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Die Box


 

September 2004
Hauke Lehmann
für satt.org

Marseille
D 2004

Filmplakat

Regie:
Angela Schanelec

Buch:
Angela Schanelec

Kamera:
Reinhold Vorschneider

Schnitt:
Bettina Böhler

Darsteller:
Maren Eggert (Sophie), Emily Atef (Zelda), Alexis Loret (Pierre), Eva Lageder, Elisabeth Beyer, Mathias Baudez, Jérôme Leleu, Benjamin Granier (Pierres Freunde), Sophie Aigner (McDonald’s Mitarbeiterin), Alexander Simon (Sophies Nachbar), Marie-Lou Sellem (Hannah), Louis Schanelec (Anton)

95 Min.

Kinostart:
23. September 2004

Marseille

Wie man nicht gesehen wird
- von der Flucht aus einem fremdgewordenen Leben


Einer der großen Monty Python-Klassiker And Now for Something Completely Different (dt: Monty Pythons wunderbare Welt der Schwerkraft) beginnt mit der Anleitung "how not to be seen". Dieses Anliegen verfolgt Sophie, die Protagonistin in Marseille, in ganz ernsthafter Weise. Aus einem zweiwöchigen Urlaub in der Mittelmeerstadt entwickelt sich durch die Erfahrung des Fremden der Versuch eines radikalen Neubeginns; wenn Sophie am Ende, völlig aufgegangen in der Menschenmenge, verloren an den Strand und das Meer, ohne Identität und ohne Vergangenheit dem Auge des Zuschauers entschwindet, ist sie, vielleicht ohne es zu wissen, am Ziel ihrer Sehnsüchte angelangt.

Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene

Es ist eine letztlich simple Geschichte, die sich da langsam ausbreitet, doch voller kleiner Brüche, verpaßter Anschlüsse und Mißverständnisse. Am Anfang steht die Idee eines Wohnungstauschs. Sophie (Maren Eggert), eine junge Fotografin, reagiert auf die Anzeige Zeldas (Emily Altef), die ihr in Marseille die Wohnung zeigt und auf Nimmerwiedersehen verschwindet – wie sich später herausstellt, kommt sie nie in Sophies Wohnung an, der Film vergißt sie gleich nach ihrem Auftreten. Wir begleiten Sophie auf ihren ersten Schritten durch die geschäftige Stadt. Immer wieder fahren Autos durch das Bild und trennen uns vom Objekt unserer Neugier, der Verkehrslärm ist im Hintergrund allgegenwärtig. Marseille macht einen spröden Eindruck (ebenso wie Sophie selbst), läßt den Betrachter nicht völlig eindringen. Die von der tiefstehenden Spätwintersonne beschienenen Straßen sind in graublau getaucht; das Ergebnis ist eine Art Morgenstimmung, die den ganzen Tag über anhält, man erahnt beständig den Frühnebel. Auf dieses leicht somnambule Treiben läßt Sophie sich langsam ein, auf ihren Streifzügen entgleitet sie immer wieder der sie permanent verfolgenden und wieder einholenden Kamera: mal läuft sie einfach aus dem Bild, mal steigt sie in einen Bus, mal überquert sie hoch oben eine Brücke. Ihr Blick auf die fremde Stadt manifestiert sich in ihren Fotos; mit deren Hilfe gewinnt sie Eindrücke, hält das fest, was ihr andernfalls entglitte. Nach einigen Tagen nimmt sie Kontakt zu einem Automechaniker (Alexis Loret) auf und verbringt mit ihm einen Abend in einer Bar. Die Beziehung bleibt in einer unbestimmt schwebenden Distanz. Alles scheint möglich, solange nicht wirklich etwas passiert.

Nach einer knappen Stunde wechselt der Film völlig unvermittelt den Ort des Geschehens, Sophie ist wieder zu Hause in Berlin. Man erschrickt beinahe über den Klang der deutschen Sprache, nachdem man sich im sanften französischen Singsang fast verloren hatte. Die Lage der Beziehungen in Sophies heimatlicher Umgebung ist durch Strindbergs Totentanz markiert, den ihre beste Freundin Hanna (Marie-Lou Sellem) gerade auf dem Theater probt: alles ist festgefahren, man kennt sich so gut, daß man sich kaum mehr ertragen kann. Hier spielt sich das Leben in bedrückend engen Innenräumen ab, es gibt kein Entrinnen. Genau dieses Entrinnen verspricht ihr die ferne Stadt, die sie in ihren Fotos festgehalten hat (bezeichnenderweise ist Sophies französische Gastwohnung beinahe leer, gibt somit eine ideale Projektionsfläche ab). So kommt es, daß Sophie schon bald zurückkehrt. In Marseille geht dann alles ganz schnell: sie wird überfallen, verliert ihre Tasche und ihre Kleider und findet sich endlich im Schein der untergehenden Sonne am Mittelmeer, das zuvor lediglich kurz am Horizont aufblitzte.

Dieser Film ist angenehm unaufdringlich. Es scheint fast so, er verhalte sich wie seine Protagonistin, tendiere also beinahe dazu, sich dem Zuschauer zu entziehen. Er tut dies aber nicht in einer heropischen kulturkritischen Geste, vielmehr ganz selbstverständlich auf seiner Integrität beharrend. Das Innenleben seiner Figuren schützt er sorgfältig, überläßt vieles der Interpretation. Den Vorwurf der Gleichgültigkeit entkräftet das bald schon poetische, berückend schöne Ende mit Leichtigkeit. Den romantisierenden Blick auf das Fremde, den eine deutsche Regisseurin einer französischen Stadt offenbar zwangsläufig entgegenbringt, verzeiht man dem Film gern. In gewisser Weise findet sich hier ein kleiner, unpathetischer Gegenentwurf zur Kulturschock-Erfahrung eines Lost In Translation.