum geht, in eine andere Haut zu schlüpfen, und er bedient sich eines Tricks seines Sohnes, um Kubrick um eine der Rollen zu prellen. 1979, kurz vor Sellers’ Tod, wurde Being There schließlich verwirklicht - und bietet sicherlich eine von Sellers’ faszinierendsten Performances, in der er seiner Arbeit, mit der er selbst selten zufrieden war, mit Hilfe der eigenartigen Persona des Mr. Chance auf den Grund geht und sie vertieft.

Der Film wechselt zwischen Privataufnahmen auf Super 8-Material in schwarz-weiß (fake, aber Sellers’ Originalaufnahmen nachgestellt) und farbigem 35-Meter-Film hin und her, der nach den eher ausgebleichten Farben Englands immer bunter und knalliger wird, wenn Sellers in die USA kommt. Viele Szenen werden so innerhalb des Films in einen filmischen Rahmen gestellt, der einerseits Authentizität vermittelt, aber auch das Gegenteil dessen. An einigen Stellen fügt der Film Brüche ein, indem die Schauspieler aus dem Filmset heraustreten und ihre Figuren analysierend kommentieren, wobei sie meist eine neue Sicht auf die Geschehnisse anbieten - der Witz ist dabei jedoch, dass die Schauspieler in diesen Momenten von einem nicht allzu perfekt maskierten Peter Sellers/Geoffrey Rush gespielt werden. Diese Szenen fügen sich in die Rahmenhandlung des Films ein, in der Sellers die Geschichte seines Lebens auf einem Fernsehbildschirm betrachtet, und sich am Ende seines vollbrachten Werks (in mehrfacher Hinsicht, denn er hat nicht nur die Vorlage geliefert, sämtliche Rollen gespielt, sondern den Film auch selbst inszeniert) in seinen Set-Wohnwagen zurückzieht - die Kamera muss diesmal jedoch draußen bleiben.

Peter Sellers’ Leben, so wie es hier dargestellt wird, rechtfertigt bzw. benötigt solch eine Art der distanzierenden Inszenierung, denn es wird als ein Leben gezeigt, in dem sich Beruf und Privatleben nicht nur überschneiden, sondern praktisch decken. Sellers’ alles umfassende Passion, in fremden Persönlichkeiten zu leben, erwächst aus dem Mangel an einem wahren Bewusstsein seiner selbst, und andersherum. Allerdings macht der Film klar, dass es sich hierbei nur um eine Interpretation handeln kann; was wir sehen, ist eine offensichtliche Mixtur aus öffentlichen und privaten Dokumenten, verfilmten Legenden und reiner Phantasie, wodurch die implizite Frage nach der Möglichkeit der Wahrheitsfindung stets mitschwingt. Die Rahmenhandlung spiegelt die Strategien des Films noch einmal: einerseits wird der Film im Film als Sellers eigene Version seiner Lebensgeschichte vorgeführt, was für Sellers eine Chance zur Selbsterkenntnis mit sich bringt, die die Realität sogar noch überbietet. So gesehen könnte die Türe, die sich am Ende vor der Nase des Zuschauers schließt, als Abschluss im Sinne einer closure gesehen werden, wären da nicht die generelle Widersprüchlichkeit der filmischen Elemente und die offensichtliche Geste Sellers, die stattdessen einen notwendigen Ausschluss (der Öffentlichkeit), ein Versagen dieses Abschlusses nahe legen. So undeutlich Sellers’ Leben dadurch für den Zuschauer letztendlich bleibt, so tritt die eigentliche Hauptattraktion des Films umso stärker in den Vordergrund: die Bewunderung für die Leistungen des Komikers und Schauspielers Peter Sellers, bzw. Geoffrey Rush.