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März 2005
Thomas Vorwerk
für satt.org

Das Meer in mir
Mar Adentro

Spanien 2004

Das Meer in mir (Mar Adentro) (R: Alejandro Amenábar)

Regie:
Alejandro Amenábar

Buch:
Alejandro Amenábar, Mateo Gil

Kamera:
Javier Aguirresarobe

Schnitt:
Alejandro Amenábar

Musik:
Alejandro Amenábar in Zusammenarbeit mit Carlos Núñes

Darsteller:
Javier Bardem (Ramón Sampedro), Belén Rueda (Julia), Lola Dueñas (Rosa), Mabel Rivera (Manuela), Clara Segura (Gené), Celso Bugallo (José), Joan Dalmau (Joaquín), Alberto Jiménez (Germán), Tamar Novas (Javi), Francesc Garrido (Marc), Francisco José Ma Pou (Vater), Alberto Amarilla (Bruder Andrés)

125 Min.

Kinostart:
10. März 2005

Das Meer in mir
Mar Adentro

Schwarze Leinwand, durchzogen von einem Geräusch, das wie ein Mittelding zwischen Meeresrauschen und schwerem (kranken) Atmen klingt.

Filmszene
Filmszene

Fotos: © TOBIS Film

Filmszene
Filmszene

Seit einem verunglückten Flachköpper ist Ramón Sampedro (Javier Bardem) vom Hals ab querschnittsgelähmt – 27 Jahre, in denen er von seinem Bruder, der Schwägerin und seinem während dieser Zeit aufgewachsenen Neffen gepflegt wird. Wie der Titel schon andeutet, spielt das Meer eine große Rolle in Ramóns Leben, auch wenn es ihm lieber ist, es nicht zu sehen, sondern es sich nur vorzustellen. Die Sehnsucht nach dem Meer ist auch eine Sehnsucht nach dem Tod, wie Alejandro Amenábars Film es in einigen sehr kraftvollen Passagen auf den Nenner bringt. Ramón schiebt etwa sein Bett zur Seite, nimmt Anlauf, und hebt aus dem Fenster ab zu einem Flug zwischen den Bergen auf die See hin, der schon durch die überwältigende, von Pathos durchdrungene Musik (ebenfalls von Amenábar) an die Schlußsequenzen von 2001 – A Space Odyssey erinnern kann.

Die Geschichte dieses Films ist die wahre Geschichte eines Mannes, der um seinen Tod kämpft – ungeachtet dessen, dass Ramón mehr Erfolg bei Frauen hat als mancher kerngesunder Knabe, ist sein Leben für ihn nicht mehr lebenswert. Nach der Herausgabe/Veröffentlichung seines sehr persönlichen Gedichtbandes will er es beenden und benötigt dazu Hilfestellung, die aber denjenigen, der ihm bei seinen Plänen unterstützt, schnell mit dem Gesetz in Konflikt bringen könnte. Die Anwältin Julia (Belén Rueda) ist selbst unheilbar krank, und der Film zieht schon früh über einen Match-Cut eine Verbindung zwischen den beiden, die später eine eigentümliche, subtil angedeutete Romanze durchleben. Auf den ersten Blick erscheint das Thema des Films – Sterbehilfe – wenig ertragreich, doch Mar Adentro hat nicht nur seinen Hauptdarsteller in einer filmpreisverdächtigen My Left Foot-Rolle zu bieten, Mar Adentro überschlägt sich auch geradezu an verwandten Themen, die allesamt am Rande durchgespielt werden. Da gibt es den Neffen als Ersatzsohn, die Schwangerschaft einer Freundin und die lebenswillige Anwältin Julia. Amenabár zeigt ganz verschiedene Ansichten des Themas, ganz praktische, aber auch überhöht allegorische, die mitunter ein wenig sauer aufstoßen, doch dem Film gelingt der Balanceakt zwischen politischer Aussage und poetischer Aussagekraft.

In seinem schwungvollen Einsatz filmischer Mittel (Kamerafahrten, Parallel- und andere Montagesequenzen) erinnert Mar Adentro in seinen besten Momenten an die Werke von Pedro Almodóvar, dessen La mala educación in diesem Jahr nicht ins Oscar-Rennen geschickt wurde, was nicht nur in Spanien viele verwunderte und einige vergrätzte. Doch Mar Adentro konnte nicht nur in Spanien für 15 Goyas nominiert werden und 14 davon gewinnen, auch den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film kassierte der Film – so scheint es – mit Leichtigkeit. Und dieser Erfolg gibt dem spanischen Auswahlgremium Recht, das mit seiner Filmauswahl natürlich auch dem US-amerikanischen Geschmack (insbesondere der Academy) entgegenkam.