Anzeige:
Die Box


 

Oktober 2004
Thomas Vorwerk
für satt.org

The Door in the Floor - Die Tür der Versuchung
USA 2004

Filmplakat

Buch
und Regie:
Tod Williams

Lit. Vorlage:
John Irving

Kamera:
Terry Stacey

Schnitt:
Affonso Gonçalves

Musik:
Marcelo Zarvos

Production Design:
Thérèse Deprez

Buchillustrationen "The Door in the Floor": Jeff Bridges

Darsteller:
Jeff Bridges (Theodore Cole), Kim Basinger (Marion Cole), Jon Foster (Eddie O'Hare), Elle Fanning (Ruth Cole), Mimi Rogers (Evelyn Vaughn), Louis Arcella (Eduardo Gomez), Bijou Phillips (Alice), John Rothman (Minty O'Hare), Harvey Loomis (Dr. Loomis), Donna Murphy (Frame Shop Owner)

111 Min.

Kinostart:
21. Oktober 2004

The Door in the Floor
Die Tür der Versuchung


Wiederkehrende Themen in den Romanen von John Irving sind Sex und Tod, oft kombiniert in bizarren Autounfällen. The Door in the Floor beginnt mit der vierjährigen Ruth Cole (Elle Fanning, die kleine Schwester von Dakota Fanning aus Man on Fire), die einen Stuhl durch den Flur zieht, auf ihn klettert und eines der vielen gerahmten Photos betrachtet, das ihre verstorbenen Brüder Thomas und Timothy zeigt, wie wir sehr bald aus ihrem Gespräch mit ihrem Vater Ted (Jeff Bridges) erfahren. Dann sehen wir recht unvermittelt für längere Zeit die Großaufnahme eines Armaturenbretts, bei dem der blinkende grüne Pfeil des Fahrtrichtungsanzeigers sich auch akustisch in den Vordergrund drängt. Ein Gegenschnitt offenbart dies als eine Point of View-Aufnahme, doch die etwas weggetreten erscheinende Marion Cole (Kim Basinger), die dieses Bild nur vor ihrem "geistigen Auge" hat, befindet sich draußen, auf einem Liegestuhl, ihr gegenüber wieder Ruthie, die wir bzw. Marion aber nicht hören kann.

Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene

Selten gelingt es einem Film, mit so wenigen Bildern so viel zu erzählen, wir wissen bereits um den traumatischen Unfall, der wohl zum Tod der Söhne führte (auch wenn die Schuldfrage erst ganz am Schluss geklärt wird), wir ahnen, daß die Bildergalerie im Flur für Ruthie eine große Bedeutung hat.

John Irvings vorletzter Roman A Widow for one Year erzählt die ganze Geschichte der Schriftstellerin Ruth Cole, in The Door in the Floor wurde nur das erste Drittel des Romans adaptiert, Ruthie bleibt ein Kind, wer wissen will, wie's weiter geht, wird sich höchstwahrscheinlich das Buch besorgen, ein für Film wie Buch ergötzlicher Deal, der aber auch dadurch zustande kam, daß Irving-Romane meist dick genug sind, um damit kleine Nager zu erschlagen, und bei einer Komplett-Verfilmung bleiben so viele Nuancen (und in Ruthies Fall das Vergehen der Zeit) auf der Strecke.

Irving, zuletzt oscargekrönt für sein Drehbuch zu The Cider House Rules / Gottes Werk und Teufels Beitrag, war von dieser Idee des Drehbuchautors und Regisseurs Tod Williams sehr angetan, und nachdem er dessen ersten Film, den "sehr irvingesken" The Adventures of Sebastian Cole gesehen hatte, unterstützte er den Film und seinen Drehbuchautoren stark, was sicher auch ein wenig zum Gelingen dieses vorzüglichen Streifens beigetragen hat.

Die Ehe von Ted und Marion ist durch den Tod der Söhne sehr in Mitleidenschaft gezogen worden, und auch das neue Haus auf den Hamptons, dem östlichen Teil von Long Island, oder die Geburt eines neuen Kindes konnten daran nicht viel ändern. Ted, ein erfolgreicher Kinderbuchautor, besorgt sich eines Sommers den Assistenten Eddie (Jon Foster), der dem verstorbenen Sohn Thomas erstaunlich ähnlich sieht, und der schüchterne junge Mann verliebt sich auch augenblicklich in Marion, wodurch der erste Teil von Teds Plan im Kampf um das Sorgerecht für Ruthie fast besser als geplant läuft.

Bei einer zeitweisen Trennung kümmern sich die Elternteile abwechselnd um Ruthie, und wenn diese sich in der Obhut von Marion in den Finger schneidet oder mitansieht, wie ihre Mutter Sex mit dem sehr viel jüngeren Eddie hat, reibt sich Ted natürlich schon die Hände. Doch dies ist nur eine Facette der vielschichtigen Story, bei der der schriftstellerische Prozess und das titelgebende Kinderbuch mindestens ebenso wichtig sind. "These are the tools of a writer: Pain, betrayal, even death, these are like a painter's palette."

Ted, der seine Kinderbücher auch illustriert (mit echter Tintenfisch-Tinte!), steckt momentan in einer Schaffenskrise, die er immer dazu benutzt, seine Fähigkeiten als Maler zu verbessern. Für einen Maler sind Landschaften und Akte die beste Art, für sein Handwerk zu lernen. Da Long Island so flach ist, spezialisiert sich Ted auf Akte … Während er Eddie erzählt, er diskutiere mit Mrs. Vaughn (Mimi Rogers) über einige Skizzen, kommt er im Arbeitszimmer gleich zur Sache: "Take off your dress" …

Wenn gegen Ende des Films die vielen Elemente der Geschichte voller Energie aufeinandertreffen, sich die vaginale Bedeutung der "Door in the Floor" in einer von Teds anatomischen Skizzen mitten auf der Windschutzscheibe materialisiert oder Mrs. Vaughn versucht, Ted zu überfahren, sind wir wieder mitten im Irvingschen Universum der bizarren Autounfälle, und durch die hervorragenden Leistungen von Regie und Darstellern (allen voran Jeff Bridges, aber selbst die kleine Elle Fanning ist kolossal in ihrer lakonischen Art - und Donna Murphy hat einen amüsanten Kurzauftritt) ist The Door in the Floor ein Film, der ganz sicher dazu führen wird, daß Irving einige zusätzliche Bücher verkaufen wird. Und ausnahmsweise würde ich sagen: zu recht!